Archiv für September, 2013

Unter dem Namen „Frank Cadillac“ verdingt sich Cris Johnson (Nicolas Cage) als zweitklassiger Illusionist in Las Vegas. Mit billigem Tingeltangel verbirgt er ein echtes übersinnliches Talent, das den Kern seiner Show bildet: Cris kann zwei Minuten weit in seine Zukunft sehen. Diese Fähigkeit ist dem CIA nicht verborgen geblieben: Um eine von Terrorist „Mr. Smith“ (Thomas Kretschmann) gestohlene Atombombe zu finden, will sich Agentin Callie Ferris (Julianne Moore)  seiner Dienste versichern. Doch vor dem Retten der Welt hat für Cris etwas anderes Priorität: Er will seine Traumfrau Liz (Jessica Biel) erobern  …

Zwar muss NEXT weitestgehend ohne Kostproben von Cages Megaacting auskommen, trotzdem scheint der auf einer Erzählung von Philip K. Dick basierende Film ihm förmlich auf den Leib geschneidert und mit einem anderen Darsteller kaum denkbar. Als routinierter Mittelklasse-Actioner von Lee Tamahori inszeniert – der nicht lang gebraucht hat, um nach dem zupackenden neuseeländischen Ehedrama ONCE WERE WARRIORS in der totalen Hollywood-Beliebigkeit zu enden (eine einsame Ausnahme wie der tolle DEVIL’S DOUBLE bestätigt nur die Regel) – ist er einerseits zu unspektakulär, um als ganz großes Eventkino gelten zu können, andererseits aber auch zu blöd, um den Respekt anspruchsvollerer Filmfreunde zu ernten. NEXT ist – bei aller Biederkeit – eine Kuriosum: als Blockbuster-Anwärter rund 10 Jahre zu spät, als DTV-Kulthit zu aufgeblasen. Das Herz des aufgeschlossenen Filmsehers erfreut er dann auch gerade in seinem leichtfertigen Nichtgelingen und in seiner strukturellen Verweigerungshaltung.

Zuerst mal zerreißt da ein unüberwindbares Plothole den Film: Auf der Suche nach mit einer Atombombe bewaffneten und zu allem entschlossenen Terroristen macht das CIA den Umweg über einen psychisch begabten Magier, der die einzige Chance sein soll, die Bösewichte dingfest zu machen? Doch selbst wenn man bereit ist, den sich unweigerlich zuschnürenden Hirnknoten zu ignorieren: Wie haben die Staatsbeamten Cris überhaupt ausfindig gemacht? Haben sie sich gedacht, dass sie für ihre Ermittlungen gut einen Wahrsager gebrauchen könnten und sich dann auf die Suche nach einem gemacht? (Und wenn ja: Konnten sie wirklich keinen finden, dessen Zeitfester größer als zwei Minuten ist?) Oder kannte einer der Agenten Cris bereits und kam dann ausgerechnet in diesem Fall existenzieller Bedeutung auf die Idee, ihn für die eigenen Zwecke zu rekrutieren? Wie dem auch sei: Angesichts der Größe der Bedrohung und der gebotenen Dringlichkeit ist der Umweg über Cris eigentlich nicht zu rechtfertigen. Könnte man die Zeit und Mühe, die es kostet, den unwilligen und wendigen Cris zu stellen, in der vagen Hoffnung, seine Fähigkeiten könnten helfen, nicht gleich genutzt werden, um die Verbrecher zu stellen, die immerhin eine Atombombe mit sich rumschleppen?

Dann ist da Cris: einer der typischen Cage-Antihelden, die sich in einer Mischung aus souveräner Belustigung über die Welt, niederdrückender Müdigkeit und aufreizender Scheißegal-Haltung durch die Welt treiben lassen. Ein desillusionierter Romantiker auf der fast hoffnungslosen Suche nach der einen Frau, die ihn noch retten kann. Er hat sie gegen die Logik seiner Zwei-Minuten-Beschränkung gesehen, wie sie an einem ungenannten Tag um 8:09 Uhr ein Diner in Las Vegas betritt. Seitdem wartet er dort jeden Tag in der Hoffnung, dass sie auftauchen möge. Als er sie endlich gefunden hat, hat er verständlicherweise keine Lust, den Weltenretter zu mimen und dabei sein Leben und sein junges Liebesglück aufs Spiel zu setzen. Das ist eine ungewöhnliche und zudem ziemlich sympathische, ja, beinahe subversive Drehbuchentscheidung: Wo der Hollywood-Protagonist sonst alles stehen und liegen zu lassen pflegt, wenn der Staat ruft und die Unsterblichkeit lockt, da hat Cris einfach keinen Bock. Seine Fähigkeiten stellt er demzufolge eben nicht in den Dienst der Sache, sondern in den Dienst, der Sache zu entgehen. Es ist zwar schade, aber eben auch erwartbar, dass NEXT das so nicht durchziehen kann: Cris’ große Liebe wird von den Bösewichtern gekidnappt und ihm die Entscheidung mehr oder weniger abgenommen. And now it’s personal …

