der irre vom zombiehof (ernst r. von theumer, deutschland 1979)

Veröffentlicht: Oktober 6, 2013 in Film
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An DER IRRE VOM ZOMBIEHOF manifestiert sich in vielerlei Hinsicht, was am deutschen Exploitation-Kino der Siebzigerjare so toll war, aber auch ein großes Versäumnis: Er ist heute eine filmarchäologische Reliquie, der übrig gebliebene, mit Moos überwucherte und kaum noch sichtbare Wegweiser zu einem Ort, der starb, noch bevor er entstehen konnte. Er zeigt, welches Potenzial der deutsche Backwood-Film gehabt hätte, ein Genre, das es eigentlich geben sollte als missratenen Zwilling des Heimatfilms, das aber bestenfalls in Fragmenten existiert. Von einer alternativen deutschen Genregeschichte, die mit DER IRRE VOM ZOMBIEHOF als ihrer Initialzündung beginnt, quasi als deutsches Äquivalent zu THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE, darf man heute nur träumen. Stattdessen ist Ernst R. von Theumers (unter dem Pseudonym „Richard Jackson“ gedrehter) Film eine Kuriosität, eine Art Lachnummer, die man vor allem mit einer fehlgeschlagenen, absurden Marketing-Strategie verbindet. Zu Unrecht, denn DER IRRE VOM ZOMBIEHOF ist runterziehendste, tristpoetische Siebzigerjahre-Düsternis, eine knarzig-krachende Moritat in Dumpf-Moll über bayrisches Spießertum und menschenverachtende Hetzmentalität, niederdrückenden Katholizismus, dunkle Familienbiografien, Inzest, Degeneration und Brudermord.

Auf einem Hof irgendwo in Bayern führt der Papa (Peter Jacob) dreier erwachsener Söhne ein strenges Regiment: Sein künftiger Erbe, der erstgeborene Felix (William Berger), wartet sehnsüchtig darauf, den Hof übernehmen zu können, ist aber mit dem Makel behaftet, mit der Magd Rosa (Lore Graf) liiert, aber nicht verheiratet zu sein und mit ihr auch noch ein Kind, die junge Anne (Maria Beck), gezeugt zu haben. Der zweitälteste Sohn Kurt (Herb Andress) würde seinerseits gern den Hof übernehmen, doch der Vater hält ihn für einen Weichling. Der dritte im Bunde ist Franz (Claus Fuchs), eine arme, geistig zurückgebliebene Seele, die beseelt grinsend herumläuft und sich dann und wann an Frauen vergreift, unter anderem an seiner Nichte. Dass die Großmutter (Claudia Bethge) im Sterben liegt, nimmt außer der kleinen Anne niemand so richtig wahr. Die im Kern sowieso schon verrottete Familie zerfällt endgültig, als sich eine Gruppe von „Zigeunern“ in der Nähe des Hofs niederlässt. Während Anne zarte Bande mit einem Jungen knüpft, weil der so wunderschön die Geige spielt, setzt ein Unfall, bei dem Franz eine ihrer Frauen tötet, eine Gewaltspirale in Gang: Die deutsche Familie sieht ihre Zukunft und ihren Ruf gefährdet und muss alle Spuren und Zeugen von Franzens Tat auslöschen …

