zero dark thirty (kathryn bigelow, usa 2012)

Veröffentlicht: Oktober 9, 2013 in Film
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Die Sichtung von ZERO DARK THIRTY war eine der schwierigeren der letzten Zeit: Beim ersten Anlauf brach ich nach ca. 90 Minuten müde ab, beim zweiten Anlauf, noch einmal von vorne, schlief ich nach einem stressigen Arbeitstag sogar noch früher ein. Zwar durfte ich mir noch kein Urteil über den gerade mal zur Hälfte absolvierten Film erlauben, etwas enttäuscht war ich von dem, was ich bis dahin gesehen hatte, aber trotzdem: Nicht nur der unmittelbare Vorgänger THE HURT LOCKER, eigentlich alles von Kathryn Bigelow hatte mir bis dahin ausgezeichnet gefallen, und die positiven Urteile über ihren neuesten Film – von Menschen, auf deren Urteil ich mich gern verlasse überdies – hatten zusätzlich eine gewisse Erwartung erzeugt, die zunächst nicht erfüllt wurde. Mir erschien ZERO DARK THIRTY wenig zwingend, etwas selbstverliebt und ziellos in der akribischen Dar- und Nachstellung einer zermürbenden Menschenjagd, die sich vor allem als Wühlen durch Aktenberge, das Zutagefördern widersprüchlicher Aussagen unter anderem durch Foltern austauschbarer Informanten sowie das Prüfen verrauschter Video- und Tonaufzeichnungen darstellte. Ja, die Suche nach Osama Bin Laden, dem gefürchteten und gehassten Anführer von Al-Quaida, war schwierig, langwierig und frustrierend, gefährlich außerdem, vor allem ging sie nicht so sauber vonstatten, wie man sich das als Humanist wünschen würde. Gleichzeitig aber auch: Ja, man kann den Eifer und den Fanatismus der Amerikaner, die den furchtbaren, sinnlosen Tod von 3.000 ihrer Freunde, Verwandten und Nachbarn betrauern, außerdem die Zerstörung eines nationalen Wahrzeichens und ihres nationalen Stolzes verkraften mussten, irgendwie verstehen. Und Bin Laden ringt einem auch nicht gerade Mitleid ab: Es gibt durchaus Menschen, deren gewaltsamen Tod man als wenn schon nicht gerecht, so doch zumindest als folgerichtig und legitim betrachten kann. Live by the sword, die by the sword, gewissermaßen. Wer Wind sät … Beide Impulse – die Identifikation mit den Amerikanern, die einen skrupellosen Massenmörder fassen wollen, sowie der Zweifel an der Richtigkeit ihres Tuns, der einen beschleicht, wenn man ihre Methoden sieht – neutralisieren sich in Bigelows Film nahezu. Das hat zwar einen Grund, zu dem ich später noch komme, sorgt aber eben nicht unbedingt für ein auf Anhieb fesselndes und mitreißendes Kinoerlebnis. Stattdessen passiert etwas anderes mit einem: Man denkt nach.

Die junge, ambitionierte und engagierte CIA-Agentin Maya (Jessica Chastain) wird nach Pakistan geschickt, wo sie dabei helfen soll, eine Spur zum Aufenthaltsort von Osama Bin Laden zu finden. Gemeinsam mit Dan (Jason Clarke) foltert und verhört sie Gefangene aus Al-Quaida-Kreisen, geht Hinweisen nach, stellt Querverbindungen auf, landet aber schließlich, vermeintlich kurz vor dem Ziel, in einer Sackgasse. Bis dahin hat sie schon zahlreiche Freunde und Kollegen bei einem Selbstmordattentat verloren, Vorgesetzte kommen und gehen sehen, selbst einen Anschlag überlebt und Jahre damit verbracht, einem Phantom hinterherzujagen. Als sie dann doch ein verdächtiges Haus eines Al-Quaida-Vertrauten entdeckt, in dem ein nicht identifizierbarer Einwohner geradezu besessen darauf achtet, keinerlei Beweise für seine Anwesenheit zu hinterlassen, ist sie überzeugt, den „gefährlichsten Mann der Welt“ gefunden zu haben …

ZERO DARK THIRTY beginnt mit dem Ursprung des Traumas: Tonmaterial vom Flug 93, von Opfern im World Trade Center und ihren Angehörigen. Die Eindrücke aus dem nur wenige Sekunden dauernden Vorspann schnüren einem sofort die Kehle zu. Doch Kathryn Bigelow wird dieses Gefühl im Folgenden eben nicht für Propaganda, Folter- und Infiltrationslegitimation ausschlachten. Die Aufnahmen dienen ihr lediglich zur Schaffung von Kontext: So war das an 9/11, als 3.000 ganz normale Bürger, die sich morgens, nichts Böses ahnend, von ihren Familien verabschiedet hatten, dem größten Terroranschlag des 20. Jahrhunderts zum Opfer fielen. Der Zorn, Eifer und Fanatismus von Maya, ihren Kollegen und Vorgesetzten wird vor diesem Hintergrund nachvollziehbar, verständlich. Die physische und psychische Folter, der Dan einen Häftling unterzieht, erscheint als vertretbarer Preis, der eben gezahlt werden muss, wenn man den Schuldigen für den Anschlag zur Rechenschaft ziehen will. Aber zwischen der Gier Mayas und dem Interesse des Zuschauers klafft im Verlauf des Films eine zunehmend größer werdende Kluft: Die ganze, sich über Jahre hinziehende Jagd nimmt einen nie gefangen, bleibt seltsam abstrakt, selbstzweckhaft. Wie das obsessive Festhalten des Verlassenen an einer Geliebten, die längst Geschichte ist. Spannung erzeugt ZERO DARK THIRTY eigentlich nie: Man weiß ja, wie die Geschichte ausgeht, die Freude über kleine Erfolge wird von einem elliptischen Handlungsverlauf unterminiert, der teilweise Jahre überspringt und sich als Aneinanderreihung mal mehr, aber meist weniger miteinander verbundener und immer austauschbarere werdender Episoden entfaltet.

