maniac (franck khalfoun, frankreich/usa 2012)

Veröffentlicht: Juni 2, 2013 in Film
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Unter der Ägide von Alexandre Aja reiht sich MANIAC ein in die eher kurze Liste gelungener Horrorfilm-Remakes. William Lustigs in Deutschland immer noch beschlagnahmtes Original gilt als Klassiker des Splatter- sowie Serienmörderfilms, zeichnet sich durch eine kreuzfiese, düstere Atmosphäre, überzeugend blutige und detaillierte Make-up-Effekte von Tom Savini sowie das aufopferungsvolle Spiel Joe Spinells aus. Dazu kommt als Kulisse ein dreckig-versifftes New York, das 1980 noch weltweit als menschenfeindlicher Moloch und Mord-Metropole berüchtigt war. Drehbuchautor Aja verlegt die Geschichte um den Frauenmörder mit Mutterkomplex in ein auf Hochglanz poliertes Los Angeles der Gegenwart und erzählt sie ganz buchstäblich aus der Perspektive des Killers: Die Kamera versetzt den Zuschauer fast über die gesamte Laufzeit in seinen Körper, lässt ihn durch seine Augen blicken und setzt Lustigs Zeichnung des Killers als bemitleidenswertes Missbrauchsopfer noch einen drauf. Dass sich Aja auch sonst sehr eng an die Vorlage hält – fast alle wichtigen Plotpoints finden ihre Entsprechung im Remake –, lässt die kleinen Unterschiede im Ton, in der Figur des Mörders und in der formalen Gestaltung noch deutlicher hervortreten. Die 2012er Inkarnation von MANIAC darf als Radikalisierung des Originals betrachtet werden. Aber mit dem ganzen formalen Zauber und dem Besetzungsstunt, Elijah Wood in der Titelrolle zu besetzen, opfern Aja und Khalfoun auch einiges von der schmuddeligen Unmittelbarkeit, die Lustigs Film ausgezeichnet hatte.

Das heißt nicht, dass MANIAC (2012) nicht verstörend sei: Aber er ist reflektierter, geschliffener und philosophischer als es Lustigs Film war, der ganz der amerikanischen Grindhouse-Tradition entsprang und seinen Zuschauern zuerst ein körperliches Erlebnis, die viel beschworene Achterbahnfahrt, verschaffen wollte. Dass Lustig dieses Ziel im positiven Sinner verfehlte, war weniger einem genialen schöpferischen Instinkt geschuldet als dem Zusammentreffen verschiedenster günstiger Faktoren, die sich in ihrer Wirkung gegenseitig potenzierten. Aja und Khalfoun entpuppen sich mit ihrer Interpretation als Exegeten und Studenten von Lustigs Film: Sie holen an die Oberfläche, was im Original immer nur kurz durchbrach, bereiten dem eine Bühne, was zuvor nur Irritationsmoment sein durfte. Ihr MANIAC ist dann auch vor allem ein trauriger Film mit kurzen beunruhigenden, furchteinflößenden Momenten, während es sich beim Vorgänger genau umgekehrt verhielt. Sie profitieren bei dieser Akzentverschiebung – der Mörder ist fast noch mehr Opfer als seine Opfer, deren Leid ein schnelles Ende findet, während seines weitergeht – von einer Entwicklung des Serienmörderfilms in den letzten 30 Jahren, die Lustig mitangestoßen hat: Im Serienmörder spiegelt sich die Einsamkeit des modernen Menschen inmitten überbevölkerter Metropolen, aber auch der Fluch genetischer und sozialer Bedingtheit. Niemand ist weniger frei als der Killer, der einem durch Erziehung und Schicksal implantierten unstillbaren Mordtrieb folgt. Jeder Versuch, sein Trauma zu besiegen, bedeutet nur seine weitere Zementierung, einen weiteren Schritt über den Point of no Return hinaus.

