gaudi in der lederhose (jürgen enz, deutschland 1977)

Veröffentlicht: November 4, 2013 in Film
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zzzzzzz_articleBauer Franz (Frithjof Klausen) und seine Frau Luise (Renate Ruhland) erhalten auf ihrem Hof im idyllischen Oberbayern Besuch aus Preußen: Aus Berlin haben sich Trudchen (Christa Abel) und Onkel Fritz (Karl Schwarzmayer) angekündigt. Die beiden sind keine Kinder von Traurigkeit und entführen den armen Knecht Karl (Sepp Gneissl), kaum hat der ihnen eröffnet, dass sie den letzten Zug nach Shangri-Lalala verpasst haben und demzufolge eine Nacht in München bleiben müssen, kurzerhand in ein Münchener Striplokal. Wie das bei Enz immer so ist, können weder die lustlos-blutarme Darbietung der bemitleidenswerten Tänzerin noch das trostlose Ambiente des herabgeschwirtschafteten Etablissements etwas an der überschäumenden Lust des Berliner Pärchens ändern. Vor allem das üppige Trudchen, deren wogende Leibesmasse kaum bezähmbar erscheint und in deren Falten und Kurven sich wahrscheinlich schon so mancher Mann hoffnungslos verlor, beginnt hier bereits einem orgiastischen Höhepunkt entgegenzubeben, dessen Ende man sich nicht ausmalen mag. Während ihr Fritz die kargen Reize der Tänzerin taxiert wie ein potenzieller Käufer ein Pferd, verkrallt das feiste Trudchen sich sofort gierig in Karls Schritt. Und so setzt sich das auch am ländlichen Zielort angekommen fort. Von der Urtümlichkeit und Direktheit ihrer Gastgeber sind die beiden zivilisierten Stadtmenschen sogleich begeistert, fühlen sich angeregt, von der Offenheit, mit denen man ihnen begegnet. Doch die anfängliche Begeisterung schlägt am Ende in das nackte Grauen um. Mit ihrem durch nichts zu stillenden Sexhunger schlagen die Landeier die Städter gnadenlos in die Flucht. Die Aussicht auf noch mehr des wilden Gebumses hat jeglichen Reiz verloren, jetzt gilt es nur noch den Körper vor weiteren Übergriffen in Sicherheit zu bringen. Die Gastgeber können da nur staunen, ratlos, was in ihre eben noch so freundlichen Gäste gefahren ist.

Einen Aufsatz über GAUDI IN DER LEDERHOSE, zumindest nominell Enz‘ naheliegender Beitrag zum in den Siebzigerjahren kurzzeitig populären deutschen Sexfilm-Subgenre des Lederhosen-Films, könnte man vielleicht mit „Die Essenz vom Enz“ überschreiben. Nachdem der Vorgänger noch sehr vollgepackt war mit handelnden Figuren, die vielleicht nicht gerade eine Psyche ihr eigen nannten, aber immerhin eine erzählerische Funktion innehatten, die eine solche ersetzte, außerdem reich an Rückblenden und kommentierenden Voice-overs, darüber hinaus sehr zielgerichtet in seinem gesellschaftskritisch-humanistischen Impetus, blickt der Zuschauer hier geradewegs in die gähnende Leere. Es gibt keinen Plot mehr und auch keine Handlung, und die grob skizzierten Figuren stemmen sich mit vollem Körpereinsatz zwar, aber letztlich erfolglos dagegen, als bloße Schatten oder Geister beschrieben zu werden. Ihr Treiben kann man durchaus als Ankämpfen gegen die Sterblichkeit begreifen: Der Flüchtigkeit des Lebens muss das konkret Körperliche entgegengesetzt werden. Das, was da indes in ihren Köpfen vorgehen mag, spielt bei Enz konsequent keine Rolle. Wie Insekten gehen seine Figuren ihren Bedürfnissen nach und nach einer Persönlichkeit zu fragen, macht keinerlei Sinn. Sie sind nacktes Sein, frei von jeder komplexen Regung oder tieferen Gedanken. Und ein bisschen bewundert man sie dafür, wie sie die berückende Hässlichkeit ihres Daseins gar nicht bemerken.

Bumsen

Dieses Bild dient als beweiskräftige Veranschaulichung der These, dass Enz‘ Figuren einen „Hang zum Ficken“ haben.

Arschbegutachtung

„Haaaallooooo, Eeeeechooooo!“

Sex

Liebe ist … ein mitten im Raum stehender Stuhl.

