11. hofbauer kongress: barbara – wild wie das meer (frank wisbar, deutschland 1961)

Veröffentlicht: September 18, 2013 in Film, Veranstaltungen
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barbarawi-1348170283-49314Die Gottverlassenheit und Enge des Städtchens Tórshavn auf den Färöer Inseln ist der ideale Nährboden für Gerüchte und Intrigen.  Jeder weiß über jeden Bescheid, hat darüber hinaus viel, viel Zeit, sich über den anderen Gedanken zu machen und seine Meinung über ihn unters jeden Tratsch begierig aufsaugende Völkchen zu streuen. Als einmal ein spanisches Schiff im Hafen anlegt, freuen sich alle über die willkommene Abwechslung, die die neuen Gesichter bedeuten und bereiten sich aufgeregt auf ein großes rauschhaftes Fest vor. Doch während da die Frauen mit den dunkelhäutigen Spaniern tanzen, die so ganz anders sind als ihre knarzigen Männer, da tut sich bereits wieder diese unüberbrückbare Kluft zwischen den Geschlechtern auf. Argwöhnisch beäugen die Männer das Treiben der Damen, genau darauf achtend, ob ihr Verhalten in Zukunft als Druckmittel gegen sie ins Feld geführt werden kann. Und wie da so manche Jungfer mit ihrem stolzen Seemann im dunklen Hinterzimmer landet, ahnt man, dass der Gesprächsstoff für die nächsten Wochen gesichert ist. Am nächsten Morgen hängt demzufolge Katerstimmung in der Luft: Die Spanier haben schon wieder abgelegt,die Erinnerung an sie beginnt bereits zu verblassen.  Die Pastorsgattin plagen heftige Kopfschmerzen, die ihr strenger Mann mit Genugtuung zur Kenntnis nimmt. Doch sie ist noch gut weggekommen: Denn eine andere Frau hat ein weitaus schwerwiegenderes Andenken behalten. Und ihr Chef, der fiese Kaufmann Gabriel (Herbert Fleischmann), spricht heute schon von den „spanischen Bastarden“, die in neun Monaten zur Inselpopulation gehören werden.

Der junge Arzt Paul (Helmut Griem) übernimmt auf den Färöer Inseln die Praxis seines verstorbenen Vorgängers, der auch die Witwe Barbara (Harriet Andersson) hinterlassen hat. Über Barbara zerreißt man sich in ganz Tórshavn das Maul: Sie habe keine Moral, sei ein rechtes Luder, das mit jedem ins Bett springe und so wahrscheinlich auch ihren armen Gatten in den Tod getrieben habe. Paul lauscht diesen Vorträgen mit souveräner Distanz: Als Wissenschaftler hält er nichts von solchen Moralpredigten, erkennt außerdem schnell, dass der Feuereifer der Männer nicht zuletzt daher rührt, dass eben längst nicht jeder bei Barbara landen konnte. Und außerdem hat er eh nicht vor, sich zu verlieben. Doch natürlich kommt es anders: Den sinnlichen Reizen der selbstbewussten jungen Frau erlegen, hält er schon nach kurzer Zeit um ihre Hand an. Kaum verheiratet, beginnt der Ärger: Ihr macht ein alter Schulfreund aus Kopenhagen den Hof und Paul beginnt, an ihrer Treue zweifelnd, seinen Besitzanspruch geltend zu machen, nicht merkend, dass er sie nur umso stärker zu ihrem Verehrer drängt …

