lo squartatore di new york (lucio fulci, italien 1982)

Veröffentlicht: Juni 5, 2013 in Film
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Lucio Fulcis LO SQUARTATORE DI NEW YORK – berühmt-berüchtigt unter dem Titel DER NEW YORK RIPPER – ist für mich mit einer persönlichen Geschichte verbunden (die ich hier möglicherweise schon einmal erzählt habe, aber egal): Mein Großonkel war ein Videofreund der ersten Stunde und hatte als solcher über die Jahre eine große Sammlung von Kopien angehäuft. Eine sauber mit der Schreibmaschine getippte und in einem Aktenordner abgeheftete Liste ermöglichte den Einblick in seine Schätze und wurde von mir immer frequentiert, wenn wir zu Besuch bei ihm weilten. Mein Wahl wurde zunächst meist von den Eltern überwacht, und normalerweise entschied ich mich für einen James-Bond-Film oder etwas ähnlich Unverfängliches. Mit zunehmendem Alter wurden aber auch die Horrorfilme auf der Liste immer interessanter und da weder meine Eltern noch mein Großonkel selbst so wirklich einschätzen konnten, was für Filme sich auf den Kassetten verbargen, hatte ich bei der Auswahl irgendwann freie Hand (ich muss zu Ehrenrettung meiner Eltern dazusagen, dass da weniger Leichtsinn oder Gleichgültigkeit ihrerseits dahintersteckte, sondern eher Vertrauen in mich, denn ich war kein besonders aufmüpfiges Kind). Und so fiel dann mein Blick eines schönen Tages, ich schätze, ich war so um die 13 Jahre alt, auf  den verheißungsvollen Titel „Der New York Ripper“. Todesmutig suchte ich die Kassette raus, warf sie in den Videorekorder und legte mich aufs Bett meines Großonkels, um mir den Film anzusehen. Doch die Begegnung mit meinem ersten Fulci war kurz: Nach dem Auftaktmord auf der Staten-Island-Ferry war mir klar, dass dieser Film nicht für mich gedacht war und ich stoppte das Band, um mir einen anderen, geeigneteren Film auszusuchen. Neben meinem Unwohlsein angesichts des Gezeigten (und des Gehörten, denn die Donald-Duck-Stimme des Killers fand ich in Verbindung mit den blutrünstigen Effekten überaus verstörend), war es nicht zuletzt eine gewisse Scham, die mich dazu veranlasste. Ich weiß noch, wie unangenehm es mir war, diesen Film zu sehen, während meine Eltern nebenan saßen, und ich wollte unbedingt vermeiden, dass sie mitbekamen, was ich mir da anschaute.

Einige Zeit später las ich dann im Horror-Lexikon von Bastei Lübbe, was die werten Herren Hahn und Jansen über den Film und seine Zuschauer dachten. Ich hielt ihre Ausfälle, Zuschauer solcher Filme gehörten in die Gummizelle, damals noch für vertretbare Wahrheiten und wunderte mich darüber, was alles so für Schweinereien produziert wurde. Aber insgeheim machten mich die Beschreibungen jener blutigen Effekte, die mir entgangen waren, doch neugierig. Der Keim für meine späteren obsessiven Holland-Fahrten und Horrorfilm-Kopier-Abende war gelegt. Das war dann, wenn ich mich recht entsinne, auch der Rahmen, in dem ich Fulcis Film zum ersten Mal ganz sah. Ich sah den Mord an der Prostituierten, die eine abgebrochene Flasche in den Unterleib bekommt. Ich sah die halbierte Brustwarze und den durchgeschnittenen Augapfel. Und ich sah durch einen blutig klaffenden Schlitz im Hals eines Opfers auf ihren Mörder. Der Detailreichtum der Effekte, die ich allesamt noch nicht durchschaute, schockierte mich dabei mindestens genauso stark wie der schmierige Voyeurismus, den einem der Film aufzwang, und die zwar soften, aber dennoch irgendwie pornösen Sexszenen, in denen sich der Film mit großer Geduld suhlte. LO SQUARTATORE DI NEW YORK verstörte mich nicht mehr so unvermittelt wie damals, als ich die Sichtung hatte abbrechen müssen, aber eklig fand ich ihn dennoch. Es war für mich einer jener Filme, die man nicht wirklich gut findet, aber reinschmeißt, wenn man jemandem zeigen will, was es für einen kranken Scheiß gibt. Filmgewordene Mutprobe und Männlichkeitsprüfung sozusagen. Als solche behielt ich ihn in Erinnerung und wenn schon nicht im Herzen, so doch nicht allzu weit davon entfernt.

