Archiv für August, 2013

Michael Newman (Adam Sandler) ist mit der wunderschönen Donna (Kate Beckinsale) verheiratet, liebevoller Vater zweier Kinder und erfolgreicher Architekt.  Und er hat ein Problem: Weil er alles versucht, um seinen Chef (David Hasselhoff) zufriedenzustellen und Karriere zu machen, enttäuscht er zwangsläufig seine Familie. Als er in einem Baumarkt bei dem mad scientist Morty (Christopher Walken) eine Fernbedienung ersteht, die es ihm erlaubt, durch sein Leben zu zappen wie durch eine DVD, scheinen alle Probleme gelöst. Wenn die Ehefrau nervt, wird sie leiser oder gleich ganz stummgeschaltet, langweilige Familienessen werden einfach vorgespult, Vergessenes durch Zurückspringen wieder ins Gedächtnis gerufen. Ein Traum, so scheint es. Doch dann lernt er, was es mit der Lernfunktion des Wundergerätes auf sich hat: Das hat sich die Vorlieben Michaels nämlich genau gemerkt und nimmt ihm diverse Entscheidungen nun vollständig ab. Michael verpasst ganze Jahre seines Lebens, ist plötzlich alt, fett und geschieden, weiß nicht, wie die Gattin seines Sohnes heißt und erfährt aus zweiter Hand, dass sein Vater gestorben ist …

Schon bei 50 FIRST DATES hatte ich den Vergleich zu einer TALES FROM THE CRYPT-Episode gezogen, und der drängt sich hier noch eutlich mehr auf. CLICK beginnt zunächst wie eine comichafte Komödie, die die What-if-Prämisse seiner Geschichte genüsslich ausspielt: Michael „pausiert“ seine Mitmenschen, stellt sie stumm und den Hund leiser, nutzt die Vorspultaste, schaltet sich in vergangene Kapitel seines Lebens, schaut sich sein persönliches Making of an, lässt seinen Chef auf Spanisch schwadronieren, belauscht die japanischen Geschäftsleute durch Zuschaltung der Untertitelspur oder hört sich den Audiokommentar zu seinem Leben an, der äußerst dramatisch von niemand Geringerem als James Earl Jones vorgetragen wird. Dass irgendwann ein Konflikt folgen muss ist klar, doch wie heftig sich Michaels Gebrauch der Fernbedienung auf sein Leben auswirkt, ist schon überraschend. CLICK verwandelt sich von der überdrehten Komödie in echten Horror jenseits übersinnlichen Spuks und messerwetzender Psychos: Michael zerstört sein Leben, verpasst prägende Ereignisse, die danach für ihn unwiederbringlich verloren sind. Für ihn gibt es am Ende wirklich kein Zurück mehr. Er muss akzeptieren, dass er sich einiger der wertvollsten Momente seines Lebens beraubt und die Liebe seiner Familie leichtfertig verspielt hat. Natürlich geht es dank eines gängigen Drehbuchkniffs – der, das muss man fairerweise sagen, auch nicht als große Überraschung oder spektakulärer Twist inszeniert ist – am Ende doch noch gut für ihn aus: Alles war nur ein Traum, der ihm gezeigt hat, was in seinem Leben wirklich wichtig ist. Die Wirkung der Mahnfabel wird in CLICK, anders als bei den den EC-Comics entlehnten Geschichten aus TALES FROM THE CRYPT und vergleichbaren Formaten, also nicht nur auf den Zuschauer übertragen, sondern auch auf den Protagonisten, der das Glück hat, Einsicht in seine Irrtümer zu erhalten und sich zu verändern.

CLICK gehört ohne Zweifel zu den schönsten Filmen Adam Sandlers: Die Mischung aus grellem Witz und humanistischem Geist bekommt im amerikanischen Mainstreamkino keiner auch nur annähernd so gut hin wie er. Dass er mit CLICK eben nicht den leichtesten Weg geht – locker hätte sich aus der Fernbedienungsidee ein putziges, beschwingtes 90-Minuten-Komödchen zurechtkloppen lassen –, ehrt ihn zusätzlich. Man muss die Konsequenz bewundern, mit der er seinen Einfall zum Äußersten treibt, ohne dabei allzugroße Rücksicht auf ein Publikum zu nehmen, dass eine Reihe lustiger Vorspulgags erwartet hat. Dass er den Bogen dabei am Ende vielleicht einen Hauch überspannt, ist angesichts dieses Muts ein verzeihlicher Fehler.

