the intruder (roger corman, usa 1962)

Veröffentlicht: August 20, 2013 in Film
Schlagwörter:, ,

In den Fünfzigerjahren hatte sich Corman den Ruf eines erfolgreichen und vor allem fleißigen Regisseurs und Produzenten von an Teenies gerichteter Drive-in-Ware erarbeitet. Allein im Jahr 1957 inszenierte er sage und schreibe 9 Filme, von denen etwa NOT OF THIS EARTH auch heute noch Bestand hat. 1960 drehte er innerhalb von zweieinhalb Tagen und mit einem Budget von 30.000 Dollar THE LITTLE SHOP OF HORRORS, einfach nur, weil er es konnte (und eine Wette gewinnen wollte). Sein MACHINE GUN KELLY brachte ihm die Aufmerksamkeit der französischen Filmkritik ein, in den USA nahm man ihn jedoch erst mit dem Erfolg des am Ende siebenteiligen Poe-Zyklus wirklich Ernst. Unterschieden sich die für Samuel Z. Arkoffs AIP produzierten Adaptionen des amerikanischen Dichters vor allem in ihrer Eleganz und visuellen Pracht von Cormans oft im Eiltempo und unter semiprofessionellen Bedingungen heruntergekurbelten B-Movies, blieben sie doch seiner Vorliebe für Genrestoffe doch treu. Mit THE INTRUDER befreite sich Corman dann zum ersten Mal von den Limitationen des Genrekinos und inszenierte ein Drama, das zu seiner Zeit einige politische Sprengkraft barg. Bezeichnenderweise war es auch der erste Film der Regisseurs, der sein Geld nicht wieder einspielte: Man mag das auch als Beleg dafür sehen, wie sehr er seiner Zeit mit dem Film voraus war. Verständlich, dass Corman – der mindestens genauso sehr Geschäftsmann wie Künstler war und ist – THE INTRUDER als misslungen betrachtet. Das Thema habe ihm zu sehr am Herzen gelegen, um es mit mehr Zurückhaltung zu bearbeiten, er sein zu messagelastig, zu preachy. Natürlich kann dieser Film seine aufklärerische Intention nicht verhehlen, doch nicht nur verglichen mit heutigen Holzhammerwerken ist er ein Musterbeispiel der Ambivalenz, das es nicht nur für Corman-Enthusiasten unbedingt wiederzuentdecken gilt.

Kurz nachdem die neuen Integrationsgesetze erlassen worden sind, kommt Adam Cramer (William Shatner) in das verschlafene Südstaatennest Caxton. Vordergründig wirkt er freundlich, zivilisiert und höflich, doch er führt Böses im Schilde: Sein Ziel ist es, den noch immer virulenten Hass der Rassisten und die Unsicherheit der gemäßigten Bürger gegenüber der neuen Gleichberechtigung für eine Revolution gegen die neue Gesetzgebung zu nutzen. Und er hat Erfolg mit seinen Predigten und Gewaltaufrufen: Als die Teenagerin Ella, Tochter des liberalen Zeitungsmannes Tom McDaniel (Frank Maxwell), behauptet, von einem schwarzen Mitschüler sexuell belästigt worden zu sein, bildet sich ein Lynchmob vor dem Schulgebäude …

