11. hofbauer kongress: menschen von morgen (kees brusse, deutschland/niederlande 1964)

Veröffentlicht: September 18, 2013 in Film
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329e2650eb12 Menschen um die 20 berichten aus ihrem Leben. Reden über ihre Eltern, ihre Erziehung, ihre Hobbys, ihren Beruf. Darüber, was sie sich vom Leben erhoffen. Sprechen über das andere Geschlecht, über Liebe und Sex. Über den Krieg, Deutschland und über Politik.

Die Überraschung des Kongresses: Erwartet hatte ich einen formal uninteressanten Film im bewährt schmuckosen „Talking heads“-Stil, der dafür mit hübsch sensationalistischen Bonmots ausgewählter Exemplare der berüchtigten „Jugend von heute“ für Lacher sorgen würde. Stattdessen sah ich ein formal herausragend inszeniertes, trotz der sujetbedingten Statik enorm spannungsreich gestaltetes Werk, das keine handlichen Einsichten und noch weniger Vorurteilsbestätigung lieferte, sondern einen authentischen Einblick in das Leben 12 denkbar unterschiedlicher Menschen ermöglichte. Einen großen Teil seines Reizes machte sicherlich die Horizontverschiebung aus, die sich für einen Betrachter aus dem Jahr 2013 auf einen 50 Jahre alten, aber eben damals mit nach vorne schauendem Gestus inszenierten und entsprechend utopisch betitelten Film ergab. All diese Menschen, die da vor uns und der Kamera von ihren Erwartungen ans Leben (oder vom Mangel an ebensolchen) sprechen, sind heute um die 70 und das Leben, das damals vor ihnen lag, ist nun mehr oder weniger vorbei. Das verändert den Film total: Zwar dürfte er auch auf damalige Betrachter eher nachdenklich gewirkt haben, doch aus heutiger Sicht ist er schlicht und ergreifend traurig: ein Monument der Flüchtigkeit des Lebens. Was aus diesen Menschen geworden ist, ob sich ihre Träume erfüllt haben: Wir wissen es nicht. Das ist umso schmerzlicher als selbst die zunächst unsympathisch erscheinenden Gestalten einem über die 110 Minuten ans Herz wachsen.

Die Situation stellt sich wie folgt dar: 12 Menschen betreten ein Studio, nehmen auf einem Stuhl inmitten eines weißen Kreidekreises Platz, vor ihnen ein Mikrofon. Jeder kommt einzeln, stellt sich den Fragen, die wir jedoch genauso wenig hören, wie wir sehen, wer sie stellt. Diese Interviewsituation kristallisiert sich aber erst nach und nach heraus: Interviefragmente werden spannungssteigernd und thematisch geordnet montiert, der Schnitt suggeriert über die Vortäuschung von Blickachsen und Reaktionen immer auch eine Interaktion unter den Befragten, die jedoch in Wahrheit ganz allein sind, sich möglicherweise nie gesehen haben. Das hilft dem Film unendlich: Auch wenn die ganz großen Erkenntnisse oder gar Höhepunkte ausbleiben, entwickelt MENSCHEN VON MORGEN durch seine ausgefeilte Montage eine enorme Spannung. Man weiß eben nie, was einen als nächstes erwartet. Darüber hinaus trägt Brusses Strategie dazu bei, diese Jugend als eine bei aller Heterogenität solidarische Gemeinschaft darzustellen, und nicht als Gruppe unvereinbarere Individuen. Mich hat die Situation und die Stimmung von Vertrautheit untereinander, die Brusse entwickelt, an John Hughes‘ THE BREAKFAST CLUB erinnert, an jene Szene gegen Ende, wenn die fünf Nachsitzenden im Kreis zusammen hocken und sich gegenseitig ihr Herz ausschütten, dabei erkennen, dass sie über alle Unterschiede hinausgehend eine Einheit bilden. Und ähnlich wie john Hughes Klassiker endet MENSCHEN VON MORGEN auch: Die Protagonisten verlassen das Studio, ihr Moment im „Rampenlicht“ ist beendet. Mit dem Schritt zur Tür hinaus kehren sie zurück in ihr normales Leben, das nun ohne den Zuschauer stattfinden wird. Alles, was danach passieren wird, entzieht sich unserer Kenntnis.

Über MENSCHEN VON MORGEN kann man wahrscheinlich stundenlang sprechen. Jenseits sich aufdrängender Fragen nach der Authentizität – die ein oder andere Episode könnte gescriptet sein, der eine ode andere bewegt sich für einen totalen Laien enorm selbstverständlich vor der Kamera –, sind es vor allem die kleinen, leisen Momente, das Schweigen, die Blicke, die faszinieren. Wenn der Junge, der wegen Autodiebstahls im Bau sitzt, von seinem Knastalltag berichtet: 3 Schritte hin, 3 Schritte zurück, so lange, bis man müde wird. Wenn er einsieht, wie idiotisch sein Vergehen war. Wenn ein Mädchen über den Selbstmord ihres Vaters zu berichten weiß, wie „anständig“ sie es fand, dass er den Kanarienvogel in ein anderes Zimmer gebracht habe, bevor er den Gashahn aufgedreht habe. Äußerst vielsagend ist auch die Einsilbigkeit, die alle plötzlich befällt, wenn sie auf den Krieg angesprochen werden. Man spürt hier sofort wie traumatisch aufgeladen auch die Nachkriegsjahrzehnte noch waren. Manche der Jugendlichen nehmen einen mit ihrer Unbekümmertheit sofort gefangen, eine junge Frau versprüht ihre erotischen Funken durch die Zeit noch auf den heutigen Betrachter. Sie alle hinterlassen einen bleibenden,lebendigen Eindruck, deuten eine Tiefe an, die hinter dem bloß Gesagten liegt. Ein fantastischer Film, ein eindrucksvolles Zeitzeugnis, das unbedingt geborgen, gesichert und wiederentdeckt werden sollte. Deutsche Geschichtsschreibung weit abseits langweiliger Lehrstunden, frisch, unbekümmert, anregend, vielschichtig, offen.

Hier gibt es einen alten SPIEGEL-Artikel zum Film.

Kommentare
  1. Jetzt bin ich etwas verwirrt. Beim Lesen des Artikels dachte ich die ganze Zeit an einen holländischen Film mit holländischen Jugendlichen. In der IMDb wird ja nur ein Film erwähnt, und als Sprache ist „Dutch“ angegeben. Und dann erfährt man aus dem Spiegel-Artikel, dass es zwei gleichartige, aber unterschiedliche Filme gibt, einer mit Holländern und einer mit Deutschen, die anscheinend auch noch denselben Titel haben. Da im Spiegel ein Autoknacker erwähnt wird, habt ihr anscheinend die zweite Version gesehen. Richtig? Je nachdem hat das mit dem Krieg ja ganz unterschiedliche Bedeutung. In der IMDb steht auch, dass der Film am 2. Oktober beim Nederlands Film Festival laufen wird. Fragt sich nur, welche Version.

    Was Du über den Schnitt und die Blickrichtungen schreibst, hat mich an Eberhard Fechner erinnert. Ist Brusse wirklich ein Vorläufer von Fechners genialer Technik, oder ist das nur eine oberflächliche Ähnlichkeit?

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