twilight’s last gleaming (robert aldrich, usa/deutschland 1977)

Veröffentlicht: Juli 23, 2013 in Film
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O! say can you see
by the dawn’s early light,
What so proudly we hailed
at the twilight’s last gleaming,
Whose broad stripes and bright stars
through the perilous fight,
O’er the ramparts we watched,
were so gallantly streaming?
And the rockets’ red glare,
the bombs bursting in air,
Gave proof through the night
that our flag was still there;
O! say does that star-spangled
banner yet wave,
O’er the land of the free
and the home of the brave?

So lautet die erste Strophe der US-amerikanischen Nationalhymne, „The Star-Spangled Banner“, die Thomas Scott Key im Jahre 1814 verfasste. Bei den Kriegshandlungen, die er mit so seltsam blumigen Worten beschreibt, handelt es sich um den Britisch-Amerikanischen Krieg, der von 1812 bis 1814 tobte. Genauer bezieht er sich auf die Nacht vom 13. auf den 14. September, als die britische Marine Fort McHenry im Hafen Baltimores unter schweren Beschuss nahm. Seine Ode an die amerikanische Flagge, jenen Star-spangled Banner eben, drückt die Freude des Dichters darüber aus, dass eben jene am Morgen nach den beschriebenen Angriffen noch immer über dem Fort wehte, die USA also nicht vor den Briten kapituliert hatten. Die Formulierung „Twilight’s last gleaming“, der Aldrichs Film seinen Titel verdakt, bezieht sich im Kontext der Hymne zunächst auf nichts anderes als den vorangegangenen Abend: Am Vorabend wehte die Flagge noch, aber auch im Morgengrauen („The dawn’s early light“) ist sie noch zu sehen. Als Titel von Aldrichs Film nimmt sie natürlich eine weitere, apokalyptischere Ebene an: Nicht bloß die vergangene Dämmerung ist gemeint, jene Dämmerung also, in der mit den USA noch alles in bester Ordnung war, seine Werte noch Bestand hatten, noch kein Fremder sie korrumpiert hatte, sondern tatsächlich die letzte Dämmerung, in der also die Welt, so wie wir sie kennen, untergehen wird. Beide Lesarten verschränken sich in Aldrichs Film zu einer wenig freudigen Bestandsaufnahme.

Der in Ungnade gefallene Ex-General Lawrence Dell (Burt Lancaster) bricht mit drei Häftlingen aus dem Gefängnis aus und erobert ein Atomraketensilo in Montana, an dessen Konstruktion er selbst beteiligt war. Er bringt die Raketen, die allesamt auf Ziele in der Sowjetunion gerichtet sind, in seine Gewalt und wendet sich mit seinen Forderungen an den US-Präsidenten Stevens (Charles Durning), einen volksnahen Mann. Er will nicht nur 10 Millionen Dollar, sondern auch die Veröffentlichung von Geheiminformationen über den Vietnamkrieg aus einer Sitzung, an der Dell einst selbst beteiligt war. Das Volk soll über die wahren Hintergründe des Krieges aufgeklärt und nicht länger getäuscht werden …

Dell nimmt in Aldrichs Film gewissermaßen die Rolle des Patrioten Thomas Scott Key ein. Doch dessen unbändige Freude über das Wehen der amerikanischen Flagge ist bei Dell der Ettäuschung darüber gewichen, dass die Werte, die sie einst repräsentierte, bereits hoffnungslos augehöhlt sind. Das Volk wird belogen und mutwillig getäuscht, die Politik verfolgt nur noch die eigenen schmutzigen Ziele, Idealisten wie er werden aus dem Weg geräumt und öffentlich zerstört. Wenn das Land sowieso schon ruiniert ist, es sein „last gleaming“ eigentlich bereits erlebt hat, dann kann man es auch ganz zerstören, es in einem grellen Feuerball – ebenfalls einem „letzten Glimmen“ also – untergehen lassen. Oder ihm eben mit diesem Ende drohen, um es wieder zur Besinnung zu bringen. Tatsächlich findet Dell in Präsident Stevens einen Verbündeten, der nach dem Studium jener Geheimakten, deren Inhalt Dell veröffentlicht sehen will, beschließt, dass die Zeit für einen Paradigmenwechsel in der Politik gekommen ist, sie sich wieder als Diener des Volkes begreifen muss, nicht als sein Gegner. Doch weder Dell noch Stevens haben damit gerechnet, dass solche Entscheidungen längst nicht mehr von einzelnen Personen abhängen. Dass auch der Präsident nur noch eine Sockenpuppe ist, die gegebenenfalls aus dem Weg geräumt wird, wenn sie das Spiel, über dessen Regeln stillschweigende Einigkeit besteht, nicht mehr mitspielen will. „Twilight’s Last Gleaming“, das Ende der Welt, bleibt am Ende aus. Aber jenes andere letzte Glimmen, jenes, das vom Ende Amerikas als einem freiheitlichen Staat des Volkes kündet, ist nicht mehr zu leugnen.