Kullerauge Elijah Wood ist – nach anfänglichem Zweifel, der zur Besetzungsstrategie natürlich dazugehörte – tatsächlich die Idealbesetzung für den tragischen Serienmörder: Mit Anfang 30 rund 15 Jahre jünger als der Original-Maniac Joe Spinell interpretiert er den Mörder Frank Zito als verzärtelten Nerd in Rolli und Cordjackett, der seine Opfer in Chatrooms sucht, anstatt mit Schiebermütze, hochgestelltem Kragen und Sonnenbrille durchs Rotlichtvertel zu streifen. Die krasse Körperlichkeit des wuchtigen Spinell geht ihm weitestgehend ab: Dass er durch die Subjektive fast nie zu sehen ist, verstärkt nur einen Effekt, der sowieso schon da ist. Mit Elijah Wood, dessen ganze Pein sich in diesen nie ganz fokussierten Augen, dem seltsam alterslosen Gesicht und den eingefallenen Wangen abzeichnet, während Spinell noch Misshandlungs- und Pockennarben mit sich herumtrug, bekommt der ganze Film eine entrückte Stimmung. Statt der wummernden Bässe und dem unheilvollen Dröhnen von Chattaways Score gibt es im Remake sphärische Klänge zu hören, der schwarze Beton New Yorks weicht den Neon-Milchstraßen der Stadt der Engel. Warf Lustigs MANIAC den Menschen mit voller Härte auf seine Gefangenheit im Hier und Jetzt zurück, hielt er nach dem finalen „Asche zu Asche, Staub zu Staub“ keinerlei Transzendenz bereit, ist der Blick von Khalfouns MANIAC gleichzeitig gen Himmel und nach innen gerichtet. Oder so: MANIAC 1980 war Beerdigung, MANIAC 2012 ist Gottesdienst. Auflösung bedeutet hier und heute nicht Zerfallen, sondern das Aufgehen in der Transzendenz. Spinells Killer durfte in einem shock ending nochmal kurz das Auge öffnen und suggerieren, dass er auch im Jenseits keinen Frieden finden wird, Wood hingegen wird von seinem Leid unmissverständlich erlöst. Der ganze Film läuft auf seine Befreiung zu: Schon in den Szenen mit ihm ist er ja nie ganz da, bereits auf halbem Weg ins Jenseits. Die Gestelztheit im Spiel seiner Kollegen, die die Auflösung des Films in Subjektiven mit sich bringt, führt tatsächlich zu einer Art SIXTH SENSE-Effekt. Frank Zito ist schon zu Lebzeiten ein Geist.

Besonders schön fand ich die kleine, originelle und dezente Hommage an das Original: Wenn sich Woods Frank Zito nach einem Mord in einem Auto spiegelt, erinnert das Spiegelbild, das ihn von der Brust abwärts zeigt, Messer in der einen, Skalp in der anderen Hand, an das Plakatmotiv von Lustigs MANIAC. So müssen Zitate sein: Liebevoll, vespielt und ohne allzu viel Aufmerksamkeit auf sich selbst zu ziehen. Es passt zu Ajas und Khalfouns Film, der genau die richtige – schwierige! – Balance zwischen Ehrerbietung, Interpretation und Modernisierung findet. Der schockierendere Film ist und bleibt aber Lustigs Version.

Kommentare
  1. Groucho Marx sagt:

    Schöner Kommentar, dessen Eindrücke ich überwiegend teile. Gerade bei diesem Remake hatte ich ein Scheitern wirklich schwer verknusen können.

    Den in Besprechungen häufiger anzutreffenden Verweis auf das „Hochglanz-LA“ habe ich nie so recht verstanden. Natürlich ist das alles schöner gefilmt und sieht recht glossy aus, aber das betrifft ja nur die formale Ebene. Wenn dagegen bereits in der ersten Nachtfahrt des „Maniacs“ Obdachlosensiedlungen am Rinnstein und wirr vor sich hinbrabbelnde Junkies ins Bild gerückt werden, sieht diese Stadt alles andere als glamourös aus. Die Verlagerung des Handlungsortes in das wesenhaft zwischen Schein und Sein oszillierende LA tut dabei ein Übriges. Im Vergleich zur ubiquitären Siffigkeit der Vorlage geht diese Diskrepanz zwischen urbanen Verfallserscheinungen und inszenatorischer Pracht schon fast als gesellschaftlicher Kommentar durch. Allerdings wäre ein solcher ebenfalls ein Resultat des von Dir mit Recht konstatierten Sinngebungsprozesses, da solch ein realpolitisch-produktives Anliegen Lustigs Nihilisto-Bombe naturgemäß abgeht.

    • Oliver sagt:

      Ja, so wie ich das schreibe, greift das wohl zu kurz. Die Szene mit dem Parkplatz und dem Dampf, der da über den Brdtsein quillt, erinnert auch bildlich recht stark an Lustigs Film. Dann sind da aber die deutlichen Unterschiede etwa zwischen der modrigen Todesfalls U-Bahnhof im Ur-MANIAC und seinem klinisch-reinen, hell erleuchteten Gegenstück in Khalfouns Film. Ich würde das wahrscheinlich so sehen wie du: Lustig inszenierte eine kurz vor dem Kollaps stehende Hundewelt, Khalfoun eine, in der der schöne Schein regiert und es unter der Oberfläche brodelt.

  2. […] – Passend zu meinem letzten Review, gibt es auf Remember it for later die Besprechung des „Maniac“-Originals und des aktuellen Remakes. […]

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