the taking of pelham 123 (tony scott, usa/großbritannien 2009)

Veröffentlicht: Juli 16, 2013 in Film
Schlagwörter:, , , ,

Die Änderungen, die Regisseur Tony Scott und Drehbuchautor Brian Helgeland, gegenüber der Erstverfilmung von John Godeys Roman, Joseph Sargents eiskaltem THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE, vorgenommen haben, sind geringfügig, aber markant. Sie zeigen auch, wie sich die öffentliche Wahrnehmung und staatliche Handhabung einer die Grenze zum Terrorismus beschreitenden Geiselnahme in den letzten 40 Jahren (vor allem natürlich im Jahrzehnt nach 9/11) verändert haben – und welche unheilvolle Bedeutung dem Finanzwesen heute zukommt. Sargents Adaption war im weitesten Sinne dem Heist- und dem Polizeifilm verpflichtet: Es ging um den Coup einiger typischer Profis und ihre Ergreifung durch die akribische Polizeiarbeit des stoischen Ermittlers Garber (Walter Matthau). Eher am Rande thematisierte Sargent die Angst einer Stadt, deren Schicksal von der Gnade eines Verbrechers abhängt, zeigte, dass es damals keinen Präzedenzfall für ein Verbrechen der gezeigten Dimension gab, keinerlei verlässliche Routine in seiner Aufklärung. In Scotts mit dem Begriff „Remake“ nur unzureichend beschriebenen Film (in der Titlesequenz beruft er sich direkt auf den zugrundliegenden Roman, nicht auf Sargents Film) handelt es sich beim Oberschurken um einen ehemaligen Wall-Street-Mann, dem die Erpressung der Stadt New York nur Mittel zum eigentlichen Zweck ist: Er spekuliert auf einen großen Börsencrash in der Folge seines Verbrechens, der ihm die eigentlichen dicken Gewinne bescheren soll. Ihm gegenüber steht mit Garber nicht länger ein Polizist, sondern ein wegen Korruptionsverdacht in Ungnade gefallener Bahnbeamter, in dem der Gangster einen Verbündeten zu sehen glaubt. Und so sehr es letztlich die persönliche Verbindung der beiden ungleichen, aber doch verwandten Männer ist, die das Ende des Geiseldramas herbeiführt, so deutlich wird doch, wie sich die Vorzeichen eines solchen Coups durch Überwachungstechnologie und Vernetzung sowie einen aufgerüsteten Krisenapparat verändert haben.

Bei Letzterem wird natürlich sofort hellhörig, wer sich in den vergangenen Jahren mit Scotts Werk beschäftigt hat: Auch THE TAKING OF PELHAM 123 hat sie wieder, diese unzähligen Aufnahmen von Bildschirmen und den Männern, die vor diesen sitzen, um die Bilderflut zu analysieren, aus ihnen das herauszufiltern, was nicht zu sehen ist. Der Protagonist – und seine Helfer, aber auch seine Feinde, ja, eigentlich alle – ist bei Scott stets Medie-Interpret, -Übersetzer, -Psychologe und -Archäologe mit dem Problem, ein Zuviel an irrelevanter oder auch einnader widersprechender Information zur Verfügung zu haben. Information ist bei Scott immer nur Information zur Information. Das letzte Puzzlestück, des Rätsels Lösung, findet sich nicht auf den Bildschirmen, in den Telefongesprächen, auf den Tonbändern und Zeitungsausschnitten. Es liegt am Ende doch beim Menschen oder vielmehr zwischen ihnen, in einem Blick oder einem hingeworfenen Satz. Das Problem eines dicht gewebten Informationsnetzes: Das, was durch die Maschen rutscht, wird immer kleiner, seine Kraft dadurch aber immer größer.

THE TAKING OF PELHAM 123 ist ein Hochglanz-Thriller, der auch ohne tiefschürfende Exegese bemerkenswert rund läuft, vor allem aber wieder mal ein Film, in dessen raffinierte Bilder man stundenlang abtauchen möchte. Von den krassen Schnittgewittern eines MAN ON FIRE oder – extrem bis zur Unverständlichkeit – DOMINO ist Scott schon seit einigen Jahren abgekommen. Die Fragmentierung interessiert ihn nicht mehr, jetzt sucht er wieder innerhalb der Bilder nach dem tieferen Sinn. Passend zu seinem Thema, das sich vielleicht abstrakt als das Wechselverhältnis von Schärfe und Unschärfe beschreiben lässt, zeigt er hier wie per Sofortbild gestochen Scharf aus dem Strom der Zeit isolierte Gestalten vor in der Bewegung sich verflüchtigenden Hintergründen, wirft immer wieder den Blick durch mit Wassertropfen benetzte Scheiben, die das, was dahinter liegt, mit einem zarten Schleier bedecken. Und dann natürlich: Menschen, die auf Menschen auf Bildschirmen starren, oder auf blinkende Lichter auf einer elektronischen Karte, die irgendetwas bedeuten, aber doch nichts verraten. Am Ende sind die USA auch nur eine Hightech-Version des Wilden Westens, in dem der Bad Guy und der Good Guy ihren Konflikt im Duell austragen müssen. Und dabei fliegen dann ordinäre Kugeln und fließt das gleiche Blut wie seit Jahrhunderten.

Kommentare
  1. […] later den beiden letzten Filmen des im letzten Jahr leider verstorbenen Tony Scott angenommen. „The Taking of Pelham 123“ und […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.