apache (robert aldrich, usa 1954)

Veröffentlicht: April 2, 2013 in Film
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Den Auftakt zu meiner Aldrich-Retro bildet APACHE, nach diversen Fernsehengagements, BIG LEAGUER von 1953 und dem “inkognito” inszenierten WORLD FOR RANSOM der dritte Spielfilm des Regisseurs. Er führte ihn zum ersten Mal mit dem späteren Superstar Burt Lancaster zusammen, der hier wie Aldrich selbst noch am Anfang seiner Karriere stand und ihm wenig später erneut bei VERA CRUZ begegnen sollte.

Lancaster ist Massai, tapferes Mitglied des Stammes der Apachen, die nach der Kapitulation ihres Häuptlings Geronimo einer traurigen Zukunft entgegensehen: Kriegstaugliche und damit potenziell gefährliche Männer werden nach Florida umgesiedelt, sofern sie nicht bereit sind, der Armee beizutreten – wie etwa der verräterische Hondo (Charles Bronson als “Charles Buchinsky” in einer seiner typischen frühen Indianerrollen) in der zum Reservat umgewandelt Heimat bleiben nur Alte, Kinder und Frauen zurück, die nach und nach dem Feuerwasser verfallen. Massai, der sich mit dem Schicksal, das man dem einst so stolzen Kriegerstamm zugedacht hat, nicht abfinden will, gelingt es, vom Zug nach Florida abzuspringen und zu entkommen. Auf seinem beschwerlichen Weg zurück in die Heimat begegnet er einem Cherokee-Indianer, der ein neues, selbstbestimmtes und freies Leben als Maisfarmer begonnen hat. Warum sollte es für die Apachen nicht möglich sein, ebenfalls umzudenken und Farmer zu werden? Die Soldaten, die für die Überwachung der Indianer zuständig sind, glauben indes nicht daran, dass die Apachen zu diesem Wandel in der Lage sind: In Massai sehen sie lediglich eine aufmüpfige, unverbesserliche, blutdurstige Rothaut. Auch der zweite Versuch, ihn in Gewahrsam zu nehmen, misslingt jedoch. Gemeinsam mit der schönen Indianerin Nalinle (Jean Peters) flieht Massai erneut – und macht sich mit ihr auf die Suche nach dem Ort, an dem er sich als Farmer niederlassen und ein neues Leben beginnen kann …

Als Frühwerk Aldrichs ist APACHE nicht zuletzt im Vergleich mit dem rund 20 Jahre später entstandenen ULZANA’S RAID interessant. Dieser Vergleich zeigt deutlich, wie sich der US-amerikanische Blick auf die Ureinwohner, den Umgang mit ihnen und damit auch auf die eigene Rolle in der Welt verändert hat. Der Zorn, die Abscheu vor jedweder Gewalt, egal ob sie nun vom US-Militär oder den Indianern ausgeübt wurde, sowie die krasse Desillusionierung hinsichtlich des Menschen im Allegmeinen, die den späteren Film auszeichnen (und ihn meiner Meinung nach zu einem der radikalsten und ernüchterndsten Antikriegsfilme überhaupt machen), sind in APACHE noch weit entfernt. Kritisch ist auch er: Es bleibt kein Zweifel daran, welch verheerenden Folgen es für die Indianer hatte, sie aus ihrem gewohnten Lebensumfeld herauszureißen, dass es unwürdig war, sie in Reservationen einzupferchen, wo ihnen jedes halbwegs normale Leben verwehrt bleiben musste. Doch insgesamt ist APACHE wesentlich versöhnlicher, noch stärker dem idealistisch-utopischen Blick des Westerngenres und einem Bild des Indianers als noble savage verpflichtet. Er ist weniger konkret, trägt fast allegorische Züge. Man könnte auch sagen, er sei hoffnungslos sentimental: Die finale Auseinandersetzung zwischen Massai und den Soldaten der Regierung im gegen jede Wahrscheinlichkeit vom Apachen angebauten Maisfeld wird vom Geschrei seines neugeborenen Kindes unterbrochen. Als Massai seine Waffen fallenlässt und sich den Lauten des Babys folgend in seine Behausung zurückzieht, bleibt den Soldaten nur, ihren Irrtum zu erkennen und zu resümieren, dass auch ein Apache in der Lage ist, gegen seine vermeintliche Bestimmung als Krieger zu handeln und in friedlicher Koexistenz mit seinen Unterdrückern zu leben. Es bleibt ein fader Nachgeschmack, denn die Indianer sind die eindeutigen Verlierer dieser Versöhnung. Es bleibt ihnen keine andere Wahl, als den neuen Status quo anzuerkennen, sich von ihrer Tradition zu lösen und eine neues, anderes Leben zu führen. Der stolze Krieger Massai sieht einem beschaulichen Leben als Maisfarmer entgegen.