Nachdem ich in den letzten Tagen und Wochen mit MANIAC, I SPIT ON YOUR GRAVE und REAZIONE A CATENA die Nehmerqualitäten meiner Frau einer Prüfung unterzogen und dabei gleichzeitig eine kleine Zeitreise unternommen habe, lag der Griff zu LO SQUARTATORE DI NEW YORK nahe. Das Ergebnis war in jeder Hinsicht ernüchternd: Die Glaubwürdigkeit der Splattereffekte kann dem test of time nur noch sehr bedingt standhalten und damit bröckelt auch ein Großteil des Reizes, den Fulcis Film jemals ausgeübt hat. Vor allem im Vergleich mit dem thematisch verwandten MANIAC von William Lustig treten seine Defizite deutlich zutage. Es gelingt Fulci zu keiner Sekunde, eine Atmosphäre der Bedrohung und der Angst zu schaffen, die Lustigs Film zu einem so intensiven Erlebnis macht. Die Stadt New York bleibt ein zwar pittoresker, aber letztlich anonymer Schauplatz, der dem Treiben des Killers ungerührt gegenübersteht. Dass einem immer dieselben 4, 5 Personen über den Weg laufen, verstärkt den Eindruck, dass dieses New York in Wahrheit ein verschlafenes Nest ist und keine Metropole, die vor einem Phantom erzittert. Ein weiterer Fehler liegt in der Dramaturgie begründet: Anstatt aus der Perspektive des Killers zu filmen, etabliert Fulci den ermittelnden Lieutenant Fred Williams (Jack Hedley) als Hauptfigur und erzählt seine Geschichte als Polizeifilm mit Whodunit-Anleihen. Ein wenn auch nicht origineller, so doch legitimer Ansatz: Weil es aber Fulci zu keiner Sekunde gelingen mag, wirkliche Spannung aus der Suche nach dem Killer zu beziehen, Williams zudem kaum mehr als bloß visueller Anker für den Zuschauer statt wirklich handelnder Charakter ist, wartet man nur ungeduldig auf den nächsten blutigen Mord. In der letzten halben Stunde schleppt sich LO SQUARTATORE DI NEW YORK mit kaum zu übersehenden Ermüdungserscheinungen seinem herbeigesehnten Ende entgegen. Zehn Minuten vor Schluss wird aus dem Nichts ein Motiv für den Mörder herbeikonstruiert, bevor der dann mit einem hübschen Kopfschuss erledigt wird. Die Welt ist schlimm, blablabla, Credits, fin. Hätte Fulci die Leine etwas schleifen lassen, wäre möglicherweise ein lustiger Trasher dabei herausgekommen, Ansätze dazu gibt es zuhauf: Williams kann sich schon nach einer Szene nicht mehr an einen doch recht wichtigen Zeugenhinweis erinnern, in der Live-Sex-Show wird vom Publikum freundlich und anerkennend geklatscht, wenn die Vögelnden auf der Bühne mit ihrer Nummer fertig sind, Alexandra Delli Colli spielt eine ständig lasziv mit der Oberlippe zuckende Nymphomanin, die während der mittleren 30 Minuten des Films mal kurzzeitig zur Hauptdarstellerin avanciert, die beiden fehlenden Finger eines Verdächtigen sieht man in einer Szene ganz deutlich an seiner Hand und der unvermeidliche Psychologe trägt den ganzen Film über ein sarkastisches Grinsen im Gesicht, das ihn weniger als Mann der Wissenschaft, denn als misanthropisches Riesenarschloch mit zweifelhaftem Humorverständnis ausweist. Diese komischen Anflüge sind aber eher Zeichen von Fulcis inszenatorischer laisser-faire, um nicht zu sagen seiner Schlamperei: Nie kippt der Film ins Komische oder gar Wilde, er bleibt bei allem sich bietenden Wahnsinn immer merkwürdig leblos und gehemmt, müde fast. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass der nach dem Superhit ZOMBI 2 zum Gore verdammte Regisseur sich bei diesem Film gar nicht so besonders wohl fühlte. Es gibt durchaus ein paar schöne visuelle Einfälle, die Bilder aus dem New York der frühen Achtzigerjahre sind eh ein Traum und sorgen für das Grad an Authentizität, das LO SQUARTATORE DI NEW YORK sonst vollkommen abgeht. Aber am Ende kann der Film den Ruch des schnöden Cash-ins nicht wirklich loswerden. Immerhin schön schäbig ist er geraten, und die Szene, in der ein Mann der Nymphomanin unterm Tisch seinen plattgetretenen Herpeszeh in den Schlüpfer schiebt, übertrifft alle Garstigkeiten, die sich der Ripper für seine Opfer ausgedacht hat, mit Leichtigkeit. Mein größter Albtraum: Den Film damals nicht gestoppt zu haben und dann bei just dieser Szene vom Papa erwischt zu werden. Da bricht mir der kalte Schweiß aus.

EDIT 06.04.2016: Nachdem ich den Film vor einigen Tagen mal wieder gesehen habe, bin ich mit diesem Text überhaupt nicht mehr zufrieden und schon gar nicht einverstanden. Ich habe deshalb einen neuen geschrieben, in dem ich allerdings nur sehr knapp auf meine Fehler eingehe.

Kommentare
  1. zorafeldman sagt:

    meine nehmerqualitäten haben sich seit der geburt unserer tochter eindeutig verschoben: die psychologische qual eines unausweichlichen todes oder verlustes und geraubte lebenszeit tun mir mehr weh als klaffende wunden. so fand ich nichts in dem film so schlimm wie das todkranke kind, das am ende nach seinem vater weint. billig, vielleicht, aber treffend.

  2. Den mochte ich beim ersten Sehen irgendwann in den 90ern so gar nicht, find ihn jetzt aber gut bis sehr gut. Der Film steckt voller interessanter Ideen (er funktioniert auch gut als Antithese zu Argento) – die, das muss ich zugeben, nur mäßig vom Krimi-Rahmen zusammengehalten werden, weswegen man sich vom Krimi-Gedanken auch verabschieden sollte, um wirklich zum Kern von NEW YORK RIPPER vorzustoßen.

    Empfehle zum RIPPER auch die Zeilen von Ian Olney in „Euro Horror: Classic European Horror Cinema in Contemporary American Culture“ (der, sogar verblüffend plausibel, einen feministischen Ansatz aufdröselt) und die von Stephen Thrower in BEYOND TERROR.

    Kein perfekter Film ja, aber deutlich mehr als ein schnödes Cash-In.

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