wo der wildbach durch das höschen rauscht – witwen-report (jürgen enz, deutschland 1974)

Veröffentlicht: November 4, 2013 in Film
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picture_12.phpIlsebill Lechner (Mascha Sieger) trauert ihrem verstorbenen Gatten Alois (Josef Moosholzer) hinterher, seines Zeichens Bürgermeister ihres oberbayrischen Heimatortes. Doch der getreue Gatte hatte dunkle Geheimnisse, wie Ilsebill zu ihrem Schrecken feststellen muss, als sie eines Tages die Tür von Alois‘ Standuhr öffnet. In ihrem Inneren findet sie nicht nur einen üppigen Schnapsvorrat,  sondern auch sein geheimes Tagebuch (in das er vorsichtshalber seinen Namen reingeschrieben hat, damit es keinerlei Missverständnisse gibt). Ein Blick hinein offenbart der Witwe, dass es ihr Mann mit nahezu allen Frauen des Ortes toll getrieben hat und auch ihre Nachbarn allesamt keine Kinder von Traurigkeit sind. Während eines Volksfestes kommt es im Bierzelt zum Eklat: Ilsebill bezeichnet die anwesenden Frauen als Ehebrecherinnen und Schlampen und landet schließlich vor dem Richter. Doch sie hat mit dem Tagebuch ja noch ein As im Ärmel …

Über Jürgen Enz‘ wundersame Wiederentdeckung durch die deutsche Cineastenfront hatte ich in meinem Text zu DAS LIEBESTOLLE INTERNAT schon ein paar Worte verloren.  Jener höchst merkwürdige Film, der in den rauschenden Nächten des 11. außerordentlichen Kongress des Hofbauer-Kommandos meine sanfte Einführung in das Enzianische Werk  bedeutete, hatte meine von den bis dahin gelesenen Texte geweckte Neugier endgültig entfacht. WO DER WILDBACH DURCH DAS HÖSCHEN RAUSCHT – WITWEN-REPORT, Enz‘ zweiter Spielfilm nach FEUCHTE TRÄUME JUNGER FRAUEN, markiert an dieser Stelle also den Startschuss einer kleinen Jürgen-Enz-Werkschau, für die die wunderbare Silvia Szymanki und ihr kaum weniger wunderbarer Hard Sensations-Mitstreiter Marco Siedelmann als Kuratoren fungierten. Für die mir von ihnen leihweise überlassenen Filme möchte ich mich hier noch einmal  ganz offiziell bedanken. Was für einen Film hat der geneigte Zuschauer hier also vor sich? Der Titel beinhaltet gleich mehrere Anhaltspunkte: WO DER WILDBACH RAUSCHT ist nicht nur der Titel eines deutschen Volksliedes („Viele Jahre sind vergangen/viele Jahre sind dahin/und es zieht ein heiß‘ Verlangen/immer mich zum Wildbach hin/Wo der Wildbach rauscht/dort im grünen Wald/ach wie glücklich war ich damals dort einmal/Denn du gabst mir dort/Dein Verlobungswort/und der Wildbach rauschte weiter in das Tal.“) sondern auch eines 1956 unter der Regie von Heinz Paul entstandenen Heimatfilms, der bei seiner Wiederaufführung 1972 zum Überraschungserfolg in deutschen Kinos avancierte. Der Untertitel WITWEN-REPORT knüpft natürlich an die 1970 vom Produzenten Wolf C. Hartwig und Regisseur Ernst Hofbauer mit SCHULMÄDCHEN-REPORT: WAS ELTERN NICHT FÜR MÖGLICH HALTEN initiierte „Aufklärungsfilm“-Welle an, die in den Folgejahren zahlreiche Ableger und Nachzieher auf den Markt spülte. Es handelte sich dabei meist um Episodenfilme, die dem Publikum unter dem spermabefleckten Deckmantel der Aufklärung frivole Geschichten vom Sexleben verschiedener Berufs- und Bevölkerungsgruppen servierten, die angeblich gesellschaftliche Relevanz haben sollten. Es darf vermutet werden, dass der Untertitel hier vom Verleih hinzugedichtet wurde, um auf den 1974 mit unvermindertem Tempo fahrenden Zug aufzuspringen: WO DER WILDBACH DURCH DAS HÖSCHEN RAUSCHT – WITWEN-REPORT hat genau eine Witwe aufzubieten, und es geht gerade nicht, wie der Titel suggeriert, um ihre sexuellen Eskapaden, sondern um die ihrer Mitbürger. Es fehlen außerdem der das Geschehen authentifizierende und moralisierende Voice-over-Kommentar, die Straßeninterviews sowie der aufdringliche Verweis auf die „realen“ Hintergründe, die die Reports auszeichneten. WO DER WILDBACH DURCH DAS HÖSCHEN RAUSCHT – WITWEN-REPORT ist mithin ein lupenreiner Heimatfilm, der mit Sex- und komischen Szenen garniert wird und in dem man eine gallige, augenzwinkernde Kritik an bayrischem Spießertum und Heuchelei erkennt, wenn man es schafft, trotz der sich einem bietenden Gräuel genau hinzuschauen. Und diese Gräuel nehmen in Enz‘ Film mannigfaltig Gestalt an.