Unter dem Titel DAS MÄDCHEN VOM HOF erlebte Ernst R. von Theumers Film seine deutsche Kinopremiere, ging aber sang- und klanglos unter. Einigermaßen verständlich: Der Film, der gänzlich ohne zugkräftige Namen auskommen musste, setzte potenziellen Zuschauern mit diesem Titel nicht gerade die Pistole auf die Brust. In einem zweiten Anlauf brachte man ihn zwar unter einem hübsch reißerischen, aber leider auch ziemlich beknackten Titel ins Kino: Niemand konnte sich vorstellen, was DIE TOTENSCHMECKER eigentlich verhieß, erneut blieben die Zuschauer dem Film in Scharen fern. Aller guten Dinge sind drei und weil man den Film auf Gedeih und Verderb zum Erfolg machen wollte, George A. Romeros DAWN OF THE DEAD jüngst ein bahnbrechender Kassenerfolg gewesen war und eine ganze Flut vom Zombiefilmen inspiriert hatte, dachten die Produzenten, sie könnten mit dem markigen Titel DER IRRE VOM ZOMBIEHOF auf den Fahrt aufnehmenden Zug aufspringen. Es wird wohl auf ewig ein Mysterium bleiben, warum von Theumers Film daraufhin nicht zum Superhit avancierte. Die kleine Anekdote ist natürlich ein besonders haarsträubendes Beispiel für die nicht immer ganz koscheren Methoden im Exploitation-Film-Business, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass DER IRRE VOM ZOMBIEHOF ein sehr effektiver und vor allem einzigartiger Film ist. Er ist desillusionierend, dunkel, hässlich und dazu von einer formalen Ungeschliffenheit, dass es einem die Schuhe auszieht. Die Nachvertonung verleiht ihm eine unangenehm aufdringliche Unmittelbarkeit, Soundeffekte springen einen förmlich an, alles ist plumper Vordergrund ohne Rückzugsmöglichkeiten. Wenn die liebe Anne vor Schreck erstarrt, als sie Vater, Großvater und Onkel dabei ertappt, wie sie die Leichen zweier Frauen auf den Anhänger ihres Traktors verladen, weiß der Opa in krachlederner bayrischer Diktion nur zu befehlen: „Geh Annerl, hilf der Großmutter beim Sterben!“ Bei dieser und anderen Kaltschnäuzigkeiten des Films läuft es einem schlicht eiskalt den Rücken hinunter. Andere Szenen, wie jene, in der der Geigenspieler als Silhouette auf einem Berg zu sehen ist, seine traurige Weise dazu den Sonnenuntergang untermalt, sind von einem naiven Pathos gekennzeichnet, das dem Film zu seiner merkwürdigen Sonderstellung zwischen deutschem Hinterland-Realismus und düsterromantischem Gegenwartsmärchen verhilft. Selten ist Kitsch kälter und wirkungsloser gewesen. Jene Regionen, die im Heimatfilm immer als Hort der Tugend und des Schönen idealisiert werden, zeigen sich in DER IRRE VOM ZOMBIEHOF als zerlumpter Unterleib Deutschlands, als Ort, an dem Triebe ungehemmt wuchern, das Christentum die Menschen zu Mördern macht und der Horizont an den Grenzen des eigenen Grundstücks endet. Als Abrechnung mit dem hässlichen Deutschen, der die Welt 40 Jahre zuvor in Flammen hatte aufgehen lassen, ist der Film umso effektiver, als er keinerlei Außenperspektive zulässt. Für 90 Minuten steigt man hinab in einen zähen, schwarzen, alles verschlingenden Morast des Dumpfen und Dummen. Noch einmal: Wie schade, dass das verstörende Potenzial, das DER IRRE VOM ZOMBIEHOF entfacht, nicht Schule machte.

Danke an Christoph Draxtra, mit dessen Hilfe ich eine seit rund 25 Jahre lang klaffende Lücke endlich schließen konnte.

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Kommentare
  1. […] von Theumers Anti-Heimatfilm „Das Mädchen vom Hof“ erst „Die Totenschmecker“ und dann „Der Irre vom Zombiehof“ wurde, erfährt man von Oliver Nöding auf Remember it for […]

  2. Danke für die Rezension.
    Da der Film mitlerweile Kultsatus besitzt wird sich so mancher vielleicht über ein paar Backround Informationen freuen.
    Vielleicht kann ich noch etwas dazu beitragen.
    Der Film spielt nicht in Bayern sondern in Kitzbühel. Er wurde auch komplett dort gedreht.
    Im Hintergrund sieht man die Bergipfel des Wilden Kaiser und die Angel Szene findet am Schwarzsee statt. Der Aussiedlerhof liegt zwischen St. Johann in Tirol und Kitzbühel. Somit hat der Film mit Deutschland und Bayern überhaupt nichts zu tun.
    Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit. In Österreich wurde eine Sinti Familie von Anwohnern ausgerottet. Die Sinti im Film werden gespielt von: Georg Segar, Ramona Blum, Hedwig Blum, Nipslo Brandner (Im Film wird er Nipso gerufen) und dessen Mutter (als Älteste). Der geigenspielende Sohn Joschy wurde von einem Roma gespielt (der nie Geige spielte), namens Sonny Kaikoni.
    Alle Sinti in diesem Film sprachen ein perfektes Hochdeutsch, wurden aber im Nachhinein mit ausländischem Azent und rollendem rrrr synchronisiert. Auch die Gesangszene der Sinti, am Lagerfeuer, mit Georg Segar und Nipslo Brandner (an der Gittare), in echtem Romenis der Deutsch / Österreichischen Sinti, wurde im nachhinein neu synchronisiert ins rumänische Romanis der Roma, weil man die „Zigeuner“ fremder erscheinen lassen wollte.

