fear x (nicolas winding refn, brasilien/dänemark/großbritannien/kanada 2003)

Veröffentlicht: September 11, 2013 in Film
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Eine Frau, deren Konturen sich im Schneegestöber aufzulösen drohen. Bilder einer Überwachungskamera, schwarzweiß, unscharf, mit ausblutenden Konturen, von Bildstörungen verzerrt, wie ein Blick ins Geisterreich des Vergangenen. Der verzweifelte Versuch, die Dinge festzuhalten, das Bleibende im Flüchtigen, Verschwindenden, Verblassenden zu fixieren. Das Bedürfnis nach Erklärung, nach Sinn, Ursache, Bedeutung, wo nur leere, willkürliche Datensätze und weißes Rauschen sind. Wie der Schmerz einen erfüllen kann, wenn sonst nichts mehr da ist. Wie die Leere ein Anfang sein kann, draußen in der Wüste. Wenn man nicht weiß, dass man belogen wird, kann das dann auch die Wahrheit sein?

Harry Caine (John Turturro) arbeitet beim Sicherheitsdienst in einer Mall irgendwo im Niemandsland von Wisconsin. Seit dort vor einiger Zeit seine schwangere Ehefrau von einem unbekannten Täter und aus völlig ungeklärten Gründen erschossen wurde, verbringt er seine Abende stumm vor dem Fernseher, stundenlang die Bänder aus der Überwachungskamera der Mall betrachtend, nach Hinweisen und verdächtigen Personen Ausschau haltend, wo kaum mehr als grobe Pixel zu erkennen sind. An seiner Wohnzimmerwand hängt das bisherige Ergebnis seiner Ermittlungen: Dutzende von vergrößerten Screenshots, denen akribische Notizen und Zeitungsausschnitte zugeordnet sind. Wie besessen versucht Harry einen Hinweis auf Täter und Motiv zu finden, aber da ist: Nichts. Als die Polizei ihm eines Tages in einer Befragung suggeriert, dass seine Gattin möglicherweise ein Geheimnis vor ihm hatte und den Täter kannte, geht Harry den nächsten Schritt. Einer plötzlichen Eingebung folgend, bricht er in das Haus gegenüber ein – ein Erinnerungs- oder Traumbild zeigte zuvor, wie seine Gattin es betritt – und findet dort einige Fotos. Überzeugt, dass die darauf abgebildete Frau etwas mit ihrem Tod zu tun haben könnten, begibt er sich auf die Suche nach ihr …

FEAR X, Refns dritter Spielfilm nach PUSHER und BLEEDER, zwingt einem Vergleiche zu anderen Filmen geradezu auf: Wie sich Harry immer mehr in seine Hirngespinste zu verrennen scheint, anstatt loszulassen, erinnert an Paranoia-Filme wie Aronofskys PI oder Coppolas THE CONVERSATION (um nur mal zwei zu nennen), sein mit Bildern und Notizen gepflastertes Zimmer sowohl an Nolans MEMENTO wie auch an Schmids 23. Turturros Gesicht, immer eine seltsame Mischung aus nagendem seelischem Schmerz und eine Art masochistischer Belustigung spiegelnd, weiß man dank BARTON FINK einem psychisch labilen Mann zuzuordnen. Das Setting – verschneite, bis an den Horizont reichende Einöde – weckt Assoziationen zu FARGO, in dem das Banale unversehens dem Diabolischen Platz machte, und Refns Inszenierung – diese aufreizende Langsamkeit, das unterschwellige Dröhnen im Hintergrund, das Streben nach der Leere, die Durchdringung des Realen durch Traumbilder – kennt man aus Lynchs LOST HIGHWAY, dessen vermeintlich objektive Perspektive sich immer mehr als visueller stream of consciousness entpuppte. So wird man als Betrachter zwangsläufig auf eine Spur gezogen und fühlt sich dem Film voraus: Harry wird vollkommen arbiträre Hinweise in seinem Sinne interpretieren und damit noch weitaus größeres Unheil anrichten, schließlich jeden Kontakt mit der Realität verlieren und nur noch in seiner eigenen Welt heimisch sein. Man bereitet sich auf das Logbuch eines psychischen Abstiegs vor. Aber Refn macht etwas anderes.

Das Ende von FEAR X stellt wohl eine der größeren Verweigerungen der Filmgeschichte dar, auch wenn es für den Protagonisten tatsächlich den nicht für möglich gehaltenen Ausbruch aus der eigenen Wahnvorstellung und der zentnerschweren Trauer bedeutet. Harry findet sich allein an einer Kreuzung im Nichts, alle Wege stehen ihm offen, und er übergibt seine Fotos und Notizen dem Wind. Er hat nichts gefunden, aber die Suche ist dennoch beendet. Für den Betrachter ist dieses positive Ende dennoch nur schwer zu akzeptieren, denn er hat miterlebt, wie sich Harrys vermeintliche Paranoia als absolut berechtigter Verdacht herausstellte. Harry war auf der richtigen Spur, er hatte den Mörder  ausfindig gemacht, ohne es jedoch selbst zu wissen. Am Ende glaubt Harry selbst dem Klischee, das der Film geholfen hat, aufzubauen:  Er hat sich alles nur ausgedacht, erkennt – mit einer Kugel in der Hüfte – wie weit es mit ihm gekommen ist und dass es nun gilt, umzukehren. Harry ist noch nicht weit genug abgeglitten, um an seinen paranoiden Vorstellungen festhalten zu können. Für ihn ist das ein tolles Ende, man gönnt es ihm und vielleicht ist es sogar gut, dass er niemals erfahren wird, was der Hintergrund der Ermordung seiner Frau war.

Refn treibt ein gemeines Spiel mit dem Zuschauer: Er zwingt ihn dazu, Harrys Trugschluss am Ende zu akzeptieren, mit dem Wissensvorsprung gegenüber dem Protagonisten, mit dem man doch mitgefühlt hat, weiterzuleben. Hinzunehmen, dass Unwissenheit manchmal der Schlüssel zum Glück ist. Dass es Dinge gibt, die besser ungesagt bleiben. Das alles gelingt mit einem Kniff, der FEAR X von allen weiter oben genannten Filmen unterscheidet: Refn löst die subjektive Perspektive irgendwann auf, zeigt, was außerhalb von Harrys Wahrnehmung liegt. Danach beginnt dann ein anderer Film, einer, in dem mit dem Tod von Harrys Ehefrau noch weitere Schicksale verbunden sind. Harry hat einen seelischen Verbündeten: Jene Frau auf dem Foto, die er nie kennenlernen wird, die auch von ihm nichts weiß außer seinen Namen, aber dennoch viel mit ihm teilt.  Wahrscheinlich geht auch ihr Leben am Ende einfach weiter, so wie Harrys. FEAR X war nur eine kurze, aber wichtige Zäsur.

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