11. hofbauer kongress: die sex-spelunke von bangkok (erwin c. dietrich, schweiz 1974)

Veröffentlicht: September 17, 2013 in Film, Veranstaltungen
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SexSpelunkeVonBangkokA1Man kann eine Reise ganz unterschiedlich begehen: Im Vorfilm GESCHÄFTLICHE REISE ZUR ERHOLUNG IN AFRIKA zeigen distinguierte Geschäftsreisende in Südafrika, wie man eine von Apartheid und Rassismus gepeinigte Nation besucht und trotzdem gut gelaunt bleibt. Nach getaner Arbeit fliegen sie auf Kosten des Gastgebers mit dem Flugzeug übers Land und lassen sich dabei von einer unermüdlichen Reiseleiterin erklären, was sie aus höchster Höhe an vermeintlichen Sehenswürdigkeiten zu bestaunen haben. Abends geht es zum Empfang beim wohlhabenden Firmenchef, der während eines ausufernden Diavortrags anpreist, was noch nicht genug gepriesen wurde: Traumstrände, Tierleben, Naturschönheiten. Wie gut, dass man von unbeachteten schwarzen Dienern, Caddys und Kellnern jederzeit gut versorgt wird und so Hände, Augen und Ohren frei hat, um alles aufzusaugen. Die naheliegende Frage, ob der Wirtschaftsboss sich seine Bemühungen vom Fremdenverkehrsamt bezahlen lässt, stellt niemand. Woher GESCHÄFTLICHE REISE ZUR ERHOLUNG IN AFRIKA kommt und wann er entstanden ist, lässt sich (noch) nicht nachvollziehen. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um einen Imagefilm handelt, den der Staat Südafrika vermutlich in den Fünfziger- oder frühen Sechzigerjahren in Auftrag gegeben hatte, um ausländische Geschäftsleute ins Land zu locken. Die deutsche Tonspur – ein Voice-over, der in den ersten Minuten nebem dem Originalton zu hören ist – ist von jener staubtrockenen Redseligkeit und zugeknöpften Euphorie, die den euphorischen Superlativ zur offiziellen Amtshandlung erhebt. Noch die letzte Banalität wird in blumigen, aber niemals wirklich überschwänglichen Worten besungen, immer kommt jene typisch deutsche Unfähigkeit zum Vorschein, irgendetwas als selbstverständlich annehmen zu können, darauf zu verzichten, es in menschliche Wertkategorien zu pressen. Und wenn ein Bergmassiv beschrieben wird und das Bergsteigen als attraktive Freizeitmöglichkeit, so darf die sich bietende Gelegenheit, den Wert der „Kameradschaft“ zu besingen, keinesfalls ausgelassen werden. Solchermaßen zugeschwallt, verabschieden sich die Geschäftsleute mit der festen Absicht, wiederzukommen, und vollgepackt mit Souvenir-Dias, die zum Abschluss auch vom Gastgeber bewundernd abgesegnet werden.

Wie anders nimmt sich gegen diese brave Bildungsbürgerbegeisterung die Protagonistenschar aus Erwin C. Dietrichs (unter dem Pseudonym „Michael Thomas“ gedrehten) DIE SEX-SPELUNKE VON BANGKOK aus. Wie Wehrmachtspiloten fallen die notgeilen und vergnügungssüchtigen Teutonen in Bangkok ein, der Bumsbomber ersetzt die Stuka. Ein blondes Mädel fungiert als Reiseleiterin und Stewardess, zunächst sichtlich genervt von den überschäumenden Anzüglichkeiten, die von den virilen Samenschleudern wie aus der Stalinorgel geschossen über ihr herniedergehen, dann jedoch offensichtlich mürbe geklopft und willig. Erst einmal zeigt sie den Kumpels jedoch den heißesten Vögelschuppen in Bangkok, wo die liebevoll als „Schlitzaugen“ titulierten Damen ihnen die wildesten Wünsche erfüllen. Was sich für manchen vielleicht auf- und erregend anhören mag, gerät unter Dietrichs unmotivierter Regie leider zum weniger animierenden Trockengerödel in Zeitlupe. Wer sich ob des wirklich furchtbaren Rassismus, der den Film durchtränkt wie ein fettiger Kartoffelpuffer eine Serviette, oder der kompletten inszenatorischen Einfallslosigkeit des Gebotenen noch nicht hat abschrecken lassen, für den bedeutet spätestens der Blick auf trotz wildesten Georgels vollständig erschlaffte Pimmel die hormonelle Endlösung. Mit Bangkok-Archivmaterial auf knappe 60 Minuten gedehnt und in drei, vier Settings runtergekurbelt, endet der Film damit, wie die befriedigten Touris auf dem Heimflug nacheinander von der aufgegeilten Reiseleiterin durchgezogen werden. Nach dem Schlussgag, der noch eine zweite Dame an Bord auftreten und dann gleich blankziehen lässt, findet der filmische Tiefschlag dankenswerterweise ein Ende.

Ich muss fairerweise gestehen, dass DIE SEX-SPELUNKE VON BANGKOK mich am Ende eines aufregenden Tages irgendwie in der richtigen Stimmung erwischte. Leicht angetrunken und mit einer Koffeintablette versorgt, verfolgte ich das trübe Spektakel menschlicher Niedertracht und Ereignislosigkeit mit jener unschlagbaren Mischung aus Müdigkeit und herzflimmernder Erregung; völlig unfähig, einzuschlafen oder auch nur die Augen abzuwenden, wie festbetoniert im Kinosessel, saß ich da, von der nicht enden wollenden Wiederkehr des Immergleichen immer mehr an den Rand der Hysterie getrieben. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte der Film noch 30 Minuten länger gedauert. (Vermutlich dürften deutschsprachige Menschen heute noch nicht wieder in Thailand einreisen.) Ja, ich war fast ein bisschen enttäuscht, als DIE SEX-SPELUNKE VON BANGKOK dann doch noch das Ende fand, das wohl alle außer mir zitternd herbeigesehnt hatten. Ein zweites Mal muss ich ihn aber beim besten Willen nicht sehen. Ich bin zurück in den Händen der Vernunft und damit immun gegen die zweifelhaften Reize der SEX-SPELUNKE. Aber welche Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet die Kopie dieses Machwerks aus der untersten Schublade in den prächtigsten Farben auf die Kongress-Teilnehmer herabstrahlte …

EDIT 18.09.2013: Der Verdacht bezüglich GESCHÄFTLICHE REISE ZUR ERHOLUNG NACH AFRIKA hat sich bestätigt.

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