jess franco ist tot

Veröffentlicht: April 2, 2013 in Film, Zum Lesen
Schlagwörter:

Jess Franco, Großmeister der europäischen Exploitation, Mann der 1.000 Pseudonyme und Vater von rund 200 Filmen (wenn man der IMDb Glauben schenken mag), ist heute in einem Krankenhaus in Malaga 82-jährig an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben, den er in der vergangenen Woche erlitten hatte. Sicherlich kein Ereignis, das gänzlich unerwartet kommt, aber eines, das traurig macht: Mit Franco gehen auch fast 60 lebhafte Jahre europäischer Bahnhofskino-Geschichte, Wiedergeburt leider nicht in Sicht.

Auch als sich die Filmlandschaft in den letzten drei Jahrzehnten massiv veränderte, den Filmen Francos ihre natürliche Umgebung mit dem unaufhaltsamen Siegeszug der Multiplexe nach und nach entzogen wurde, ließ er sich nicht beirren und kurbelte weiter, so gut es ging. Und auch wenn er längst nicht mehr die Zuschauermassen erreichte, die seine Filme noch zu seinen Hochzeiten in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit ihrer bunten Mischung aus Sex und Crime mobilisiert hatten, blieb sein Status als europäischer Trashgott (oder, wie SPOn es ausdrückt, „Schmuddelgott“) nicht nur ungebrochen, Franco schien tatsächlich mit jedem weiteren Jahr und jeder weiteren DVD-Ausgrabung eines seiner unzähligen Filme noch größer zu werden.

Mein Verhältnis zu Franco ist kein wahnsinnig intimes – das wäre gelogen. Aber über die Jahre wuchs die Zahl der Filme, die ich von ihm gesehen und zu schätzen gelernt habe, stetig weiter an. Und irgendwann musste ich mir eingestehen, dass er mich mit seinem oft haarsträubend unzulänglichen Werk, der darin oft zum Vorschein kommenden ansteckenden Mischung aus Enthusiasmus und Schlampigkeit, den dann wieder  ganz unerwartet und plötzlich hervorlugenden Momenten größter Brillanz und Poesie völlig in seinen Bann gezogen hatte. Zunächst war er mir nur als Name hinter einer großen Zahl von Filmen bekannt, die in pseudoseriösen Publikationen wie dem „Lexikon des Horror-Films“ von Hahn/Jansen stets in Bausch und Bogen verrissen wurden. Ich war geneigt, diesen Kritikerstimmen zu glauben, aber der Keim des Interesses war dennoch gelegt. Und irgendwann bemerkte ich dann zu meinem Erstaunen, dass es wirklich Leute gab, die die Ansicht, es handle sich bei Franco um einen der schlechtesten Regisseure der Filmgeschichte, nicht nur nicht teilten, sondern seine Filme wirklich für kleine Kunstwerke hielten. Eine kleine Retro beim Fantasy-Filmfest in den späten Neunzigerjahren – als dieses die Bezeichnung „Festival“ noch verdiente und sich den Luxus erlaubte, eine Retro ins Programm zu nehmen – diente mir als Einführung und keineswegs als Abschreckung. Über die Jahre sah ich eher zufällig mehr und mehr seiner Filme. Und je mehr Filme ich sah, umso interessanter wurde jeder einzelne von ihnen. Es gibt unzählige Filmemacher, die talentierter waren als Franco, bessere, größere, klügere (und vor allem teurere) Filme inszenierten: Aber nur den wenigsten würde ich zubilligen, dass sie mit ihrem Werk einen eigenen Kosmos abgezirkelt hatten. Franco gehört zu diesen Filmemachern: Hinter seinem vordergründig disparaten Werk verbirgt sich ein Universum, das unverkennbar Franco ist. Und wenn man einmal in dieses Universum eingetaucht ist, dann kann man sich darin hoffnungslos verlieren. Nun hat es auch ihn unwiederbringlich geschluckt. Wie gut, dass sein riesiges Oeuvre mehr als genug Film für ein Zuschauerleben bereithält.

Vaya con dios, Jesús!

(Einen kleinen Einblick in mein Leben mit Jess erhält man unter diesem Link, der alle Texte vereint, die ich in den letzten Jahren über seine Filme geschrieben habe.)

Kommentare
  1. maniact666 sagt:

    Schlechte news 😦

  2. […] jess franco ist tot – remember it for later […]

  3. […] Links, hier noch zwei weitere Beileidsbekundungen. Oliver Nöding von Remember it for later hat ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht, was Jess Franco und sein Ruf in der deutschsprachigen Filmliteratur der 80er und […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.