on the beach (stanley kramer, usa 1959)

Veröffentlicht: September 27, 2013 in Film
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Schon komisch: Stanley Kramers Film aus dem Jahr 1959 dürfte wohl noch bis in die Achtzigerjahre hinein als „aktuell“ gegolten haben. Der kalte Krieg befand sich damals noch einmal auf einem späten Höhepunkt, der Begriff „Wettrüsten“ gehörte zum alltäglichen Sprachgebrauch, Reagan dachte über das Star-Wars-Programm S.D.I. nach, Sting sang flehend „I hope the russians love their children, too“ und im Fernsehen zeigte THE DAY AFTER, wie es uns nach einer wahrscheinlich drohenden Atombombenexplosion mit uns zu Ende gehen würde. Wer die Achtzigerjahre aktiv miterlebt hat (ich kann mich noch sehr gut an die Zeit erinnern), der weiß, dass die Angst vor dem Dritten Weltkrieg vielleicht nicht unbedingt den Alltag bestimmte, aber dennoch stets präsent war. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zum Ende des Jahrzehnts fand diese Zeit latenter Angst ein unerwartetes Ende. Und Stanley Kramers ON THE BEACH, der fast 30 Jahre lang nicht von der Zeit überholt worden war, war plötzlich eine naiv anmutende Geschichtsstunde.

Nach einem verheerenden Weltkrieg steht die Menschheit vor dem Ende. Die nukleare Katastrophe hat die Kontinente entvölkert und unbewohnbar gemacht. In Australien versammeln sich die letzten Überlebenden: die Australier, die das Glück hatten, am richtigen Ort zu leben, sowie einige Marinesoldaten, die sich dorthin fliehen konnten. Doch dort bereitet man sich nicht etwa auf einen Neuanfang, sondern ebenfalls auf das Ende vor: Jeden Tag erwartet man die Wolke, die den tödlichen radioaktiven Niederschlag bringen wird. Es ist ein Sterben auf Zeit, mit dem sich die Menschen, die noch immer nicht begreifen, was mit ihnen geschehen ist, abfinden müssen. Eine letzte U-Boot-Mission soll noch einmal erkunden, ob es weit im Norden möglicherweise doch bewohnbare Gebiete gibt, und herausfinden, was es mit den rätselhaften Funksignalen aus San Diego auf sich hat. Der U-Boot-Kommandant Dwight Lionel Towers (Gregory Peck), noch einmal frisch verliebt in die alkoholsüchtige Australierin Moira (Ava Gardner), leitet die Expedition, zu seinen Männern gehören der junge Vater Peter Holmes (Anthony Perkins), der sich mit der unbeantwortbaren Frage herumschlägt, wie man seiner Frau ein paar Selbstmordpillen für sich und das Baby überreicht, sowie der Wissenschaftler Julian Osborne (Fred Astaire), der die schreckliche Konsequenz seiner Arbeit am eigenen Leib erfahren muss.

Stanley Kramer gilt als einer der großen Liberalen und Aufklärer des Hollywood-Kinos. ON THE BEACH ist seine manchmal sehr explizite Warnung vor dem Irrsinn des Wettrüstens und der Atombombe: Seinen Wissenschaftler lässt er einmal eine flammende Ansprache halten, der Film endet schließlich mit dem Blick auf menschenleere, ausgestorbene Straßenzüge und einem prophetisch die Worte „There is still time“ verkündenden Banner. Die darin zum Ausdruck kommende Dringlichkeit ist aus der Zeit heraus zu verstehen, aber auch das Manko eines Films, der immer dann am stärksten ist, wenn er seine Protagonisten angesichts des Unbegreiflichen um Worte ringen lässt, anstatt ihnen mit wohlfeilen Botschaften gefüllte Sprechblasen in den Mud zu legen. Momente wie jener, in dem Holmes seiner jungen Frau zu erklären versucht, was es mit den Tabletten auf sich hat, die er ihr vor seiner Expedition überreichen möchte, bündeln das ganze Grauen eines schrecklichen, gewissen und unaufhaltsamen Todes. Der Dialog zweier alter Herren, die darüber trauern, dass die verbleibende Lebenszeit zu kurz ist, um die 400 Flaschen Portwein, die im Offiziersheim gelagert sind, auszutrinken (und die Gedankenlosigkeit der Organisation kritisieren, die diese Verschwendung erst zuließ), fasst die ganze Absurdität zusammen, die der Selbstmord einer so weit zivilisierten, sich selbst als „überlegen“ bezeichnenden Rasse wie der Menschheit bedeutet. Dem können die tränenreichen Abschiedsszenen, die ON THE BEACH auf 130 überlange Minuten bringen, nachdem mehrere gute Schluss-Gelegenheiten verpasst wurden, nichts hinzufügen. Gregory Peck und Ava Gardner zeigen beide mitreißende Darbietungen mit herausragenden Szenen, aber sie können nicht verhindern, dass man in ihrer Leinwandbeziehung vor allem ein Zugeständnis an die damaligen Sehgewohnheiten bzw. die Hollywood-Konvention sieht.

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