furious 6 (justin lin, usa 2013)

Veröffentlicht: November 5, 2013 in Film
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Dom Toretto (Vin Diesel) und Brian (Paul Walker) haben sich mit den im Vorgänger erworbenen Reichtümern zur Ruhe gesetzt und sehen einem ruhigen Familienleben entgegen. Doch daraus wird nichts, denn eines Tages steht der Elite-Polizist Hobbs (Dwayne „The Rock“ Johnson) bei Dom auf der Matte: Eine Bande von hochspezialisierten und motorisierten Ex-Soldaten treibt in London ihr Unwesen und Dom soll Hobbs dabei helfen, sie zur Strecke zu bringen. Nachdem die alte Mannschaft wieder vereint ist, geht es ans Eingemachte …

Nach FAST FIVE nun also FURIOUS 6: Über die kuriose Entwicklung, die das FAST & FURIOUS-Franchise bis heute genommen hat, habe ich mich vor nicht allzu langer Zeit in aller angemessenen Ausführlichkeit ausgelassen. In Kurzform geht die Geschichte so: Nach rumpeligem Start mit einem leicht überdurchschnittlichen, aber nur wenig außergewöhnlichen Auftakt und einem miserablen Sequel übernahm der damals nahezu unbekannte Justin Lin ein Reihe, die zum schnellen Abstieg ins DTV-Genre wie prädestiniert schien. Das Gegenteil trat ein: Mit großem visuellem Gespür und ausgezeichnetem Actionhandwerk machte er aus der filmischen Totgeburt ein Erfolgsfranchise, das sich mit seinen beiden letzten Installationen verdientermaßen an die Spitze des großbudgetierten Hollywood-Actionkinos setzte. Verfügte die Serie zu Beginn weder über eine eigene Identität noch über einen ausgeprägten eigenen Stil, hat sie nun ein ganz und gar unverwechselbares Gesicht und einen Charakter, der ihr innerhalb des Actiongenres den ihr vorbehaltenen Platz zuweist.

Man mag über die machohaften Bro-isms der Serie geteilter Meinung sein – gerade die männlichen Protagonisten wirken wie in einem Stadium suspendierter Postpubertät gefangen und der Hip-Hop-Cool, den sie in ihren Dialogen bemühen, kann durchaus etwas anstrengend werden –, aber die damit verbundene Betonung von Freundschaft, Familie, Loyalität und Zusammenhalt sendet ein starkes Signal an den Zuschauer. Trotz ihrer umfassenden Over-the-Topness, die sich nicht nur in den die Grenzen der Plausibilität weit überschreitenden Actionsequenzen, sondern auch in den Charakteren und dem audiovisuellen Styling der Filme niederschlägt, bleiben die Filme aufgrund dieser bodenständigen Moralität für den Zuschauer menschlich und emotional nachvollziehbar. Der ganze High-Tech- und Markenfetischismus zieht nie die ganze Aufmerksamkeit auf sich, stiehlt den menschlichen Protagonisten nicht die Show, wie das bei anderen modernen Actionern  oft der Fall ist (man denke an Birds MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL). Im Zentrum stehen Dom, Brian, ihre Freunde und die Beziehung, die sie zueinander haben. FURIOUS 6 thematisiert das sogar auf Handlungsebene: Das Schurkenteam um Shaw (Luke Evans) wird als spiegelbildliches Negativ von Torettos Crew vorgestellt und setzt der Familiarität der Protagonisten eiskalten Zynismus entgegen. Shaws Code lautet nicht „Familie“, sondern „Funktionalität“: Er betrachtet jedes einzelne Mitglied seiner Mannschaft nicht als Individuum, sondern als eine Funktion erfüllendes Zahnrad im Getriebe. Wenn es fehlerhaft ist, muss es ersetzt werden, für Sentimentalitäten ist dabei kein Platz. Dieser krasse Pragmatismus muss sich gegenüber dem menschlichen Ansatz von Dom und Brian natürlich als unterlegen erweisen. Wer mit dem Herzen bei der Sache ist, ist eben auch bereit, die extra mile für seine homies zu gehen, während der ersetzbare Lohnsklave bald an seine Grenzen stößt. Am Ende versammelt sich die ganze Familie wieder zum gemeinsamen Barbecue um Doms Tisch, wie sie das schon im ersten Teil getan hat. Wer den ersten Bissen nimmt, wird zum Sprechen des Tischgebets verdonnert. Man kann das mit einigem Recht als spießigen Konservatismus kritisieren, aber dieses feste Wertesystem ist es, das die Ausnahmestellung des FAST & FURIOUS-Franchises in einer Actionfilm-Welt ausmacht, die zunehmend von Zynikern bevölkert wird. Die Helden von FURIOUS 6, sie sind nicht die maulfaulen Loner, sondern die Typen von nebenan, mit denen man auch mal ein Bierchen trinken und Playstation spielen kann.

