the lords of salem (rob zombie, usa/großbritannien/kanada 2012)

Veröffentlicht: November 7, 2013 in Film
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Den letzten vollwertigen Spielfilm von Rob Zombie, HALLOWEEN II, fand ich damals ziemlich unerträglich. Ich hatte bisher zwar noch kein Bedürfnis, den Film (den viele meiner Bekannten der schreibenden Zunft für ein veritables Meisterwerk halten) noch einmal zu sehen, um meine Meinung möglicherweise zu revidieren, aber mein Text ist mir heute dennoch etwas unangenehm – wie eigentlich fast alle Verrisse, zu denen ich mich hinreißen lasse, mir nach einiger Zeit peinlich sind. Nicht selten steht man nämlich wie ein Hornochse dar, wenn man später feststellen muss, bei Erstsichtung offensichtlich nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gewesen zu sein oder aus anderen Gründen nicht in der Lage gewesen zu sein, den Film angemessen zu beurteilen. (Mal ganz davon abgesehen, dass man auch irgendwie drüberstehen können sollte, wenn einem etwas nicht gefällt. Sich von einem Film persönlich angepisst zu fühlen, ist ja irgendwie auch ein ziemlicher Egotrip.) Das gilt natürlich im umgekehrten Fall auch für ausufernde Begeisterung, wenn sich bei Zweitsichtung plötzlich Ernüchterung einstellt und man sich fragt, was man da eigentlich zuvor gesehen haben will. Insofern bin ich bei THE LORDS OF SALEM auf der sicheren Seite: Er hat mir ausgezeichnet gefallen, ohne mich total umzuhauen, das wenige, was mich an ihm gestört hat, bestätigt meine generelle Kritik an Rob Zombies Stil, das, was mich an ihm mochte, erklärt mir noch einmal, warum ich mit HALLOWEEN II damals eher nix anfangen konnte.

Heidi (Sheri Moon Zombie) genießt in Boston lokale Berühmtheit als Mitglied eines beliebten Radio-Moderatorenteams. Eines abends erhält sie eine Langspielplatte der unbekannten Band „The Lords“. Nachdem sie den darauf enthaltenen, überaus bedrückenden und seltsamen Song gehört hat, gehen beunruhigende Dinge mit ihr vor. Sie leidet an heftigen Albträumen und Halluzinationen, die in ihrer Schwere immer weiter zunehmen, sie erst an ihrem Verstand zweifeln lassen, dann schließlich ihren Rückfall in die Drogensucht begünstigen. Der Historiker Francis Matthias (Bruce Davison), der ein viel beachtetes Buch über die Hexenprozesse im nahe Boston gelegenen Salem geschrieben und den Song von „The Lords“ ebenfalls gehört hat, tritt zur selben Zeit seine Nachforschungen an und erfährt von einem Fluch, den die Hexe Margaret Morgan (Meg Foster) bei ihrer Verbrennung vor Jahrhunderten ausstieß. Ihr Peiniger war Reverend Jonathan Hawthorne (Andrew Prine) und der entpuppt sich als Vorfahre von Heidi …