Wie alle wirklich faszinierenden und herausfordernden Filme lässt uns auch THE INTRUDER mit einigen unserer Fragen allein. Wer dieser Adam Cramer ist, woher er kommt und was genau sein Plan ist, wird niemals geklärt. Er selbst beruft sich mehrfach auf eine politische Organisation, in deren Diensten er handle, doch nie liefert Corman einen Beleg dafür, dass Cramer tatsächlich von dieser Organisation beauftragt wurde oder sie überhaupt existiert. Aus dem Nichts taucht er mit dem Bus in der Stadt auf, in einem weißen Anzug gekleidet, und beginnt wie ein Mephistopheles im Vertreterkostüm seine Intrigen zu spinnen. Das freundliche Lächeln verlässt dabei niemals sein Gesicht. Der Film trägt den Charakter einer Parabel: Als sei dieser Cramer kein Mensch, der auf eigene Rechnung handelt, sondern eine Aufgabe, die der Stadt von einer quasigöttlichen Entität gestellt wird und die sie zu bewältigen hat. Corman geht es darum zu zeigen, dass Rassismus nicht an Orte und Personen gebunden ist, sondern dass sich die menschliche Gesellschaft immer wieder der Herausforderung stellen muss, ihm entgegenzutreten, ganz gleich, in welcher Form er sich auch zeigen mag. Am Ende wird Cramer vertrieben, er hat versagt, seine Intrigen sind fehlgeschlagen. Aber nichts hindert ihn daran, es an einem anderen Ort noch einmal zu suchen. Oder dass ein anderer es an seiner Stelle in Caxton versucht. Die Freiheit muss immer aufs Neue verteidigt werden.

Dem Selbstvorwurf Cormans, er sei zu idealistisch und preachy gewesen, als er THE INTRUDER drehte, muss ich entschieden widersprechen. Der Pragmatismus, den Corman als Geschäftsmann stets an den Tag legte, zeigt sich auch hier, wenn er eben nicht an einen hehren Humanismus der Rassisten appelliert, sondern gerade an ihre nationalistischen Gefühle: Er versucht gar nicht erst, sie – wahrscheinlich eh vergeblich – davon zu überzeugen, dass Schwarze gleichberechtigt sind; er fordert von ihnen lediglich, sich an bestehende Gesetze zu halten, das US-amerikanische System, das sie zu ehren vorgeben, zu respektieren, auch wenn es bedeutet, gegen eigene Überzeugungen zu verstoßen. Der Rassismus, der jahrhundertelang systematisch war, ist am Ende des Films nicht besiegt. Es liegt noch ein langer Weg vor den Bürgern Caxtons, bevor sie sich daran gewöhnt haben, dass die Schwarzen denselben Gehsteig benutzen und dieselbe Schule besuchen. Aber ein erster Schritt ist gemacht.

THE INTRUDER zeichnet sich neben seinem kongenialen Story-Entwurf, William Shatners gruseliger Darstellung eines gar nicht mal unsympathischen Rattenfängers und eindrücklicher Bilder etwa einer Ku-Klux-Klan-Versammlung vor allem durch seine unterschwellige Stimmung einer amorphen Bedrohung aus. Mehr als der offen gezeigte Rassismus seiner schurkischen Figuren erschreckt der tief verankerte Alltagsrassismus, der sich wie unischtbarer Dunst über die gesamte Stadt legt: die verunsicherten Blicke der weißen Passanten, wenn ihnen ein Schwarzer über den Weg läuft; die Selbstverständlichkeit, mit der ihnen das Wort „nigger“ über die Lippen kommt. Hier sieht man auch, wie aktuell Cormans Film damals war, dass er von Umständen erzählt, die damals noch akut waren: Man spürt, dass seine Darsteller mit dem Wort „nigger“ vertraut sind, es in ihrer Verwendung noch keinen ellenlangen Appendix von Metabedeutungen – bedingt etwa durch Hip-Hop und Gangsterfilme – hinter sich her zieht. THE INTRUDER ist auch deshalb so beunruhigend, weil er die schreckliche Banalität des eigentlich Unfassbaren zeigt. In Zeiten, in denen Menschen ihre Freiheit beschnitten sehen, weil man ihnen nahelegt ihr verschissenes Schnitzel nicht mehr mit einem rassistischen Begriff zu bezeichnen, ist die Bedeutung eines Films wie THE INTRUDER kaum zu überschätzen.

Kommentare
  1. […] Das war dann auch prompt derjenige, der als einziger Verluste einspielte. Das Rassismus-Drama „The Intruder“ mit William „Captain Kirk“ Shatner. Oliver Nöding hat ihn sich für Remember it for later […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.