50 first dates (peter segal, usa 2004)

Veröffentlicht: August 15, 2013 in Film
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Henry Roth (Adam Sandler) ist Tierpfleger in einem Zoo auf Hawaii und nebenbei passionierter Schwerenöter. Unwillig, eine echte Liebesbeziehung einzugehen, angelt er sich mit Vorliebe Touristinnen für kurze Romanzen, die er dann unter fadenscheinigen Begründungen wieder beendet, sobald es ernst wird. Denn eines ist klar: Dieser Henry versteht sich auf Frauen und schafft es mühelos, jeder den Kopf zu verdrehen. Das geht so lange, bis er in einer kleinen Bar Lucy (Drew Barrymore) kennenlernt. Bei ihm funkt es sofort, er spricht sie an, kommt mit ihr ins Gespräch, der Funke springt über. Nach ihrem angeregten Gespräch gehen die beiden mit dem Versprechen auseinander, sich am nächsten Tag wiederzusehen. Wie verabredet wartet Henry am nächsten Tag auf Lucy, doch die erkennt ihn überhaupt nicht, reagiert auf seine Annäherung abweisend und aggressiv und behauptet, ihn noch nie gesehen zu haben. Wie sich herausstellt, hat Lucy nach einem Unfall ihr Kurzzeitgedächtnis verloren. Alles, was sie erlebt, hat sie am nächsten Tag wieder vergessen. Und ihr Vater Marlin (Blake Clark) und ihr Bruder Doug (Sean Astin) halten für sie die Illusion aufrecht, jeder Tag sei jener letzte Tag, an den sie sich noch erinnern kann, der Tag ihres Unfalls. Fest entschlossen, mit Lucy zusammenzusein, beschließt Henry sie jeden Tag aufs Neue zu erobern, in der Hoffnung, dass sie sich irgendwann an ihn erinnern werde …

Nach THE WEDDING SINGER wäre es geradezu fahrlässig gewesen, die unzweifelhaft vorhandene Chemie zwischen Adam Sandler und Drew Barrymore nicht für einen weitere romantische Komödie zu nutzen. Und unter der Regie von Peter Segal gelingt das Kunststück, an die Leichtfüßigkeit und Herzlichkeit jenes Vorgängers anzuknüpfen. 50 FIRST DATES mutet zunächst wie ein kleiner Sidestep in Sandlers homogener Filmografie an: Sein sonst sehr breit angelegter Hauptcharakter tritt hier etwas zurück, um Raum für Drew Barrymores Lucy zu machen, die fast gleichberechtigt neben ihm steht. Sonst entscheidende Charaktereigenschaften der Sandler-Persona sind abwesend: Es fehlen seine cholerischen Anfälle, seine Unbedarftheit und Naivität weicht einer gewissen „Abgezocktheit“, die hier der einzige Ausdruck einer gewissen geistigen Unreife ist. Aber anders als andere Sandler-Charaktere leidet er unter dieser Unreife nicht, sie behindert ihn auch nicht. Eigentlich scheint er recht zufrieden mit seinem Leben. Bis ihm Lucy förmlich dazwischenkommt.

