dredd (pete travis, großbritannien/usa/indien/südafrika 2012)

Veröffentlicht: Mai 1, 2013 in Film
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DREDD ist ein schöner Gegenentwurf zu den zu Tode optimierten, in vollem Wissen um ihre popkulturelle „Bedeutung“ gestreamlineten und unnötig aufgeplusterten zeitgenössischen Superheldenfilmen, die seit einigen Jahren den Kern großbudgetierter Exploitation ausmachen. Kein Film kann und darf da für sich stehen, alles muss mindestens in einer Origin-Trilogie vorbereitet werden und auch noch Raum für etliche Sequels, Prequels und Spin-offs bieten. Mit dem Ergebnis, dass die Luft wieder raus ist, bevor das vorhandene Potenzial annähernd ausgeschöpft wurde, und mit einem unvermeidlichen Reboot alles wieder von vorn losgeht. Zugegeben, ganz so schlimm ist es auch wieder nicht und der Marvel-Craze der letzten Jahre hat ja auch einige durchaus schöne Filme abgeworfen. Trotzdem steckt in ihnen nur wenig von der Leichtigkeit und der Trivialität, die die Comics doch mal auszeichnete. DREDD zeigt eben wie filmische Comic-Adaptionen auch aussehen könnten: Kurz und schmerzlos auf den Punkt, in Atmosphäre und Spirit damit nah dran an den 30-Seiten-Heftchen, vorlagentreu (so weit ich das beurteilen kann), ohne dabei ostentatives Nerdjerking zu betreiben. DREDD verfolgt eher die Strategie, Appetit auf mehr zu machen, anstatt zur Völlerei am All-you-can-eat-Buffet zu rufen.

Judge Dredd (Karl Urban), Angehöriger jener Zukunftspolizei, die in den postapokalyptischen Megacities Exekutive und Iudikative zugleich verkörpert, wird mit der Anfängerin Anderson (Olivia Thirlby) in den monolithischen Wohnkomplex „Peach Trees“ gerufen, um dort in einem Mordfall zu ermitteln. Verantwortlich ist die von Ma-Ma (Lena Headey) geführte Gang, die den gesamten Wohnblock regiert und den Handel mit der Designerdroge Slo-Mo kontrolliert. Sie riegelt das Haus hermetisch ab und ruft zur Jagd auf die beiden Judges, die nun auf sich allein gestellt sind …

Von der Hintergrundgeschichte um die Megacities und die Judges findet sich in Travis‘ Film nur das Allernötigste: Ein paar per Voice-over gesprochene Zeilen, dazu Bilder einer gewaltigen Betonwüste inmitten menschenfeindlicher Ödnis. Das reicht, um den Betrachter auf die in den nächsten 90 Minuten folgende Action-Tour-de-Force vorzubereiten. Und die lässt dank dieses Verzichts auf eine ausgewalzte Origin-Story und die Einführung zahlreicher Nebenfiguren nicht lang auf sich warten. Man muss einräumen, dass sich die zugrundeliegende britische Comicserie für diese Herangehensweise eher anbietet als die Comichelden des Marvel- und DC-Universums. Judge Dredd hatte nie die flächendeckende Popularität, die Spider-Man, Superman oder Batman genossen (für einen nicht unerheblichen, aber auch schnell wieder verebbenden Popularitätsschub sorgte in den späten Achtzigern die Band Anthrax mit ihrer Dredd-Huldigung „I am the Law“), der scharfe satirische Ansatz unterscheidet seine Geschichten massiv von der Quasimythologie US-amerikanischer Superheldencomic-Ttradition. Es gibt keine in den Kanon der Populärkultur eingegangenen Storys, wohl auch, weil die Heftreihe von vornherein ganz anders angelegt ist. Im monotonen, sich stetig wiederholenden Kampf des protofaschistischen Dredd gegen anonyme Verbrecher, die ausgesprochen konsequent und rücksichtslos ausgeschaltet werden, findet sich nur wenig Heldenhaftes und schon gar keine Epik. Die Figur bleibt eine ebensolche: Das zeigt sich schon daran, dass Dredd in den Heften nie den klobigen Helm ablegt, sein Gesicht bis auf Mund und Kinn stets verborgen bleibt.

