11. hofbauer kongress: das liebestolle internat (jürgen enz, deutschland 1982)

Veröffentlicht: September 19, 2013 in Film, Veranstaltungen
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In meinem Ankündigungstext für den 11. Hofbauer Kongress (wie mich Mit-Teilnehmer Alex von den Hypnosemaschinen aufklärte, eigentlich „11. außerordentlicher Kongress des Hofbauer-Kommandos“ genannt) verwendete ich das Bild der Defloration, um das Kongresserlebnis, so wie ich es nach den Schilderungen bisheriger Besucher vorgestellt hatte, zu beschreiben. Als am vergangenen Wochenende zu vorgerückter Stunde der Entschluss fiel, dass es nun an der Zeit für DAS LIEBESTOLLE INTERNAT von Jürgen Enz sei, da war ich zwar schon mittendrin im Kongress, doch die schmutzige, harte Penetration stand mir noch bevor. Wer hätte sie besser vollziehen können als Jürgen Enz?

Jürgen Enz drehte (dann und wann unter Pseudonymen wie „Kenneth Howard“ oder „Jörg Michael“) zwischen 1972 und 1990 18 Filme mit so wohlklingenden Titeln wie FEUCHTE TRÄUME JUNGER FRAUEN, WO DER WILDBACH DURCH DAS HÖSCHEN RAUSCHT – DER WITWEN-REPORT, GAUDI IN DER LEDERHOSE, DAS SEX-ABITUR – HEISSE LIEBE IN BLUE JEANS oder auch WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN und versuchte sich darüber hinaus auch im Hardcore-Bereich. Zu später, äußerst unwahrscheinlicher Verehrung gelangte Enz im letzten Jahr, als sein Sauerlandmelodram HERBSTROMANZE in deutschen Cineastenkreisen die Runde machte und gleichermaßen euphorische wie tief befremdete Reaktionen provozierte. Wer den Film gesehen hatte, wollte sofort mehr von Enz, auf der Suche nach Antworten auf die Fragen, die die HERBSTROMANZE aufgeworfen hatte. Doch statt dieser Antworten offenbaren Enz‘ Filme immer nur tiefere Leere. Oder vielleicht ist es auch keine Leere, sondern die Präsenz des Banalen in ihrer ganzen Ausweglosigkeit, der Enz mit seinen Filmen einen Altar errichtet. So habe ich die Texte jedenfalls verstanden und dies während meiner „Enzauberung“ durch DAS LIEBESTOLLE INTERNAT – mehr oder weniger – bestätigt gefunden. Und so bin ich schon nach einem Film zum „Enzianer“ konvertiert, würde gern alles von ihm sehen.

DAS LIEBESTOLLE INTERNAT beginnt mit einer Szene, die tief in den DNA-Strang des deutschen Sexlustspiels eingeschrieben ist: Ein älterer Herr sitzt mit seiner rund 20 bis 30 Jahre jüngeren Sekretärin auf seiner braunen Couch, eine Flasche Cognac vor sich auf dem Tisch, um sich etwas Mut anzusaufen. Er kann sich kaum noch halten vor Lust, obwohl er seinem ganzen Habitus nach doch offenkundig homosexuell ist, sie sich anscheinend kaum Schöneres vorstellen, als von einem verweichlichten Lustgreis, der zudem noch ihr Chef ist, wüst begrapscht zu werden. Nach einigem Hickhack, sie ist mittlerweile nicht nur nackt, sondern auch geduscht – was die Klebebandrolle da auf dem Waschbeckenrand zu suchen hat, bleibt nur eines der unergründlichen Geheimnisse des Films –, soll es endlich zur Sache gehen, als unerwarteter Besuch auftaucht: des Lustgreises Nichte und ihr wehrpflichtiger Freund (der beim Bund, welch ein Trost, wahrscheinlich von seinem drahthaarigen Nackenspoiler getrennt werden wird). Und wie sich die Neuankömmlinge so ganz selbstverständlich neben den beiden auf die Couch setzen, ohne dass die Nacktheit der Frau in irgendeiner Form thematisiert oder auch nur bemerkt würde (nur der Freund guckt einmal ganz verstohlen), zeigt sich schon dieses Befremdliche, Autistische des Enz-Kosmos: Das in der Konstellation begründete Konfliktpotenzial, das jede andere deutsche Sexkomödie (und wahrscheinlich jede Komödie generell) weidlich ausschlachten würde, scheint Enz nicht nur nicht zu interessieren, sondern nicht einmal auch nur zu registrieren. Die Szene geht einfach so weiter und auch als zu allem Überfluss noch die Tochter des Mannes erscheint und sich ebenfalls dazusetzt, bleiben alle der Nacktheit der Sekretärin vollkommen indifferent gegenüber.