Als seinerzeit verlautbart wurde, dass ein Remake von Robert Aldrichs Klassiker THE LONGEST YARD mit Adam Sandler in der Burt-Reynolds-Rolle gedreht werden sollte, hatte ich das Original gerade zum ersten Mal gesehen und konnte nicht fassen, wie man auf eine solch idiotische Idee kommen konnte. Nach der gestrigen Sichtung von Segals Bearbeitung muss ich jedoch eingestehen, dass sie durchaus ordentlich geworden, Sandler als ehemaliger Football-Profi keineswegs die krasse Fehlbesetzung ist, man Aldrichs Film keine Schande gemacht hat, sondern ihm mit der Neubearbeitung vielmehr die verdiente Ehre erweist. Denn daran, wie sklavisch Segal an den zentralen Plotpoints und selbst noch an kleinen Details des Originals klebt und wie flüssig die Maschine auch in dieser skelettierten Form immer noch läuft (Segals Films ist gut 20 bis 30 Minuten kürzer als Aldrichs Original), zeigt sich ja auch, wie zeitlos und maßgeblich Aldrichs Film auch 40 Jahre nach seinem Entstehen immer noch ist.

In Segals Version sind Ecken und Kanten abgeschliffen, der Ernst, die existenzialistische Tragweite von Crewes Situation hat hier keinen Platz mehr. Was Aldrich noch sorgsam auf- und ausbaut, das skizziert Segal nur noch. Er muss nicht mehr tun, weil Aldrichs Film eine Schablone für etliche Nachzieher lieferte, die einst neue Prämisse heute längst bewährte Formel ist. Weil mit Sandler und Chris Rock zwei Komiker die Besetzungsliste anführen, ist auch klar, dass das komödiantische Element, das in Aldrichs Film nur eines von vielen war, in den Vordergrund rückt. Das Football-Team aus Knackis, das Crewe zusammenstellt, ist noch hoffnungsloser, die Attacken auf den Gegner sind noch wüster, der Teamgeist noch stärker. Alles läuft schnurstracks und ohne große Hindernisse auf das finale Spiel zu, das ähnlich viel Raum einnimmt und ebenso spektakulär inszeniert wird.

Als Zeittöter ist THE LONGEST YARD höchst effizient: Die Mischung aus Gags und Action sitzt, die Besetzung ist bis in kleine Nebenrollen perfekt (Brian Bosworth und Steve Austin geben zwei Wärter, Ed Lauter absolviert einen kleinen Gastauftritt) und wer mit Sportfilmen etwas anfangen kann, den wird auch der Showdown mit seiner makellosen Spannungsdramaturgie gefangen nehmen. Was Segals Film jedoch fehlt, ist das Fleisch auf den Rippen. Die Figuren bleiben allesamt ein- bis maximal zweidimensional und das beeinträchtigt auch die Glaubwürdigkeit des zentralen Konflikts. Nichts wirkt wirklich echt, sondern bloß wie zitiert, nachgespielt. Aldrichs Film bestand eben nicht nur aus der erfolgreichen Prämisse, er hatte echtes Drama, echte Charaktere, echte Schwere. Für Crewe stand wirklich etwas auf dem Spiel und das spürte man auch als Zuschauer. Schwer ist im Remake gar nichts, es hält gerade so lange vor, wie es dauert. Aber das ist wie gesagt schon weitaus mehr, als ich ursprünglich angenommen hatte.

observe and report (jody hill, usa 2009)

Veröffentlicht: August 18, 2013 in Film
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Es gibt eine Szene, die paradigmatisch für OBSERVE AND REPORT und den Stil von Regisseur Jody ist, dessen Serie EASTBOUND & DOWN auf diesen Seiten schon einmal thematisiert wurde: Der bipolare Mall-Sicherheitsbeauftragte Ronnie (Seth Rogen), ein depressiver Versager mit Omnipotenz-Fantasien, besucht den Polizeibeamten Harrison (Ray Liotta), um – so denkt er – von ihm zu erfahren, dass er auf die Polizeiakademie aufgenommen wird. Natürlich ist Ronnie schon in der psychologischen Eignungsprüfung durchgefallen und Harrison genießt es sichtlich, die Träume des jungen Mannes platzen zu lassen. Mitten im Gespräch öffnet sich eine Tür im Büro Harrisons und ein Kollege des Polizisten, der auf der anderen Seite gelauscht hatte, tritt heraus: „I thought this would be funny, but it’s just … sad.“ Es ist ein wichtiger Augenblick für den Film und den Zuschauer, der nun bemerkt, dass das Leben Ronnies keineswegs ein greller Scherz ist, sondern eben – wenn man die Perspektive des Films verlässt – tatsächlich verdammt deprimierend und traurig. Es ist ein Moment der Metareflexion, in dem die Regeln des Komödiengenres aufgebrochen werden und der Fokus erweitert wird.