Aber das Finale rettet den Film dann doch noch. Nicht, weil die Actioneinlagen so begeisternd wären, denn dafür ist Tamahori zu bieder und die CGI zu wenig überzeugend, sondern weil NEXT in letzter Sekunde den alten, abgegeriffenen „Alles war nur ein Traum“-Kniff zu größtmöglichem Effekt einsetzt und damit endgültig den Eindruck festigt, dass in NEXT eigentlich gar nichts passiert. Alles ist reine Potenzialität und Latenz. Wie die Geschichte um Cris, Liz und die Atombombe wirklich ausgeht, das muss ein anderer Film erzählen. Schön (blöd).

 

emanuelle_e_gli_ultimi_cannibali_laura_gemser_joe_damato_001_jpg_iprrDie schönste Szene des Films ereignet sich nach ca. einer halben Stunde: Die Journalistin Emanuelle (Laura Gemser) tummelt sich mit der blonden Schönen Isabelle (Mónica Zanchi) in einem malerischen See im tiefsten Urwald des Amazonas. Liebevoll widmen sich die beiden den Brüsten der jeweils anderen, waschen diese zärtlich und voller Liebkosungen. Plötzlich erscheint ein Schimpanse am Ufer des Sees, lässt sich nieder und genießt – wie wohl ein Großteil der männlichen Zuschauer – die Aussicht, während er aus einem der neben ihm liegenden Kleiderhaufen eine Schachtel Zigaretten birgt. Er fingert eine aus der Schachtel und steckt sie sich in den Mund. Emanuelle und Isabelle sehen schließlich, dass sie beobachtet werden, und brechen in befreites Gelächter aus.

Die Szene ist zum einen der Gipfelpunkt des Selbstzwecks, der D’Amatos Film von vorn bis hinten auszeichnet, zum anderen auch der Moment, in dem eine Art Selbstreflexion stattfindet. Gerade in der ersten Hälfte des Films reiht sich eine mehr oder weniger motivierte Sexszene an die nächste: Ihre Herleitung ist manchmal konstruiert, meist jedoch passieren sie einfach. Sex (oder Masturbation) scheint einfach immer eine geeignete Handlungsalternative zu sein, universell einsetzbar, stets im Rahmen des körperlich Möglichen und allein deshalb niemals ganz abwegig.  Emanuelle und Isabelle werden intim, weil beide attraktiv und am selben Ort sind: Das reicht als Erklärung. Die reichlich unwahrscheinliche Anwesenheit des Schimpansen – der ja eigentlich in Afrika beheimatet ist und nicht in Südamerika, wo EMANUELLE E GLI ULTIMI CANNIBALI spielt – zeigt jedoch, dass D’Amato sich der absurden Selbstzweckhaftigkeit seines Films bewusst ist, er inszeniert sie hier ganz offensiv und reißt den männlichen Zuschauer, der sich in einem Affen gespiegelt sehen muss, aus seiner sexuellen Meditation. Ein hübscher, beinahe subversiver Moment. Der Fairness halber muss aber gesagt werden, dass es auch der einzige das Films ist, über den es sich lohnt, länger zu sprechen.

