il medaglione insanguinato (perche?!) (massimo dallamano, italien/großbritannien 1975)

Veröffentlicht: Oktober 11, 2013 in Film
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Seit dem Unfalltod der Mutter ist Emily (Nicoletta Elmi), die kleine Tochter des englischen Dokumentarfilmers Michael Williams (Richard Johnson), nicht mehr sie selbst. Als er sich nach Italien begibt, um dort seinen neuen Film über dämonische Gemälde zu drehen, nimmt er Emily und ihre Erzieherin Jill (Ida Galli) auf Rat eines Psychologen (Edmund Purdom) mit, damit sie in neuer Umgebung auf andere Gedanken kommt. Doch während Michael sich in ein mysteriöses Bild vertieft, das den Tod seiner Frau abzubilden scheint, und eine Liebesbeziehung mit seiner Produktionsassistentin Joanna (Joanna Cassidy) eingeht, stürzt seine Tochter immer tiefer in eine Krise, die die Menschen um sie herum in Lebensgefahr bringt. Ist sie von Dämonen besessen?

IL MEDAGLIONE INSANGUINATO (PERCHE?!) entstand wahrscheinlich im Zuge des bahnbrechenden Erfolgs von Friedkins Besessenheitsschocker THE EXORCIST (den erst 1976 ins Kino gekommenen THE OMEN nimmt er teilweise gar vorweg): Der hatte ja gleich mehrere italienische (und deutsche) Nachzieher inspiriert und sein Einfluss zeigt sich hier in der Gestalt der kleinen Emily, deren frühpubertäre Attacken möglicherweise mit dämonischer Besessenheit begründbar sind (und deren Gesicht schon in Filmen wie PROFONDO ROSSO, LE ORME, REAZIONE A CATENA oder CARNE PER FRANKENSTEIN selten Gutes verhieß). Mehr noch erinnert Dallamanos Film aber an Nicolas Roegs morbiden Venedig-Grusler DON’T LOOK NOW: Mit diesem teilt er den in der Vergangenheit liegenden Unglücksfall, der die Protagonisten nicht loslässt, die herbstlich-melancholische Stimmung sowie den englischen Papa, der sich beruflich in Italien aufhält. Die wunderschöne rotbemähnte Joanna Cassidy sieht Julie Christie zudem nicht unähnlich. Und wie in diesem tritt dann auch der fantastische Aspekt zugunsten einer Betrachtung über den Menschen in den Hintergrund. Es geht hier in erster Linie um einen Menschen, der nicht dazu befähigt ist, Glück zu empfinden. Der Fluch, der diesen Makel eventuell begründet, ist kaum mehr als schmückendes Beiwerk: Dallamano, den man in Deutschland vor allem mit den Giallos LA POLIZIA CHIEDE AIUTO und COSA AVETE FATTO A SOLANGE?, dem Polizeifilm QUELLI DELLA CALIBRO 38 und der Literaturverfilmung DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY verbindet (sowie natürlich mit seiner Kameraarbeit für die ersten beiden Teile von Leones DOLLAR-Trilogie), war dann wohl doch zu sehr Rationalist, als dass er an das Wirken böser Geister zu viele Gedanken verschwendet hätte. Das Finale, in dem sich das ganze Drama um die kleine Emily in einer schrecklichen Tat entfaltet, verfehlt seine Wirkung gerade deshalb nicht und schlägt den empathischen Betrachter mit bleischwerer Trauer und dem Einblick in eine derangierte Seele, die wohl tatsächlich nur unter einem schlechten Stern geboren worden war. Dämonische Flüche und geheimnisvolle Warnungen aus der Vergangenheit entspringen nur der Fantasie der Betrachter, die verzweifelt versuchen zu erklären, was doch unerklärlich ist. Leider jedoch wird das in IL MEDAGLIONE INSANGUINATO (PERCHE?!) nicht immer so konsequent entwickelt, wie es sich am Ende darstellt. Zwei Seelen schlagen, ach, in seiner Brust und halten den Film über große Teile der Laufzeit auf der Stelle fest. Zu viel Zeit wird auf das nur halbherzige Legen einer falschen Fährte verschwendet. Dass die logischerweise nirgendwo hinführt, ist nicht das Problem: Aber für den Horrorfilm, der zu sein IL MEDAGLIONE INSANGUINATO (PERCHE?!) über weite Strecken vorgibt, ist er einfach nicht unheimlich und spannend genug.

Das ist insofern schade, als man dem Film die Klasse Dallamanos natürlich trotzdem zu jeder Sekunde ansieht: Die Kamera von Franco Delli Colli fängt die ganze Farbenpracht des herbstlichen Umbriens und die romantisch verfallenen Landhäuser, in denen sich die Geschichte entfaltet, in wunderbar komponierten, stimmungsvollen Bildern ein, die Stelvio Cipriani mit einer jener klagenden Melodien veredelt, für die man das italienische Kino jener Zeit so liebt. In dem Moment, in dem Michael das unheimlich Bild zum ersten Mal in voller Größe sieht, er durch einen mit prunkvoller Kunst dekorierten Raum darauf zu schreitet, seine Aufmerksamkeit nur auf dieses eine Gemälde gerichtet, die schräg von oben einfallenden Lichtstrahlen einen zarten Schleier über die Szenerie legen und dazu diese heilige Melodie anhebt, möchte man einfach vergehen. In jeder Sekunde des Films spürt man die Sorgfalt, mit der er gefertigt wurde, sind es gerade die kleinen Details und Einfälle, die einen verzaubern: Wenn Michael im Finale etwa durch die engen Gassen des nächtlichen Spoleto rennt und dann hinter ihm wie aus dem Nichts eine Prozession von jungen Messdienern das Bild durchkreuzt. Dann das niederschmetternde Ende natürlich. Es steckt viel Magie in IL MEDAGLIONE INSANGUINATO (PERCHE?!). Nur das vermaledeite Drehbuch, das steht ihrer vollen Entfaltung leider im Weg. Vielleicht muss ich ihn auch nur noch einmal sehen, wenn ich weiß, was Dallamanos Film nicht ist.

Kommentare
  1. zorafeldman sagt:

    mir fiel bei der anfänglichen betrachtung der dias schon Don’t Look Now ein. dias dias buenos dias!

  2. […] schwarzes Leder“ berühmt ist: Den Bessessenheits-Thriller im „Exorzisten“-Fahrwasser: „Il medaglione insanguinato (Perche?!)“ und den ungewöhnlichen Gangsterfilm „Si può essere più bastardi dell’ispettore […]

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