ulzana’s raid (robert aldrich, usa 1972)

Veröffentlicht: Juli 8, 2013 in Film
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Ich kann auf eine lange Geschichte mit ULZANA’S RAID zurückblicken. Ich habe den Film schon relativ früh gesehen – vielleicht früher als ich ihn hätte sehen sollen. Damals haben mich seine Darstellungen indianischer Grausamkeiten geschockt. Vielleicht war ULZANA’S RAID mein erster Kontakt mit dem Konzept von Splatter. Dabei ist er nicht übermäßig grafisch in seinen Gewaltdarstellungen (aber genug, sich angesichts der Freigabe ab 12 zu wundern), aber was er zeigt – und wie – das hinterlässt eine starke Wirkung. Aldrich gelingt es ausgezeichnet, eine Ahnung von unaussprechlichem Leid zu vermitteln, eine tief sitzende Angst vor dem, was er nicht zeigt. Eine Ahnung davon, dass es Dinge geibt, die sich mit unserem aufgeklärten westlichen weltbild nicht vertragen. Die roh, grausam und ursprünglich sind. Die wir nicht begreifen können, aber akzeptieren müssen. „Hassen Sie die Apachen?“, fragt der junge Lieutenant Garnett DeBuin (Bruce Davison), Sohn eines Priesters, gerade frisch aus der Militärakademie gekommen und voller falschem Idealismus, den erfahrenen Scout und Apachenkenner Macintosh (Burt Lancaster). „Nein. Das wäre, als würde man die Wüste dafür zu hassen, weil sie kein Wasser hat.“ Manche Dinge sind einfach so, wie sie sind. Auch wennes wehtut, das zugeben zu müssen.

Der mit seinem Stamm in einem Reservat in Arizona eingepferchte Apachen-Häuptling Ulzana (Joaquin Martinez) stiehlt eines Nachts einige Pferde und geht mit seinen Männern auf Kriegspfad. Um ihn einzufangen und die Leben der im Gebiet lebenden Siedler zu retten, wird eine Truppe unter der Führung des jungen unerfahrenen DeBuin zusammengestellt. Ihm zur Seite stehen der alte Apachenkenner Macintosh und der Apachen-Scout Ke-Ni-Tay (Jorge Luke). Als sie unterwegs auf die Spuren der Blutlust der Apachen stoßen, gerät vor allem DeBuin mit seinem christlich geprägten Weltbild an die Grenzen seiner Toleranz. Doch auf der Jagd nach dem gerissenen Indianer sind feurige Emotionen fehl am Platz …

Man könnte ULZANA’S RAID für „indianerfeindlich“ halten: Ulzana und seine Männer gehen mit sadistischem Einfallsreichtum gegen ihre Opfer vor und kennen keine Gnade beim Stillen ihrer Blutlust. Und Aldrich nimmt sich viel Zeit, diese Grausamkeit in Wort und Bild als Fakt zu etablieren. Doch geht es ihm dabei nicht etwa darum, die Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner zu rechtfertigen, Indianer als vertierte Untermenschen oder dergleichen zu zeichnen. Die Lehre, die man aus seinem Film mitnehmen kann, ist aber deswegen kaum weniger beunruhigend: Es gibt Menschen, deren Wertesysteme sind von den unsere so verschieden, dass es gar keinen Sinn macht, sie daran zu messen. Die Apachen trifft keine „Schuld“: Ja, Ulzana und seine Männer müssen für ihre Verbrechen bezahlen, aber sie unter Rückgriff auf christliche Moralvorstellungen mit Vokabeln wie „böse“ zu schlagen, geht am Kern der Sache vorbei. Das Problem besteht überhaupt erst, wenn zwei solchermaßen entgegengestellte Parteien aufeinandertreffen. Und hier wird der schwarze Peter dann an die Amerikaner weitergereicht: Ihnen gehört dieses Land nicht, sie haben kein Recht dazu, über eine Zivilisation zu richten, die sich über Jahrhunderte völlig eigenständig entwickelt hat. Man kann ein Kriegervolk nicht in ein Reservat stecken und darauf hoffen, dass sie sich mit diesem Leben arrangieren. Burt Lancaster, als weiser Scout ebenso in sich ruhend wie die sonnengesengte Landschaft, fungiert als alter ego des Regisseurs: ohne Illusionen darüber, wozu Menschen fähig sind. Aber auch ohne über diese Erkenntnis zum Misanthropen zu werden. Als DeBuin angesichts der sich häufenden Gräueltaten einen missionarischen Feuereifer an den Tag zu legen beginnt und seine Männer beschimpft, weil sie einen Apachen-Leichnam schänden wollen, antwortet Macintosh nur: „Was sie nicht wollen, ist dass Ihre Männer sich wie Apachen verhalten. Es lässt die klaren Linien ihres Auftrags verschwimmen.“ Das Bedürfnis, die Welt in Gut und Böse zu teilen, ist letztlich ein Problem des Subjektivismus. Man steht ja selbst immer auf der Seite der Guten.

