the horsemen (john frankenheimer, usa 1971)

Veröffentlicht: Juli 3, 2013 in Film
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Hoch oben auf den Gipfeln zerklüfteter, brauner Bergketten stehen die chapandaz, stolze afghanische Reiter, auf dem Rücken ihrer prächtigen Pferde, und blicken wie einsame Wächter auf die sich vor ihnen ausbreitende unwirtliche Landschaft. Ihre Anwesenheit mutet an wie eine Herausforderung, wie Trotz. Sie scheint zu sagen: „Schlag mich mit Hitze, mit Kälte, mit Staub, Stein und Trockenheit: Ich werde nicht gehen. Ich werde bleiben.“ Ihre in der Leere eines unendlichen Himmels widerhallenden Hornstöße wirken wie eine über unüberbückbare Distanzen gesendete Ermutigung an unsichtbare Leidensgenossen, es ihnen gleichzutun. „Ich bin noch hier. Du bist nicht allein.“ THE HORSEMEN beginnt mit diesen Bildern, völlig kontextlos, und etabliert sofort eine Stimmung niederschmetternder Traurigkeit angesichts menschlicher Ins-Nichts-Geworfenheit. Aber da schwingt noch etwas anderes mit: Denn wie diese uns völlig fremden Menschen mit ihrer Einsamkeit umgehen, wie sie ihr ins Auge sehen und mit trotzigem self-aggrandizement begegnen, wie sie nicht wimmernd zusammensinken, sondern umso aufrechter stehen, das nötigt Respekt ab.

Frankenheimers THE HORSEMEN spielt in Afghanistan und er wendet sich nach dieser Titlesequenz Tursen (Jack Palance) zu, dem gebrechlichen Anführer eines Reiterclans und einst legendärem chapandaz (was so viel wie „horseman“ bedeutet, obwohl es nie wirklich übersetzt wird)Für das anstehende, von keinem Geringeren als dem König in Kabul ausgetragene buzkashi, ein großes, traditionelles Reiterturnier, bei dem der größte chapandaz des Landes ermittelt werden soll, wählt er aus seinen Männern die besten aus. Während er mit fester Stimme und im vollen Bewusstsein der großen Ehre, die seine Nominierung für die Auserwählten bedeutet, die Namen der Kandidaten verkündet, wird er vom Lärm eines in der Ferne am Himmel vorbeiziehenden Düsenfliegers gestört. Sein Blick verrät eine gewisse Enttäuschung darüber, wie dieser große Moment entzaubert wird, aber mehr noch eine Ent-Täuschung: Da ist sie wieder, die nagende Gewissheit, dass längst andere Zeiten angebrochen sind, dass er und seine Männer in dem Bemühen, die alten Traditionen am Leben zu erhalten, ein aussichtsloses Rückzugsgefecht kämpfen. Tursen erinnert in diesem Moment an einen Mann, der aus einem wunderschönen Traum aufwacht und seine Rückkehr in die triste Realität mit leiser Ernüchterung zur Kenntnis nehmen muss. Für den Zuschauer indes bedeutet das Auftauchen des Düsenfliegers einen Kulturschock. Fühlte er sich zu diesem frühen Zeitpunkt des Films noch in eine Jahrhunderte zurückliegende Epoche versetzt, muss er nun feststellen, sich tatsächlich mitten in der Gegenwart zu befinden. Eine Gegenwart, die uns ihm kaum fremder erscheinen könnte.

Uraz (Omar Sharif), der Sohn des großen Tursen und ein landesweit anerkannter chapandaz, wird von seinem Vater auserkoren, auf Jihal, seinem besten Pferd, beim buzkashi des Königs anzutreten. Der Vater macht unmissverständlich klar, dass er seine Hoffnungen nicht auf den Sohn, sondern auf Jihal setzt: „Wenn du auf Jihal nicht gewinnst, gewinnst du auf keinem Pferd.“ Nach dieser Logik wählt er auch seine Belohnung: Wenn Jihal gewinnt, egal wer sein Reiter sein mag, geht das Tier in den Besitz von Uraz über. Uraz fühlt sich gedemütigt: Nicht nur, weil er die Anerkennung des Vaters vermisst, sondern auch, weil der nicht erkennen will, dass sich die Zeiten seit seinen großen Erfolgen extrem verändert haben, es ungleich schwerer geworden ist, ein Turnier zu gewinnen, bei dem nun die Reiter des ganzen Landes antreten. Es kommt, wie es kommen muss: Beim buzkashi (dessen Regeln der geneigte Zuschauer aus RAMBO III kennt) bricht sich Uraz ein Bein und landet gedemütigt in einem Kabuler Krankenhaus. Zwar gehört Jihal trotz seiner schmachvollen Niederlage ihm, weil ein anderer Reiter aus dem Clan seines Vaters auf ihm den Sieg davontrug, doch bedeutet dies nur weitere Schmach für ihn. Sofort zieht es ihn zurück in die Heimat, auch seine schwere Verletzung kann ihn nicht aufhalten. Um sich selbst und dem Vater die Tapferkeit zu beweisen und wohl auch, um sich für die Niederlage gleichermaßen zu bestrafen und zu entschuldigen, wählt er den gefährlichsten Weg über die Berge aus. Dem getreuen Diener Mukhi (David De Keyser) verspricht er in seinem Todesfall das Pferd, um ihn zum Mitkommen zu erpressen. Doch damit legt er wissend den Keim für einen schweren inneren Konflikt des mittellosen Dieners. Bald schließt sich ihnen eine Ehrlose an, die Prostituierte Zareh (Leigh Taylor-Young), die Mukhi dazu überredet, den todkranken Uraz umzubringen. Aber Uraz schlägt mit seiner eigenen Form von Grausamkeit zurück: Geld und Reichtum bedeuten ihm nichts …