Ronnie Barnhardt ist ein Mittzwanziger, lebt noch bei seiner alkoholabhängigen Mutter (die ihm die Schuld dafür gibt, dass ihr Ehemann sie einst verließ), ist Single und sein ganzes Glück hängt an seinem Job als Sicherheitsbeauftragter der örtlichen Shopping Mall: Er genießt die Macht, die mit seiner Uniform verbunden ist, bewegt sich wie ein Gott durch die heiligen Hallen und ist völlig unempfänglich für die Einsicht, in einem Versagerjob gefangen zu sein, für den keinerlei Qualifikationen erforderlich sind. Er ist außerdem hoffnungslos verschossen in Brandi (Anna Faris), die oberflächliche Schlampe vom Kosmetikstand, die ihn stets erbarmungslos abblitzen lässt, ohne ihn damit jedoch in seinen Annäherungsversuchen zu entmutigen. Ronnies übersteigertes Selbstbild kann niemand ankratzen, sein Schutzmechanismus funktioniert perfekt. Als ein Exhibitionist die weiblichen Kunden der Mall „terrorisiert“ und außerdem ein Dieb umgeht, sieht es Ronnie als seine heilige Aufgabe, die Verbrecher dingfest zu machen. Das wiederum gefällt dem ermittelnden Beamten Harrison gar nicht …

Jody Hill hat in seinem noch überschaubaren Werk bereits einen sehr eigenen Stil etabliert, der zwischen dem Gross-out-Humor Judd Apatows, einer unterkühlten Indie-Lakonie, wie sie vielleicht P. T. Andersons PUNCH-DRUNK LOVE am besten verkörpert, und ätzend-wütender Satire, für die mir gerade keine prominente Vergleichsgröße einfallen will, sein Plätzchen findet. OBSERVE AND REPORT entspricht dem Gemüt seines manisch depressiven Protagonisten insofern, als er zwischen brüllender Komik, deprimierendem Porträt eines Hoffnungslosen, ernüchternder Gesellschaftskritik und anarchischem Amoklauf gegen jegliche Genrekonvention nicht nur alterniert, sondern in jeder Szene nahezu alles auf einmal ist. Es hängt ganz entscheidend vom Zuschauer ab, wie er OBSERVE AND REPORT sehen und verstehen möchte. Der bodenlos dumme und aggressive Ronnie taugt hervorragend als Witzfigur, über deren Verblendung man sich kapittlachen oder fremdschämen kann; dann wieder ahnt man, wie viele Ronnies tatsächlich da draußen rumlaufen, ohne Aussicht auf dieses kleine Portiönchen Glück, dass einem Menschen zustehen sollte, stattdessen mit einem ständig anwachsenden Frustrationspegel, der irgendwann den roten Bereich erreichen muss. OBSERVE AND REPORT ist so etwas wie die spätkapitalistische, humoristisch übersteigerte Version von Scorseses TAXI DRIVER: Doch während sich Bickles Zorn noch gegen wirkliche Verbrecher richtete, da geht Ronnie eigentlich gegen Seinesgleichen vor. Der „Pervert“, ein dicker älterer Mann, der Hausfrauen beim Einkaufsbummel seinen kümmerlichen Pimmel zeigt, ist ja bestenfalls tragikomisch und keinesfalls gefährlich. Die Bedeutung, die ihm beigemessen wird, der Schock, den etwa Brandi vorgaukelt, nachdem der Exhibitionist sich vor ihr „offenbart“ hat, ist selbst wieder nur einem fehlgeleiteten Bedürfnis nach Aufmerksamkeit geschuldet. Eigentlich sind in diesem Film alle irgendwie kümmerliche Gestalten, die jemanden suchen, dem es noch mieser geht, um sich selbst erhöhen zu können.

