lethal weapon 2 (richard donner, usa 1989)

Veröffentlicht: November 12, 2013 in Film
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Nach dem Erfolg von LETHAL WEAPON war ein Sequel unvermeidbar. Nach Hollywood-Logik beinhaltet es alles, was den Vorgänger zum Hit machte, in erhöhter Dosis: Der Humoranteil wird durch die Einführung von Joe Pescis Charakter noch einmal gesteigert, die Actionszenen und Stunts sind elaborierter und ausufernder, die Gewalt ist für eine solche Großproduktion von bemerkenswerter Ruppigkeit. Nach den CIA-Schurken des ersten Teils wird eine besonders hassenswerte Antagonistenschar weißer südafrikanischer Rassisten aufgeboten, die unter dem Deckmantel diplomatischer Immunität ihr kriminelles Unwesen treibt. Hier schleicht sich dann sogar Tagesaktualität ein, wird nicht mehr gegen den 1989 schon in der Abwicklung befindlichen Ostblock propagandiert, sondern gegen den noch aktiven Apartheidsstaat. Das geschieht nicht ohne ätzende Polemik – alle weißen Südafrikaner des Films sind groteske Nazikarikaturen –, die durch die Anwesenheit Murtaughs gewissermaßen legitimiert wird (wer im ersten Teil genau aufgepasst hat, hat am Kühlschrank der Familie Murtaugh einen Anti-Apartheid-Free-South-Africa-Aufkleber entdeckt). Die Verwendungen des rassistischen Schmähworts „Kaffer“ sind nicht zu zählen und wirken heute, nach etlichen N-Wort-Debatten und PC-Diskussionen, reichlich zynisch und kalkuliert. Hinsichtlich der Affektsteuerung ist diese Konstellation natürlich Gold wert: Man wähnt sich mit der Sympathie zu Riggs und Murtaugh instinktiv sofort auf der richtigen Seite, auch wenn sich die Methoden, mit denen die Südafrikaner hier kollektiv als Unmenschen verurteilt und die USA als gelobtes Land der Toleranz gefeiert werden, jene so manches vermeintlich antisowjetischen Propagandafilms der mittleren Achtzigerjahre weit in den Schatten stellen. Der Zorn Riggs‘, der sich am Ende gegen die Schurken entlädt, nachdem seine neue Flamme (Patsy Kensit) exekutiert wurde, spiegelt den Amoklauf Rambos nach dem Mord an Co in RAMBO: FRST BLOOD PART II; mit dem Unterschied, dass die eigentlichen Schurken damals in den eigenen Reihen zu suchen waren – und in einem Akt der Selbstbeherrschung verschont blieben. Hier setzen sich Murtaugh und Riggs über geltendes Recht krass hinweg, spucken auf die diplomatische Immunität und richten den ätzenden Popanz Arjen Rudd (Joss Ackland) mit einem Kopfschuss hin, als der ihnen mit triumphierendem Grinsen seinen Diplomatenpass entgegenhält. Man könnte durchaus sagen, dass LETHAL WEAPON 2 mit seinen reaktionären Tendenzen, Gewalt- und Allmachtsfantasien im Gewand der Unterhaltung problematischer ist, als alle „reaktionären“ Actionfilme zuvor.