Welches Problem letztere Eigenschaft für einen Mainstream-Film darstellt, der ja einen Helden als Identifikationsfigur braucht, sieht man heute noch am ersten Versuch einer Dredd-Verfilmung: Danny Cannon scheiterte mit JUDGE DREDD anno 1995 aber nicht nur daran, dass er das Gesicht seines Hauptdarstellers Sylvester Stallone notgedrungen irgendwann zeigen und die Gesetze des Comics damit brechen musste. Sein Film spiegelt all das in Reinkultur wider, was ich im ersten Absatz ansprach: Es scheint, als hätten die Produzenten kein Vertrauen in die Publikumstauglichkeit der Vorlage gehabt und so reicherten sie ihren Film um zahlreiche Elemente an, die dem Geist der Heftreihe krass zuwiderliefen, mit dem Ergebnis, dass am Ende keiner so recht etwas mit JUDGE DREDD anzufangen wusste. Travis hingegen reicht eine (konsequent) austauschbare Story (die zudem eklatant an den letztjährigen Actionreißer SERBUAN MAUT erinnert), die er mit viel Tempo und Drive und vor allem großem technischen Geschick erzählt. DREDD reizt sein Potenzial nicht voll aus, greift sich eher ein Einzelbild aus dem postapokalyptischen Panorama heraus, anstatt eine ganze Welt vor unserem Auge entstehen zu lassen, aber gerade das ist sein Triumph: Das Wohnsilo, das den Hauptschauplatz des Films darstellt, dürfte eines der am besten realisierten Filmsettings der letzten Jahre sein. Es bietet mit seinen weit in den Himmel ragenden Stockwerken, der tristen Betonfassade und dem im Zentrum befindlichen Atrium nicht nur eine reizvolle optische Kulisse, sondern wird über das Sounddesign auch mit einer ganz eigenen Atmosphäre ausgestattet, die den Film mehr prägt als alles andere. Das Haus wirkt absolut glaubwürdig, ausgestattet mit einem individuellen Charakter und voller Geschichten, die weit über den Rahmen des Films hinausweisen.

Für die gewisse Anstößigkeit, die die Comics auszeichnete, bürgen weniger die herben Splattereffekte als die Kontrastierung solcher Härten mit der poetischen Leichtigkeit jener Extrem-Zeitlupensequenzen, die an mehreren Stellen des Films die Wirkung der Droge SloMo illustrieren. In einer vollständig in Zeitlupe aufgelösten Schießerei fällt einem unweigerlich der altgediente Begriff des „Kugelballetts“ wieder ein, zerfetzte Körper erinnern an Skulpturen, umherfliegende Glassplitter muten an wie Sternenstaub, fangen das Licht ein und reflektieren es wie eine Kostbarkeit. Der finale Todessturz von Ma-Ma wird so zum Flug eines Engels verklärt, die Rolle der Schurkin rückwirkend aufgeweicht. In der Zerdehnung der Sekundenbruchteile vor ihrem Tod wird ihre ganze Verletzlichkeit eingefangen, die Angst, die sie menschlich macht – und mit dieser auch die Grausamkeit Dredds und des Systems, das er repräsentiert. Travis zeigt mit DREDD eindrucksvoll, das es nicht immer die großen Konzepte sind, die zum Erfolg führen. Die Konzentration aufs Wesentliche und die Akribie im Detail sind mehr als genug. So könnte Franchisebildung auch gehen: Zu gern würde ich den nächsten in diesem Stil gefertigten „kleinen“ Film um Judge Dredd sehen. Einfach eine weitere Episode um den postapokalyptischen Law-and-Order-Bullen mit vorhersehbarem Ausgang, aber einem neuen Blick auf dessen Welt. Das nächste auf dem Klo gelesene Heftchen eben. Leider ist der Film wie auch sein Vorgänger im Jahr 1995 gefloppt. Wie wäre es mit einem DTV-Sequel? Da könnte tatsächlich ein Traum wahr werden.

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