Angesichts dieser wenig hoffnungsvollen Weltanschauung muss es überraschen, dass OBSERVE AND REPORT nicht zur zynischen Tirade verkommt. Die Hoffnung, dass es eine Erlösung geben könnte, bleibt lebendig. Keine Ahnung, wie Jody Hill das schafft.

Als ihr Mann sie verlässt, emigriert die Mexikanerin Flor (Paz Vega) mit ihrer Tochter Cristina (Shelbie Bruce) in die USA. In der hispanischen Gemeinde L.A.s ist sie fest integriert, muss weder die englische Sprache lernen noch irgendwie in Kontakt mit US-Amerikanern treten. Nach sechs Jahren bewirbt sie sich auf die Stelle als Haushälterin und Kindermädchen der Familie Clasky: Vater John (Adam Sandler) ist ein renommierter Spitzenkoch, seine Gattin Deborah (Téa Leoni) eine tief verunsicherte, neurotische Hausfrau, die vor allem mit der Tochter Bernice (Sarah Steele) ihre Probleme hat. Engagiert wirft sich Flor in ihre neue Aufgabe, die schon bald Probleme aufwirft: Deborah versucht Cristina mit ihrem Geld an sich zu binden und zwischen Flor und John entwickelt sich eine Romanze …

Vordergründig eine romantische Liebeskomödie, die ihre Protagonisten vor die Entscheidung zwischen Vernunft und Bauch bzw. Herz stellt, setzt sich SPANGLISH dahinter mit hispanischer und US-amerikanischer „Mentalität“, der Integration und schließlich der Frage nach nationaler Identität auseinander. Flors Abwehrhaltung, die sich zunächst in ihrem Unwillen äußert, die englische Sprache zu lernen, im weiteren Verlauf immer wieder auch in ihrer Ablehnung der gutgemeinten finanziellen Zuwendungen der Claskys und schließlich in ihrem Kampf gegen die in ihr aufkeimenden Gefühle für John, gründet letztlich auf dem Bedürfnis, ihre eigene Identität zu wahren, ihre Herkunft zu ehren und die Verbindung zu ihrer Tochter zu schützen. SPANGLISH ist eine Rückblende, die Bebilderung eines Aufsatzes Cristinas, mit dem sie sich um ein Stipendium bewirbt und in dem es um ihr größtes Vorbild geht. Die Antwort kann für sie nur „Meine Mutter“ lauten und warum, das soll eben der Film zeigen.

SPANGLISH zeigt auf liebenswerte und leichte, dann aber auch auf sehr nachdrückliche Art und Weise, wie das ist mit der „Integration“, die ja auch hierzulande immer wieder eingefordert, aber oft genug mit Assimilation oder gar Unterwerfung verwechselt wird. Die Entscheidung Flors, in die USA zu gehen, erfolgt aus ganz rationalen Erwägungen: Es ist der Ort, an dem auf ihre Tochter eine bessere Zukunft wartet. Alle ihre Handlungen zielen darauf ab, ihrer Tochter diese Zukunft zu ermöglichen, ohne jedoch die Verbindung zu ihr zu verlieren. Schon die Tatsache, dass ihre Tochter die englische Sprache beherrscht, ihr in der Kommunikation mit Amerikanern voraus ist, ist für Flor mit einer gewissen Angst besetzt; einer Angst, die sie jedoch aushalten muss, weil Cristina in diesem Land aufwachsen soll. In der vielleicht schönsten Szene des Films fungiert Cristina als Übersetzerin für Flor, muss John auf Geheiß der Mutter maßregeln, weil der ihr für einen Ferienjob einen großen Geldbetrag gegeben hatte. Und obwohl sie das Geld doch eigentlich behalten will, transportiert sie mit jedem übersetzten Wort auch den Zorn, die Angst ihrer Mutter, als lägen diese bereits in der Sprache.