Auch inhaltlich erzählt LETHAL WEAPON 2 vom Regress: Riggs ist zu Beginn des Films ganz im Schoße der Familie Murtaugh angekommen, geht bei ihnen ein und aus. Der ständig auf des Messers Schneide tänzelnde Psychopath, der er im ersten Teil noch war, ist unter Kontrolle, hat seine Probleme gelöst. So berichtet er Murtaughs Gattin dann auch einmal von jenem Abend, an dem er vom Tod seiner Frau erfuhr: Zwar merkt man ihm an, wie es hinter der betont coolen Fassade brodelt, aber man muss keinen Rückfall in die manische Depression mehr befürchten. Seine an Masochismus grenzende Tollkühnheit nutzt er vor allem, um ein paar Dollar nebenbei zu verdienen: So befreit er sich durch mutwilliges Auskugeln des Schultergelenks gegen Geld von seinen Kollegen aus einer Zwangsjacke und renkt sie sich äußerst schmerzhaft vor den Augen der Polizeipsychologin, die ihn eh am liebsten in Behandlung sähe, wieder ein. Er gleicht einem domestizierten Wolf: Seine Unberechenbarkeit ist in geordnete Bahnen überführt, nutzbar gemacht. Wenn es nötig ist, wird er von der Leine gelassen. Dann zeigen seine Augen wieder dieses gefährliche Blitzen, ist ihm alles zuzutrauen, gleicht er einem Pyromanen in der Feuerwerkskörper-Fabrik. Wie dieser Mann tickt, wird sehr schön in einem eher unauffälligen Moment deutlich: Als er seinen Partner Murtaugh regungslos auf der Toilette sitzend vorfindet, mit ruhiger Stimme sprechend und wie von einer tiefgreifenden Erkenntnis befallen. schleicht sich echte Angst in Riggs Gesicht. Als Murtaugh Riggs jedoch offenbart, dass seine Kloschüssel mit einer Bombe versehen ist, die ihn dort seit Stunden festhält, entfährt diesem ein Stoßseufzer der Erleichterung. Mit einer handfesten lebensgefährlichen Situation kann er umgehen, mit dem Geständnis eines allzumenschlichen Problems wäre er indessen überfordert gewesen. Der weitere Verlauf des Films zeigt dann auch, das es ein frommer Wunsch ist, diesen Mann dauerhaft unter Kontrolle zu halten. Nach dem Tod seiner Liebschaft und der die Glaubwürdigkeit etwas überstrapazierenden Offenbarung, dass die Südafrikaner auch am Tod seiner Ehefrau beteiligt waren, rastet Riggs völlig aus, beginnt einen Ein-Mann-Feldzug gegen die Bösewichter, in den er auch seinen sonst so zivilisierten Freund Murtaugh mit hineinzieht. LETHAL WEAPON 2 macht eindrucksvoll klar, dass es nur eine Sache gibt, die diesen Riggs dauerhaft zähmen kann: Und tatsächlich wird er dann ja im nächsten Film eine gleichberechtigte Partnerin finden.

Die angesprochene Law-and-Order-Mentalität und der kaltschnäuzige Zynismus des Films werden zwar vordergründig durch die liebenswerten Kumpeleien des Films konterkariert, spiegeln sich aber auch in der herablassenden Behandlung, die Riggs und Murtaugh dem ihnen anvertrauten Leo Getz angedeihen lassen. Pesci lässt sich als kleiner Giftzwerg mit Plappermaul inszenieren, als Comic Relief, an dem sich die beiden echten Kerle abreagieren können – sogar der sonst so brave Murtaugh wird ihm gegenüber zum waschechten bully. Da setzt es in einer Tour Backpfeifen, Nasenstüber, verbale Demütigungen und Beleidigungen, die Leo in geradezu hündischer Ergebenheit hinnimmt und fast noch dankbar dafür ist, dass er von diesen beiden gewachsenen Mannsbildern wenigstens irgendwie wahrgenommen wird. Auch wenn Donner seine beiden Helden wahrscheinlich wirklich als dufte Typen verstanden wissen wollte: Eher unabsichtlich gelang ihm ein recht treffendes Bild einer geschlossenen Männergesellschaft, die nur ihresgleichen als gleichberechtigt akzeptieren kann, ihre Zuneigung in kleinen Sticheleien ausdrückt und Außenstehende ausschließlich mit einer Geringschätzung zu behandeln weiß, in der sich die Frustration über den eigenen gesellschaftlichen Status niederschlägt. Auch der Zorn auf die südafrikanischen Diplomaten ist nur indirekt mit deren Machenschaften und ihrer Ideologie zu erklären: Hinter dem Gesicht der Rechtschaffenheit verbirgt sich nichts anderes als die hässliche Fratze des Wutbürgers, der im gegenüber all das verkörpert sieht, was er nicht hat. Ich finde es toll, wie LETHAL WEAPON 2 – ganz wie seinem Protagonisten Riggs – die Kontrolle entgleitet und diese Fratze zum Vorschein kommt, wie der „Spaß für die ganze Familie“ zur verfilmten Bild-Zeitung gerät. Teil 1 war wahrscheinlich zwingender und runder, weniger aufgeblasen mit Albernheiten, aber das Sequel ist einzigartig in seiner Falschheit. Ein Spätachtziger-Masterpiece.

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