Assoziiert man mit Sex im Idealfall nicht nur eine rein körperliche Tätigkeit, sondern einen „spirituell“ aufgeladenen Akt der Liebe, eine emotionale Öffnung gegenüber einem Partner, so unterscheidet er sich bei Enz nur durch die Anwesenheit einer zweiten Person von banalen, notwendigen Vorgängen wie dem Stuhlgang oder dem Wasserlassen. Sex ist hier derb und triebhaft, frei von jeder erotischen Fantasie, ein Akt der Notdurft. Ständig geil, wanken seine Figuren (Protagonisten möchte man sie nicht nennen) durch die Landschaft und es scheint lediglich ein winziger, in ihrem Hirn glimmender Funke von Vernunft sie davon abzuhalten, sich an Bäumen oder Erdhügeln zu reiben oder ihr Geschlechtsteil in Astlöcher oder sonstige sich darbietende Öffnungen zu stecken. Die bayrische Natur, auf zahlreichen Landschaftsgemälden verewigt und beinahe religiös überhöht, nimmt hier bedrohlich wuchernde Züge an. Sie ist ein Abbild dessen, was da an unterdrückten Lüsten im Inneren ihrer Bewohner schlummert und was sich bei jeder Gelegenheit eruptiv entlädt. Das alles steht natürlich nur im scheinbaren Widerspruch zu der lustfeindlichen Fassade, die das Dorf aufrechterhält. Sex, das ist eben etwas, das man im stillen Büßer-Kämmerlein verrichtet, schön ungemütlich auf das karge Bettgestell vor dem Hirtenbildnis gefläzt oder eiligst auf die scheußliche Couch geworfen, die da in der schlecht beleuchteten Kammer den Schimmelpilz anzieht. Freude ist Ausnahmezustand, den man sich zu verbieten hat und von dem man am Sonntag nach dem Gottesdienst dem Pfarrer beichtet. Aber diese selbstauferlegte Keuschheit, sie ist längst umgeschlagen in ein wildes Rudelbumsen: Was sich die Menschen seit Jahrhunderten verboten haben, das bricht nun umso härter durch. Nackte, dralle Weiber masturbieren im kalten Wasser des Wildbachs, zu jeder Tages- und Nachtzeit wird gevögelt und wer das Pech hat, selbst keinen willigen Partner zur Hand zu haben, der glotzt wenigstens enthemmt durchs Schlüsselloch. Kein Wunder, dass der Alois seine Ilsebill, eine verhärmte, holzig wirkende Frau mit Haifischzähnen, in der Düsternis ihrer gemeinsamen Wohnstube nie zur Körperlichkeit überreden konnte. So sehen Orte aus, an die sich alte Hunde zum Sterben zurückziehen oder Menschen Psychosen entwickeln, die sie nach Jahren der ausweglosen Verzweiflung zu Massenmördern machen.