Flor kämpft um das Recht, ihren eigenen Weg zu gehen, eigene Entschiedungen zu treffen und auch ihre eigenen Fehler zu machen. Deborah jedoch sieht sich mehr und mehr in der Rolle des Wohltäters, der den „armen“ Immigranten zu einem besseren Leben verhilft. Dieser Wunsch resultiert auch in einer nagenden Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Leben. Die eigene Tochter ist ihr zu dick, der Ehemann unterstützt sie nicht genug, mit beängstigender Strenge quält sie sich durch ihr Fitnessprogramm, als müsse sie sich für irgendetwas bestrafen. Sie wirkt immerzu getrieben, unentspannt, unzufrieden, unfähig den Moment zu genießen, vom Drang besessen, das, was sie hat, kaputtzumachen, weil es ihr nicht genug ist. John ist da ganz anders: Als sein Restaurant euphorische Kritiken bekommt, da freut er sich nicht etwa über den Ruhm, der damit verbunden ist, das Geld, das er verdienen wird, sondern bedauert, den Verlust von Freiheit, Ruhe und Gelassenheit, der damit einhergehen wird. Dass sich Flor und John zueinander hingezogen fühlen, ist keine Überraschung. Aus einer patriarchalischen Kultur kommend, ist sie beeindruckt von seiner Weichheit und Empfindsamkeit, während er ihre Kraft und ihre innere Ruhe bewundert, Eigenschaften, die seiner Frau völlig abgehen. Aber es ist auch klar, dass es für beide keine gemeinsame Zukunft geben kann: Flor muss und will ihren eigenen Weg gehen – und die Zerschlagung einer amerikanischen Familie ist auf diesem Weg nicht vorgesehen.

James L. Brooks Film beeindruckt mit kleinen Beobachtungen und der Leistung, die er aus Adam Sandler herauskitzelt. Was könnte der leisten, wenn nur mehr Regisseure sein Potenzial erkennen würden?

 

KILLER PARTY beginnt mit einer hübschen doppelten Finte. Der Zuschauer sieht zunächst vier Menschen bei einer Trauerfeier: Während Schwester, bester Freund, Sohn und Schwiegertochter der Verstorbenen mehr oder minder betroffen dreinblicken, grinst der Pfarrer wie bei einem Kindergeburtstag und schließt seine Rede mit einem Zitat aus THE WIZARD OF OZ. Als die Angehörigen danach still neben dem Sarg stehenbleiben, erinnert er sie mit einem lapidaren „Well, that’s it!“ daran, dass sie die Kirche nun verlassen sollen. Doch auf der Schwelle macht die Schwiegertochter noch einmal kehrt, um – wie sie behauptet – allein Abschied nehmen zu können. Stattdessen nutzt sie die ruhige Minute jedoch, um die Tote zu beschimpfen.  Die rächt sich auf ihre Weise, indem sie den Sargdeckel von innen aufstößt und das Lästermaul unter Geschrei zu sich zieht. Per Hebebühne geht es sogleich in den Keller und den dortigen Ofen. Ein Schnitt führt aus der Brennkammer nun in ein Autokino, die  just gesehene Szene entpuppt sich als Teil eines Films, den sich ein punkiges Teenie-Pärchen anschaut. Sie gelüstet es nach Popcorn, also verlässt sie den Wagen in Richtung Getränkestand. Dort angekommen, wundert sie sich, dass keiner da ist – bis die Hairspray-Metal-Band „White Sister“ anfängt ein Liedchen zu spielen, das ihr gewidmet ist: „April (You’re no Fool)“ singen sie und treiben das Mädel schließlich nach draußen, wo es jedoch nicht von seinem Freund, sondern von Zombies empfangen wird. Der Song endet mit der Einblendung von Bandname und Titel, ein Schnitt blendet über zu Phoebe (Elaine Wilkes), die vor dem Fernseher sitzt und MTV schaut. Alles, was KILLER PARTY bisher gezeigt hat, war Bestandteil eines überaus elaborierten Musikvideos.

 

Danach geht es etwas weniger ausgefallen weiter: Phoebe und ihre beiden Freundinnen sehen gespannt der „Goat Night“ entgegen, in der sie das Aufnahmeritual für die elitäre College-Sorority Sigma Alpha Pi zu absolvieren haben. Bis dahin gilt es diverse Demütigungen und Scherze zu überstehen, die nicht zuletzt die unter chronischem Samenstau leidenden Angehörigen der Beta-Tau-Fraternity immer wieder reißen. Ein paar Morde geschehen zwischendurch auch, ohne dass jemand die Opfer jedoch vermissen würde, und alles scheint sich um einen besonders fiesen Streich zu drehen, der einem Studenten vor Jahren das Leben kostete. Auf der April-Fool’s-Party, die die Beta-Tau-Hengste und die Sigma-Alpha-Pi-Hasen gemeinsam schmeißen, kommt es zum Blutbad …