D’Amatos Film ist zwar ein relativ früher Vertreter des kurzlebigen Kannibalenfilm-Subgenres, aber bereits so durchnormiert, dass man ihn eigentlich viel später im Zyklus einordnen würde. Die Kannibalen tauchen erst sehr spät auf, doch Spannung erzeugt ihre Abwesenheit kaum, dafür sind die Protagonisten viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Erst im letzten Drittel gibt es die genreüblichen Splatterszenen, bevor Emanuelle dann die entscheidende Idee hat, wie sie Isabelle davor bewahren kann, von den Kannibalen geopfert zu werden. Wer die bekannten Vertreter des Kannibalenfilms kennt, für den hält D’Amatos Film kaum noch Überraschungen bereit: Die Handlungsprämisse klaute Girolami zwei Jahre später für ZOMBI HOLOCAUST nahezu eins zu eins, die aus Journalisten, Anthropologen, Abenteurern und einheimischen Arbeitern zusammengesetzte Protagonistenschar ist Genrestandard, genauso wie der augenfällige Rassismus, die Verwendung von Stock Footage und die happigen Bilder von Ausweidungen und Genitalbeschneidungen. Im Gegensatz zu den Filmen Deodatos oder Lenzis, die – mal mehr, mal weniger ernstzunehmen – ihre Bilder primitiver Riten als Allegorie auf spätkapitalistischen Wirtschaftskannibalismus verstanden wissen wollten, ist EMANUELLE E GLI ULTIMI CANNIBALI wie auch Sergio Martinos LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE eher dem Abenteuerfilm verpflichtet. Doch wo Martino sich wenigstens bemüht, eine gewisse Seriosität herzustellen, greift D’Amato mit beiden ungewaschenen Händen voll in die Soße. Er sucht noch nicht einmal nach der Schöpfkelle.

Superjournalistin Emanuelle recherchiert als Patientin getarnt in einer Heilanstalt und bekommt mit, wie eine Insassin einer Krankenschwester die Titte abbeißt. Sie schleicht sich in das Zimmer der offenkundig geistig Zerrütteten und schiebt ihr als erstes den Finger in den Schritt. Als sie Kontakt zum Anthropologen (Gabriele Tinti) aufnimmt, landen die beiden nur wenig später im Bett. Seine Mithilfe bei der Expedition ist damit unter Dach und Fach, akribische Vorbereitungen sind nicht nötig, in zwei Tagen geht es los. Immerhin bleibt noch Zeit für Emanuelle, sich von ihrem Freund zu verabschieden und ihn an einem lauschigen Plätzchen am Brooklyner Ufer des Hudson River im Stehen zu vögeln. In diesem Orgeltempo geht das weiter: Die Abenteurerin Maggie (Nieves Navarro) stellt dem muskulösen schwarzen Helfer nach, weil sie von ihrem impotenten Mann (Donal O’Brien) gelangweilt ist, doch der findet seine Manneskraft just in dem Moment wieder, als er endlich den Diamantenschatz in den Händen hält, den er so lang gesucht hat. Und die arme Isabelle wird zwar von den Wilden unter Drogen gesetzt und dann reihum vergewaltigt, doch dem Happy End soll das nicht im Wege stehen. Solche dreiste Arglosigkeit nötigt dann schon einigen Respekt ab, auch wenn die 90 Minuten von EMANUELLE E GLI ULTIMI CANNIBALI mitunter recht lang werden.

Bud Eagle (Arch Hall jr.) kommt mit einem alten Koffer und seiner Gitarre nach Los Angeles, um im Musikbusiness Fuß zu fassen. Durch Zufall erhält er sofort die Chance, bei einem Talentwettbewerb aufzutreten und begeistert dabei nicht nur die Zuschauer, sondern auch den Plattenfirmenboss Mike McCauley (Arch Hall sr.). Er verspricht Bud eine große Karriere, hat jedoch in Wahrheit vor, diesen auszupressen wie eine heiße Zitrone, solange er Gewinn abwirft. Buds Interesse an der braven Tänzerin Vickie (Nancy Czar) ist McCauley ein Dorn im Auge, weshalb er alles tut, den Kontakt zu unterbinden. Bud hat bald schon die Schnauze voll vom Business, aber er fühlt sich dem miesen Geschäftemacher verpflichtet – bis er seinen „Vorgänger“ Don Proctor (Robert Crum) kennenlernt, der mittlerweile dem Alkohol verfallen ist …