Witwenheim

Vom gichtgrünen Kachelofen sendet Alois seinen letzten Gruß an die vor dem Zinngeschirr eingepferchte Ilsebill (daneben die vermaledeite Standuhr)

Doggystyle

Synästhetische Bildkomposition: Es riecht nach nassem Hund. Der Jesus in der Ecke würde sich gern die Nase zuhalten, ist aber leider festgenagelt. (Haha, „fest genagelt“!!!)

Grün ist die Hoffnung

Die Enz’sche Unschärfe-Korrelation: Die Bettgröße verhält sich immer umgekehrt proportional zu jener der Erektion und ein hässlicher Teppich tritt die Menschenwürde mit Füßen.

Schäfer

Der Lustspiel-erprobte Zuschauer erahnt die sich bietenden komischen Möglichkeiten. Richtig ist Variante b): Das Bett wird bald zusammenbrechen.

In diesen Räumen da tummeln sich die Suboptimalen, die an ungünstiger Stelle Behaarten, die Beschnauzbarteten, die Frauen mit den Muttermalen, den Schlauchbrüsten und den Bauchfalten, werfen sich aneinander, als ob es keine anderen Menschen gäbe. Ihr Treiben kommentieren sie mit derber bayrischer Mundart, die im Stadium höchster sexueller Erregung von tierischen Grunzlauten nur noch schwer zu unterschieden ist. Das kann man als hässlich empfinden, tatsächlich sind Enz‘ Sexfilme durch und durch demokratisch. Jeder hat das Potenzial zum Sexgott, gerade in der körperlichen Mangelhaftigkeit zeigt sich die Schönheit des Einzelnen. Hässlich sind andere. Die beiden geckenhaften Comic Reliefs etwa, die an die Appropriation klassischer burlesker Figuren durch das moderne Theater erinnern: Der neue Bürgermeister, Herr Oberkocher, trifft in dem Örtchen ein, um Alois‘ Stelle an- und seine Gattin bei dieser Gelegenheit gleich zu übernehmen. Mit feistem Grinsen wanzt er sich an die Dame ran, die er kraft seines Amtes sogleich als williges Opfer ausgemacht zu haben glaubt („Frau Lochner …. ähhh, Lechner“). Ihm zur Seite steht ein Lakai mit pomadiger Schmierfrisur und chronischer Rückgraterweichung, der mit speichelleckender Unterwürfigkeit und größtmöglicher Ehrerbietung solche würdelosen Tätigkeiten wie das Wippen des Schaukelstuhles für den Chef übernimmt. Die beiden Gestalten fungieren aus rein erzählökonomischer Sicht dazu, den unablässigen Flow krachlederner Sexszenen mit Klamauk zu unterbrechen, auf inhaltlicher Seite bieten sie einen weiteren Eintrag in Enz‘ Chronik schauerlicher deutscher Spießerfiguren, die natürlich auch die Behörden und Amtsstuben längst erreicht haben. Ihre „Gags“ zeichnen sich dann auch nie durch diese befreiende, anarchische Wirkung aus, die man sonst mit wildem Slapstick verbindet. Auch geht es nicht darum, Respektspersonen zu verhöhnen, was ja ein Standard der Burleske ist. Enz‘ Humor scheint immer nur vorgetäuscht, wie mit Anführungszeichen versehen. Er ist nicht menschlich, sondern grotesk, anorganisch. Seine Auswüchse erinnern an das, was die Telepods in Cronenbergs THE FLY in einem frühen, fehlerhaften Stadium als Interpretation biologischen Lebens ausspucken: von innen nach außen gekehrte Hüllen wabbelnden Fleisches. Die Zutaten stimmen, aber ihre Zusammensetzung dreht einem den Magen um.

