ten seconds to hell (robert aldrich, großbritannien/usa 1959)

Veröffentlicht: April 16, 2013 in Film
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Der im vorangegangenen Text zu THE GARMENT JUNGLE erwähnte Streit mit Harry Cohn, der dazu führte, dass Aldrich als Regisseur entlassen und durch Vincent Sherman ersetzt wurde, bedeutete eine Zäsur in Aldrichs Karriere: War er zuvor mit zwei Filmen pro Jahr überaus produktiv gewesen, dauerte es nun ganze zwei Jahre, bis er mit TEN SECONDS TO HELL seine nächste Regiearbeit vorlegte, für die er zum ersten Mal auch offiziell als Drehbuchautor verantwortlich zeichnete. Gedreht wurde der Film in Berlin und als Produzent fungierte Michael Carreras, der zu jener Zeit die Geschicke der florierenden britischen Hammer Studios lenkte. Die Zuschreibung des Produktionslandes gestaltet sich dann auch als schwierig: Die IMDb weist den Film als Koproduktion zwischen Großbritannien und den USA aus, die OFDb als amerikanische und Wikipedia wiederum als deutsch-britische Produktion. Die Versionen der OFDb und der Wikipedia sind mit Sicherheit auszuschließen – sowohl die britischen Hammer Studios als auch die US-amerikanischen Produktionsfirmen Seven Arts und United Artists waren definitiv beteiligt –, denkbar ist aber, dass die deutsche UFA eine tragende Rolle in der Finanzierung spielte: Immerhin stellte sie ihre Studios für die Dreharbeiten zur Verfügung. Wie dem auch sei: TEN SECONDS TO HELL ist keiner der ganz großen Filme in Aldrichs Werk, aber eben unverkennbar Aldrich. Es spricht einiges dafür, den Film als „Re-Imagining“ seines großen Klassikers VERA CRUZ zu betrachten, dem er in wesentlichen Aspekten ähnelt.

Die deutschen Soldaten Erik Koertner (Jack Palance), Karl Wirtz (Jeff Chandler), Franz Löffler (Robert Cornthwaite), Peter Thiele (Dave Willock), Wolfgang Schultz (Wesley Addy) und Hans Köpcke (James Goodwin) – die Rollennamen weichen in der Originalfassung von der deutschen Synchronversion,  die mir vorlag, ab – kehren als Bomben-Räumkommando ins zerstörte Berlin zurück und finden dort schnell eine Anstellung bei guter Bezahlung für die lebensgefährliche Arbeit. Im Gespräch gestehen die beiden Freunde/Rivalen Koertner und Wirtz, dass sie eine makabre Wette abgeschlossen haben: Sie zahlen ihre Gewinne auf ein Konto ein, dessen Inhalt dem ausgezahlt wird, der den anderen überlebt. Weil es in den beschwerlichen Nachkriegsjahren nur wenig Hoffnung gibt, ans große Geld zu kommen, und die Männer wissen, dass einige von ihnen in Ausübung ihres Berufs sterben werden, klinken sie sich in die Wette der beiden ein. Nach drei Monaten soll das Gesparte unter den Überlebenden aufgeteilt werden. Als mit einem unbekannten Zünder ausgestattete britische Bomben die Kameraden dezimieren, entpuppt sich Wirtz immer mehr als rücksichtsloser Egoist …

Das von Bürgerkriegsunruhen zerrissene Mexiko aus VERA CRUZ weicht in TEN SECONDS TO HELL in einem Schwebezustand zwischen Depression und Neuanfang befindlichen, in Trümmern liegenden Berlin; der Veteran Ben Trane dem nach Jahren des Tumults müde gewordenen, reuigen Koertner, der tollkühne, zynische Materialist Joe Erin dem egomanischen Wirtz. Statt eines Goldschatzes geht es nun um den Inhalt eines Kontos, auf das die Männer einen Anteil ihres monatlichen Gehalts einzahlen, und die Rolle der mexikanischen Freiheitskämpferin Nina, die Trane auf den rechten Pfad zurückführt, fällt hier der französischen Emigrantin Margot (Matine Carol) zu, die Koertner dazu ermahnt, sein Leben nicht allzu leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Sogar die unsichtbare Instanz, die das zentrale moralische Dilemma von VERA CRUZ philosophisch unterfütterte, taucht in TEN SECONDS TO HELL wieder auf: Berichtete Joe Erin im Westernklassiker von Ace Hannah, dem Mörder seines Vaters, der ihn dann aus Mitleid unter die Fittiche nahm, und von dem Einfluss, den dieser auf ihn hatte, so erzählt Wirtz von seinem Onkel Oskar, der ihn maßgeblich prägte. Sowohl Joe Erin als auch Wirtz wurden von ihren Ziehvätern zu gnadenlosen Egoisten gedrillt: Wer es zu etwas bringen wolle, müsse zunächst an sich selbst denken. Jeder, der etwas anderes sage, sei ein Dummkopf. Wie gut ihre Schüler ihre Lehren verinnerlicht hatten, mussten beide Mentoren ironischerweise am eigenen Leib erfahren: Hannah wurde von Erin aus Rache für den Mord an seinem Vater erschossen, als der für den älteren Mann keine Verwendung mehr hatte, Onkel Oskar wurde von seinem Neffen der Zugang zum rettenden Bunker während eines Bombenangriffs verwehrt. Es zeigt sich sowohl in VERA CRUZ als auch in TEN SECONDS TO HELL, dass der krasse Egoismus als Lebenskonzept nicht haltbar ist. Sein Erfolg gründet darauf, dass es immer jemanden gibt, der sich selbst nicht egoistisch verhält – und dass man diesen gegen jede Loyalität und Freundschaft gnadenlos hintergeht. Erin und Wirtz stehen am Ende völlig isoliert da: Für den materiellen Erfolg haben sie alles verraten, was das Leben eigentlich überhaupt erst lebenswert macht. Der Unterschied zwischen beiden ist, dass Wirtz seinen Fehler erkennt und die Konsequenzen zieht. Er geht sehenden Auges in den Tod und überlässt das Feld Koertner, dessen Blick in eine bessere Zukunft gerichtet ist.