Eigentlich habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, Filme, die ich mit Alex beim Live-Audiokommentar schaue, nicht in dieses Tagebuch aufzunehmen, einfach weil die Sichtungssituation sehr speziell ist. Für WILD GUITAR mache ich aber gern eine Ausnahme: Zum einen ist es schon einige Jahre her, dass ich ihn zum letzten Mal noch zu Filmforen-Tagebuch-Zeiten gesehen habe, zum anderen liebe ich ihn über alles und halte ihn für ein cineastisches Zauberwerk, das leider viel zu oft als Baddie-Gurke geringgeschätzt wird. Auch gestern versuchten Alex und ich mit nur durchwachsenem Erfolg, dem anwesenden Publikum die Augen für die Schönheit dieses Films zu öffnen. Ich kann die Probleme, die „normale“ Filmseher mit ihm haben schon nachvollziehen: Wer in erster Linie Hollywood-Professionalismus gewohnt ist und für den Maßstab für „gutes Kino“ hält, dem kann man nur schwer begreiflich machen, wo die Qualitäten von Ray Dennis Stecklers ungeschliffenem Juwel liegen. Dabei muss man eigentlich nur genau hinsehen: Niemand geringeres als Vilmos Zsigmond (hier als „William Zsigmond“ aufgeführt), später mit der Kameraarbeit für unter anderem MCCABE & MRS. MILLER, DELIVERANCE, CLOSE ENCOUNTES OF THE THIRD KIND, THE DEER HUNTER, HEAVEN’S GATE oder BLOW OUT zu Weltruhm gelangt , fungierte als Second-Unit-Photographer und half mit, dass WILD GUITAR voller zwar etwas roher, aber dennoch wunderschöner Bilder ist. Viele Zuschauer scheitern beim Versuch, WILD GUITAR ernstzunehmen, wahrscheinlich an der Performance von Arch Hall jr., der nun einmal – da gibt es nichts dran zu deuteln – kein Schauspieler ist: Aber auch er fügt sich mit seiner entwaffnenden Unbedarftheit und dem leicht tumben, treudoofen Habitus m. E. perfekt in den Film ein. Er ist einfach brillant besetzt als naives Landei, das in die große Stadt kommt, und Steckler weiß all seine Schwächen im Stile eines Meisterregisseurs positiv umzudeuten und einzusetzen (ganz ähnlich wie Verhoeven das mit Elizabeth Berkeley in SHOWGIRLS gelang). WILD GUITAR ist im besten Sinne naives Märchenkino, das die bewundernswerte Chuzpe aufbringt, sich seine Geschichte nicht von der Realität – sprich: einem lächerlich geringen Budget – kaputtmachen zu lassen. Das große glitzernde Popbusiness wirkt geradezu anrührend unglamourös, aber das macht WILD GUITAR nur noch liebenswerter. Und Steckler weiß einfach, wie man Humor inszeniert: Die drei unfähigen New Yorker Gauner, die Bud später entführen (und mit denen Steckler seiner Vorliebe für alte Fernsehserials der Dreißigerjahre huldigt), sind urkomisch, und Steckler selbst brilliert unter seinem Pseudonym „Cash Flagg“ als McCauleys mieser enforcer Steak. Man sieht in jeder Sekunde, wie viel Spaß er an seiner Rolle hatte und seine Improvisationen sind unbezahlbar.

Seine magische Sternstunde hat WILD GUITAR ungefähr in der Mitte des Films, in einer Liebesszene, als die bunte, karnevaleske Clownerie, der der Film sonst frönt, zugunsten ungebrochener Romantik weicht. Auf einer nächtlichen, nur karg beleuchteten Eisfläche vereinen sich Bud und Vickie zu einem innigen Kuss. Der schwofige Rock-n‘-Roll- und Garagensound verstummt und stattdessen ertönt ganz leise eine fragile, zärtliche Melodie. Im Sonnenaufgang schlendern beide danach durch Hollywood und alles ist gut. Es ist ein Moment zum Sterben oder zum Heulen, auf jeden Fall für die totale Hingabe gemacht, völlig authentisch und ohne jede Zurückhaltung gefilmt. Ehrlichster, tief empfundenster Kitsch, wunderschön und anührend. Es ist vielleicht einer meiner Film-Lieblingsmomente überhaupt und auch gestern wäre ich trotz anwesendem Publikum fast zerschmolzen. Die Szene legt Zeugnis davon ab, dass Steckler – wie auch Ed Wood jr. – ein Kinomagier war, der einfach in einer ganz eigenen Liga spielte. Mir ist es völlig latte, dass WILD GUITAR in der IMDb mit skandalösen 2,8 Punkten abgespeist wird. Die Menschen sind dumm und unfähig, wahre Schönheit zu erkennen. Sollen sie in ZIEMLICH BESTE FREUNDE und Konsorten rennen. Ich bin mit Arch Hall jr. und fühle mich sehr wohl dabei. Ihr solltet das auch tun.