So unterschiedlich kann die Wahrnehmung sein: Als TotalFilm neulich eine Liste von 50 Amazing Films You’ve Probably Never Seen veröffentlichte, fand sich darauf auch KILLER PARTY. Der Slasherfilm von William Fruet war mir durch Einträge in diversen Horrorfilmlexika ein Begriff, die Sichtung hatte ich aufgrund mäßiger Bewertungen jedoch immer auf die lange Bank geschoben – obwohl ich als Fan des Genres eigentlich vor nix zurückschrecke. Mit der Platzierung auf der appetitlich benannten Liste, zwischen solchen Perlen wie IDI I SMOTRI, GWENDOLINE, I QUATTRO DELL’APOCALISSE, SPALOVAC MRTVOL, VIGILANTE, L’ULTIMO TRENO DELLA NOTTE und einigen weiteren, wurde der vermeintlich langweilige Durchschnittslasher (aus einer Zeit, als das Genre schon längst im Sturzflug befindlich war) plötzlich zum Must See. (Dass sich mit STREETS auch ein Film auf der Liste findet, den ich keineswegs „amazing“, sondern nur nett finde, tat meiner Vorfreude keinen Abbruch.) Nun ja. KILLER PARTY hat, wie schon erwähnt, eine wirklich grandiose Auftaktsequenz und ein innerhalb seines festgefahrenen Genres sehr ungewöhnliches Finale, aber um ihn als „amazing“ zu bezeichnen, fehlt dann doch noch etwas. Der gesamte Mittelteil mit seinen unterleibszentrierten Späßen ist zwar ganz sympathisch, vor allem, wenn man ein Faible für die Mode der Achtzigerjahre hat, aber dann doch nicht aufregend genug, um einen erwachsenen Menschen wirklich bei der Stange zu halten. KILLER PARTY ist mit seinem lax gehandhabten Plot schon ein bisschen langweilig, zumal in den wenigen Mordszenen das Blut fehlt, um einen wieder aufzuwecken. Die ganze Chose ist ziemlich brav, fast schon kinderfreundlich, und erst am Schluss besinnt sich Fruet darauf, welches Genre er da eigentlich beackert. So richtig interessiert daran, sein Publikum zu erschrecken, war er nicht, und so ist sein Film einen ganz niedliche, aber auch etwas unentschlossene Mischung aus Elementen, die nicht richtig zusammenfinden. Was man KILLER PARTY zugute halten muss, ist sein technischer Professionalismus: Vom amateurhaften, unzulänglichen Gestümper so manches anderen Slashers ist er meilenweit entfernt (obwohl das ja auch durchaus seine Reize haben kann). Fruets Film sieht durchweg gut aus, ist solide gespielt, hat einen schönen Soundtrack (den oben erwähnten Hairmetal-Song halte ich für ein Highlight) und Paul Bartel in einer für ihn typischen Rolle als spießiger Dozent. Slasher-Komplettisten, die den Film noch nicht kennen, machen nichts falsch, wenn sie ihn sich anschauen. Nur einen Film, der irgendwie „amazing“ ist, sollten sie besser nicht erwarten.

 

Henry Roth (Adam Sandler) ist Tierpfleger in einem Zoo auf Hawaii und nebenbei passionierter Schwerenöter. Unwillig, eine echte Liebesbeziehung einzugehen, angelt er sich mit Vorliebe Touristinnen für kurze Romanzen, die er dann unter fadenscheinigen Begründungen wieder beendet, sobald es ernst wird. Denn eines ist klar: Dieser Henry versteht sich auf Frauen und schafft es mühelos, jeder den Kopf zu verdrehen. Das geht so lange, bis er in einer kleinen Bar Lucy (Drew Barrymore) kennenlernt. Bei ihm funkt es sofort, er spricht sie an, kommt mit ihr ins Gespräch, der Funke springt über. Nach ihrem angeregten Gespräch gehen die beiden mit dem Versprechen auseinander, sich am nächsten Tag wiederzusehen. Wie verabredet wartet Henry am nächsten Tag auf Lucy, doch die erkennt ihn überhaupt nicht, reagiert auf seine Annäherung abweisend und aggressiv und behauptet, ihn noch nie gesehen zu haben. Wie sich herausstellt, hat Lucy nach einem Unfall ihr Kurzzeitgedächtnis verloren. Alles, was sie erlebt, hat sie am nächsten Tag wieder vergessen. Und ihr Vater Marlin (Blake Clark) und ihr Bruder Doug (Sean Astin) halten für sie die Illusion aufrecht, jeder Tag sei jener letzte Tag, an den sie sich noch erinnern kann, der Tag ihres Unfalls. Fest entschlossen, mit Lucy zusammenzusein, beschließt Henry sie jeden Tag aufs Neue zu erobern, in der Hoffnung, dass sie sich irgendwann an ihn erinnern werde …