Für mich der beste Film des Hofbauer Kongresses, schickt Frank Wisbars BARBARA – WILD WIE DAS MEER den Zuschauer über eine echte Gefühlsachterbahn. Das Lachen über die Piefigkeit der Figurenschar, deren tosender Zorn über die „Lasterhaftigkeit“ der Titelheldin nie wirklich manifest wird, weil alle viel zu feige sind, über diese brummende Gemütlichkeit, mit der jeder Anlass genutzt wird, einen „guten Tropfen“ zu sich zu nehmen, und die Diskrepanz zwischen der behaupteten Tugendhaftigkeit und der Triebgesteuertheit nahezu aller Bewohner, weicht immer wieder der Fassungslosigkeit angesichts des steinernen Chauvinismus und der skrupellosen Abgezocktheit mancher Figur. Herbert Fleischmanns intriganter Kaufmann Gabriel evoziert, mit mephistophelischem Bärtchen ausgestattet, wahre Hassgefühle, wie er sich als großer Menschenfreund und Moralist inszeniert, obwohl er nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und dafür auch über Leichen geht. Er ist aber nur die extremste Verkörperung einer generell ungemein steifen und beengten Geisteshaltung, die sich auf irgendwelche arbiträren moralischen Regeln beruft, damit aber letztlich bloß bestehende Machtpositionen festigt und die eigene geistige Inflexibilität rechtfertigt. Auf dem einsamen, schroffen Felsen mitten im peitschenden Atlantik wirkt diese Rigidität wie ein schlechter Scherz: Als wäre das Leben nicht schon hart und entbehrungsreich genug. Eine Person wie Barbara muss in dieser feinen Gesellschaft Probleme bekommen. Sie ist durch und durch Impuls, wo andere unfähig sind, ihre Regeln selbst zu machen. Wisbar erzählt auch davon, wie eine repressive, patriarchalisch geregelte Gesellschaft Frauen fast zwangsläufig ins Abseits oder, um im Duktus des Films zu bleiben, in die „Sünde“ drängt: Wer sich, wie Barbara, nicht damit begnügt, das brave Weibchen zu spielen, der muss damit rechnen, von der feinen Gesellschaft geächtet zu werden. Die gegenläufige Entwicklung nimmt Paul: Der eigentlich recht aufgeklärt und liberal scheinende Mann wird zum Ebenbild jener Chauvinisten, die ihre Frauen am liebsten einsperren würden, damit diese nie bemerken, was sie für Versager geheiratet haben. So hat die Ehe zwischen den beiden von Anfang an keine Chance. Er ist nicht in der Lage, ihr gewisse Freiheiten zuzugestehen, weil sein Vertrauen durch die vielen Geschichten, die ihm zu Ohren gekommen sind, beschädigt ist, ihr bleibt kaum eine andere Wahl, als seine eh bestehende Meinung zu bestätigen und sich ihrer Jugendliebe (mit einem scheußlichen Angorapulli ausgestattet, dessen Fasern vor sexueller Spannung zu Berge stehen) an den Hals zu werfen. Das Ende ist dann dramatisch: Wir erfahren bei der Ankunft des neuen Arztes, dass sich Paul – nach der Scheidung tief gekränkt – nach Grönland  hat versetzen lassen. Barbara ist geblieben, doch der neue Arzt schließt eine Liebesbeziehung kategorisch aus. Wenn wir danach die sinnliche Barbara sehen, wie sie hinaus aufs Meer blickt, den Wind in den roten Harren, ahnen wir, dass sich die Geschichte wiederholen wird.

Dass BARBARA – WILD WIE DAS MEER endet wie ein Horrorfilm, zeigt auch, dass es 1961 noch zu früh war für einen Film, in dem eine Frau sexuell selbstbestimmt lebt, ohne dass man sie auch als dämonische Verführerin inszeniert. Wisbar fällt somit am Schluss hinter seine eigenen Erkenntnisse zurück, denn über weite Strecken wird sehr deutlich, dass das eigentliche Übel in der repressiven Sexualmoral liegt, die Frauen allenfalls eine passive Rolle zubilligt. Dem Vergnügen an seinem Film tut dieser finale Bruch aber keinen Abbruch. BARBARA – WILD WIE DAS MEER bietet einen absolut faszinierenden Einblick in die deutsche Gesellschaft vor rund 50 Jahren, ist dabei durchweg rasant und humorvoll erzählt, perfekt besetzt und gespielt. Das unverbrauchte Setting der kargen Inselwelt im Nordatlantik trägt seinen Teil zum Gelingen bei und ist der perfekte Schauplatz für diese Geschichte, die von unvereinbaren, aber dennoch stets miteinander verbundenen Gegensätzen handelt. Die Färöer Inseln stehen gleichermaßen für die absolute, wilde Freiheit wie für die größtmögliche Enge, vor der es kein Entrinnen gibt. Und dann ist da Harriet Andersson. Die spätere Bergman-Darstellerin ist brillant als unverstellter Lustmensch, ganz vibrierende Lippen, bebende Nasenflügel und brennende Augen. Ja, es ist durchaus verständlich, dass die männliche Inselbewohnerschar bei ihrem Anblick unter kollektivem Samenstau leidet. Ein Film, den ich am liebsten jeden Tag sehen würde, weil er einen mit Haut und Haaren in diese nach Holz und Salzwasser riechende Welt zieht, in der eine Flasche Schnaps und das Feuer im Kamin nie zu weit weg sind, aber schon ein unschuldiger Kuss einen alles vernichtenden Orkan heraufbeschwören kann. Mein Gott, was hält die deutsche Filmgeschichte wohl noch für Schätze bereit, wenn ein solches Meisterwerk in den Archiven vor sich hinmodert?

 

 

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