the ten commandments (cecil b. demille, usa 1956)

Veröffentlicht: Juli 7, 2013 in Film
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Dass THE TEN COMMANDMENTS nicht einfach nur Ins-Bild-Setzung der Bibelgeschichte sein darf, sondern auch Historienfilm, Huldigung und Zelebrierung eines Freiheitskampfes (der wohl besonders die Amerikaner fasziniert und inspiriert hat) sowie Monument für einen Gott sein muss, dem solche Lobpreisung doch eigentlich zuwider ist, zeigt sich gleich zu Beginn: Durch einen kostbare glitzernen Vorhang tritt Regisseur Cecil B. DeMille auf die Bühne vor dem Zuschauer, um diesen auf die kommenden knapp 220 Minuten vorzubereiten. Der alte Mann mit der Glatze, der Brille und dem Anzug sieht nicht aus wie ein Künstler, eher wie ein Verwalter, ein Notar, und so wirkt er bei seinen folgenden Worten auch seltsam verkrampft. Mit zwei Händen hält er den Mikrofonständer so fest umklammert, dass es schmerzhaft aussieht. Man hat ein bisschen Mitleid mit ihm. Sein Auftritt signalisiert zum einen die ungemeine Bedeutung, die dem folgenden Film zukommt, auch zukommen soll, zum anderen kommt man aber nicht umhin, auch einen apologetischen Unterton zu bemerken. THE TEN COMMANDMENTS darf nicht für sich allein stehen, er braucht erst die Erklärung. Der Zuschauer muss vorbereitet werden, auf das, was folgt, damit er es richtig einordnen kann. Und irgendwie scheint da sogar die Angst des Regisseurs mitzuschwingen: Nicht nur vor dem möglichen Flop, der ein finanzielles Desaster bedeuten würde, sondern vor einer göttlichen Strafe. DeMilles Film widerspricht doch einigermaßen deutlich dem Gebot des Herrn, sich kein Bild von ihm zu machen, das auch im Film immer wieder zur Sprache kommt und bei Nichtbeachtung drakonische Strafen für die Sünder nach sich zieht.

Dieser Einstieg dürfte einer der seltsamsten der großen Hollywood-Studioproduktion jener Zeit sein: die ganze Situation mit dem sich erkärenden Filmemacher wirkt gestellt und gestelzt – warum hat DeMille überhaupt ein Mikrofon? – und seine Ansprache unterminiert den immersiven Charakter seines Films total, indem er dessen Gemachtheit von Anfang an mitdiskutiert. Und es ist ein krasser Stilbruch, einen solch bombastischen Film, in dem Millionen dafür ausgegeben wurden, die Zeit des Alten Testaments glaubwürdig auf die Leinwand zu bringen, mit einer solch bürokratischen Nummer zu eröffnen. Dann aber passt es auch wieder wie die Faust aufs Auge: Das Christentum entpuppt sich in THE TEN COMMANDMENTS als immens freudlose Religion, der „liebe“ Gott als grausamer, humorloser Popanz, seine Jünger als schrecklich schuldbewusste Büßerfiguren, denen es unmöglich scheint, zu lachen. Und wie würde meine eine solche Religion besser ins Bild setzen, als mit einem strengen, akribischen, ehrfürchtigen und aufgeblasenen Film, in dem nur wenig Liebe zum Ausdruck kommt, aber dafür viel Angst, Strenge, Selbstaufgabe, Leidensbereitschaft und Selbstgeißelung?