Es ist durchaus denkbar, dass Aldrich sich über diesen Makel im Klaren war. Wo andere Western in üppigem Breitwandformat daherkommen, die unendliche Weite der majestätischen Landschaft in überwältigende Bild setzen, erzählt Aldrich seine Geschichte von der Domestizierung des Wilden im engen Vollbild – einem adäquaten Format, um den Verlust der Freiheit eines Naturvolkes zu illustrieren. Massai, dessen Vorfahren sich einst völlig frei auf „ihrem“ Land bewegen konnten, mag sich seinen Verfolgern immer wieder durch sein Geschick entziehen, auf lange Sicht kann er den Lauf der Geschichte nicht aufhalten. Er ist bereits in Ketten geschlagen, auch wenn er noch glaubt, sein eigener Herr zu sein. (Dass Aldrich dieses In-Ketten-Legen auch in einer Verschiebung der Geschlechterrollen spiegelt – Massai muss gegen seine Gewohnheit eine starke Frau an seiner Seite akzeptieren – mag Beleg dafür sein, dass er seiner Geschichte einen universelleren Anstrich geben wollte. So gesehen handelt APACHE vom Einbruch der Moderne generell – klassischer Spätwesternstoff also, einige Jahre vor seiner Zeit.) Die Episode zu Beginn, als Massai, eben erst geflohen, als Fremder durch die Straßen einer Stadt läuft, den Wohlstand der Weißen mit ungläubigen, staunenden, aber auch ängstlichen Augen betrachtet, um dann nach seiner Enttarnung als Indianer von einem tobenden Mob gejagt zu werden, macht mehr als deutlich, dass er in dieser Gesellschaft niemals einen Platz wird finden können. Das Maisfeld ist das Zeichen eines lauen Kompromisses, der für ihn gleichbedeutend mit seiner Unterwerfung ist: Angebaut hat er es, um den Weißen seine Kapitulation zu signalisieren, sich sein Recht zu leben zu erkaufen. Man darf bezweifeln, dass sie die von ihm angebauten Früchte jemals verzehren werden.

Kommentare
  1. Aldrich wollte Massai sterben lassen. Das ursprüngliche Drehbuch sah vor, dass die Soldaten am Schluss, wenn er auf die Hütte zugeht, ihm grundlos in den Rücken schießen. Aber kurz vor Drehschluss verlangten Coproduzent Harold Hecht und United Artists, dass zwei verschiedene Schlüsse gedreht werden. Lancaster, der auch Coproduzent war, war zunächst auf Aldrichs Seite, aber dann schwenkte er um. Aldrich: „Ich weiß nicht, wie das in anderen Ländern ist, aber wenn man hier jemandem nahelegt, zwei Schlüsse zu drehen, dann weiß man, dass der genommen wird, den man nicht will. […] Nachdem Burt seine Meinung geändert hatte, war es schon gleichgültig, ob ich mich weigern würde, denn am nächsten Tag hätten sie einen gehabt, der sich nicht geweigert hätte. Die Sache ging verloren, weil ein 500-Dollar-pro-Woche-Regisseur sich niemals gegen Hecht-Lancaster und United Artists durchsetzen kann. Es war ein böser Kompromiss.“ (Zitiert nach Joe Hembus‘ Westernlexikon.)

    So bleibt Anthony Manns grimmiger DEVIL’S DOORWAY von 1950 der deutlich konsequentere Film.

  2. Oliver sagt:

    Danke für die Information.

    Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es wirklich das bessere Ende gewesen wäre, wenn Massai am Ende gestorben wäre. Es wäre sicherlich konsequenter, wahrscheinlich auch realistischer gewesen. Aber eigentlich mag ich dieses Happy End, das keines ist.

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