unstoppable (tony scott, usa 2010)

Veröffentlicht: Juli 16, 2013 in Film
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Durch die Unachtsamkeit eines Bahnmitarbeiters rast ein führerloser, mehrere hundert Meter langer und mit hochexplosiven Chemikalien beladener Zug auf eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes zu. Zur gleichen Zeit befinden sich der alte Zugführer Frank (Denzel Washington) und der neue Schaffner Will (Chris Pine) auf Kollisionskurs. Nachdem sie dem Tod haarscharf entgangen sind, begeben sie sich auf eine Verfolgungsjagd: Ihr Ziel ist es, den außer Kontrolle geratenen Zug einzuholen, mit ihrer Lokomotive anzudocken und ihn so zu bremsen …

Man kann sich darüber streiten, ob Tony Scotts letzter Film ein passender Abschluss einer leider vorzeitig beendeten und oft nicht genug gewürdigten Regielaufbahn ist. Mit den Hightech-Thrillern, die Scotts Filmografie seit den mittleren Neunzigerjahren bestimmten, hat UNSTOPPABLE herzlich wenig zu tun. Die einzige offenkundige Anbindung an sein Werk ist die Mitwirkung seines Lieblingsschauspielers Denzel Washington, der  in 4 der letzten 5 Filme Scotts die Hauptrolle übernahm. Passend zu seinem Sujet ist UNSTOPPABLE ungemein geradlinig, läuft von der ersten Sekunde zielstrebig auf sein Finale zu, wird dabei wie der führerlose Zug immer schneller, entwickelt einen immer stärkeren Sog. Keine Tricks, keine Twists, keine Verschwörungen oder technischen Gimmicks: Nur ein Zug und zwei Typen, die den Tag retten wollen, weil sie die einzigen sind, die dazu noch in der Lage sind. Und weil es irgendwie auch ihr Job, ihre Pflicht ist. Ja, auch hier gibt es die obligatorische Kommandozentrale mit ihren zahlreichen Bildschirmen, Telefonen, ein- und ausgehenden Updates, die Blicke auf den Fernseher mit seinen News-Flashes. Aber diese Elemente sind hier eher der Genrekonvention geschuldet – UNSTOPPABLE entspringt der in den Siebzgerjahre geprägten Tradition des Katastrophenfilms, der sich ja nicht nur Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Feuersbrünsten,  Fluten und Stürmen, sondern auch abstürzenden Flugzeugen, sinkenden Schiffen und eben außer Kontrolle geratenen Zügen widmete –, weniger Scotts persönlicher Obsession. Sie sind ein nötiges Handlungselement, nicht selbst Thema. Hier rückt stattdessen etwas in den Mittelpunkt, was bei Tony Scott oft von der Technik an den Rand gedrängt wird: der Mensch. Und insofern ist UNSTOPPABLE dann vielleicht als eine Art erklärender Exkurs, als Kommentar, Fußnote zum eigentlichen Textkorpus zu verstehen: Alle schöne und nützliche Technik nutzt uns nichts, wenn es keine Menschen gibt, die verantwortungsvoll damit umgehen. Irgendwann versagen alle tollen Hightech-Gadgets und dann liegt es an zwei gottverdammten Eisenbahnfahrern, die Kohlen aus dem Feuer zu holen.

Die trotz aller Spannung nicht ganz von der Hand zu weisende Enttäuschung über die Simplizität von UNSTOPPABLE ist bei mir irgendwann totaler Euphorie gewichen. Gibt es etwas Schöneres, Erhebenderes als diesen „Alltagsheroismus“, dem Scott hier ein Denkmal errichtet? Zwei Arbeitern dabeizuzusehen, wie sie ihr Leben riskieren, ohne jedes Kalkül, ohne Selbstherrlichkeit und falsches Pathos, um eine Katastrophe zu verhindern, die sie persönlich ja nicht trifft? Einfach, weil sie Menschen sind, die es als ihre Pflicht ansehen, das Leben anderer Menschen, die genauso gewöhnlich sind wie sie selbst, zu retten. Dieser vermeintlich banale Katastrophen-Thriller ist plötzlich gar nicht mehr so banal, sondern im Gegenteil überaus profund. Er ist voller Liebe und wenn man ihn sich ansieht, mit zunehmend feuchteren Augen, dann begreift man, dass es keine Alternative zur Solidarität gibt. Jeder könnte ein Opfer sein. Und ein Held. Vielleicht gibt es Filme, die geeigneter sind, zu zeigen, was für ein Filmemacher Tony Scott war. Aber wenn man wissen will was für ein Mensch Tony Scott war, dann muss man UNSTOPPABLE sehen.

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Schöner, schnörkelloser Film. Scott´s Tod hat mich ziemlich mitgenommen, obwohl ich weiss Gott nicht sein
    grösster Fan war. Aber da war ich fassungslos. Ich mochte „True Romance“ und „The Last Boy Scout“.
    Und „Deja-Vu“ fand ich überirdisch schön. Wäre toll wenn du über den was schreiben würdest.

  2. Ghijath Naddaf sagt:

    Ah, besten Dank für die Links. Kannte ich nicht.

  3. Dennis Neiss sagt:

    Mit Tony Scott konnte ich vor einigen Jahren so gut wie gar nichts anfangen. Mittlerweile gehört er zu meinen Lieblingsregisseuren. „Revenge“, „Top Gun“, „Days of Thunder“ – alles großartige Filme.

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