TWILIGHT’S LAST GLEAMING erschien in Deutschland in einer rund 25 Minuten kürzeren Schnittfassung, die seit einiger Zeit auch auf Blu-Ray erhältlich ist. Es handelt sich nicht im eigentlichen Sinne um eine geschnittene, sondern lediglich um eine alternative Fassung, dennoch meine ich, dass man dem Film die fehlenden Passagen ungut anmerkt. Es mag vielleicht auch daran liegen, dass ich TWILIGHT’S LAST GLEAMING wieder einmal in zwei Etappen geschaut habe, aber ich meine, dass sein Rhythmus einfach nicht stimmt: Nach überproportional viel Aufbau und einem nur kurzen Mittelteil folgt dann recht abrupt das Finale. Die Motivationen der beiden Protagonisten bleiben dabei leider etwas schwammig. Sie verkommen zu Sprachrohren einer Botschaft, werden als Menschen nicht wirklich greifbar. Hinzu kommt die Statik des Films. Aldrich kehrt zu der kammerspielartigen Form von THE BIG KNIFE, THE LEGEND OF LYLAH CLARE oder auch THE KILLING OF SISTER GEORGE zurück, siedelt die Handlung bis auf wenige Ausnahmen in zwei abgeriegelten Innenräumen ab. Das ist insofern konsequent, als es ja gerade darum geht, dass global bedeutende Entscheidungen unter völligem Ausschluss jener Öffentlichkeit, die von ihnen in erster Linie betroffen ist, gefällt werden. Dass Aldrich diese Statik dann aber durch den Einsatz von Splitscreens auflöst, ist ein zweifelhafter Schachzug und im Gegensatz zu THE LONGEST YARD auch ästhetisch nur mäßig überzeugend gelungen. Lediglich in einer Sequenz, als eine Zündung der Raketen erst in letzter Sekunde abgewendet wird, erfüllt sie eine erzählerische Funktion, bietet sie einen echten Mehrwert. Ansonsten scheint sie lediglich ein gimmickhafter Ersatz für die ungleich weniger Aufmerksamkeit heischende Paralellmontage. Nein, ich fand TWILIGHT’S LAST GLEAMING unangenehm steif, unelegant und irgendwie leer. Vielleicht revidiere ich meine Meinung nach einer weiteren Sichtung (dann am Stück). Bis dahin behalte ich ihn vor allem wegen seines deprimierenden Endes, der kreativen Titelgebung und der schönen Besetzung – neben den Genannten agieren Richard Widmark, Joseph Cotten, Melvyn Douglas, Paul Winfield, Burt Young, Aldrich-Regular Richard Jaeckel sowie William Smith und BLACULA-Hauptdarsteller William Marshall – in einigermaßen guter Erinnerung. Schade, ich hatte mich so auf den Film gefreut.

