cola, candy, chocolate (sigi rothemund, deutschland 1979)

Veröffentlicht: Oktober 25, 2013 in Film
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l_78982_fa1ada0bDie kesse Gaby (Olivia Pascal) hat die Schnauze voll von ihrem Freund, der nur sein Moped im Kopf hat. Nachdem er ihr eine Flasche (!) über den Kopf gezogen hat, gibt sie ihm den Laufpass und ertränkt ihren Kummer in der Pinte ihrer Freundin Carmela (Ursula Buchfellner). Dort reift die Entscheidung, vor dem Alltag in die Südsee zu entfliehen. Noch am Flughafen begegnet Gaby dem schüchternen Anthropologen Dr. Andreas Witzig (Philippe Ricci), der dasselbe Reiseziel hat, allerdings aus einem anderen Grund: Er soll seine Freundin Christine (Christine Zierl), eine dralle Schreckschraube mit schauderhaften Sangesambitionen ehelichen, ihr Bruder, Pfarrer Herbert (Herbert Fux), der auf der Trauminsel als Missionar tätig ist, die Zeremonie leiten. Gaby fasst schnell den Entschluss, dazwischenzufunken …

Warum der Film aus der unermüdlich ihr Erfolgsrezept abspulenden Lisa-Film-Schmiede COLA, CANDY, CHOCOLATE heißt, bleibt wahrscheinlich sein einziges Rätsel. Der Alternativtitel DREI KESSE BIENEN AUF DEN PHILIPPINEN ist deutlich naheliegender, auch wenn es derer eigentlich nur zwei gibt. Schon während der Anfangscredits zum dudelsackbefeuerten Charterfolg der Gruppe „Luv“ mit dem Titel „Trojan Horse“ (Textkostprobe: „One – two – three, you’re gonna dance with me/one – two – three – four – five, you say I’ll be your wife“) stellt sich dieses warme Gefühl der Geborgenheit ein, wenn  neben Olivia Pascal und Ursula Buchfellner auch noch „Herbert Fux und sein Schimpanse Mickey“ angekündigt werden. Glück kann so einfach sein, und niemand wusste das besser als die Macher der Lisa-Film. Weil sich ihre Werke durch Liebe zum Detail auszeichnen, trägt der Schimpanse selbstverständlich eine Latzhose, Turnschuhe und auch mal eine Sonnenbrille, darüber hinaus außerdem die schwere Last auf den Schultern, die intelligenteren Kalauer des Films zu stemmen. Er löst diese Aufgabe bravourös, auch wenn man ihn gemeinerweise dadurch zu verunsichern sucht, dass man ihn nicht „Mickey“, sondern „Jimmy“ nennt. So klaut er dem Pfarrer gleich zu Beginn das Auto und blockiert später grinsend (und mit einer Zeitung bewaffnet) das Scheißhaus mit dem herzförmigen Guckloch, als alle, von der Verabreichung von Abführmitteln geplagt, nach Erleichterung streben. Dann kommt auch wieder die inkompetente philippinische Feuerwehr angebraust und spritzt alle nass, wie sie das schon 30 Minuten zuvor einmal getan hatte. COLA, CANDY, CHOCOLATE vereint alle Standards des bundesdeutschen Lustspiels zu einer perfekt geölten Verblödungsmaschine, die einem entweder eine seliges Grinsen in die Visage zaubert oder aber den Effekt von mit Gummireifen gestrecktem Cannabis erzeugt: Bräsig sitzt man dann mit offenem Mund und trübem Blick vor dieser 78-minütigen Parade der Absonderlichkeiten, die einem aber so selbstverständlich dargeboten wird wie die labbrige Salatgarnitur zum Wiener Schnitzel im gutbürgerlichen Wirtshaus. Der fette schwule Hotelbesitzer ist natürlich schon allein deshalb witzig, weil er fett und schwul, der stets mit breitestem  Amislang palavernde, unbeholfene Ami, weil er eben ein palavernder, unbeholfener Ami ist. Wenn Christine eine Kostprobe ihrer Sangeskünste gibt, bersten die Scheiben, und Pfarrer Herbert zweifelt an seinem Verstand, weil ständig jemand seine Soutane klaut und sie dann wieder genau dort ablegt, wo sie doch eben nicht mehr war.  Der strenge Bischof sieht das sündige Treiben mit Erschrecken, bis er am Ende ein paar nackte Philippinen-Mädels unter seinem Bett findet, weil Gaby die Ferienhäuser verwechselt hat. Warum Andreas überhaupt diese furchtbare Christine heiraten will, spielt ebensowenig eine Rolle, wie die Antwort auf die Frage, was Gaby an ihm findet, diesem bebrillten Langweiler ohne Rückgrat. Der akademische Hintergrund wird es ja wohl kaum sein. Hier kommt zusammen, was nach des Drehbuchs Gutdünken zusammen gehört, und wenn es nicht passt … nein, halt: Regisseur Rothemund macht eben nichts passend, sondern geht über jede Frage, die die Handlung aufwirft, einfach mit der Ungerührtheit eines deutschen Panzers hinweg. „Cut to the Chase“ lautete das Geheimrezept amerikanischer Filmemacher, wenn ihr Film zu versacken drohte, und Rothemund kennt das auch. Weil ihm aber nicht so nach Geschwindigkeit ist, blendet er zum Schimpansen oder eben – mit deutlich größerem Erfolg – auf die Jungmädchenleiber von Olivia Pascal und Ursula Buchfellner. So macht COLA, CANDY, CHOCOLATE pünktlich alle drei Minuten eine kurze Pause vom Nichtstun und der Zuschauer mit ihm.  Abertausende von Filmfreunde rechtfertigen ihre Geschmacksverirrungen damit, dass sie „mal ihr Gehirn abschalten wollten“, nicht merkend, dass das eh schon Dauerzustand bei ihnen ist. Rothemunds Film kann da Wunder wirken: Nach 78 Minuten freut man sich, wenn man die Denkmurmel endlich wieder betätigen darf. Bis dahin war’s aber ein schöner Urlaub in Absurdistan.

Kommentare
  1. Dolly Dollar (wie ihr bekannterer Name lautet) als Schreckschraube, das verwundert doch etwas. In einer solchen Rolle hätte man damals eher Helga Feddersen vermutet.

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