nackt und kess am königssee (jürgen enz, deutschland 1977)

Veröffentlicht: November 6, 2013 in Film
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l_196779_3419f55fDer Beginn ist seltsam: Zu Bildern oberbayrischen Alpenidylls erklingt ein sonorer Voice-over, der den Zuschauer im Stile eines tratschenden Fremdenführers in bayrische Kultur und Geschichte einweiht. Wir erfahren, dass die folgende Geschichte am Königssee spielen wird: eine durchaus wichtige und keinesfalls redundante Auskunft, denn abgesehen von jenen Bildern zu Beginn und Ende des Films, die wie von der Tourismusbehörde in Auftrag gegeben aussehen, ist der See während des Films auffallend abwesend. Der Sprecher versteigt sich im Weiteren zu der Aussage, dass „in jedem zweiten deutschen Haushalt“ ein Bild von ihm an der Wand hänge, was den Film gleich wie ein aus einer seit Jahrtausenden die Erde umkreisenden Sonde geborgenes Artefakt wirken lässt. Trotz der nach den beiden zuvor gesehenen Lederhosen-Sexfilmen von Enz vertrauten Bilderwelt mit Alpenpanorama, Tannenwäldern und Wildbächen verstört dieser Auftakt, führt er einem doch noch einmal deutlich und unmissverständlich vor Augen: Ja, diese Filme spielen wirklich auf der Erde, in „unserem“ Deutschland, in diesem Bayern, nicht in einem Paralleluniversum oder gar auf einem anderen Planeten, dessen Bewohner zufällig auch Lederhosen, Trachtenjanker und Dirndl tragen. Jürgen Enz ist wirklich einer von uns.

Und er hat Humor. Die erste Figur des Films, ein fescher Schnauzbartträger namens Toni wird uns vorgestellt und er geht, laut Voice-over-Erzähler einer „typisch bayrischen“ Tätigkeit nach: Wilderer. Die ausführliche Einführung, die er und sein Mündel, das fesche Marein, erhalten, wird durch ihre Funktion im weiteren Film indes nicht ganz gerechtfertigt. Toni taucht bis auf eine kurze Szene erst ganz am Schluss wieder auf, und Marein, deren Liebhaber die Szene betritt, kaum dass Toni sich zum „Wuidern“ verabschiedet hat, ist lediglich eine von zahlreichen Frauen, die der Film aufbietet, um die Sexszenen möglichst abwechslungsreich zu halten. Erst die letzte Einstellung des Films wird ihr eine besondere Bedeutung zuweisen. Der anschließend folgende Besuch im Dorf führt die schon aus WO DER WILDBACH DURCHS HÖSCHEN RAUSCHT – WITWEN-REPORT bekannten bayrischen Spießer vor, die nach der Sonntagsmesse erst einmal ins Wirtshaus gehen oder sich auf vielsagende Weise wortkarg woandershin verabschieden (einer guckt zum Abschied volles Programm in die Kamera, bevor er aus dem Bild torkelt). Im Wirtshaus hingegen setzt dann der Plot ein und der geht so:

Ein Schotte namens McFitz besucht den gemütlichen Ort am Königssee, weil er auf der Suche nach einem „Kraut“ ist, das in dieser Gegend wachsen soll. Später stellt sich heraus, dass es sich bei diesem geheimnisvollen Kraut um ein Potenzmittel handelt, das der Schotte braucht, weil er nur „ein Ei“ hat. Als er sein Geheimnis dem Bürgermeister des Örtchens verrät, begeht er allerdings einen großen Fehler, denn von einer Steigerung der Manneskraft versprechen sich sowohl die Männer als auch die Frauen des Ortes so Einiges. So beginnt eine fieberhafte Suche nach dem Heilmittel, die allerdings immer noch genug Zeit lässt, um die handelnden Personen in einem bunten Bäumchen-wechsel-dich in verschiedenen Kombinationen und Paarungen durch die Betten zu treiben.

