wild guitar (ray dennis steckler, usa 1962)

Veröffentlicht: September 22, 2013 in Film
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Bud Eagle (Arch Hall jr.) kommt mit einem alten Koffer und seiner Gitarre nach Los Angeles, um im Musikbusiness Fuß zu fassen. Durch Zufall erhält er sofort die Chance, bei einem Talentwettbewerb aufzutreten und begeistert dabei nicht nur die Zuschauer, sondern auch den Plattenfirmenboss Mike McCauley (Arch Hall sr.). Er verspricht Bud eine große Karriere, hat jedoch in Wahrheit vor, diesen auszupressen wie eine heiße Zitrone, solange er Gewinn abwirft. Buds Interesse an der braven Tänzerin Vickie (Nancy Czar) ist McCauley ein Dorn im Auge, weshalb er alles tut, den Kontakt zu unterbinden. Bud hat bald schon die Schnauze voll vom Business, aber er fühlt sich dem miesen Geschäftemacher verpflichtet – bis er seinen „Vorgänger“ Don Proctor (Robert Crum) kennenlernt, der mittlerweile dem Alkohol verfallen ist …

Eigentlich habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, Filme, die ich mit Alex beim Live-Audiokommentar schaue, nicht in dieses Tagebuch aufzunehmen, einfach weil die Sichtungssituation sehr speziell ist. Für WILD GUITAR mache ich aber gern eine Ausnahme: Zum einen ist es schon einige Jahre her, dass ich ihn zum letzten Mal noch zu Filmforen-Tagebuch-Zeiten gesehen habe, zum anderen liebe ich ihn über alles und halte ihn für ein cineastisches Zauberwerk, das leider viel zu oft als Baddie-Gurke geringgeschätzt wird. Auch gestern versuchten Alex und ich mit nur durchwachsenem Erfolg, dem anwesenden Publikum die Augen für die Schönheit dieses Films zu öffnen. Ich kann die Probleme, die „normale“ Filmseher mit ihm haben schon nachvollziehen: Wer in erster Linie Hollywood-Professionalismus gewohnt ist und für den Maßstab für „gutes Kino“ hält, dem kann man nur schwer begreiflich machen, wo die Qualitäten von Ray Dennis Stecklers ungeschliffenem Juwel liegen. Dabei muss man eigentlich nur genau hinsehen: Niemand geringeres als Vilmos Zsigmond (hier als „William Zsigmond“ aufgeführt), später mit der Kameraarbeit für unter anderem MCCABE & MRS. MILLER, DELIVERANCE, CLOSE ENCOUNTES OF THE THIRD KIND, THE DEER HUNTER, HEAVEN’S GATE oder BLOW OUT zu Weltruhm gelangt , fungierte als Second-Unit-Photographer und half mit, dass WILD GUITAR voller zwar etwas roher, aber dennoch wunderschöner Bilder ist. Viele Zuschauer scheitern beim Versuch, WILD GUITAR ernstzunehmen, wahrscheinlich an der Performance von Arch Hall jr., der nun einmal – da gibt es nichts dran zu deuteln – kein Schauspieler ist: Aber auch er fügt sich mit seiner entwaffnenden Unbedarftheit und dem leicht tumben, treudoofen Habitus m. E. perfekt in den Film ein. Er ist einfach brillant besetzt als naives Landei, das in die große Stadt kommt, und Steckler weiß all seine Schwächen im Stile eines Meisterregisseurs positiv umzudeuten und einzusetzen (ganz ähnlich wie Verhoeven das mit Elizabeth Berkeley in SHOWGIRLS gelang). WILD GUITAR ist im besten Sinne naives Märchenkino, das die bewundernswerte Chuzpe aufbringt, sich seine Geschichte nicht von der Realität – sprich: einem lächerlich geringen Budget – kaputtmachen zu lassen. Das große glitzernde Popbusiness wirkt geradezu anrührend unglamourös, aber das macht WILD GUITAR nur noch liebenswerter. Und Steckler weiß einfach, wie man Humor inszeniert: Die drei unfähigen New Yorker Gauner, die Bud später entführen (und mit denen Steckler seiner Vorliebe für alte Fernsehserials der Dreißigerjahre huldigt), sind urkomisch, und Steckler selbst brilliert unter seinem Pseudonym „Cash Flagg“ als McCauleys mieser enforcer Steak. Man sieht in jeder Sekunde, wie viel Spaß er an seiner Rolle hatte und seine Improvisationen sind unbezahlbar.

Seine magische Sternstunde hat WILD GUITAR ungefähr in der Mitte des Films, in einer Liebesszene, als die bunte, karnevaleske Clownerie, der der Film sonst frönt, zugunsten ungebrochener Romantik weicht. Auf einer nächtlichen, nur karg beleuchteten Eisfläche vereinen sich Bud und Vickie zu einem innigen Kuss. Der schwofige Rock-n‘-Roll- und Garagensound verstummt und stattdessen ertönt ganz leise eine fragile, zärtliche Melodie. Im Sonnenaufgang schlendern beide danach durch Hollywood und alles ist gut. Es ist ein Moment zum Sterben oder zum Heulen, auf jeden Fall für die totale Hingabe gemacht, völlig authentisch und ohne jede Zurückhaltung gefilmt. Ehrlichster, tief empfundenster Kitsch, wunderschön und anührend. Es ist vielleicht einer meiner Film-Lieblingsmomente überhaupt und auch gestern wäre ich trotz anwesendem Publikum fast zerschmolzen. Die Szene legt Zeugnis davon ab, dass Steckler – wie auch Ed Wood jr. – ein Kinomagier war, der einfach in einer ganz eigenen Liga spielte. Mir ist es völlig latte, dass WILD GUITAR in der IMDb mit skandalösen 2,8 Punkten abgespeist wird. Die Menschen sind dumm und unfähig, wahre Schönheit zu erkennen. Sollen sie in ZIEMLICH BESTE FREUNDE und Konsorten rennen. Ich bin mit Arch Hall jr. und fühle mich sehr wohl dabei. Ihr solltet das auch tun.

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