Der oben erwähnte Kulturschock setzt sich für den Zuschauer zunächst fort. Frankenheimer entführt den Zuschauer mit dokumentarisch anmutender Kamera in die afghanische Hauptstadt Kabul (die man ja heute vor allem als Kriegsschauplatz kennt), einen Ort wie in einem Märchen, in dem sich Vergangenheit und Moderne die Hand geben. Während Männer in graubrauner Kleidung in geschäftigem Treiben über die Straßen wuseln, Handwerker in ihren engen Verschlägen ihrer Arbeit nachgehen, die sich seit Jahrhunderten nicht verändert hat und Schlangenbeschwörer die Neugierigen um sich scharen, fahren auch immer wieder Autos durchs Bild und zerstören die Illusion, durch ein Fenster in eine längst vergessene Zeit zu schauen. Und für die chapandaz existiert dieses moderne Kabul tatsächlich wie in einer Paralleldimension, in der eigene – für sie nicht gültige – Gesetze und Bräuche herrschen. Nur, dass die Grenze zwischen diesen Welten immer mehr verwischt, die Moderne in das Alte hineinblutet und droht, es zu verwässern, auszuhöhlen, abzutragen. Wissenschaft ersetzt Glauben und Mythen: Voller Abscheu zwingt Uraz seinen Diener dazu, ihm den Gips abzuschlagen und seine Wunde mit einer Seite aus dem Koran zu verbinden. Die moderne Welt ist reich an Verlockungen, die die Menschen schwach machen, sie in Versuchung führen, ihre Prinzipien aufzugeben. Es sind vor allem materielle Werte, das Versprechen von Besitz und Wohlstand, die eine Gefahr darstellen. THE HORSEMEN erzählt von der Zeitenwende, von alten Traditionen und Werten, die zu verschwinden drohen, aber auch vom Geld. Einmal fragt ein Nomade eine alte Frau, ob er bei einer Wette gegen Uraz gewinnen könne: „Wenn Sie um die Ehre wetten, nicht. Wenn Sie ums Geld wetten, sehr wohl.“, antwortet sie. Ehre und Geld sind zwei sich vollkommen ausschließende Dinge, einander diametral gegenüberliegende Endpunkte eines breiten Wertespektrums. Für Uraz, den Adligen, ist es eine Selbstverständlichkeit, es zu besitzen, aber es ist nichts, an dem er sich festhalten will. Ein Glitzern lodert in seinen dunklen Augen auf, wenn er alles auf ein einhörniges Schaf setzt; oder auf ein Kamel, dem bereits eine tödliche Verwundung zugefügt wurde.

Und an dieser Stelle zerbröckelt dann auch der Verdacht, es gehe Frankenheimer lediglich um ein Gegeneinander-Ausspielen von materiellem und immateriellem Besitz, von der auf ersteres gründender Moderne und aus letzterem erwachsener Vergangenheit. Denn aus Uraz‘ Gleichgültigkeit gegenüber seinem Geld erwächst ebenso eine Macht gegenüber den Besitzlosen wie aus dem Festhalten daran. Als er Zareh und Mukhi, die ihn verraten haben und ihn für sein Geld umbringen wollen, wirklich treffen will, zwingt er sie dazu, sein Geld zu verbrennen. Ihm bedeutet es nichts, sie könnten sich damit ein neues Leben aufbauen, das für sie sonst unerreichbar ist. Die Verachtung des Geldes ist ein Privileg der Reichen. Wie ein Schreiber zu berichten weiß, der für einen versuchten Diebstahl von seinem Meister geblendet wurde: Es ist ein größeres Verbrechen, einen Armen der Versuchung zum Diebstahl auszusetzen, als zu stehlen.

Frankenheimers wenig besungener, weitestgehend vergessener Film begeistert auf verschiedenen Ebenen: Als faszinierende Reise in eine fremde Welt, als bildgewaltiger Abenteuerfilm, als komplexes Porträt eines schwierigen, zerrissenen Charakters und als scharfsinnige Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus. Brillant!

Kommentare
  1. Klingt ja wirklich sehr interessant. Beim Düsenflugzeug kam mir gleich LONELY ARE THE BRAVE in den Sinn, und siehe da: Bei beiden Filmen hat Dalton Trumbo das Drehbuch geschrieben.

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