In den frühen Montag-Morgenstunden wurde es für mich so langsam Zeit, Abschied zu nehmen. Der Schmerz, am folgenden letzten Kongresstag nicht mehr teilhaben zu können, wurde mit dem für diese Uhrzeit obligatorischen „Videoknüppel“ effektiv gelindert. Nachdem alle vorangegangenen Filme von 35 mm gezeigt wurden – was einen ziemlichen Restaurations- und Arbeitsaufwand für den lieben Christoph bedeutete, dem hiermit noch einmal von Herzen gedankt sei, dass er diese Strapazen auf sich genommen hat –, trübte LA SENORA DELL ORIENTE EXPRESS sehr adäquat als VHS-Rip von der Leinwand. Das matschige Bild und die wahrlich erlesene deutsche Pornosynchro passten ganz ausgezeichnet zu diesem öligen Spätachtziger-Sleazebolzen, der dem längst vergessenen Genre des europäischen Softerotikfilms keine Schande machte, sondern perfekt repräsentierte.

Erzählt wird die Geschichte der geilen Gloria (Malisa Longo), eine Dame vom Typ „hochtoupierte, schon leicht ranzige Glamour-Schlampe“, die seit der Heirat auf dem Trockenen liegt, weil ihr geliebter Ehemann (Tomas Pico), sich leider als impotent und zudem als masochistischer Voyeur erwiesen hat. Weil Gloria daher chronisch der Schritt brennt, schmeißt sie sich beim gemeinsamen Urlaub an Bord des Orient-Express an alles ran, was einen Schwanz hat und sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen kann. Derweil ist ihr Gatte, der das unglaubliche Verhalten seiner Frau erregt beobachtet, im siebten Himmel, sind jene Art der Demütigung und visuellen Stimulierung doch genau sein Ding …

Wie „schön“ waren doch die späten Achtziger: Aus jeder Minute von LA SENORA DELL ORIENTE EXPRESS quellen literweise Schmieröl und Frittenfett, es riecht nach preiswertem Cologne, Mottenkugeln und Tabakladen und wenn man von den Insignien falschen, billigen Glamours – Pelzmantel, Protzschmuck, Reizwäsche, Bummelzug – geblendet wird und ins Taumeln gerät, bremsen meterbreite Schulterpolster sanft den Fall. Die Frauen sehen allesamt aus wie Männer, die sich auf die Geschlechtsumwandlung vorbereiten und meinen, immer noch eine Schippe obendrauf legen zu müssen: Für die Haarspray-Frisuren wurde wahrscheinlich ein eigenes Ozonloch aufgerissen, Lippenstift und Nagellack leuchten in feinstem Nuttenrot, Seidenstrümpfe und Strapse werden nicht einmal zum Pennen ausgezogen. Die Männer, verweichlichte Jammerlappen, torkeln immer am Rande der vorzeitigen Ejakulation entlang und sind völlig unfähig, sich gegen die ihre Reize aggressiv einsetzenden Damen auch nur annähernd zu behaupten. Devot winselnd liegen sie ihren Angebeteten zu Füßen, lassen sich demütigen, beleidigen oder das Geld aus der Tasche ziehen, dabei völlig entrückte Lobpreisungen gen Himmel schicken, dass sie diesen süßen Rausch der Sinne erleben dürfen. Sex ist hier keine gleichberechtigte Sache, noch nicht einmal etwas, was man miteinander macht, sondern immer nur ein Bedienen oder Nehmen, das von der Frau ausgeht. Sie ist dem Mann hoffnungslos überlegen, aber was nützt ihr das, wenn sie es dann doch mit jedem Penner auf dem Bahnhofsklo treibt, anstatt sich den Besten auszusuchen? Das Tolle an LA SENORA DELL ORIENTE EXPRESS ist die krasse Diskrepanz zwischen der vorgekaulten Vornehmheit und Transzendenz und der tatsächlichen, bodenlosen Schmierigkeit. Der Film erzählt eigentlich von der Überwindung eines nagenden Eheproblems, doch geht das schon im Ansatz in die Hose, weil seine Protagonisten nur bei äußerst großzügig ausgelegter Definition noch als Menschen durchgehen. Da schütten sie sich das Herz über ihre heiligen Gefühlsregungen aus, reden in einer Tour aneinander vorbei, während sie sich begrapschen und ablecken wie die Handwerker. Währenddessen klappert der Film die tollsten europäischen Städte ab – Venedig, Paris, Zürich –, doch sein Orient-Express besteht anscheinend nur aus zwei Waggons, in denen sich zwei Handvoll Gäste aufhalten. Der „Künstler“, der Gloria am Schluss auf Geheiß ihres Mannes nackt malen soll, sieht aus wie ein am Down-Syndrom leidender Zwillingsbruder von Andy Warhol und seine Tiraden auf die „kleinbürgerliche Scheiße“ nehmen sich angesichts seiner Schmierereien reichlich geprahlt aus. Der Opernsänger, ein Pavarotti-Lookalike muss ständig husten und seine amateurhaften Sangeskostproben werden von den Gästen frenetisch beklatscht. Das alles wäre aber nur die halbe Miete ohne die Synchronisation, die auch den banalsten Scheiß noch weihevoll intoniert. „Hier gibt es schöne Sachen“, sagt der Ehemann zu Gloria, als beide über einen Antikmarkt bummeln, LA SENORA DELL ORIENTE EXPRESS damit ebenso schön und treffend zusammenfassend wie den 11. Hofbauer Kongress. Ich freue mich auf die 12. Ausgabe, von der ich – sofern ich dabei sein kann – wieder ausführlich berichten werde.