Kommentare
  1. david sagt:

    Erst einmal vielen lieben herzlichen Dank für deine wunderbare Robert-Aldrich-Retrospektive, die ich stets begierig verfolgt habe, jedoch mangels Kenntnis der meisten Filme kaum je sinnvoll kommentieren konnte. Deine Besprechungen haben auf jeden Fall Lust auf mehr gemacht! Meine To-Do-Liste ist mittlerweile stark angewachsen, und du bist daran schuld 😉
    TWILIGHT‘S LAST GLEAMING habe ich im März geschaut, eben zu seiner deutschen DVD-Premiere. Während der Sichtung war ich mir stellenweise nicht sicher, was ich von dem Film halten soll. Die Splitscreens sind teilweise in der Tat… nun ja, ziemlich „cheesy“. Und der Handlungsstrang zur ominösen Sitzung, wo die Motivationen Dells vielleicht plastischer und deutlicher würden, ist wohl als erster der Schere zum Opfer gefallen, wodurch der Erzählrhythmus in der Tat merkwürdig ist. Andererseits hat der Film doch genug spannende Momente und das Kammerspielartige entwickelt eine faszinierende klaustrophobische Atmosphäre. Über die tollen Darsteller muss ja nichts gesagt werden. Leer erscheint er mir hingegen nicht: wie das Aushandeln über die richtige Form der Demokratie im Film präsentiert wird, ist zwar fast schon etwas naiv, zugleich aber auch sehr konsequent (und konsequent pessimistisch). TWILIGHT‘S LAST GLEAMING stellt sehr fundamental die Frage, wie Demokratie funktionieren sollte. Aldrich nannte diesen Film seinen Beitrag zum 200. Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung. Er wäre eigentlich auch eine sehr schöne Diskussionsgrundlage für ein Politikwissenschafts-Seminar zu politischer Theorie in den USA. Den Anfang der Diskussion mit der Entschlüsselung des Titels hast du ja schon eingeleitet 😉
    Gemäß ofdb- und imdb-Beiträge soll es auch einen 104-Minuten und sogar einen 85-Minuten-Cut des Films geben, die bestimmt noch „amputierter“ erscheinen als die 113-Minuten-Fassung. Ich hatte gehofft, dass du die integrale Fassung des Films gesehen hast, die jedoch offenbar schwer zu kriegen ist. Vor wenigen Tagen lief er (unter der vielleicht etwas unglücklichen Bezeichnung „director‘s cut“) beim Filmfest München. Vielleicht besteht ja also doch noch Hoffnung, dass der Integral-Cut eines Tages besser erhältlich sein wird.
    P.S.: ich merke gerade, dass die DVD die Doku „Aldrich over Munich“ enthält, die vielleicht das eine oder andere Erhellende dazu sagen kann, warum es verschiedene Fassungen gibt.

    • Oliver sagt:

      Freut mich, dass dir die Aldrich-Retro gefällt! Freu dich auf die Filme, die du noch sehen wirst. Zu TWILIGHT’S LAST GLEAMING: Ich finde den Film auch nicht schlecht, eben nur schlechter als viele andere Filme von Aldrich. Damit ist er immer noch „gut“. Dass ich ihn als unbefriedigend empfand, liegt ja nicht zuletzt daran, dass mir seine Prämiss sehr gut gefällt. Vielleicht sieht meine Meinung bei Zweitsichtung schon wieder ganz anders aus. Die integrale Fassung des Films ist übrigens sehr wohl erhältlich: In den USA ist die Blu-Ray meines Wissens nahezu zeitgleich zur deutschen erschienen.

      • david sagt:

        Seit einiger Zeit strecke ich durchaus meine Fühler nach Aldrich-Filmen aus. KISS ME DEADLY, BABY JANE und THE DIRTY DOZEN (letzterer aber vor laaaaaanger Zeit gesehen) kannte ich schon, den tollen APACHE habe ich dank deines Rundumschlags dann nachgeholt… ich suche weiter!
        Zur Integralfassung von TWILIGHT’S LAST GLEAMING, die letzten November in den USA erschienen ist: die hatte ich in der Tat übersehen (ofdb ist nicht immer das aktuellste). Danke für den Tipp!
        Gibt es dann eigentlich nach der letzten Besprechung ein Abschluss- bzw. Fazit-Posting? Eins mit einer Präferenz-Rangliste?

      • Oliver sagt:

        Darüber denke ich noch nach. Ich tue mich mit Listen immer schwer und bei Fleischer habe ich damals auch keine gemacht. Kann aber sein, dass ich es mir diesmal anders überlege. Die Filme tatsächlich in eine gerechte Reihenfolge zu bringen, erscheint mir etwas zu aufwändig, aber vielleicht sortiere ich sie in verschiedene „Qualitätsgruppen“ oder so.

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