anger management (peter segal, usa 2003)

Veröffentlicht: August 12, 2013 in Film
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Große Film-Komiker zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine Persona entwickelt haben, die mit jedem Film, den sie ihrem Werk zufügen, wächst, ohne dass sie sie dafür größeren Veränderungen unterziehen müssten. Sie haben sozusagen eine Nische besetzt, die mit jedem kleinen Detail, das sie ihr zufügen, größer wird. So konnte etwa Charlie Chaplin Hitler parodieren und trotzdem der Tramp bleiben. Adam Sandler etablierte schon sehr früh seinen liebenswerten Slacker, den die eigene Trägheit, die Zufriedenheit mit wenigen kleinen Annehmlichkeiten, in seiner Position gefangenhielt und ihn in Konflikt mit seiner Umwelt – meist den Frauen – brachte, die ein Erwachsenwerden einforderten. Eine wichtige Eigenschaft waren immer seine Tendenz zu cholerischen Anfällen und unkontrollierbaren Wutausbrüchen, die Sandler jedoch recht unterschiedlich einsetzte: Manchmal hinderte sie seine Figuren am Erfolg (HAPPY GILMORE), dann wieder war sie der Schlüssel zu eben jenem (THE WATERBOY). Mit ANGER MANAGEMENT rückt diese wichtige Eigenschaft nun ganz ins Zentrum eines Films. Unter der Regie von Peter Segal ist eine Art Sandler-Metafilm entstanden, der die Persona des Komikers ganz entscheidend erklärt. DIes gelingt ihm spannender- wie bezeichnenderweise jedoch nicht durch Wiederholung und Erklärung des Bekannten, sondern gerade durch eine Art Kontrastierung.

Dave Buznik (Adam Sandler) ist ein braver, zurückhaltender Mann. Seit er im jüngsten Teenageralter eine schlimme öffentliche Demütigung erfahren hat, fällt es ihm nicht nur schwer, seiner Freundin Linda (Marisa Tomei) einen Kuss zu geben, wenn andere Menschen anwesend sind, sondern auch, sich Gehör zu verschaffen oder sich zur Wehr zu setzen. Als er sich in einem Flugzeug einer wenig aufmerksamen Stewardess gegenüber sieht und verzweifelt und höflich versucht, von ihr beachtet zu werden, wird er zu seiner Überraschung mit dem Vorwurf konfrontiert, aggressiv zu sein. Die Situation eskaliert ohne sein bewusstes Zutun und so wird Dave wenig später vor Gericht zu einem Anger-Management-Kurs bei dem eigenwilligen Psychologen Dr. Buddy Rydell (Jack Nicholson) verurteilt. Dave hält das ganze für einen schlechten Scherz, einen großen Irrtum, und ist überzeugt, auch seinen Therapeuten ohne Probleme davon überzeugen zu können. Doch der denkt nicht daran, seinem Patienten diesen Gefallen zu tun, vielmehr treibt er ihn förmlich zur Weißglut. Nach einem weiteren Unfall sieht sich die Justiz zudem gezwungen die Strafe zu verschärfen: Nun hat der arme Dave den verrückten Buddy in einem Intensivkurs 24 Stunden lang am Hals …

Der Geniestreich dieses Films besteht darin, den bekannten Sandler-Charakter einer seiner sonst wichtigsten Eigenschaften zu berauben, den Film dann genau um diesen Mangel zu stricken und damit die Sandler-Persona zu kontextualisieren und zu charakterisieren. Genügte in seinen älteren Filmen oft der kleinste Anlass, um ihn förmlich explodieren zu lassen, ist Buznik noch nicht einmal dann in der Lage, auch nur seine Stimme zu heben, wenn ihm offensichtlich Unrecht geschieht. Mit einer Engelsgeduld steckte er alles ein, immer darauf bedacht, bloß keinen größeren Konflikt vom Zaun zu brechen. Der Witz von ANGER MANAGEMENT scheint zunächst in einer Art Verwechslung zu bestehen, nämlich jener, dass man den friedliebenden Buznik für einen Menschen mit Aggressionsproblemen hält: Die Therapie Buddys ist so seiner Meinung nach nicht nur unnötig und sinnlos, sie löst die Aggressionen, die sie ja eigentlich besänftigen soll, überhaupt erst aus. Dave fühlt sich grotesk missverstanden, doch jeder Versuch, die Menschen um ihn herum davon zu überzeugen, dass er mitnichten aggressiv ist, prallen wirkungslos an ihnen ab. Wie in einem Roman von Kafka bestätigt alles, was er tut, ihr sowieso schon bestehendes Urteil, festigt den Eindruck, den er zu korrigieren angetreten ist. Bald wird jedoch klar, dass Buddy einem präzisen Plan folgt: Das Problem Daves besteht nämlich nicht in einem einmaligen Gerichtsirrtum, sondern darin, dass er unfähig ist, Aggressionen überhaupt zu zeigen, sich zu erlauben, wütend zu sein. So befindet er sich in jedem Konflikt automatisch in der Opferrolle und sein Gemütszustand gerät immer mehr aus den Fugen. Und Buddy ist angetreten, das zu ändern. Sein ganzes Verhalten zielt nur darauf ab, Dave dazu zu bringen, endlich den befreienden Wutasubruch auszulösen, den dieser schon viel zu lange zurückhält. Für Dave heißt die Therapie nämlich, nicht nicht, sondern eben im richtigen Moment wütend zu sein. „Anger Management“ bedeutet nicht, den Zorn zu vermeiden, sondern ihn einzusetzen. So hilft ANGER MANAGEMENT auch, die Adam-Sandler-Persona zu verstehen: Ihre Ausbrüche sind Teil einer nötigen Selbsthygiene, die nicht schadet, sondern nützt, sofern sie kontrolliert erfolgt. Üblicherweise müssen Sandlers Helden es lernen, den Zorn zurückzuhalten, sich zu bändigen, um in der Gesellschaft weiterzukommen und nicht unangenehm aus dem Rahmen zu fallen. Segal kommt aus der anderen Richtung: Er muss Sandler lehren, wütend zu sein, damit er ein ganzer Sandler sein kann.

ANGER MANAGEMENT ist natürlich auch wegen Nicholsons Anwesenheit einer der stärksten Filme des Komikers. Gastauftritte von John Turturro als cholerischer Ex-Knacki und Luis Guzman als effiminiertem puerto-ricanischem Homosexuellen schaden ebenfalls nicht. Rundum toll!

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