kungfuheadcrusher800Nach sich mit Bällen neckenden Nudisten und Esel waschenden Kleinkindern mussten sich die Teilnehmer des 11. Hofbauer Kongresses notgedrungen wieder den Härten des Lebens stellen.  DER TODESSCHREI DES GELBEN PANTHERS, wie YING HAN in Deutschland poetisch betitelt wurde, leistete entsprechende Konfrontationstherapie. 80 Minuten brachiales Fratzengeballer ohne jede Schönfärberei oder überkandidelte Artistik brachen von der Leinwand über die Zuschauer hernieder. Unterbrochen wurde die brutale Keilerei von feinstem taiwanesischen Sleaze, wenn der Bösewicht des Films, ein gemeiner Schmugglerboss und Menschenschinder, sich mit seinen Betthäschen vergnügt und dabei stets zu früh kommt.

Die Handlung ist schnell erzählt: Die beiden Helden, zwei gestählte Kung-Fu-Kämpfer, sitzen zu Beginn im Bau, erhalten jedoch den Auftrag, besagten Schmuggler zur Strecke zu bringen. Einer schleust sich in dessen Bande ein – sehr zum Entsetzen der Landbevölkerung, die in ihm schon einen Verbündeten im Kampf gegen den Schurken sah, nur um ihn nun auf der falschen Seite des Gesetzes zu wähnen –, der andere hält sich in sicherer Distanz bereit. Natürlich fliegt der Verräter auf und die Schurken machen mobil. Es kommt zur ausgedehnten Keilerei in der bergigen Küstenlandschaft Taiwans, bei der der Held auch seinen gefürchteten Finishing Move zum Einsatz bringt, der dem Film seinen malerischen US-Titel verlieh …

Wenn es um Martial Arts und Eastern geht, bin ich ja eigentlich Monotheist. Ich liebe das Kino der Shaw Brothers (von dem ich zwar auch nur  Bruchteile kenne, aber das ist bei einem Output von rund 600 Filmen auch kaum anders denkbar) und bin bis auf vereinzelte Ausnahmen nur wenig vertraut mit dem restlichen Genre. Na klar, ich kenne Bruce Lee und natürlich das Werk Jackie Chans ab den mittleren Achtzigejahren, aber das reicht kaum, um in Sachen Eastern wirklich mitreden zu können. An den Shaws schätze ich vor allem die elaborierten Studiosettings und die bunte Kostümpracht, Merkmale einer Art „kleinen“ Monumentalkinos, und natürlich die atemberaubenden Choreografien etwa eines Lau Kar-Leung. TODESSCHREI DES GELBEN PANTHERS kommt vom ganz anderen Ende des Spektrums, konzentriert sich inhaltlich um seine vier, fünf zentralen Figuren, nutzt als Kulisse beinahe ausschließlich die freie Natur, ist in seinen Fights alles andere als filigran und raffiniert, sondern superdirekt und ultrabrutal. Der Reiz solchen Kinos erschließt sich mir schon und der Gedanke, dass sowas früher Sonntagmittag im Bahnhofskino lief, lässt mich durchaus nostalgisch werden, allein, ich kann bei Filmen dieser Art nicht so richtig mitgehen. Um emotional wirklich mitgerissen zu werden, fehlen mir die Untiefen: Alles ist von Anfang an ganz klar dargelegt und dann wird der Plot nur noch abgespult, zwar mit äußerster Konsequenz, aber nichtsdestotrotz total vorhersehbar. Klar, das Finale ist reiner, filmgewordener Tobsuchtsanfall, wenn sich der Held da förmlich in einen Rausch hineinprügelt, den Endgegner im wahrste Sinne des Wortes unangespitzt in den Boden rammt. Das hat schon etwas Befreiendes, Kathartisches, Urwüchsiges. Aber um mich über seinen Triumph wirklich freuen zu können, fehlt mir einfach die Fallhöhe.