Normalerweise tangieren mich RomComs überhaupt nicht, Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich fühle mich von dieser Art Film immer benutzt und ihre Protagonisten gehen mir mit ihrem klinisch-sauberen Erfolgsleben mit dekorativ platzierten Minineurosen meist auf die Nerven. Ihr finales Liebesglück verschafft mir nur sehr selten Freude. Ich sehe die Welt einfach nicht so wie diese Filme: Ich habe durchaus einen Sinn für Romantik, aber ich bin kein Träumer. Langweilige Menschen werden wahrscheinlich eher nicht spannender dadurch, dass sie jemanden finden, der sie so nimmt, wie sie sind. Ihr Liebesglück ist kein Anlass zur Freude, sondern zur Trauer. Damit erfolgt eher die Lizenz zur gemeinsamen Stagnation. Wieder zwei „Angekommene“, wieder zwei Verlorene. Das ist bei 50 FIRST DATES anders. Die Verbindung Henrys mit der im Grunde genommen behinderten Lucy beruht ja auf einem echten Wagnis – und der Film schließt dann auch auf einem Segelschiff, mitten im arktischen Meer, wohin die beiden eine Expedition unternehmen – gemeinsam mit ihrem Kind! Segals Film entlässt einen durchaus mit einem guten Gefühl, aber da schwingt mehr als nur ein gewisses Unbehagen mit. Der Film ist so rührend, wie er gleichzeitig tieftraurig ist. Einerseits ist der Gedanke, nur erste gemeinsame Tage zu erleben, den Thrill der Eroberung, des ersten Kusses immer wieder zu erleben, sehr reizvoll. Und es ist natürlich unheimlich romantisch, dass Henry diese Mühe auf sich nimmt, wissend, dass alles was er für Lucy tut, am nächsten Tag vergessen ist, sofern er es nicht dokumentiert. Aber hier bekommt der Film deutliche Schlagseite. Es scheint schlechterdings nicht möglich, unter den gegebenen Voraussetzungen eine ernste Beziehung mit Lucy zu führen, geschweige denn eine Familie mit ihr zu gründen. Einige Szenen des Films spielen in einer Heilanstalt, in der mehrere Menschen mit Gedächtnisverlust behandelt werden. Sie sind dort dauerhaft stationiert und das zeigt, dass sie pflegebedürftig sind, und zwar mehr als jemand mit einer Erkältung. Wie kann Lucy eine Mutter sein, wenn sie sich an eine gemeinsame Vergangenheit mit ihren Kindern gar nicht erinnern kann? Wie kann sie Entscheidungen für die gemeinsame Zukunft treffen, wenn sie Konsequenzen nicht kennt? Und wie kann man ihr als Partner die Zukunft betreffende Entscheidungen überhaupt zumuten? Es geht nicht. Damit 50 FIRST DATES also nicht als tragisches Psychogramm einer zum Scheitern verurteilten Liebe wahrgenommen wird, muss Segal seine Geschichte in eine Sandler-typische Märchenwelt verlegen. Hawaii ist ziemlich nah dran am Paradies, unter strahlend blauem Himmel, zwischen immergrünen Palmen, an weißen Sandstränden und türkisfarbenem Meer, da wo jede Musik ein verführerisches, schmeichelndes Säuseln ist, scheint vieles möglich. Und so findet sich dann doch noch die Möglichkeit, den Film in das Werk des Komikers einzugliedern. Seine Beziehung zu Lucy ist eine ihm vom Schicksal oder von göttlicher Vorsehung aufgetragene Aufgabe. Sie jeden Tag aufs Neue davon überzeugen zu müssen, der Richtige für sie zu sein, jede Nacht aus ihrer Erinnerung getilgt zu werden, nur um am nächsten Morgen wieder bei null anfangen zu müssen, jeder Möglichkeit beraubt zu sein, „Kredit“ bei ihr anzusammeln, ist eine Art, Abbitte für seinen bisherigen verantwortungslosen Lebenswandel abzulegen. Während er in seinem Dasein als Hallodri jede Beziehung beendete, sobald sie ihm zu Ernst wurde, während er seine „Opfer“ danach aussuchte, wie leicht er sie würde loswerden können, geht er nun eine Partnerschaft ein, in der die Verhältnisse dauerhaft umgedreht sind. Es gibt keine Lorbeeren, auf denen er sich ausruhen könnte. Jeden Tag muss er ihr beweisen, dass er der Mann ist, mit dem sie zusammensein will. Man kann sich diese Prämisse leicht als Stoff einer schwarzhumorigen Gruselgeschichte im Rahmen einer Serie wie TALES FROM THE CRYPT etc. vorstellen.

Dass das Wohlgefühl überwiegt, ist wieder einmal den Figuren geschuldet. Sandler hat erneut seine Clique um sich geschart, die 50 FIRST DATES die entspannte Atmosphäre eines Treffens mit alten Freunden verleiht. Außerdem gibt es einige interessante Gedanken zum Erinnern und Vergessen: Als Lucy während der obligatorischen Krise (die hier ausnahmsweise einmal nicht durch Fehlverhalten des Mannes verschuldet wird) mit Henry Schluss machen will, kontert er das sehr nachvollziehbar damit, dass sie ihn am nächsten Tag ja eh vergessen habe, mithin auch nichts mehr von einer Trennung wisse. Doch sie ist darauf vorbereitet: Sie habe ein Buch geführt, in dem sie über jedes Treffen mit ihm geschrieben habe. Um ihn vergessen zu können, muss sie sich an ihn erinnern. Es sind auch diese kleinen Einfälle, die 50 FIRST DATES zu einem großen Film machen.

Kommentare
  1. Schlombie sagt:

    Die Szene, die du am Schluss erwähnst, ist meiner Meinung auch mit eine der wichtigsten, muss die Geschichte doch, auch als Märchen erzählt, tragische Momente aufweisen um zu funktionieren. Um so schöner fand ich es, dass Sandler der Kniff gelungen ist in einer meiner liebsten Szenen sehr gekonnt Drama mit Komik zu verbinden, und das ist wenn Sandlers Charakter trauernd die Beach Boys auf hoher See hört und dabei gleichzeitig schimpfend den Mann verflucht, der ihm die CD zum Abschied geschenkt hat. Hier ist Mitfühlen und lautes Lachen so nah beieinander wie man es nur selten im Genre der RomCom erleben darf. – Mir fällt übrigens gerade auf, dass es auch jener kurze Moment ist, in welchem Sandler den sonst so oft von ihm gespielten Choleriker doch für einen sehr kurzen Augenblick aufleben lässt.

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