punch-drunk love (paul thomas anderson, usa 2002)

Veröffentlicht: August 8, 2013 in Film
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PUNCH-DRUNK LOVE ist der Film in Sandlers Werk, den sonst vehemente Sandler-Verächter als die eine ruhmreiche Ausnahme von der Regel ins Feld führen. Da spielt also Sandler, jenen Verächtern Inbegriff des glattgebügelten, zynischen Mainstreamkinos, in einem Film mit, den alle signifier als „Kunst“ und somit als das krasse Gegenteil seiner eigenen Erzeugnisse ausweisen. Inszeniert wurde er (nach eigenem Drehbuch) von Paul Thomas Anderson, einem Filmemacher, der sich mit seinen Filmen den Ruf eines mavericks alter Prägung, eines Außenseiters und Querdenkers, sprich: eines Künstlers with a capital k, erarbeitet hat, der in einem System geprägt von Mitläufern und fantasielosen Geschäftsleuten – da schließt sich der Kreis – ebenfalls die ruhmreiche Ausnahme von der Regel ist. PUNCH-DRUNK LOVE ist ein schöner Film, das muss ich als jemand, der P. T. Anderson für einen aufgeblasenen Popanz hält, zugeben. In seinem programmatischen Besetzungscoup zeigt sich zwar, was ich an Andersons Kino so ätzend finde, und dass nicht einmal diese zarte Liebesgeschichte ohne den in seinem Werk allgegenwärtigen, niederdrückenden sense of dread auskommt, finde ich auch sehr symptomatisch, aber ich versuche mal nicht zu viel zu meckern, denn wie gesagt: Das ist mit Abstand Andersons bester Film.

Barry Egan (Adam Sandler) ist Single und angehender Geschäftsmann. Er leidet still an seiner Einsamkeit, die durch seine Rolle als einziger Mann unter acht Geschwistern noch verstärkt wird. Seine herrischen Schwestern haben mit der Gängelei des Bruders nie aufgehört, mischen sich bei jeder Gelegenheit in sein Privatleben ein und demütigen ihn vor Fremden, ohne zu bemerken, welchen Schaden sie damit verursachen. Seine Frustration entlädt sich in ungerichteten Wutausbrüchen (womit die direkte Verbindung zu Sandlers Persona geknüpft ist), die direkte Konfrontation vermeidet Barry aus Angst. Das ändert sich, als er Lena (Emily Watson) kennenlernt, die Arbeitskollegin einer seiner Schwestern. Zwischen den beiden fragilen Geschöpfen entspinnt sich eine zarte Romanze, die jedoch in Gefahr gerät. Eine Bande von aggressiven Betrügern hat es nämlich auf Barry abgesehen und macht auch vor tätlichen Angriffen nicht halt …

Anderson entwirft zunächst das Bild eines Entfremdeten: Barry hockt in den frühen Morgenstunden an seinem Schreibtisch, mitten in einer kargen, nackten Halle, und schlürft aus seinem übergroßen Kaffeebecher. Die drückende Stille wird von dem aus der Ferne herüberdröhnenden monotonen Rauschen des Berufsverkehrs unterstrichen. Barry telefoniert, und wie wir seinen Worten entnehmen können, geht es dabei um irgendeine Coupon-Aktion irgendeines Lebensmittelherstellers. Barry bricht das Telefonat abrupt ab, als folgte er einer inneren Eingebung, und tritt aus dem Gebäude. Draußen graut der Morgen, kein Mensch ist auf der Straße, Barry ist allein. Die Ruhe wird nach einem Schnitt jäh durchbbrochen. Ein heranrasendes Auto überschlägt sich mehrfach, kommt genau vor Barry zum Stehen. Ein Mann – sein Gesicht bleibt unsichtbar – steigt aus, stellt ein kleines Piano ab, steigt aus und fährt wieder. Barry dreht sich um und geht.     Wenig später begegnet ihm Lena (Emily Watson). Sie überlässt ihm ihre Autoschlüssel, damit er ihren Wagen für sie in der noch geschlossenen Werkstatt nebenan abgibt.  Wenig später wird Barry eine weitere Eingebung packen. Er wird zur Straße rennen, sich umsehen, das noch immer dort herumstehende Piano packen und mit ihm zurück in seine Firma rennen. Es ist der Anfang einer wundersamen Verwandlung eines Lebens, das bis hierhin jedes Wunder vermissen ließ. In ihrer Kollision von Magie bzw. Horror und Alltagstristesse erinnert die ganze Anfangssequenz etwas an David Lynch. Das karge Gewerbegebietssetting, in dem es ständig dröhnt und wummert, wirkt wie eine geschönte, in die Realität hinübergerettete Version der Industriebrachen aus ERASERHEAD. Wie dessen Protagonist Henry Spencer läuft auch Barry wie auf Eiern und steht sich selbst wie einem Rätsel gegenüber. Warum er einen royalblauen Anzug trägt, weiß er nicht, die Ursache seiner Heulanfälle bleibt ihm verschlossen, den Demütigungen seiner Schwestern begegnet er mit masochistischer Duldsamkeit. Er ist so sehr Opfer seiner Ängste und Zwänge, dass er unfähig ist, diese zu erkennen, geschweige denn aus ihnen auszubrechen. (Später zitiert Anderson dann sein anderes großes Vorbild Robert Altman und benutzt einen Shelley-Duvall-Song aus dessen POPEYE sehr prominent.) Erst durch die Bekanntschaft mit Lena wird er befähigt, sich zu ändern. Und das bekommen vor allem die Gauner zu spüren, die eine einmalige Unachtsamkeit gnadenlos ausnutzen und an sein Geld wollen.