Ähnlich entspannt entwickelt sich auch die weitere „Handlung“ des Films, der die geschilderte Szene als Prolog voransteht: Eine Gruppe von Mädchen, darunter eben auch erwähnte Tochter und Nichte, treten ihr Schuljahr in einem malerisch auf einem Berg über einem See (wahrscheinlich im Allgäu) gelegenen Internat an. Außer dem Lehrer und Internatsleiter, einem Professor Boecke, gibt es auch noch eine teigige Sekretärin sowie einen notgeilen Gärtner, der sogleich anfängt, den Mädchen nachzustellen, die jedoch viel mehr Interesse an ihrem erstaunlich willensstarken Lehrer haben. Ihre Annäherungs- und Überrumpelunsgversuchen prallen zwar nicht gerade wirkungslos an dem armen Mann ab, aber er bleibt dennoch standhaft. Wenig später gesellen sich noch drei Jungs zur Protagonistenschar, die die Gelegenheit wittern, sich ordentlich die Hörner abzustoßen. Und so reiht sich dann eine behelfsmäßig hergeleitete Sexszene an die nächste, unterbrochen von kurzen Klamaukeinlagen, die auf ein sehr bizarres Humorverständnis schließen lassen. Es ist nicht so, dass Enz mit irrwitzigen oder gar besonders geschmacklosen Ideen aufwarten würde, das Gegenteil ist der Fall: Der Gipfel der Witzigkeit wird hier erreicht, wenn drei angezogene Menschen nacheinander in das Schwimmbecken fallen, in dem die Schülerinnen gerade nackt baden. Oder wenn eine Hecke wackelt, weil dahinter kräftig gevögelt wird, die Verdacht witternde Schulsekretärin aber mit dem Hinweis auf verstärkte Kaninchenaktivität beruhigt wird. Es ist unter anderem dieser Verzicht auf jede dramaturgische Herleitung, auf Spannungsaufbau, auf das Spiel mit den Kontrasten und Gegensätzen, sprich auf das Fundament, das eigentlich die Voraussetzung für jede Form von Humor und Witz ist, das befremdet. Und diese Unvermitteltheit, diese frappierende Plumpheit zieht sich durch den ganzen Film, der über weite Strecken wirkt, als habe ihn ein Außerirdischer gedreht, nachdem er sich das Treiben auf der Erde im Vorbeifliegen angeschaut hat.

Einer der Kongressteilnehmer, der mit dem Werk Enz‘ einigermaßen vertraut ist, sagte in einem Gespräch, dass es keinerlei Psychologie in seinen Filmen gebe, dass sie wie Utopien auf ihn wirkten, in denen die Menschen sich als gleichwertige, vollkommen unvorbelastete Wesen gegenübertreten und sich instinktiv verstehen. Tatsächlich gibt es keinerlei Niedertracht in DAS LIEBESTOLLE INTERNAT, noch nicht einmal einen Konflikt. Es wird kein böses Wort gesprochen, die Neckereien arten niemals aus, keiner kommt zu Schaden. Nichts hat irgendwelche Folgen, es gibt keine Pläne, die über die direkte Triebbefriedigung hinausgingen. Die Figuren sind kaum mehr als Körper, amöbenhafte Wesen, aber ganz bei sich und beseelt in ihrem nichtigen Dasein. Ihre Hässlichkeit und die Brutalität ihrer Sprache werden ihnen nie bewusst: Da werden „Schenkel auseinandergerückt“ und das weibliche Geschlecht als „Wunde“ bezeichnet, die „geschlossen“ werden will. Man muss sich den Enz-Protagonisten wahrhaft als glücklichen Menschen vorstellen, weil er keinerlei Ambitionen oder auch nur lästige Hobbys hat. Was ihn allein antreibt, das ist die Aussicht, einer Frau auf die nackten Brüste zu starren und sie vielleicht auch ein wenig kneten zu dürfen, sich betasten und ablecken zu lassen oder es sich selbst zu machen. Selbst ein Gartenschlauch kann brennendes Verlangen auslösen, das mit seiner Hilfe glücklicherweise auch gleich gelöscht wird. Individualität und Intimität existieren nicht, weshalb die Figuren bei Enz auch gern wie die Hühner auf der Stange aufgereiht werden. Und wer diese Gelüste nicht verspürt (wie die drei Schülerinnen, deren Darstellerinnen wohl nicht an Sexszenen teilnehmen wollten), der ist im Enz-Kosmos eine absolute Nonentität, führt ein noch schattenhafteres Dasein als die anderen. Es ist absolut unvorstellbar, dass ihr Leben über den geschilderten Rahmen hinausreicht, dass sie irgendwie weitermachen, wenn der Vorhang gefallen ist. Die Figuren sind Gefangene dieser kleinen, engen Filmwelt, aber darin geradezu selig. Wie unvollkommen und schmucklos sie ist, bemerken sie gar nicht: Die Räume sind karg und kahl, Abstellkammern, die sich dann mit ein oder zwei schludrig an die Wand gehängten Requisiten als Klassenzimmer oder Büro ausgeben. Überhaupt das „Internat“: Ganze sechs Schülerinnen werden dort von einem einzigen Lehrer unterwiesen, Biologieunterricht gibt es selbstverständlich nicht. Dafür kann sich der alte Mann vom Anfang auf Geheiß der Tochter, von deren Wohlbefinden er sich überzeugen will – ein Hauch von Plot weht kurz ins Nichts hinein –, als Arzt einschleichen und sich an ihren Kameradinnen vergreifen – die das selbstredend ganz toll finden. Dazu „orgelt“ schrille Synthiemucke irgendwo zwischen Zirkuszelt und Billigdisco: reines Musiksurrogat, Musiksimulation. Nichts ist echt bei Enz, außer den Brüsten. Bundesdeutscher Wahnsinn 1982. Geschichte wird gemacht, es geht voran. Hinein ins Delirium.

Silvia Szymanski, führende deutsche Enzpektorin hat auch zu DAS LIEBESTOLLE INTERNAT schon einen Text verfasst. Klick hier.

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