f-004_01Der zweite Nudistenfilm führte die Kongressteilnehmer von den Tropen in gemäßigtere Gefilde nach Korsika und dort auf die idyllische Felseninsel Cavallo, die eine kleine Nudistenkolonie beherbergt. Bevor es den ausgiebigen Blick auf nackte Menschen gibt, nehmen die drei „Protagonisten“ – ein Mann und zwei Frauen – und der gut gelaunte Voice-over-Kommentator den Zuschauer jedoch bei der Hand und zeigen ihm auf dem Weg nach Cavallo ein paar Sehenswürdigkeiten. Hilarity ensues: Ein typisch südländisch-fauler Autovermieter vergisst bei der Herrichtung des 2CV einen neuen Vergaser einzubauen, sodass es für die drei Urlauber auf den Gebirgsstraßen schon bald nicht mehr weitergeht. Zum Glück ist die knorrige Inselbevölkerung immer hilfsbereit – wenn sie nicht gerade auf Wildschweinjagd ist und wüst ballernd im Wald herumrennt – und übernimmt mit einem braven Esel, bekanntlichermaßen „Freund des Menschen“, den Abschleppdienst, sodass die Drei doch noch am Ziel ankommen. Auf der anderen Seite der Insel bemerkt der Autovermieter unterdessen sein Versäumnis und rast den Nudisten auf dem Sozius eines motorisierten Pfarrers hinterher. Das war dann auch schon die Handlung.

Für den Rest des Films ergeht sich Regisseur Swiagenin in der Ins-Licht-Stzung des Insel- und Nudistenidylls: Man turnt am Strand mit seinen bizarren Felsformationen herum, taucht im kristallklaren Wasser, tanzt, empfängt den Lebensmittelboten, neckt sich mit Bällen (Zitat), wäscht den Esel und lässt es sich rundum gutgehen in seiner Nacktheit. Auf- oder gar erregend ist das alles nicht, aber irgendwie erholsam in all seiner Ereignis- und Harmlosigkeit, der fleißigen Gewissenhaftigkeit, mit der der Nudistenurlaub in all seiner Biederkeit protokolliert wird. Cavallo bietet eine hübsche Kulisse, doch nach knapp 80 Minuten hat man dann wirklich jeden Felsen gesehen. TÖCHTER DER SONNE ist auch darin fast wie Urlaub: Kurz vor Schluss freut man sich darauf, wieder nach Hause zurückzukehren, dem elenden Müßiggang endlich wieder etwas Stress entgegensetzen zu können. Mit von der Sommerbrise gut ausgelüftetem Gemächt ist man bereit, sich den Herausforderungen des Alltags zu stellen.

Am Sonntagabend des 11. Hofbauer Kongresses badeten wir uns in Unschuld. Dazu hatte Kongress-Kurator Christoph ein passendes Nudie-Cutie-Double-Feature zusammengestellt, das uns mit Sonnenstrahlen wachkitzeln, mit einer kühlen Sommerbrise erfrischen, mit dem Zauber der Natur becircen und mit dem Blick auf nackte Schönheiten anregen sollte. Der Plan ging auf und nach 140 Minuten fühlten sich alle Teilnehmer wie frisch gebadet – und damit bereit, wieder in den Morast hinabzusteigen.

Los ging es mit HOW I LIVED AS EVE, der die wilde Geschichte einer Nudistengemeinschaft (der Film bezeichnet sie als „Naturalisten“) erzählt, die sich der Herausforderung stellen, drei Monate wie Wilde auf einerTropeninsel zu leben, um so ihre kleine Nudistenkolonie zu retten, die ein Geschäftsmann für sich haben möchte.