Der Vorgänger hatte mit der Verfolgung durch die Favelas von Rio De Janeiro vielleicht die bessere, einprägsamere, zupackendere Actionszene, doch ich glaube, mir hat der neueste Teil sogar noch etwas besser gefallen. Den absurden Größenwahn, der die aktuellen Action-Set-Pieces auszeichnet, muss man dabei zu nehmen wissen: Freunde des Realismus steigen möglicherweise  aus, wenn die Flugzeug-Startbahn, auf der sich der 15-minütige Showdown abspielt, immer länger und länger wird, oder der Bösewicht Shaw mit einem Panzer Chaos und Zerstörung auf einer Autobahnbrücke anrichtet. Aber Justin Lin weiß im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, wie man solche Szenen inszeniert, sodass sie nicht wie Trickfilme aussehen. Das visuelle Geschick, das er dabei an den Tag legt ist erstaunlich. Auch komplexe Actionsequenzen – man muss bedenken, dass an den ausufernden Verfolgungsjagden immer ein ganzes Arsenal handelnder Figuren an verschiedenen Orten beteiligt ist, zwischen denen hin und her geschnitten wird – werden nie chaotisch, sondern bleiben glasklar und nachvollziehbar. Keine Spur vom hektischen Kameragewackel, mit dem weniger talentierte Leute auf billige Art und Weise Dynamik vortäuschen, weil sie sie anders nicht hinbekommen. Man sollte FURIOUS 6 ganz sicher nicht zu Ernst nehmen. Aber man verzeiht ihm gern auch die absurderen Einfälle, weil er die richtige Einstellung zu sich selbst findet. Ein größeres Lob kann man einem großen Event-Actioner kaum machen. Ich freue mich schon sehr auf den kommenden siebten Teil. Diesen Enthusiasmus hervorzurufen, wäre bei jeder anderen so weit fortgeschrittenen Reihe schon eine echte Leistung; denke ich an die Ernüchterung zurück, die der mit viel Tamtam gestartete erste Teil vor nunmehr 12 Jahren bei mir auslöste, kann man nur von einem handfesten Wunder sprechen.

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Kommentare
  1. david sagt:

    Du schreibst:
    „Das visuelle Geschick, das er dabei an den Tag legt ist erstaunlich. Auch komplexe Actionsequenzen […] werden nie chaotisch, sondern bleiben glasklar und nachvollziehbar. Keine Spur vom hektischen Kameragewackel, mit dem weniger talentierte Leute auf billige Art und Weise Dynamik vortäuschen, weil sie sie anders nicht hinbekommen.“
    Das wundert mich jetzt aber sehr. Kann es sein, dass wir zwei vollkommen verschiedene Filme gesehen haben? Ich persönlich fand FURIOUS 6 schlicht grauenhaft, weil ich gerade die Actionszenen (vielleicht in Ansätzen von der Autobahnverfolgungsjagd abgesehen) als vollkommen chaotisch, unklar und keine Spur nachvollziehbar wahrgenommen habe, weil die völlig verwackelt und verschnitten waren. Ausgerechnet die Flugstartbahn-Szene im Finale war doch ein einziges Stück Wackel-Vielzunahaufnahme-Geschnetzeltes, wie man ihn heutzutage in fast jedem beliebigen Actionfilm „bewundern“ kann.

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