Dieser Subplot bringt dann zwar die dramatische Zuspitzung, die der Film wahrscheinlich braucht, aber sie wirkt dennoch forciert und ist ein Beispiel für das Menschenbild Andersons, dass mich vor allem in THERE WILL BE BLOOD so wahnsinnig angekotzt hat. Sein Lieblingsschauspieler Philip Seymour Hoffman gibt einen seiner typischen Schmierlappen, muss die märchenhafte Stimmung, die PUNCH-DRUNK LOVE in der zweiten Hälfte aufbaut, mit der Erinnerung stören, dass es ja auch echte Arschgeigen auf der Welt gibt. Überhaupt ist sie ihren beiden Protagonisten überaus feindlich gesinnt und ich frage mich schon, ob Anderson die Welt tatsächlich so sieht, oder ob seine ätzende Misanthropie nur gespielt ist, weil sie Zuschauer anzieht. Außerhalb des Zweierpärchens aus Barry und Lena gibt es keinerlei Verbündete, niemand, der sich für sie interessieren oder ihnen auch nur zuhören würde. Wo man hinsieht, regieren Oberflächlichkeit, Täuschung, Betrug, Niedertracht, Egoismus. Alles ist karg, hässlich und leer. Das heißt, nicht alles: Die Ahnung von Schönheit und Glück legt sich kaum merklich und sanft über die Bilder, wie das rosafarbene Leuchten am Morgenhimmel, aber sie werden von niemandem bemerkt (so wie der Marketingfehler der Lebensmittelfirma, der Barry zu Flugmeilen-Reichtum verhilft), weil alle mit irgendeinem Mist beschäftigt sind. Die Liebe hat es durchaus so an sich, dass ihre „Opfer“ gerade zu Beginn zu einem gewissen dualen Solipsismus neigen, und Anderson fängt das Gefühl, dass es außerhalb des Anderen nichts mehr gibt, sehr schön ein. Man glaubt PUNCH-DRUNK LOVE mehr als anderen Romanzen, dass diese beiden Menschen qua Bestimmung zusammengehören. Der Wandel, der sich mit Barry vollzieht, wird nicht vom Drehbuch telegrafiert, er ist sichtbar und fühlbar. Die Liebe Lenas hat etwas mit ihm angestellt, er ist nicht mehr derselbe. Aber echte, unbedingte Wärme kann Anderson einfach nicht aufbringen. Gegen diesen Mangel spielen Sandler und Watson zwar aufopferungsvoll, aber auch etwas vergeblich an. Am Ende sind Barry und Lena zwar glücklich, aber irgendwie auch Gefangene ihrer kleinen Seifenblase. Das ist eine legitime Sicht der Dinge, vielleicht auch eine wahre, aber für mich ist das nicht lebbar. Vielleicht muss das aber auch gar nicht so sein. Vielleicht ist es eine Sicht der Dinge, wie sie Barry und Lena einnehmen müssen, weil sie als „Sonderlinge“ abgestempelt sind. Jedem das seine. Aber ich kann mir einfach nicht helfen: Ich habe bei Anderson einfach immer das Gefühl, dass er seine Protagonisten vorführt und ein Spiel mit dem Zuschauer treibt.

 

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