11. hofbauer kongress: venusberg (rolf thiele, deutschland 1963)

Veröffentlicht: September 18, 2013 in Film
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!BtCDLUw!mk~$(KGrHqUH-DsEvFE823!oBL6Qnu2uv!~~_35Zu Beginn beobachten wir eine exotisch aussehende Schönheit (Marisa Mell), schwarzhaarig, mit sinnlichem Mund und in einen Leopardenpelzmantel gehüllt, wie sie am Bahnhof ankommt und sich unbeteiligt vom Treiben um sie herum ihren Weg bahnt. Das heißt: Eigentlich beobachten wir sie nicht, eigentlich duldet sie uns in ihrer Gegenwart. Wie ein Model spielt sie mit der Kamera und uns. Dann verschwindet sie und es wird eine gute Stunde dauern, bis sie wieder auftaucht, dieses weibliche Phantom, Objekt männlicher Fieberträume.

Stattdessen andere Frauen: Nach und nach trudeln sie im Haus des Frauenarztes Alphonse ein. Es liegt auf einem kleinen Hügel, eingeschlossen in eine irgendwie unspektakuläre Winterlandschaft. Der Zuschauer erfährt, dass er sie alle dorthin eingeladen hat, Ehemalige und Verflossene, sich nach ihm Sehnende und anderweitig mit ihm Verbundene. Eine ist in ihn verliebt, die andere will ihn zurück, eine hofft, dass Alphonse ihr das Kind wegmachen kann. Sie sollen auf ihn warten. Sich die Zeit mit anderen Männern zu vertreiben, ist streng verboten. Aber wann wird Alphonse kommen? Keiner weiß es so genau und natürlich sorgt diese Situation für die ersten Spannungen. Die ersten Eifersüchteleien stören den Frieden, eine der anwesenden Damen erwartet Sonderbehandlung, verweigert jede Hausarbeit, dann taucht die Schönheit vom Anfang auf, von der keiner weiß, wer sie ist, schließlich geistert ein schattenhafter Mann ums Anwesen. Ist es Alphonse? Am Ende reisen die Damen eine nach der anderen ab. Alphonse ist nicht gekommen, wird wahrscheinlich nie auftauchen. Ob er sie nur testen wollte, sich einen Spaß erlaubt hat oder gar der nächtliche Besucher war, es bleibt ungeklärt. Genauso wie die Motivation hinter der Abreise der Frauen: Haben sie wirklich etwas gelernt über sich und die Männer oder sich doch nur gelangweilt? Wir werden es nie erfahren.

Der Nachteil eines sonst rundum erfüllenden Wochenendes des blühenden Cinewahnsinns, wie ich es beim Hofbauer Kongress erleben durfte, ist sicherlich der, dass einen die Müdigkeit nicht immer im günstigsten Moment einholt. So erging es mir mit VENUSBERG, dem wahrscheinlich besten, magischsten, künstlerisch aufregendsten und ungewöhnlichsten Film des Kongresses. So hatte ich vor allem zu Beginn mit einigen Konzentrationsmängeln zu kämpfen, die dazu führten dass ich dem Film von da an gnadenlos hinterherlief, in der Hoffnung, ihn wieder einzuholen, anstatt mich einfach zurückzulehnen und zu entspannen. Denn verpasst hatte ich eigentlich nichts. Rolf Thiele erzählt seine Parabel in Ellipsen und Epsioden, voller avantgardistischer Kniffe und Verfremdungen als visuell faszinierendes Genre-Mash-up von Psychogramm, Drama, Problemfilm, Thriller, Komödie und Horrorfilm. Ganz undeutsch etabliert er dabei weder ein klares Thema noch kommt er zu einem echten Schluss. Es gibt keinerlei Botschaft, keine große Erkenntnis oder Lebensweisheit, die man vom VENUSBERG ins Tal hinuntertragen und auf dem Marktplatz deklamieren könnte. Vieles bleibt rätselhaft, manches ist fragwürdig und dann und wann verfällt Thiele dann doch in den unangenehmen Duktus wortgewaltigen Bildungsbürgerkinos. Insgesamt sind es aber gerade diese Unentschiedenheit und Offenheit, das Nebeneinander unvereinbar erscheinender Gegensätze, die Vielzahl der Einfälle und die krassen Stimmungsgefälle, die VENUSBERG zu einem so immens spannenden, faszinierenden und ungewöhnlichen Film machen. Man mag kaum glauben, dass 1963, als die ganze Nation im kollektiven Edgar-Wallace- und Winnetou-Rausch lag (was natürlich nichts Schlechtes ist), ein solch ungewöhnlicher Film auf deutschem Boden von einem deutschen Regisseur gedreht wurde. Sein Schicksal – VENUSBERG ist im Grunde genommen vollkommen vergessen und droht ohne bleibende Spur zu verschwinden – verwundert ob der gebotenen Meisterschaft. Und dann wieder doch nicht: In Deutschland hat man es schließlich immer ganz gut verstanden, den Durchschnitt zu hofiere und Dilettanten hochzuschreiben und dafür Meisterwerke zu marginalisieren und ihre Schöpfer zu vergraulen.

Wer mehr über VENUSBERG wissen möchte, findet hier einen alten SPIEGEL-Artikel, hier ein Statement von Regisseur Thiele zu seinem Film und hier einen sehr schönen Text von Kollege und Kongressteilnehmer Gerd Reda, der den Film deutlich wacher erlebt hat als ich.

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Kommentare
  1. voluptuousvinyl03 sagt:

    Did they say if they were ever going to release this film on DVD? It’s best missing for so long, I’d love to see it.

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