Vorab ein paar Takte zum Genre des Nudistenfilms oder auch „Nudie Cutie“: Das erlebte vor allem in den Sechzigerjahren kurze Popularität, lockte unter dem Vorwand, sich mit der neuen Freikörperkultur auseinanderzusetzen, natürlich vor allem Männer mit nackten Tatsachen ins Kino, die sich vielleicht nicht in ein „richtiges“ Pornokino trauten. Die Fassade wird dabei immer gewahrt: Mehr als dem Geschichtenerzählen haben sich die Filme der (Pseudo-)Dokumentation verschrieben. Die lose Zusammenstellung von Strand-, Urlaubs- und Freizeitszenen wird von einem Voice-over-Kommentar begleitet, der Objektivität und einen gewissen Bildungsanspruch vorgaukelt. (HOW I LIVED AS EVE fährt zu diesem Zweck sogar eine – an „The Road to Hell“ den Film im Film aus CANNIBAL HOLOCAUST erinnernde – Dokumentation über einen brasilianischen Indianerstamm auf, die zu Beginn vorgeführt wird und Inspiration für die folgende Wette ist.) Sex oder andere grafische Anzüglichkeiten gibt es überhaupt nicht: Lediglich den Blick auf nackte Körper. Was dieses auch mit durchaus vorhandener Sympathie als „eindimensional“ zu bezeichnende Genre so interessant und im Wortsinn liebenswert macht, das ist die Abwesenheit jedes bösen Gedankens, Auch HOW I LIVED AS EVE ist so unglaublich süß, naiv und unschuldig, so … ja, fremdartig in seinem Verzicht auf jegliche Konflikte, Gewalt oder Zynismus, so unglaublich beruhigend in seiner Genügsamkeit, dass man das beseelte Dauergrinsen kaum noch wegbekommt.

HOW I LIVED AS EVE ist – vor allem im Vergleich zum nachfolgenden TÖCHTER DER SONNE – sogar noch relativ handlungslastig mit seiner eigenartigen Prämisse, aber umso frappierender fällt auf, wie wenig ihn Spannungsaufbau und -auflösung interessieren. Nicht wilde Tiere, Hunger, interne Konflikte, Naturgewalten oder Infektionskrankheiten stellen die größte Gefahr für den Erfolg des Unternehmens dar, sondern schlicht die Langeweile. Der Voice-over-Kommentator macht gar keinen Hehl daraus und sich offensichtlich keinerlei Sorgen darum, dass der Zuschauer von diesem Eingeständnis abgeschreckt werden könnte: Ganz selbstverständlich räumt er immer wieder ein, dass die armen Nudisten ihre Wette abbrechen könnten, weil auf dieser Insel einfach nichts passiert und drei Monate verschissen lang werden können. Bei so viel Nachdruck will dann auch das Drehbuch nicht dazwischenfunken. Wann immer sich die ersten vereinzelten leisen Zweifel an der ganzen Unternehmung bemerkbar machen, ist die Harmonie schon nach kürzester Zeit wieder vollkommen hergestellt. Und wenn es einmal doch dramatisch wird, ganz am Ende, wenn sich die Nudistenschönheit bei dem Versuch, ein kleines Zicklein einzufangen, den Kopf stößt und das Bewusstsein verliert, dann ist die Kamera beim Unfall nicht dabei, ganz so als wolle sie den Zuschauer schonen. Die Verantwortung des Spannungsaufbaus liegt ganz auf den Schulter des Kommentators, der sich redlich bemüht, die Stimmung hochzuhalten. Er hat immer einen lustigen, aber niemals zu grellen Spruch auf den Lippen, kein Anlass ist ihm zu banal. (Er erinnert in seinem Duktus und seiner Begeisterungsfähigkeit nicht wenig an das fleißige Kegelclubmitglied, das den gemeinsamen Ausflug nach Rüdesheim für alle Beteiligten in einem fünfseitigen Aufsatz festhält.) So gibt es auch keinerlei echte Spannung, allerhöchstens leise, in sich ruhende Belustigung, etwa über den wohlmeindenden und engagierten, aber immer etwas unglücklich agierenden John, dessen Heimwerkerarbeiten nie erfolgreich sind. Aber natürlich haben auch seine Fehlleistungen am Ende etwas Gutes.

HOW I LIVED AS EVE ist – wie sein ganzes Genre – so weit weg von uns, dass man nicht anders kann, als das Geschehen  mit äußerster Faszination zu betrachten. Dieser Film ist fernab allen Kitsches so zuckersüß, herzlich und gutmütig, dass er heute, wo Zynismus, Sarkasmus und Ironie die allgemeine Grundhaltung bestimmen, wie von einem anderen Planeten zu uns herabgebeamt wirkt. EIn filmisches Sonnenbad, nachdem man sich mit Erdbeeren und Schlagsahne stärkt.