THE TEN COMANDMENTS ist ein pompöser, bunter, ausufernder und ausschweifender Film (und dabei ungleich unterhaltsamer als etwa der ähnlich größenwahnsinniger CLEOPATRA), aber er ist eben auch ungemein grausam. Es scheint geradezu Volkssport zu sein, die Erstgeborenen mit einem Todesurteil zu belegen, und die Aussage DeMilles, THE TEN COMMANDMENTS handele von einem inspirierenden Freiheitskampf, ist vor diesem Hintergrund durchaus zynisch. Die Ägypter sind grausame Herrenmenschen, um keine Niedertracht verlegen, aber wenn die braven Hebräer Gelegenheit bekommen, es ihnen gleichzutun, lassen sie sich diese Chance auch nicht entgehen. Moses‘ Eifer, der Ingrimm, mit dem er die Aufgabe, Gottes Willen durchzusetzen, ausführt, ist kaum weniger furchteinflößend. Auch wenn die Charaktere in den Dialogpassagen gewohnt pathetische Worte finden, um ihre emotionale Aufruhr auszudrücken, sich über weite Strecken in dekorativem Leid suhlen: In ihrer Brust scheinen steinerne Herzen zu schlagen, stehen sie dem Massenmord, als der sich die Geschichte präsentiert, doch seltsam ungerührt gegenüber. Der Gipfel ist dann die gnadenlose Bestrafung, die Gott den Hebräern angedeihen lässt, als sie es wagen, ein ausschweifendes Fest am Fuße des Berg Sinai zu feiern. 40 Jahre lang lässt er sie ziellos durch die Wüste irren, bis die „schuldige“ Generation vollkommen ausgestorben ist. Das ist alles nicht unbekannt, logischerweise, aber so ungerührt, wie es hier dargeboten wird, fällt es einem wie Schuppen von den Augen, wie unendlich grausam dieser Gott ist, wie wenig Freude er bringt oder auch nur gönnt. Charlton Heston, der Inbegriff des disziplinierten Asketen, ist da natürlich der ideale Religionsstifter. Es ist eine spannende Frage, worin die Attraktivität dieser Religion liegt, warum auch Christen diesen Film als adäquate Umsetzung der biblischen Gedanken begreifen (in den USA wird er seit 1973 vom Sender ABC jedes Jahr zu Ostern ausgestrahlt; als er 1999 einmal nicht gezeigt wurde, hagelte es so viele Beschwerde- und Protestanrufe wie nie zuvor in der Geschichte des Senders). Ganz außer Frage steht natürlich, dass THE TEN COMMANDMENTS eine Sternstunde des Monumentalkinos ist, ein beeindruckendes Zeugnis aus einer Zeit, als man noch verstand, wie man klotzt. Die Bauten und Kostüme und die schier überwältigende Menge an Statisten wären heute wahrscheinlich gar nicht mehr zu finanzieren. Der visuelle Pomp, mit dem DeMille diese große Geschichte inszeniert hat, verhält sich zum heutigen wie die Kronjuwelen zu billigem Modeschmuck. Egal, wie man am Ende zu THE TEN COMMANDMENTS steht, allein deshalb sollte man ihn wenigstens einmal gesehen haben. Und die Szene, in der Gott das Rote Meer teilt, ist eh nicht weniger als Filmgeschichte.

Kommentare
  1. HomiSite sagt:

    Ich glaube, ich habe den Films niemals am Stück gesehen, zumindest nicht in einem relfexionsfähigen Alter. Daher steht er für mich „nur“ für Feiertagsprogramm im Fernsehen und eben megalomanische Szenen wie die Teilung des Toten Meeres. Und Yul Brynner (sinngemäß: „Das Herz des Pharaos ist aufs Neue verstockt“ und „Sein Gott ist Gott“)!

    • Oliver sagt:

      Ich konnte mich auch an Szene mit der Teilung des Meeres erinnern, weiß aber nicht mehr, ob ich die im Rahmen des Filmes oder als Ausschnitt in einer DOku gesehen habe. Dass ich als Kind 3 1/2 Stunden vor dem Fernseher gesessen habe, um mir dieen Film anzusehen, halte ich für ausgeschlossen. Schau ihn dir ruhig mal an. Auf Blu-Ray sieht er natürlich fantastisch aus und er schafft es auch sehr gut, seine Laufzeit zu füllen, ohne dass es einem wie eine Ewigkeit vorkommt.

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