the nightcomers (michael winner, großbritannien 1971)

Veröffentlicht: Juni 25, 2013 in Film
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1898 erschien Henry James‘ Novelle „The Turn of the Screw“: nicht nur eine der berühmtesten Geistergeschichten, sondern auch eine, die formal neue Maßstäbe setzte. Bei der Geschichte, die den Hauptanteil der Novelle ausmacht, handelt es sich um den Erlebnisbericht einer namenlos bleibenden Erzieherin, der einem Mann in der Gegenwart der Erzählung am Kamin vorgelesen wird. Sie wird von dem Vormund zweier Waisenkinder dazu eingestellt, in seiner Abwesenheit für ihre Erziehung und Bildung zu sorgen. Von der Haushälterin Mrs. Grose erfährt sie, dass die Kinder eine enge Bindung zum ehemaligen, unter mysteriösen Umständen verschwundenen Gärtner Mr. Quint hatten – und dass dieser wiederum ihrer Vorgängerin Mrs. Jessel in unmoralischer Art zugetan war. Bald hat die leicht beeinflussbare junge Frau Erscheinungen, die sie glauben lassen, dass die Geister von Mr. Quint und Mrs. Jessel umherspuken und Besitz von den beiden Kindern genommen haben. Die mysteriösen Vorgänge, die die Frau schildert, für die sie eine Erklärung zu finden sucht, werden jedoch durch die Subjektivität des Textes mit einem weiteren Fragezeichen versehen: Es stellt sich die Frage, ob der Spuk, den sie zu beobachten glaubt, nicht bloß die Autosuggestion einer repressiv erzogenen Frau ist, die sich in der Einsamkeit ihres neuen Arbeitsplatzes mit ihr vollkommen neuen, unbegreiflichen Empfindungen konfrontiert sieht, die sie nur als schockierend und böse empfinden kann – und daher auf die Kinder, die ihr zur Betreuung überantwortet wurden, projizieren muss. James war nicht der erste Schriftsteller, der sich den „unzuverlässigen Erzähler“ zunutze machte (sofort fallen einem die Lügengeschichten des Baron Münchhausen ein), aber wahrscheinlich der erste, der ihn auf so subtile, psychologisch fundierte Art und Weise einsetzte. Im Gewand einer Geistergeschichte verbirgt sich eine kritische Auseinandersetzung mit den Auswüchsen und Folgen des Puritanismus, mit sexueller Repression und kindlicher Sexualität – Themen, die zu seiner Zeit noch weitaus mehr als heute tabuisiert waren. 1961 inszenierte Jack Clayton mit THE INNOCENTS eine kongeniale Film-Adaption, die nicht nur als einer der unheimlichsten Gruselfilme, sondern auch als eine der besten Literaturverfilmungen in Erinnerung bleiben wird. Und 1971 versuchte sich Michael Winner an einem heute längst zum Standard des Kommerzkino gewordenen, damals aber noch sehr ungewöhnlichen Kniff: Mit THE NIGHTCOMERS erzählte er die Vorgeschichte zu Henry James Novelle, ging er der Frage nach, was zwischen Mr. Quint und Mrs. Jessel eigentlich geschah und wie sie auf die beiden Kinder Einfluss nahmen. Kurz: Er drehte ein Prequel.

Nach dem Unfalltod ihrer Eltern überlässt ihr Vormund (Harry Andrews) die ihm anvertrauten Waisenkinder Flora (Verna Harvey) und Miles (Christopher Ellis) der Obhut der Haushälterin Mrs. Grose (Thora Hird) und der Erzieherin Ms. Jessel (Stephanie Beacham). Den größten Einfluss auf sie hat jedoch der eigenbrötlerische, ebenso fantasievolle wie ungebildete Gärtner Mr. Quint (Marlon Brando). Seine philosophisch fragwürdigen Einschätzungen zum Tod und zur Liebe – Tote führen ihre Existenz im Totenreich weiter, Liebende begegnen sich dort wieder, Hass und Liebe sind zwei Seiten einer Medaille und Mord aus Leidenschaft ist legitim – fallen bei den beiden Kindern auf fruchtbaren Boden und tragen verhängnisvolle Früchte. Als die Kinder Quint und Jessel beim sadomasochistischen Liebesspiel beobachten und das Gesehen nachstellen, schellen bei Mrs. Grose die Alarmglocken: Sie verweist Quint des Hauses und trennt die beiden sich verhängnisvoll Liebenden, stellt eine Kündigung in Aussicht. Doch Flora und Miles wissen ja, wie sie die Beziehung von Quint und Jessel für immer sicherstellen können …