Der Blick von Enz gleicht dem eines Insektenforschers durch das Mikroskop auf eine Ameisenfarm, seine Filme  Versuchsanordnungen, die durch ein Spezialobjektiv betrachtet werden, das jeden sonst über den Dingen liegenden, das Hässliche gnädig verhüllenden Schleier lüften. Man sieht die Welt in WO DER WILDBACH DURCH DAS HÖSCHEN RAUSCHT – DER WITWEN-REPORT aus einer ähnlichen Perspektive wie der Held aus Carpenters THEY LIVE, nachdem er die Sonnenbrille aufgesetzt hat, die seine Mitmenschen als Außerirdische enttarnt. Das menschliche Treiben, es erscheint einem in seiner ganzen frappierenden Vulgarität plötzlich durch und durch absurd und vollkommen fremd. Man betrachte nur einmal das finale Bierzelt-Szenario: Nun mag man diesen Ort ja sowieso für einen Hort der schlimmsten menschlichen Auswüchse halten, aber so wie Enz ihn zeigt, wird diese Minderheitenemeinung zum unausweichlichen Fakt. Heruntergekommene Menschen sitzen in einem heruntergekommenen Plastikzeit an heruntergekommenen Bierbänken auf feuchtem Heu und lassen all das fallen, was sie in ihrem Alltag in Beschlag nimmt. Der zur Moral mahnende Ausbruch der Witwe, die die anwesenden Weiber des Ehebruchs bezichtigt, wird zum ultimativen Tabubruch. Doch die anschließende Gerichtsverhandlung wendet das Blatt: Die geifernde, lustfeindliche Witwe zieht ihre Anzeige zurück. Zwar ist das wilde Treiben ihre Sache nicht, aber letztendlich muss jeder nach seiner Facon glücklich werden. Das ist am Ende dieses Films eine durch und durch erstaunliche Erkenntnis. Jürgen Enz, der große Humanist des deutschen Sexfilms? Seiner Vision vom friedlichen Mit- und Ineinander der Mitbürger ist kaum etwas entgegenzusetzen. Sie stellt sich nicht als leuchtender, heiliger Blick ins Paradies dar, dafür ist der Mensch wohl zu dumpf in seiner Anlage. Aber auch wenn man das Sofa nicht mag, auf dem der schnauzbärtige Landwirt seine feiste Magd durchorgelt: Man muss ihm sein Recht doch lassen. Dieser kritische Impetus von Enz‘ Film bricht nie ganz durch, wirkt vielmehr zersetzend und subversiv im Hintergrund der deutschen Heimatklamotte, arbeitet heimlich daran, den bayrischen Spießer zum befreiten Brutbürger zu machen – oder zumindest ihn von der Schönheit der Freiheit zu überzeugen. Die frigide Enthaltsam- und Freudlosigkeit Ilsebills und das wüste Geficke der Bürger sind nämlich nur die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Wo Spießertum und Religion regieren, da kann es eben kein gesundes Maß geben, sondern nur den Exzess in beiderlei Hinsicht.

Bierzeltpublikum

Hässliche Menschen beim Versuch, sich andere hässliche Menschen schönzusaufen.

Busengrapscher

Weil dieses Bild für sich spricht, möchte ich darauf hinweisen, wie das „p“ im Schriftzug „Alpenglühen“ rechts oben die Öffnung des „ü“s penetriert.

Richter

Im Namen des Vaters und des Freistaats Bayern.

Fahrrad

Zum Abschluss: Stillleben mit Fahrrad und Beton. Was will Enz uns damit sagen?

Kommentare
  1. […] ohne gesundheitliche Schäden zu erleiden. Und das Schöne daran ist: Die Besprechungen von „Wo der Wildbach durch das Höschen rauscht“, „Gaudi in der Lederhose“ und „Nackt und kess am Königssee“ wecken tatsächlich die […]

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