So weit, so mittlerweile bekannt. Doch erwähnte ich, dass NACKT UND KESS AM KÖNIGSSEE ein waschechter Hardcore-Porno ist? War zumindest der direkte Vorgänger GAUDI IN DER LEDERHOSE strukturell schon ein Pornofilm, der lediglich die entsprechend saftigen Details vermissen ließ (sehr wahrscheinlich wurde er – wie die meisten Enz-Filme – sowohl in einer harten und einer soften Fassung produziert), bleiben hier nun keinerlei Fragen mehr offen. Und die Sexszenen erhärten (*räusper*) noch den Eindruck, den man schon gewonnen hatte: Sex ist jeder Spiritualität beraubt, derbes Handwerk, das zwar nach Vollkommenheit und Transzendenz strebt, am Ende aber doch nur Ernüchterung und Erschöpfung nach sich zieht. Die Männer produzieren unter größten Mühen und tuberkulösem Ächzen jämmerliche Cumshots, ihre schlauchigen Schwänze sind schon im Augenblick höchster Erregung wieder im Erschlaffen begriffen, und das, was da aus ihnen herauströpfelt, ist verdunstet, noch bevor es auf das lauwarme Fleisch der Partnerinnen trifft. (Lustigerweise ist es ausgerechnet der eineiige Schotte, dem es als einzigem gelingt, richtig abzuspritzen.) Der Orgasmus, das ist bei Enz der Moment, in dem der Stein den Berg schon wieder hinunterrollt, nachdem man ihn unter größter körperlicher Anstrengung mühsam nach oben gewuchtet hatte. Ganz wichtig ist auch die Musik, die zu dem ernüchternden Gerammel läuft. Sie klingt wie urtümliche bayrische Volksmusik, der aber die Bauchlastigkeit, das Derbe, Triebhafte, Dunkle ganz und gar ausgetrieben wurde. Mit ihrem üblichen Charakter widersprechender, geradezu maschineller Präzision untermalt sie die kläglichen Bemühungen der Figuren und akzentuiert dabei das Arbiträre, Tierische, Entindividualisierte in ihnen. Ich hatte schon in meinen beiden vorangegangenen Texten den Vergleich zu Insekten, insbesondere zu Ameisen, gezogen und dazu passt auch die Musik. Das massenhafte Bumsen, das Enz‘ Filme bestimmt, erinnert an das geschäftige Wuseln in einem Ameisenhaufen. Wie dieses ist es ist nicht das Ergebnis individueller Willensentscheidungen, es ist nicht Ausdruck von Persönlichkeit, auch nicht von einer Lust, die im besten Falle ja auch etwas mit Fantasie zu tun hat, sondern rein körperlicher Drang, der letztlich einem kosmischen Willen, einem übergeordneten Plan folgt, der sich an den einzelnen Figuren vollzieht, mehr als das diese selbst eigenmächtig tätig würden.

Am Ende haben die Einwohner endlich das ersehnte Kraut gefunden, von dem sie sich eine Erfüllung ihrer Bedürfnisse versprechen. Es wächst auf der Wiese vom Wilderer Toni, der sich im Gegenzug die Straffreiheit sichert. Wie von Sinnen, außer sich vor Freude, wälzen sich die Suchenden im Gras, als hätten sie den heiligen Gral gefunden oder das Geheimnis des ewigen Lebens gelöst. Das ist wirklich „very nice“, wie es der Schotte während des Films nicht müde wird, zu behaupten. Der Zuschauer indes ahnt, dass der Fund keine wesentlichen Veränderungen bringen wird: Je mehr die Figuren sich da ineinander verkeilen, je wilder sie es treiben, sie werden sich den Kopf nur umso heftiger an der Pforte zum Paradies einrennen, die ihnen dennoch verschlossen bleiben wird. Der Mensch ist an seinen blassen, faltigen, behaarten Körper gefesselt, die Transzendenz ist unerreichbar. Zumindest ist sie im Körperlichen nicht zu finden. Möglicherweise liegt das Geheimnis in der Liebe? Der beseelt-dumpfe Blick, den das Marein mit seinem verblödeten Franz gen Himmel schickt, lässt das Gegenteil vermuten. Aber Enz‘ Optimismus ist aufrichtig.

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Die Jäger des verlorenen Krauts

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Enzianische Action

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Der Bayer hat Vorfahrt.

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Sexidermia

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Remember it for later proudly presents: Die Schlüsselszene von NACKT UND KESS AM KÖNIGSSEE.

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Die Teilnehmer des 11. Hofbauer Kongresses nach der Sichtung von DAS LIEBESTOLLE INTERNAT.

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Zwischen Liebe und Hirntod verläuft ein schmaler Grat.

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