11. hofbauer kongress: les avaleuses (jess franco, belgien/frankreich/spanien 1973)

Veröffentlicht: September 17, 2013 in Film, Veranstaltungen
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Auf Madeira geht ein Mörder um. Nicht Frauen fallen ihm zum Opfer, sondern Männer, denen auf dem sexuellen Höhepunkt der Penis abgeschnitten wird. Während die Polizei noch rätselt, weiß der Gerichtsmediziner Dr. Roberts (Jess Franco), dass es sich bei dem Täter um einen Vampir handeln muss. Und er hat Recht: Seit Jahrhunderten geistert die letzte Überlebende eines atlantischen Vampirgeschlechts über die Erde, ihres Lebens müde, aber ohne den Mut, ihr Leben zu beenden …

Mit LES AVALEUSES (deutscher Titel: ENTFESSELTE BEGIERDE) schenkte Franco seiner langjährigen Darstellerin, Muse, Geliebten und späteren Ehefrau Lina Romay den ersten „eigenen“ Film. Mit langen schwarzen Haaren, Stiefeln, einem Gürtel und einem durchsichtigen Umhang auf sonst vollkommen nacktem Körper tritt sie gleichmäßigen, fast traumwandlerischen Schrittes aus dem Neben auf die Kamera zu, verhext den Zuschauer mit ihren dunklen Augen und dem melancholischen Blick. Auch im Folgenden steht sie im Zentrum fast jeder Szene des Films, wird dabei von Franco in allen möglichen Posen sexueller Erregung gezeigt, ihr entblößter, geöffneter Schritt wie eine Einladung in Überlebensgröße auf der Leinwand prangend. Wie sehr LES AVALEUSES um Romay gestrickt wurde, merkt man immer dann, wenn sie nicht zu sehen ist. Da läuft dann Jack Taylor in ein Erich-von-Däniken-Buch vertieft durch die Gegend, via Voice-over besonders eindrückliche Passagen zitierend, und es dauert eine gute Dreiviertelstunde, bis seine Funktion in diesem Werk überhaupt klar ist. In einer Szene, die den verträumt-ziellosen Charakter des Films ähnlich wunderbar einfängt wie die zahlreichen ausgedehnten Masturbationsszenen der Romay, sieht er nur kurz von seinem Buch auf, um den Hotellift zu rufen, ist aber Sekunden später, als sich dessen Tür öffnet, schon wieder so in seinen Inhalt vertieft, dass er bereits zu Fuß weitergegangen ist. Franco selbst brilliert in den wunderbar tölpeligen und hemdsärmeligen Krimi-Szenen, wenn er unter anderem einen blinden Parapsyhologen befragt oder diesen mit einem Opfer des Vampirs konfrontiert. Wann immer LES AVALEUSES Menschen sprechen lässt, Exposition betreibt oder „klassische“ Narration verfolgt, wird es hilarious: Da interviewt dann eine Reporterin die vermeintliche Vampirgräfin, obwohl diese stumm ist und sich lediglich durch Nicken oder Kopfschütteln mitteilen kann. Als sie auf die erste Nicht-Entscheidungsfrage demzufolge keine Antwort erhält, unterbricht sie die Stille mit nur wenig Empathie und Verständnis für das Handicap ihrer Gesprächspartnerin mit dem Satz „Ich merke schon, dass Sie mir nicht antworten wollen …“

Ähnlich wie zuvor EUGENIE (HISTORIA DE UNA PERVERSIÓN) ist auch LES AVALEUSES kein Film, der Spoiler provozieren würde. Die Geschichte ist sogar noch nebensächlicher als in der De-Sade-Adaption und lediglich behelfsmäßig zusammengezimmerter Irrsinn, der den visuellen Ideen Francos und seiner Romay-Verehrung einen Rahmen verleiht. Das klingt für Nicht-Eingeweihte vielleicht fürchterlich, ist aber für jeden, der Franco zu lieben gelernt hat, ein Fest. LES AVALEUSES ist Franco in Reinform: Reine Poesie, die sich nur schwerlich beschreiben lässt. Madeira, jene portugiesische Insel im Atlantik, sieht hier gar nicht wie ein Urlaubsparadies aus, sondern trist und graubraun, wie in einem unauflöslichen Nebel liegend. Der ganze Film hat den Charakter eines Traums, so tief, dass einen selbst die Lacher nicht aus ihm herausreißen. Leider habe ich das Ende des Films verschlafen. Andererseits ist das wahrscheinlich sogar die adäquate Rezeptionshaltung. Wer weiß, wie tief mir der Film ins Unterbewusste gedrungen ist, als ich ihm hilflos ausgeliefert war.

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