kiss me deadly (robert aldrich, usa 1955)

Veröffentlicht: April 10, 2013 in Film
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Mann, die Zeit rast: Es ist jetzt auch schon wieder über drei Jahre her, dass ich KISS ME DEADLY zum ersten Mal gesehen habe. Und bei dieser erneuten Sichtung im Rahmen meiner Aldrich-Werkschau war irgendwie der Wurm drin: Ich habe drei Anläufe gebraucht, den Film zu Ende zu schauen, weil ich nach anstrengenden Arbeitstagen und der anschließenden Betreuung einer mitten in der Renitenzphase befindlichen Tochter (die 20 Uhr nicht für eine angemessene Zeit hält, um ins Bett zu gehen) meist vorzeitig vor dem Fernseher eingeschlafen bin. Gestern hat es endlich geklappt und ich hoffe, dass es mit meiner Aldrich-Retrospektive jetzt weitergehen kann.

Große neue Erkenntnisse hat diese zweite Sichtung von Aldrichs spätem Noir-Klassiker nicht gebracht, vielmehr wurden meine damaligen Eindrücke noch einmal bekräftigt: Aldrich radikalisiert in KISS ME DEADLY die stilistischen Elemente und Motive des Noirs und holt dessen verborgenen existenzialistischen Subtext so an die Oberfläche, verzerrt ihn zur grimmigen Kritik am American Way of Life der Fünfzigerjahre. Während der Film Noir seine Auseinandersetzung mit Themen wie der Absurdität des menschlichen Daseins, der Einsamkeit und Hilflosigkeit des Individuums, der Willkür des Schicksals und der Endlichkeit des Lebens in der Regel hinter einer Krimifassade verbirgt, reißt Aldrich sie mit KISS ME DEADLY brutal nieder. Am deutlichsten wird das in der phänomenalen, paranoid-fiebrigen Anfangssequenz und im berühmten, apokalyptischen Finale, die ich in meinem damaligen Eintrag schon hervorhob, sowie in der phänomenalen Fotografie, die die düsteren Treppenhäuser und Straßenzüge, in denen sich Hammer bei seinen Ermittlungen herumtreibt, zu unheilvollen Jenseitsorten verzeichnet, an denen M. C. Escher seine helle Freude (gehabt) haben dürfte. Hier überschreitet Aldrich die Grenze zum Horrorfilm deutlich. Seine kraftvollen Todesbilder wirken noch umso stärker und verstörender, als sie in einen Film eingebunden sind, von dessen Genre man subtile Andeutungen, aber keine handfesten Grausamkeiten gewohnt ist. Das Folterszenario zu Beginn verlegt den Ursprung des „Torture Porns“ auf das Jahr 1955, das Bild der brennenden Schurkin im Finale ist handfester Splatter. KISS ME DEADLY ist nicht frei von Humor: Nur fungiert der hier keinesfalls zur Auflockerung, also als „Relief“, sondern verstärkt den Eindruck einer in den Wahnsinn taumelnden Welt. (Bestes Beispiel dafür ist der Automechaniker Nick, der sich vor lauter PS-Besessenheit kaum noch normal artikulieren kann und sich überwiegend in comicartiger Lautmalerei äußert. Sein Fetischismus spiegelt sich in den modernen Gadgets, die Hammers Büro – im Gegensatz zur literarischen Vorlage – füllen.) KISS ME DEADLY stammt sichtbar aus einer Zeit größter politischer und kultureller Umwälzungen. Die üblicherweise im damals reüssierenden Science-Fiction- und Monsterfilm thematisierte Angst vor der nuklearen Katastrophe greift auf den Kriminalfilm über, das US-amerikanische Selbstbewusstsein erfährt in Vertretung des Vorzeige-Chauvis Mike Hammer einen herben Schlag, die Angst vor der Übernahme durch den Kommunismus (die bei Spillane immer mitschwang) wird als faschistoide Wahnvorstellung entblößt.

Diese Demontage vor allem von Spillanes Helden zelebriert Aldrich geradezu genussvoll. Hammer ist keineswegs der souveräne Mannmann, als der er sich selbst sieht oder als den ihn der Zuschauer kennt (schon, dass er sein Geld in Aldrichs Film in erster Linie damit verdient, Ehebruchsfälle zu behandeln – und zu seinem Vorteil zu manipulieren –, weist ihn als wenig ehrenvollen Herren aus). Sein gefährliches Vigilantentum, mit dem er wie ein von Gott beauftragter Vollstrecker alles Antiamerikanische eliminiert – Spillanes vielleicht berühmtester Hammer-Roman heißt „I, the Jury“ – wird von Aldrich und Drehbuchautor Bezzerides gnadenlos bloßgestellt. Die niederschmetternde Charakterisierung, die das spätere Opfer Christina (Cloris Leachman) ihm nach nur wenigen Minuten angedeihen lässt, erweist sich als prophetisch: Hammer erreicht nichts in diesem Film. Seine Triumphe lassen sich im Nachhinein dem reinen Glück oder Zufall zuschreiben und sein Weiterkommen wird durch einen als deus ex machina fungierenden Informanten begünstigt, der stets im richtigen Moment anruft, um einen Hinweis zu geben. Das Leben seiner Sekretärin, Assistentin und Geliebten Velda (Maxine Cooper) riskiert er fahrlässig, als er sich in einer Bar volllaufen lässt und das Bewusstsein verliert. Seine Selbstherrlichkeit, seine Selbstüberschätzung und seine Einmischerei wirft ihm auch der Polizist Pat Murphy (Wesley Addy) mehrfach vor, doch erst zum Schluss bemerkt der Zuschauer, dass dies nicht dem Neid des spießigen Beamten gegenüber dem selbstbestimmten Private Eye geschuldet ist, sondern eine sehr treffende Einschätzung: Hammer versteigt sich in eine Geschichte, die für ihn mehr als nur eine Nummer zu groß ist. Zerstört er am Ende vielleicht sogar die Welt, wie wir sie kennen? Was von ihm bleibt, sind seine Amoralität und sein Sadismus: Unvergesslich sein vertiertes Grinsen, als er die Hand eines alten Mannes in einer Schreibtischschublade einklemmt, um eine Antwort aus ihm herauszupressen. Was für eine Ironie, dass die beste Hammer-Adaption mit einem Film gelang, der der Ideologie Spillanes diametral entgegenstand.

Einen schönen Essay von J. Hoberman findet man auf der Seite von Criterion, eine sehr ausführliche formale Analyse hier.

 

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