Für den unabhängig und mit geringerem Budget realisierten THE LORDS OF SALEM musste Rob Zombie seine üblichen Impulse etwas zügeln: Verglichen mit seinen vorangegangenen Filmen ist sein Okkultismus-Grusler deutlich schlanker, kompakter, konzentrierter und auch stilistisch dichter, fokussierter. Sein bisher etablierter visueller Stil, ein Pastiche von Einflüssen aus alten Horror-, Monster- und Exploitationfilmen, Serials und Cartoons, True-Crime-Paraphernalia, Zirkus, Jahrmarkt und Gegenkultur, neigte bislang gern dazu, sich von den Geschichten, die Zombie erzählen wollte, zu emanzipieren. Seine Filme waren bis zum Bersten vollgestopft, was sie einerseits sehr reich, überbordend und unverkennbar machte, andererseits aber auch weniger überzeugenden Ideen Eingang verschaffte, von denen sich ein weniger eklektisch verfahrender Komponist spätestens am Schnittpult getrennt hätte. HALLOWEEN II entsprach einem audiovisuellen Ideen-Dauerbeschuss, der mir erst auf die Nerven ging, mich dann aber irgendwann völlig stumpf gegen seine dauernden Angriffe machte. Was in seinem Debüt HOUSE OF 1000 CORPSES noch funktionierte – weil der ganze Film auf wenig mehr als der Idee für ein Setting basierte und von diesem Ausgangspunkt einfach wild drauf los improvisierte – ging für mich bei HALLOWEEN II, der doch deutlich ambitionierter war, gründlich in die Hose. Irgendwann wollte ich nur noch, dass das Geschreie, Gefluche, Getrümmer und Gemorde endlich aufhört. Wozu Zombie ohne Zweifel fähig ist, wenn er sich zurücknimmt und seine Bilder atmen lässt, sieht man nun in THE LORDS OF SALEM. Inhaltlich eigentlich prädestiniert für einen Kurzfilm, kommt er über weite Strecken ohne Dialoge aus, Gewaltszenen gibt es kaum, das Tempo ist enorm gedrosselt. Die Schocks springen einem nicht ins Gesicht, sondern beschleichen einen wie der Todeshauch in den FINAL DESTINATION-Filmen. Der Film ist eher beunruhigend als wirklich gruselig: Zombie gönnt sich den Luxus von Leerstellen, anstatt jede Lücke auszufüllen, entwickelt auch nicht jede Idee zu Ende, konzentriert sich ganz darauf, eine bestimmte Stimmung zu kreieren, anstatt lediglich immer krasser werdende Szenen aneinanderzureihen.  Der aus zahlreichen vergleichbaren Filmen bekannte Plot „verdickt“ sich nicht, wie es im englischen Sprachgebrauch heißt, vielmehr wird THE LORDS OF SALEM in seinen letzten Minuten immer loser, ätherischer, bis der zuvor so klare und „handfeste“ Film buchstäblich ins Nichts mündet. Das Ende gleicht einem Bilderrausch, der die Ratio hinwegspült. Und während die ruhigen Abschlusscredits laufen, sinken die verbliebenen Fragen tief ein und können ihre Wirkung weiter entfalten.

Eigentlich gab es genau eine Szene, die mich wieder an das erinnerte, was mich an Zombie immer etwas nervt: In der Einführung der Protagonisten bekommt man wieder diese coolen Außenseiterpersonen mit ihrem Rockismus-Gehabe geboten, deren persönlicher Style mich einfach abschreckt. Wenn ich diese Heidi auf der Straße sehen würde, würde ich wahrscheinlich die Augen verdrehen und im Radio könnte ich sie und ihr pubertäres Geschwätz schon gar nicht ertragen. Die Auftaktszene, in der ein mit deutschem Akzent sprechender Black-Metal-Musiker während der Radiosendung seine Auffassung von Religion zum besten gibt, passt dann auch nicht so recht zum restlichen, weitgehend von Albernheiten freien Film. Aber es gibt, wie gesagt, keinen Grund, kleinlich zu sein. Von der unaufgeregten Art, mit der Zombie hier verdienten, „ewigen“ Nebendarstellern und Genreschauspielern einen Auftritt verschafft – etwa Ken Foree, Judy Geeson, Patricia Quinn, Dee Wallace, Andrew Prine, Meg Foster, Bruce Davison, Maria Conchita Alonso, Michael Berryman oder Sid Haig – kann sich manch anderer Regisseur, der seine „Hommagen“ mit Zuneigung der Nerdscharen heischenden Gastuaftritten zukleistert, eine dicke Scheibe abschneiden. Und der Song der „Lords“ ist wirklich zum Weglaufen unheimlich. THE LORDS OF SALEM hat mich in Haltung und Stimmung an Ti Wests famosen THE HOUSE OF THE DEVIL erinnert. Und weil das einer der besten Horrorfilme der vergangenen Jahre war, ist das ein ziemlich großes Lob.

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Kommentare
  1. Jacobs sagt:

    Eine wunderbar selbstkritische Einleitung zu einer unterhaltsam eloquenten Rezension, klasse!
    Und meine Betonung liegt auf dem adjektiv „selbskritisch“ – denn diese Eigenschaft lassen viele (auch oder gar vor allem begnadete) Schreiber und Schreiberinnen vermissen. (Ein Danke erscheint mir an dieser Stelle dann doch etwas zu schwülstig.)

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