Nach THE WEDDING SINGER wäre es geradezu fahrlässig gewesen, die unzweifelhaft vorhandene Chemie zwischen Adam Sandler und Drew Barrymore nicht für einen weitere romantische Komödie zu nutzen. Und unter der Regie von Peter Segal gelingt das Kunststück, an die Leichtfüßigkeit und Herzlichkeit jenes Vorgängers anzuknüpfen. 50 FIRST DATES mutet zunächst wie ein kleiner Sidestep in Sandlers homogener Filmografie an: Sein sonst sehr breit angelegter Hauptcharakter tritt hier etwas zurück, um Raum für Drew Barrymores Lucy zu machen, die fast gleichberechtigt neben ihm steht. Sonst entscheidende Charaktereigenschaften der Sandler-Persona sind abwesend: Es fehlen seine cholerischen Anfälle, seine Unbedarftheit und Naivität weicht einer gewissen „Abgezocktheit“, die hier der einzige Ausdruck einer gewissen geistigen Unreife ist. Aber anders als andere Sandler-Charaktere leidet er unter dieser Unreife nicht, sie behindert ihn auch nicht. Eigentlich scheint er recht zufrieden mit seinem Leben. Bis ihm Lucy förmlich dazwischenkommt.

Normalerweise tangieren mich RomComs überhaupt nicht, Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich fühle mich von dieser Art Film immer benutzt und ihre Protagonisten gehen mir mit ihrem klinisch-sauberen Erfolgsleben mit dekorativ platzierten Minineurosen meist auf die Nerven. Ihr finales Liebesglück verschafft mir nur sehr selten Freude. Ich sehe die Welt einfach nicht so wie diese Filme: Ich habe durchaus einen Sinn für Romantik, aber ich bin kein Träumer. Langweilige Menschen werden wahrscheinlich eher nicht spannender dadurch, dass sie jemanden finden, der sie so nimmt, wie sie sind. Ihr Liebesglück ist kein Anlass zur Freude, sondern zur Trauer. Damit erfolgt eher die Lizenz zur gemeinsamen Stagnation. Wieder zwei „Angekommene“, wieder zwei Verlorene. Das ist bei 50 FIRST DATES anders. Die Verbindung Henrys mit der im Grunde genommen behinderten Lucy beruht ja auf einem echten Wagnis – und der Film schließt dann auch auf einem Segelschiff, mitten im arktischen Meer, wohin die beiden eine Expedition unternehmen – gemeinsam mit ihrem Kind! Segals Film entlässt einen durchaus mit einem guten Gefühl, aber da schwingt mehr als nur ein gewisses Unbehagen mit. Der Film ist so rührend, wie er gleichzeitig tieftraurig ist. Einerseits ist der Gedanke, nur erste gemeinsame Tage zu erleben, den Thrill der Eroberung, des ersten Kusses immer wieder zu erleben, sehr reizvoll. Und es ist natürlich unheimlich romantisch, dass Henry diese Mühe auf sich nimmt, wissend, dass alles was er für Lucy tut, am nächsten Tag vergessen ist, sofern er es nicht dokumentiert. Aber hier bekommt der Film deutliche Schlagseite. Es scheint schlechterdings nicht möglich, unter den gegebenen Voraussetzungen eine ernste Beziehung mit Lucy zu führen, geschweige denn eine Familie mit ihr zu gründen. Einige Szenen des Films spielen in einer Heilanstalt, in der mehrere Menschen mit Gedächtnisverlust behandelt werden. Sie sind dort dauerhaft stationiert und das zeigt, dass sie pflegebedürftig sind, und zwar mehr als jemand mit einer Erkältung. Wie kann Lucy eine Mutter sein, wenn sie sich an eine gemeinsame Vergangenheit mit ihren Kindern gar nicht erinnern kann? Wie kann sie Entscheidungen für die gemeinsame Zukunft treffen, wenn sie Konsequenzen nicht kennt? Und wie kann man ihr als Partner die Zukunft betreffende Entscheidungen überhaupt zumuten? Es geht nicht. Damit 50 FIRST DATES also nicht als tragisches Psychogramm einer zum Scheitern verurteilten Liebe wahrgenommen wird, muss Segal seine Geschichte in eine Sandler-typische Märchenwelt verlegen. Hawaii ist ziemlich nah dran am Paradies, unter strahlend blauem Himmel, zwischen immergrünen Palmen, an weißen Sandstränden und türkisfarbenem Meer, da wo jede Musik ein verführerisches, schmeichelndes Säuseln ist, scheint vieles möglich. Und so findet sich dann doch noch die Möglichkeit, den Film in das Werk des Komikers einzugliedern. Seine Beziehung zu Lucy ist eine ihm vom Schicksal oder von göttlicher Vorsehung aufgetragene Aufgabe. Sie jeden Tag aufs Neue davon überzeugen zu müssen, der Richtige für sie zu sein, jede Nacht aus ihrer Erinnerung getilgt zu werden, nur um am nächsten Morgen wieder bei null anfangen zu müssen, jeder Möglichkeit beraubt zu sein, „Kredit“ bei ihr anzusammeln, ist eine Art, Abbitte für seinen bisherigen verantwortungslosen Lebenswandel abzulegen. Während er in seinem Dasein als Hallodri jede Beziehung beendete, sobald sie ihm zu Ernst wurde, während er seine „Opfer“ danach aussuchte, wie leicht er sie würde loswerden können, geht er nun eine Partnerschaft ein, in der die Verhältnisse dauerhaft umgedreht sind. Es gibt keine Lorbeeren, auf denen er sich ausruhen könnte. Jeden Tag muss er ihr beweisen, dass er der Mann ist, mit dem sie zusammensein will. Man kann sich diese Prämisse leicht als Stoff einer schwarzhumorigen Gruselgeschichte im Rahmen einer Serie wie TALES FROM THE CRYPT etc. vorstellen.