Erst im letzten Drittel, wenn der vermeintliche Aufenthaltsort Bin Ladens ausfindig gemacht wurde, die politischen Köpfe aus Washington überzeugt und dann die Einsatzkräfte instruiert worden sind, entfaltet ZERO DARK THIRTY so etwas wie echten Zug. Und genau hier stürzt dann das mühsam errichtete Kartenhaus der moralischen Rechtfertigung spätestens zusammen: Die brutale Härte, mit der amerikanische Soldaten in ein Wohnhaus einfallen und ohne Warnung alles töten, was sich bewegt, in einem fremden Land zudem, die Dreistigkeit und Kaltschnäuzigkeit, die dahintersteckt, die selbstgerechte Gutsherrenart, mit der man es sich herausnimmt, einen Menschen hinzurichten, von dem man ja lediglich ANNIMMT, dass er der Gesuchte ist, ist nicht mehr zu übersehen, nicht mehr zu rechtfertigen, nicht mehr hinzunehmen. Als Maya vor dem Leichnam des Mannes steht, dem sie fast 10 Jahre ihres Lebens hinterhergerannt ist, den sie glaubte besser zu kennen als einen Verwandten, obwohl sie ihn nie persönlich zu Gesicht bekommen hatte, stellt sich nicht das Gefühl eines Triumphes, sondern großer Leere ein. Der Moment, auf den sie hingefiebert, für den sie sich geopfert hatte, er ist einfach so verpufft, ohne Fanfaren, ohne Glücksgefühle. Jetzt liegt da nur ein toter alter Mann vor ihr, der wohl für niemanden mehr eine echte Gefahr darstellte. Allein fliegt sie endlich nach Haus, eine wichtige Person, die ihre Schuldigkeit getan hat. Sie muss jetzt wahrscheinlich nicht mehr arbeiten. Die Frage ist: Könnte sie es überhaupt noch? Was macht man, nachdem man Osama Bin Laden getötet hat?

Kathryn Bigelow macht eigentlich alles richtig mit ZERO DARK THIRTY: Weder hat sie einen propagandistischen Hetzfilm gedreht, der die Exekution Bin Ladens zur braven Heldentat und patriotishen Pflicht verzeichnet, noch geht sie den entgegengesetzten Weg und überzieht ihre Charaktere mit dem Hass des aus sicherer Distanz urteilenden Moralisten. Sie präsentiert sehr ausgewogen zwei unterschiedliche Wahrheiten und Perspektiven, von denen sich keine unmittelbar aufdrängt. Ihre Inszenierung ist sehr zurückhaltend, sie bemüht einen beinahe dokumentarischen Stil, wahrt die Distanz zum Geschehen und überlässt dem Zuschauer das Urteil. Das ist sehr mutig, weil es den WIderspruch, aber auch die Unentschiedenheit ausdrücklich zulässt. Vielleicht der einzige Weg, solche Geschichten überhaupt zu erzählen. Kathryn Bigelow hat eigentlich alles richtig gemacht. Aber mitgerissen oder bewegt hat mich ZERO DARK THIRTY zu keiner Sekunde. Ein reiner Kopffilm.

Kommentare
  1. ekkardbaeuerle sagt:

    Merkwürdig für Europäer sind ihre Einlassungen im US-Fernsehen. Sie spricht sehr aus amerikanischer Perspektive von den Notwendigkeiten des Antiterrorkampfes. Der Film ist da differenzierter. Aber eben auch nicht sehr spannend.

  2. ekkardbaeuerle sagt:

    Hat dies auf Popkorn und Kanonen rebloggt.

  3. HomiSite sagt:

    So unspannend fand ich den Film (im Kino) gar nicht, aber vielleicht weil ich etwas skeptischer ranging: Geschichte eigentlich bekannt und Hurt Locker fand ich nicht so überragend.

    Ich kann mir vorstellen, dass der Film ein ziemlicher Kraftakt war, also vom Tonfall: Ein Antiterrorkriegsfilm bei dem Thema wäre in Amerika sicherlich kommerzieller sowie künstlerischer Selbstmord gewesen (kann mir so auch die von ekkardbaeuerle erwähnten TV-Auftritte erklären), aber Kritikern nicht mit einem Hurrapatriotismus verschrecken. Insgesamt hat die Regisseurin einen gute Job gemacht, verschiedene Lesarten anzubieten, bleibt dann aber natürlich auch etwas unentschlossen.

    • Oliver sagt:

      Ich weiß nicht, ob es richtig ist, zu sagen, dass sie verschiedene „Lesarten“ anbietet. Ihr Film ist eigentlich gar nicht intepretierbar. Man muss ihn nicht interpretieren, er ist ja in allem sehr konkret und klar. Die Frage ist, wie sich der Zuschauer zum Geschehen positioniert, nicht wie er es interpretiert. Klar, es ist schon bemerkenswert, dass sie es schafft, so nüchtern und sachlich zu bleiben. Aber das macht für mich irgendwie keinen mitreißenden Film. Als Doku zum Thema, die es wahrscheinlich nie geben wird, ist er toll. Als Spielfilm? I don’t know.

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