Unmittelbar nach der Sichtung von TEN SECONDS TO HELL war ich geneigt, ihn als schwachen Film abzutun. Ich hatte den Eindruck, dass es Aldrich nicht gelungen ist, das volle Potenzial der eigentlich sehr spannenden Prämisse auszuschöpfen. Der Spannungsaufbau ist nicht vollständig geglückt, es gibt keinen stetigen Anstieg der Spannungskurve, vielmehr erreicht der Konflikt zwischen Koertner und Wirtz schon relativ früh einen kritischen Punkt, der dann bis zur finalen Auseinandersetzung nur noch „gehalten“ wird. Das Sterben der Kollegen entfaltet ebenfalls nicht die volle Wirkung, weil sie über den Status von Folien nicht hinauskommen. Ihre Tode sind nur die Stationen, die der Film notwendigerweise anlaufen muss, um zum eigentlichen Höhepunkt zu gelangen. TEN SECONDS TO HELL wird nie wirklich lebendig und bleibt seltsam leer. Als seien alle handelnden Personen bereits tot, ohne es zu wissen. Aber nach längerem Nachsinnen scheint mir das weniger Makel als eben das, was den Film auszeichnet. Ich habe die Nachkriegszeit zum Glück nicht miterlebt, aber ich kann mich im Moment an keinen Film erinnern, dem es ähnlich gut gelingt, die Härten jener Zeit körperlich fühlbar zu machen. Jedes Bild, jeder Dialog vermittelt eine niederdrückende Hoffnungslosigkeit, ein wie nasse Kälte in die Knochen ziehendes Gefühl der Lähmung. So muss es den damals lebenden Menschen gegangen sein, die sich inmitten der materiellen wie metaphorischen Trümmer mit dem ernüchternden Status quo und der Frage auseinandersetzen mussten, wie es nun weitergehen kann und soll. Mehr als unter Armut und Hunger, denen zu entrinnen natürlich die Hauptmotivation der Protagonisten von TEN SECONDS TO HELL ist, leiden diese an der spirituellen Leere: Es gibt nichts, was ihr Leben sinnvoll ausfüllen könnte. Alles, was sie tun, steht in direkter Verbindung zu dem Schrecken, der hinter ihnen liegt, sie aber noch voll umfangen hält. Das ist dann auch der große Unterschied zu Aldrichs VERA CRUZ: Drang die Erkenntnis, was für ein schrecklich zynisches Dasein Trane und Erin führen, nur ganz allmählich durch den farbenprächtigen Technicolor-Vordergrund, lässt der schwarzweiße Nachkriegsfilm von Beginn an gar nicht erst das Gefühl aufkommen, das Bombenentschärfergeschäft könne etwas anderes sein als ein grausamer Wettlauf mit dem Tod. Die eindrucksvollen Bilder nicht enden wollender Trümmerfelder und wie Saurierskelette in den bleichen Himmel ragender Häusergerüste sowie die schmutzige Schwarzweiß-Tristesse lassen Abenteuerlust oder Aufbruchsstimmung gar nicht erst aufkommen. Man will nur weg hier. Die Zuversicht, mit der der Voice-over-Kommentator am Schluss von jener besseren Zukunft spricht, deren Bestandteil ja nun auch wir sind, erscheint einem angesichts der vorangegangenen 90 Minuten wie Hohn. Der Krieg wird immer bleiben. Aldrich hatte Recht.

Für die Zurverfügungstellung dieses Films, den es noch nicht auf DVD gibt, danke ich meinem Leser Michael!

Kommentare
  1. zorafeldman sagt:

    traurig auch, dass die truppe ursprünglich politische gefangene waren, deren chance zum überleben des KZ es war, dass der verantwortliche SS-mann sie zu „freiwilligen“ beim bomben-entschärfen machte. nun ist der krieg zu ende, die unterdrücker sind entmachtet – und dennoch bleiben die menschen das, zu was sie vom krieg und der tyrannei gemacht wurden. weil einfach nichts anderes mehr da ist.

  2. Oliver sagt:

    Ja, stimmt. Und nicht einmal der Familienvater der Sechs weiß etwas Besseres mit sich anzufangen.

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