big daddy (dennis dugan, usa 1999)

Veröffentlicht: August 6, 2013 in Film
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Ich hatte anlässlich von Sandlers Quasi-Debüt als Hauptdarsteller BILLY MADISON schon einmal angedeutet, dass der Reiz seines Werkes nicht zuletzt darin besteht, die Entwicklung und „Reifung“ seiner Persona über bislang rund zwei Jahrzehnte zu verfolgen. Der in der arrested development gefangene, sich dem Erwachsenwerden vehement widersetzende Spätzwanziger des Frühwerks geht heute stramm auf die 50 zu (Sandler ist Jahrgang ’67) und hat das Leben als orientierungsloser Chaot längst gegen eines als fürsorglicher, finanziell gut dastehender Familienvater eingetauscht. BIG DADDY ist eine bedeutende Etappe auf dem Weg dorthin. Nachdem Sandler in den Filmen zuvor gelernt hatte, wie man sein eigenes Leben in den Griff bekommt und sich einer ernsthaften Liebesbeziehung öffnet, muss er hier nun in die ungleich verantwortungsvollere Vaterrolle hineinwachsen.

Sonny Koufax (Adam Sandler) hat zwar einen Juraabschluss, aber Arbeiten ist ihm eindeutig viel zu anstrengend. Lieber gammelt er den lieben langen Tag auf der Couch herum und verprasst das Geld, das ihm nach einem Unfall von der Versicherung ausgezahlt worden war. Nicht alle sind mit seinem Lebenswandel einverstanden: Für seinen Vater (Joseph Bologna) ist Sonny ein Gammler, eine einzige Enttäuschung, und seine langjährige Freundin Vanessa (Kristy Swanson) hat auch die Nase voll von seine mangelnden Bereitschaft, erwachsen zu werden. Als sie ihn verlässt, zählt für Sonny nur, sie zurückzugewinnen. Aber wie beweist er ihr, dass er bereit ist, sich zu ändern? Die Lösung steht eines Tages in Form des fünfjährigen Julian von der Tür. Er ist der Sohn von Sonnys Freund Kevin (Jon Stewart), das Ergebnis eines One Night Stands, an den der sich schon nicht mehr erinnern kann. Und weil Kevin gerade außer Landes ist, nimmt sich Sonny unter falschem Namen des Jungen an. Was für ihn zunächst nur willkommenes Mittel zum Zweck ist, wird ihm bald schon lieb und teuer. Aber daraus erwachsen neue Probleme. Nicht nur ist es mit Liebe allein nicht getan in der Kindeserziehung, auch stellt sich bald die Frage: WOhin mit dem Jungen?

Zusammen mit Stammautor Tim Herlihy und Regisseur Dennis Dugan widmet sich Sandler einem weiteren Komödienstandard: dem Single, der die zweifelhaften Vaterfreuden entdeckt. Julian ist für Sonny erst einmal eine nette Abwechslung und irgendwie ganz niedlich, solange er keine Arbeit macht. Da wird der Pissfleck im Bett einfach mit Zeitungen zugedeckt und bis 3 Uhr durchgemacht, wenn das Kind nicht schlafen will. Schnell lernt Sonny aber, dass die Kindererziehung ein Vollzeitjob ist, dem eigene Interessen hinten angestellt werden müssen. Doch auch als Sonny das begriffen hat, ist er noch kein vollwertiger Vater. Vater zu sein bedeutet nämlich nicht nur, den Alltag zu meistern und das Kind gewissermaßen bei Laune zu halten, sondern auch unangenehme Entscheidungen zu treffen, Werte zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass der kleine Mensch im positiven Sinne ein Mitglied der Gesellschaft werden kann. In der Erziehung des kleinen Julian lernt Sonny so auch sich von eigenen schlechten Angewohnheiten zu trennen, seinem Leben eine Richtung zu geben, Strukturen zu schaffen und so ein Vorbild für den Jungen zu werden, anstatt ihn zu einem Abbild des eigenen Versagens zu machen. Und er widmet sich dieser Aufgabe mit wachsendem Enthusiasmus. Findet er erst einen Draht zu dem Jungen, indem er ihm jeden Wunsch erfüllt – und ihn in der Folge zwar zu einem glücklichen, aber auch sehr sonderlichen Kind verzieht –, erkennt er bald die Bedeutung von Regeln und einem moralischen Kompass. BIG DADDY ist dabei ebenso witzig (Rob Schneider und Steve Buscemi haben köstliche Nebenrollen abbekommen) wie anrührend, ohne jemals in die Niederungen des affirmativen Gesinnungskinos abzugleiten. Das ist vor allem Sandlers angeborener, auch hier intakter Respektlosigkeit und seinem kritischen Bewusstsein geschuldet: Gesellschaftliche Normen werden nie blind übernommen, sondern vorher auf Herz und Nieren geprüft. So bewegt er sich nicht als braver, angepasster Duckmäuser, um reibungslose Integration bemüht, durch die Welt, vielmehr in ständiger Konfliktbereitschaft. Konfliktbereitschaft heißt in dem Fall nicht störrische Misanthropie: Das wird in seiner Beziehung zu Kevins Gattin (Leslie Mann) deutlich, mit der ihn eine heißblütige Hassliebe verbindet. Am Ende jedoch sind beide bereit, ihre Differenzen zu vergessen und den anderen für die Unbeugsamkeit der Meinung zu respektieren.

Das Finale von BIG DADDY verdient gesonderte Betrachtung. Wie oft in Filmen dieser Art finden sich die Protagonisten vor Gericht wieder. Sonny will das Sorgerecht für Julian erstreiten, die Behörden sehen in ihm indes einen Kidnapper, der sich des Kindes unter Vorspielung falscher Tatsachen bemächtigt hat. Zwar überzeugt Sonny die Anwesenden von seinen auschließlich guten Absichten und seiner Befähigung, für Julian zu sorgen – sogar seinen Vater –, doch natürlich kann das Gesetz seinem Wunsch nicht entsprechen. Aber das ist dann auch nicht weiter schlimm: Julian kommt bei Kevin unter, Sonny wird ihm freundschaftlich verbunden bleiben und seine Lektion fürs Leben hat der einstige Hallodri auch gelernt. Mit seiner neuen Flamme Layla (Joey Lauren Adams) steht er vor einer neuen Beziehung und dem Abenteuer, sein eigenes Kind großzuziehen. Das ist deshalb bemerkenswert, weil genügend Filme dem Zwang der Affektbefriedigung erlegen wären und Sonny und Julian gegen jede Realität zu Vater und Sohn gemacht hätten. Sandler hat das nicht nötig.

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