die insel der tausend freuden (hubert frank, deutschland/frankreich 1978)

Veröffentlicht: Oktober 28, 2013 in Film
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Der ehemalige Tennisprofi Michael (Philippe Garnier) hat exorbitante Spielschulden beim schurkischen Howard (Arthur Brauss) angehäuft, der sein Vermögen mit Mädchenhandel macht. Weil sich Michaels Tante, die wohlhabende Lady Henriette (Lili Muráti), weigert ihrem Neffen zu helfen, wiegelt ihn die nymphomane Sylvia (Elisa Servier) auf: Sowohl gegen seine Ehefrau Julia (Bea Fiedler) als auch gegen die Tante. Michael soll Lady Henriette umbringen, um ihnen als Erbe eine goldene Zukunft zu bescheren. Die hübsche Peggy (Olivia Pascal) schaltet sich ein und versucht Michael vor einem Unglück zu bewahren …

Ein ganz merkwürdiges Teil verbirgt sich hinter der typischen Lisa-Film-Oberfläche aus nackten Schönheiten, schwofigem Disco-Schlager, schmierigen Sexszenen und der sonnigen Urlaubskulisse von Mauritius. Im Grunde genommen ist DIE INSEL DER TAUSEND FREUDEN nämlich ein lupenreiner Film Noir: Es gibt den schwachen Protagonisten, die intrigante Femme Fatale und einen niederträchtigen Plan, der natürlich nach hinten losgeht. Softsexfilmer Hubert ignoriert jedoch – kaum verwunderlich – die den Noir sonst bestimmende Atmosphäre von Tod und Ausweglosigkeit, versieht seine Geschichte stattdessen mit dem zähflüssigen Schmelz des Groschenheft-Melodrams oder des öffentlich-rechtlichen Dallas-Rip-offs und präsentiert sie als lustige Nummernrevue hedonistischer Attraktionen. Mädchenhandel ist hier kaum mehr als ein Stichwort und willkommener Anlass, ein paar nackerte Mädels durchs Bild zu treiben sowie den unermüdlichen Otto W. Retzer als Folterknecht lüstern in die Kamera stieren (und Olivia Pascal ein paar Schamhaare ausreißen) zu lassen. Der Schurke Howard (der große Arthur Brauss in einer angemessen schmierigen Rolle) ist zwar ein echtes Schwein, aber den Luxus, mit dem er sich umgibt, soll man doch auch ein wenig beneiden. Der Film bedient wirklich sämtliche eskapistischen Klischees, bemüht dabei jedoch einen seltsam tagträumerischen Ton und zerfällt am Ende, wenn die einzelnen Handlungsfäden eigentlich zusammengeführt werden sollte, sehr zu dieser Stimmung passend in seine fragmentarischen Bestandteile. DIE INSEL DER TAUSEND FREUNDE macht seinem Titel alle Ehre, denn er ist das, was man all over the place nennt, und die meisten seiner begonnenen Handlungsstränge werden am Schluss sehr übereilt oder gar nicht abgeschlossen, wichtige Charaktere mit kurzen Szenen pflichtschuldig verabschiedet, der Rhythmus aufgrund der Vielzahl solcher Schnipsel immer holpriger. Der Film wirft in dieser Form die Frage auf, ob er für die DVD-Veröffentlichung möglicherweise gestutzt wurde: Einige Szenen, die den Rahmen dessen, was unter dem Begriff „Softsex“ eben noch so geht, sprengen, lassen den Glauben an eine härtere Fassung nicht ganz abwegig erscheinen und rücken DIE INSEL DER TAUSEND FREUDEN in die Nähe dessen, was Jess Franco und Joe D’Amato zu jener Zeit ablieferten.

Andere Ungereimtheiten scheinen einfach auf ein nur rudimentär existierendes Drehbuch zurückführbar: Wer diese Peggy eigentlich ist, die sich da Undercover-style in die kriminellen Machenschaften einmischt und trotz ihres jungen Alters alle zu kennen scheint, wird nie befriedigend geklärt. Howard verschwindet irgendwann, als habe man vergessen, sich ein Ende für ihn auszudenken, und die Bestrafung der beiden intriganten Frauen Sylvia und Julia wird sehr überhastet und nur wenig nachhaltig eingeworfen. Nachdem die doch nicht ermordete Henriette sie der Trauminsel verwiesen hat, sitzen die beiden oben ohne auf einer Yacht und freuen sich auf kommende Schandtaten. Ihr Mordplan ist plötzlich kaum mehr als eine Dummheit zweier vorwitziger Lesben. Peggy und der von ihr eroberte Michael, die sich wie weiland Burt Lancaster und Deborah Kerr in der Brandung wälzen, sehen ebenfalls einer glücklichen Zukunft entgegen. Sie sind wohl die eigentlichen Hauptfiguren des Films, auch wenn sie das eigentlich nicht hergeben: Michael ist, wie erwähnt, ein fürchterlich rückgratloser Schlappschwanz, der seine Gattin beim Pokerspielen an Howard verhökert und sich dann auch noch dazu anstiften lässt, seine Tante umzubringen, weil er der geilen Sylvia hörig ist. Und Peggy gibt wie gesagt Rätsel auf, scheint den ganzen Film über mehr zu wissen als alle anderen, ohne dass sie dieses Wissen aber jemals preisgäbe. Dann gibt es da auch noch das einheimische Pärchen, das sich auf dem Plakat räkelt, und den Fummelreigen während des unermüdlich durchgeorgelten Titelsongs eröffnet. Sie ist das treue Hausmädchen Henriettes, er der Gärtner, und natürlich muss auch sie früher oder später in Howards Hände fallen. In der ekligsten Szene des Film wird sie von Folterknecht Retzer gezwungen, mit einer Kerze zu masturbieren, was aber keinen bleibenden Schaden bei ihr hinterlässt. Sie wird von ihrem Lover gerettet und alles ist gut. Genau das ist es, was den Film auszeichnet: Am Ende war das alles nur ein Spiel, nichts wirkt nach, und man kann weitermachen mit dem Alltag. Anstatt die vorangegangenen Vorgänge so jedoch gnadenlos zu unterminieren, macht genau diese Flüchtigkeit die Stärke von DIE INSEL DER TAUSEND FREUDEN aus. Er wirkt wie das Rollenspiel von Kindern. Man merkt, das alle Beteiligten die Zeit auf Mauritius genossen haben. Und nebenbei ist dann auch noch ein Film entstanden.

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