Ich halte ULZANA’S RAID für eines von Aldrichs ausgesprochenen Meisterwerken. Während des Vietnamkriegs erscienen ist er vielleicht sein politisch radikalster Film, aber unabhängig von diesem zeitlichen Kontext ein verdammt wichtiger, wenn auch kein leichter. Dem Glauben an das Gute im Menschen bereitet er ebenso harsch ein Ende wie dem Glauben daran, dass ein Zusammenleben über die Grenzen aller Kulturen hinweg möglich sei. Ich habe oben die happigen Gewaltdarstellungen des Films erwähnt. Eine Szene hat mich damals, als Kind, wohl am meisten beeindruckt und auch heute noch finde ich sie in ihrer schonungslosen, aber ehrlichen Härte absolut niederschmetternd: Ein Soldat soll eine Kutsche zum Reservat eskortieren. Darauf befinden sich ein Siedlerin und ihr vielleicht zwölfjähriger Sohn, der Mann ist zurück auf dem Grundstück geblieben. Als die Indianer die Pferde erschießen, die die Kutsche ziehen, beginnt die Mutter panisch nach dem Soldaten zu rufen: „Lassen sie mich nicht zurück!“ Der Soldat macht kehrt, reitet im Galopp auf die Kutsche zu, der sich die Indianer nähern, zieht den Revolver – und schießt der Frau in den Kopf, um sie vor dem Unvermeidbaren zu bewahren. Er schnappt sich den Sohn und reitet davon, dann wird das Pferd unter ihm erschossen. Voller Eile sucht er auf dem Boden nch seiner Waffe, er findet sie, nimmt den Lauf in den Mund und bläst sich das Hirn weg, bevor die Indianer ihn erreichen. Belustigt über seiner Feigheit machen sie sich überseinen Leichnam her, stechen mit ihren Messern auf ihn ein, fördern ein blutiges Stück Fleisch zutage und werfen es sich unter Gelächter zu. Eine Szene, die man nicht vergisst. ULZANA’S RAID ist voll solcher unvergesslicher Szenen.

 

Kommentare
  1. Chrisch sagt:

    Ich wollte den Film just in meine Sammlung aufnehmen, als mir auffiel, dass es diverse Fassungen gibt.

    Meine letzte Sichtung liegt bestimmt schon zehn Jahre zurück und ich könnte nicht mehr mit Sicherheit sagen, welche Fassung ich gesehen habe.

    Welche würdest du mir empfehlen?

    Es scheint eine Lancaster-, Aldrich- sowie eine WDR-Langfassung zu geben. Ab ob die Aldrich-Fassung tatsächlich der Director’s Cut ist, vermag ich nicht zu sagen.

  2. Oliver sagt:

    Wikipedia sagt: „There are two cuts of the film because Burt Lancaster helped to produce the movie. One version was edited under the supervision of Aldrich, the other by Lancaster. There are many subtle differences between the two although the overall running times are similar and most of the changes involve alterations of shots or lines of dialogue within scenes.“

    Ich würde die deutsche DVD kaufen, die den Aldrich-Cut und mithin den Director’s Cut enthält (das war meines Wissens auch die Fassung, die früher immer im Fernsehen lief). Aber alle anderen liegen ja eh nicht digital vor, wenn ich das richtig sehe.

  3. Hernandez sagt:

    Der Wiki Eintrag irrt.
    Es gab damals fürs Kino 2 Fassungen, das heißt neben der von Aldrich erstellten Fassung (103 Min) die in den USA im Kino lief, gab es auch noch eine von Lancaster abgesegnete Version (101 Min), die in Europa ins Kino kam. Beide unterscheiden sich, trotz ähnlicher Laufzeit, durch eine ganze Reihe von Szene und Teilen von Szenen. Der WDR hat dann 1986 aus beiden Fassungen eine inoffizielle Langfassung von ca 111 min gebastelt, und neue Stellen aus dem Aldrich Cut mit denselben Sprechern nachsynchronisiert. Und diese lief seitdem überwiegend im deutschen TV, während die Universal DVD dann den Aldrich Cut erstmals nach Deutschland brachte.

    Obwohl man wohl den Aldrich Cut als den DC betrachten muß, und länger nicht immer besser ist, halte ich die WDR Fassung für die klar beste Version des Films.
    Aber die wird es wohl nicht auf die neue Blu schaffen, weil für die Lancaster Version kein HD Material vorliegt.

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