    Vorsicht Spoiler! (Wenn mann überhaupt bei einem Film aus dem Jahre 1978 von Spoileralarm reden kann)
    Zu den stärksten Momenten des Films gehört die Szene in der der Schwachsinnige Sohn des Bauern, der „Zigeunerin“ die Hünereier, die sie stehlen möchte, ein Stück entgegen bringen möchte. Sie verklemmt sich dabei im Eingang des Hühnerstalls und Schreit vor Angst als sie den Sohn aus der dunklen Ecke des Hühnerstalls kommen sieht. Er zerdrückt die Eier, hält ihr mit den besudelten Händen den Mund zu und tötet sie. Als ihre Schwester das Schreien hört, kommt sie gelaufen und sieht sie den Schwachsinnigen Sohn des Bauern, mit der Toten aus dem Stall kommen. Danach beginnt das Morden. Sie Schreit und rennt weg, doch der Bauer sagt seinem ältesten Sohn, er solle sie zum schweigen bringen. Sie wird nach einer Verfolgungsjagd über den Hof, erschlagen.
    Der Bauerssohn schlägt ihren Kopf solange auf einen Stein, bis sie reglos liegenbleibt. Beim letzten Schlag auf ihren Kopf, sagt er im Blutrausch: „Du Sau“.

    Als die beiden Frauen nicht zum Rastplatz der Sinti zurückkehren, schickt die Älteste, ihre beiden Söhne zum Hof um nachzusehen was dort passiert sei.
    Sie fragen höflich ob jemand ihre Frauen gesehen habe. Die Tochter des Bauern steht auf dem Balkon und fängt an zu schreien, das sie keine „Zigeiner“ gesehen hat. Dann sagt einer der Sinti, das er ihr ansehe das sie lüge. Sie schreit:“ Vom Hof mit dir“ und bekommt einen Nerfenzusammenbruch.
    Doch der Hund der beiden Männer wittert etwas und läuft zu der stelle wo die beiden toten Frauen versteckt wurden.
    Als Nipso (Nipslo Brandner) zu den Leichen laufen will, wird er vom zweiten Sohn des Bauern in den Rücken geschossen. Sein Bruder (Georg Segar) zieht daraufhin sein Messer, sieht nach oben zum Schützen, sagt: „Du Schwein“ und rennt hoch auf den Balkon. Dort wird er beim aufstoßen der Tür erschossen und stirbt mit einem Hasserfüllten Blick, bevor er seinen Bruder rächen kann.

    Eigentlich wollte der Regiseur diese Szene anderes gestalten. Nachdem Nipso in den Rücken geschossen wurde, sollte sein Bruder weglaufen und dabei ebenfalls erschossen werden.
    Georg Segar machte damals den Vorschlag die Szene anders zu drehen, weil sie ihm unrealistisch erschien. Die zweite Version erschien dem Filmteam wesentlich besser.
    Laut eigenen Angaben zitterten Ramona Blum die Lippen vor Kälte, als sie im Regen, Tot auf dem Wagen lag. Der Regen kam von einem Wasserschlauch, der Wasser aus einem Gebirgsbach pumpte.

    Bei den Dreharbeiten in Kitzbühel herrschte beste Stimmung. Das Team hatte keinerlei Schwierigkeiten während der Dreharbeiten in der malerischen Region Tirol und drehte insgesammt 2 Wochen.
    Die Deutschen Sinti bekammen eine, für damiligen Verhältnisse, stattliche Gage und waren gut befreundet mit dem restlichen Filmteam.
    Seine Premiere feierte der Film in einem Kinotheater in Hof.

    Ich selbst habe den Film über 20 Jahre nicht mehr gesehen und würde mich sehr über eine Kopie freuen.

    Georg Blum
    (Sohn von Ramona Blum und Georg Segar)

    • Oliver sagt:

      Hallo Georg,
      vielen lieben Dank für deinen langen, hoch interessanten und aufschlussreichen Kommentar. Bitte entschuldige, dass ich dir jetzt erst antworte, aber während der Feiertage bin ich einfach zu nichts gekommen …

      Gern kümmere ich mich darum, dass du den Film bekommst. Magst du mir deine Adresse zusenden?
      Meine E-Mail-Adresse lautet: olivernoeding@yahoo.de

      Viele Grüße und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

  3. Der Film ist inzwischen da. Riesen Freude! Vielen Dank.
    Habe direkt etwas auf Youtube gepostet: https://www.youtube.com/watch?v=KbJnuYzFzj0

    LG
    G. Blum

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