Welche Haltung man zu THE NIGHTCOMERS einnimmt, hängt entscheidend von der Frage ab, wie man zu seiner Grundidee eines Prequels steht. Beziehungsweise, inwiefern man dazu in der Lage ist, beide Werke trotz ihrer inhaltlichen Verbindung als getrennte Werke zu betrachten, THE NIGHTCOMERS als eine Art What-if-Gedankenspiel zu begreifen. Kritiker von Winners Film werfen ihm vor, die Ambiguität von James‘ Novelle zu unterwandern, etwas zu konkretisieren, was nie konkretisiert werden, sondern im Vagen verbleiben sollte. Bezog James die Spannung gerade daraus, dass letztlich unbeantwortet bleibt, ob der Spuk und damit die Besessenheit der Kinder real sind oder nur der Einbildung seiner Hauptfigur entspringen, beantwortet Winner diese Frage nun relativ eindeutig: In Flora und Miles sprießt die Saat von Quints Gedanken und manifestiert sich in teuflischen Handlungen, die aber nicht etwa unmoralisch, sondern eher außermoralisch sind: Weil die Erwachsenen ihnen jeden zuverlässigen moralischen Bezugsrahmen vorenthalten, sind sie nicht in der Lage, gute von bösen Taten zu unterscheiden. Winners Film mag die Subtilität von James‘ Novelle (und Claytons Adaption) vermissen lassen, seine Kritik an puritanischer Kindererziehung, dem britischen Klassensystem (Quint ist ein einfacher, ungebildeter Arbeiter, Sohn eines Tagelöhners, der ihn nach einem misslungenen Betrugsversuch fluchtartig verlassen musste) und rigider Sexualmoral ist dieselbe.

Angesichts der Originalität von THE NIGHTCOMERS, der Elemente des Dramas, des Historien-, Sex-, Geisterfilms und Psychogramms zu einer ungewöhnlichen Melange verbindet, scheint die oben wiedergegebene Kritik, die ihn lediglich in Verteidigung seiner Inspirationsquelle angreift, seltsam engstirnig. Zu allen Zeiten war es eine Funktion von Fiktion, die Fantasie ihrer Rezipienten anzuregen, sie dazu einzuladen, über den Rahmen des einzelnen Werks hinaus zu denken. Nichts anderes tut Winner (nach einem Drehbuch von Michael Hastings) hier. Der Vorwurf, eigene Ideenlosigkeit durch das Anhängen an ein erfolgreiches Werk zu kaschieren oder die Kulturtechnik des Geschichtenerzählens zur reinen Warenerzeugung verkommen zu lassen, der angesichts des aktuellen Hollywood-Trends zur kundenbindenden Franchisebildung mehr als angebracht ist, greift bei THE NIGHTCOMERS einfach nicht. Zum einen, weil er sich nicht explizit an einem Film, sondern einem literarischen Werk orientiert, zudem einem, das 1971 bereits über 70 Jahre alt war und sicherlich nicht mehr im Verdacht stand, besonders kassenträchtig zu sein. Zum anderen aber vor allem, weil Winner wirklich etwas zu erzählen hat.

Im Zentrum steht natürlich Marlon Brando als enigmatischer Mr. Quint. Im Jahr von THE GODFATHER überzeugt er in einer überaus ambivalenten Rolle, evoziert gleichermaßen Befremden, Abscheu, Sympathie und Mitleid. Die Faszination, die er auf die Kinder ausübt, überträgt sich ungebrochen auf den Zuschauer, der verzweifelt versucht, ihn zu fassen zu bekommen. Seine blecherne, fast schwache Stimme mit dem (kruden) irischen Akzent steht in krassem Widerspruch zu seinem kräftigen, in den Sexszenen beängstigenden Körper, seine Neigung zu Philosophie und Introversion kollidiert mit seiner grobschlächtigen und ordinären Art, die Zärtlichkeit im Umgang mit den Kindern findet ihr Gegenteil in der tierischen Brutalität, mit der er Ms. Jessel überfällt. Die Arglosigkeit, mit der er die Kinder an seiner Weltsicht teilhaben lässt, wirft die Frage auf, ob er sehr rücksichtslos, sehr dumm oder aber bösartig ist. Wahrscheinlich fehlte ihm selbst der moralische Kompass in Form einer verantwortungsvollen Vaterfigur. So ist Brandos Quint ein entfernter Verwandter von Büchners Woyzeck, ein Opfer gesellschaftlicher Umstände, ein aus Armut und sozialer Kälte geborenes Monstrum, das alles, was es anfasst, zerstören muss, um dann weinend und bibbernd über den Scherben seines Tuns zu stehen.

EDIT 26.06.2013: Auffällig sind die Parallelen zu Mario Bavas REAZIONE A CATENA vielleicht nur, weil ich den kürzlich gesehen habe. Ich denke aber, dass die Gemeinsamkeiten beider Filme mit ihren von den Erwachsenen erst vergessenen oder missverstandenen, dann durch ihr Tun negativ beeinflussten, zu Mördern verzogenen Kindern, auch anderen aufmerksamen Betrachtern ins Auge stechen sollten.

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