So spult sich GAUDI IN DER LEDERHOSE als eine Abfolge von Akten ab, die für den Betrachter genau in dem Maße befremdlich sind, wie sie für die Beteiligten als banale Normalität erscheinen. Trudchen greift Knecht Karl im Striplokal mit der Selbstverständlichkeit zwischen die Beine, mit der eine Affenmama ihr Junges laust. Auf dem Weg zum oberbayrischen Hof von Bauer Franz überfällt sie und Fritz die Lust, sodass sie sich kurzentschlossen an Ort und Stelle auf den Boden schmeißen und sich vor den Augen ihres Begleiters ineinander verbeißen. Im Hof angekommen, wird als erstes der Arsch der Magd begutachtet, derweil es die Bäuerin beim Sortieren der Milchhörnchen überkommt. Entrückt streichelt sie deren phallische Form und benutzt sie schließlich zur Selbstbefriedigung. Knecht Karl ist hingegen Traditionalist und hat sich ganz klassisch mit einem Herrenmagazin zum Wichsen in den Stall zurückgezogen. So geht das den ganzen Film hindurch: Jede Situation führt eher früher als später zu sexuellen Verrenkungen und es versetzt in großes Erstaunen, wie wenig Mühe Enz darauf verwendet, diese Szenen auch nur ansatzweise vorzubereiten und anzubahnen. Sex steht bei ihm nicht am Ende langen Balzens, sozusagen als Belohnung, er ist glanzlose Normalität. Da wird dann auch kein langes Federlesen gemacht, nicht lange um den heißen Brei herumgeredet. Wozu Zeit verlieren? Das ist schmucklos und sicherlich unromantisch, aber auch eine denkbar schöne Utopie. Die Welt wäre eine bessere, wenn die Menschen einfach an Ort und Stelle über sich herfallen könnten. Das schonte die Geldbörse vor sinnlosen Frustkäufen und wahrscheinlich auch die Nerven. Man müsste nur Menschen finden, die das Sperma aufwischen.

Hörnchen

Der Enz-Kenner erfreut sich am Klempner-Kunsthandwerk an der hinteren Wand, derweil die Bäuerin ihr Hörnchen liebkost.

Fett

Um den nahtlosen Übergang zu schaffen, ein weiteres Bild mit Teigwaren.

Vorfreude

Die Vorfreude zeigt ihre Zähne.

Tisch

Zum Ende des Films liegt auch der Zuschauer unterm Tisch.

Ähnlich nüchtern ist der Humor des Films. Die kleinen Slapstick-Einlagen, die als kurze Ruhepausen fungieren, sind kaum mehr als vorgetäuscht und drehen sich allesamt um einen Haufen Kuhscheiße, auf dem der Bauer und ein weiterer Knecht ständig ausrutschen und in den sie mit dem Gesicht hineinfallen. Zwar werden hier Schadenfreude und Ekel des Zuschauers angesprochen, aber für solche zivilisierte Errungenschaften wie Abscheu für Ausscheidungen sind Enz‘ Figuren selbst natürlich viel zu derb und vor-zivilisiert. Wenn der Knecht den Fladen mit beiden Händen vom Boden aufnimmt, nachdem er mit dem Geischt voran hineingeplumpst ist, eine Kugel daraus formt und sie als Wurfgeschoss verwendet (das dann natürlich den Bauern trifft), dann fühlt man sich gleich an den letzten Zoobesuch und die mit ihrem Kot um sich werfenden Menschenaffen erinnert. Man kennt ähnliche Szenen aus vergleichbaren Filmen, doch während sie da irgendwie „funktionieren“, stehen sie hier einfach so da. Man sieht sie und wundert sich nicht im Geringsten. Da ist er wieder, der Enz’sche Humor: Der unreflektierte Dekonstruktivismus, mit dem er noch die überholtesten Standards der filmgeschichtlichen Müllkippe in einer Art und Weise ablichtet, die sie wie Artefakte einer uns völlig fremden Kultur erscheinen lassen, hat etwas entschieden Kindliches. Als wolle er die letztgültigen Antworten auf Fragen, die sich längst schon niemand mehr stellt.

Wie durch ein Wunder endet GAUDI IN DER LEDERHOSE irgendwann tatsächlich und sogar mit einem echten Gag. Nach einer wilden Sexorgie versprechen Bauer und Bäuerin ihren Gästen eine besondere Überraschung, worauf sich die drei Mägde sogleich erheben. Völlig ausgelaugt ergreifen die beiden Preußen die Flucht, noch mehr ertragen sie einfach nicht. Während sie fluchtartig über sattgrüne Weiden dem Horizont entgegeneilen, da begreifen die Gastegber die Welt nicht mehr: „Ja, mögen die denn koa Schweinsbraten?“ Ein Moment der Reflexion, der in Enz‘ Werk jenem Moment in Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY gleichkommt, in dem die Affen erkennen, dass ein Knochen eine Waffe sein kann. Oder war das schon die Szene mit der Bäuerin und dem Milchhörnchen?

Inneneinrichtung

Was niemand wusste: Knecht Karl hatte einst 14 Semester Innenarchitektur studiert. Den Eingangsbereich seiner Wohnung betrachtete er als seine persönliche Meisterleistung.

Inneneinrichtung 2

Das Haus der langen Schatten

Holz

Holz ist ein außerordentlicher Werkstoff, aus dem man viele schöne Sachen herstellen kann. Die meisten davon sieht man auf diesem Bild.

Flurschaden

Dr. Caligari beantragte hier einst Mietminderung wegen Flurschadens.

Lustige Gesellschaft

Lustfördernde Atmosphäre ist für einen gelungenen Swingerabend das A und O.

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