Dass das Wohlgefühl überwiegt, ist wieder einmal den Figuren geschuldet. Sandler hat erneut seine Clique um sich geschart, die 50 FIRST DATES die entspannte Atmosphäre eines Treffens mit alten Freunden verleiht. Außerdem gibt es einige interessante Gedanken zum Erinnern und Vergessen: Als Lucy während der obligatorischen Krise (die hier ausnahmsweise einmal nicht durch Fehlverhalten des Mannes verschuldet wird) mit Henry Schluss machen will, kontert er das sehr nachvollziehbar damit, dass sie ihn am nächsten Tag ja eh vergessen habe, mithin auch nichts mehr von einer Trennung wisse. Doch sie ist darauf vorbereitet: Sie habe ein Buch geführt, in dem sie über jedes Treffen mit ihm geschrieben habe. Um ihn vergessen zu können, muss sie sich an ihn erinnern. Es sind auch diese kleinen Einfälle, die 50 FIRST DATES zu einem großen Film machen.

dario argento: anatomie der angst

Veröffentlicht: August 14, 2013 in Film, Zum Lesen
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darioargentoIm Verlag Bertz & Fischer ist gestern das von Michael Flintrop und Marcus Stiglegger herausgegebene Buch zu Dario Argento mit dem Titel „Dario Argento: Anatomie der Angst“ erschienen. Es ist das erste Buch aus dem deutschsprachigen Raum, das sich dem italienischen Regisseur widmet. Neben ausführlichen, wissenschaftlichen Aufsätzen zu zentralen Themen seines Werks – etwa von Ivo Ritzer zu Genre und Gender oder Regisseur Dominik Graf zum Einsatz von Musik – finden sich natürlich jede Menge Bilder, ein Vorwort von Jörg Buttgereit sowie kurze Texte zu jedem von Argentos Filmen. In die Reihe der „üblichen Verdächtigen“, u. a. bestehend aus Marcus Stiglegger, Thomas Groh, Andreas Rauscher, Kai Naumann, Jochen Werner und Sebastian Selig, reihe auch ich mich mit einem Beitrag zu Argentos PROFONDO ROSSO ein. Wer Argentos Filme schätzt oder auch nur einen kleinen, engagierten Verlag, der sich als einer von wenigen in Deutschland um kompetente Literatur zu filmrelevanten Themen bemüht, unterstützen will, sollte das Buch – am besten bei Bertz & Fischer direkt – bestellen. Wer noch eine Entscheidungshilfe braucht, findet hier nähere Details zum Buch, etwa das Inhaltsverzeichnis, die Einleitung von Marcus Stiglegger oder meinen Text als PDF als Leseprobe. Viel Vergnügen!