die liebesvögel – küss mich da, wo ich es mag! (jürgen enz, deutschland 1979)

Veröffentlicht: November 17, 2013 in Film
Schlagwörter:, , ,

5851Peter (Rolf Zigan), ein blonder, gut gebauter Schnurrbartträger und Bankangestellter, hat ein Problem: Beim Liebesspiel bleibt ihm die Freude des Orgasmus verwehrt, so sehr er sich auch bemüht. Weil er sich an der Arbeit kaum noch konzentrieren kann, empfiehlt ihm sein Vorgesetzter, Urlaub zu machen. Und so reist Peter nach München, um „das Bumsen zu lernen“ …

Zwischen den zünftigen Lederhosenfilmen von Jürgen Enz und diesem Beziehungs-Sexfilm liegen nur zwei Jahre, aber satte fünf (zum Teil unter Pseudonym gedrehte) Filme. Thematisch und stilistisch ist der Regisseur sich aber dennoch treu geblieben. Das hilflose Streben der Menschen nach der Transzendenz im Moment des Höhepunkts, das man schon aus WO DER WILDBACH DURCH DAS HÖSCHEN RAUSCHT, GAUDI IN DER LEDERHOSE und vor allem NACKT UND KESS AM KÖNIGSSEE kennt, manifestiert sich diesmal in dem armen Peter, der trotz zahlreicher Gelegenheiten einfach nicht abspritzen kann. Er ist ein typischer Zivilisationsmensch, die Enthemmtheit der in den genannten Filmen „porträtierten“ bayrischen Landbevölkerung (die wieder ihre eigenen Probleme mit sich bringt), geht ihm völlig ab, stattdessen wirkt er orientierungslos, abwesend, abgelenkt, unzufrieden, unsicher über seine eigenen Wünsche. Das wilde Gebumse mit wechselnden Partnern in München bringt leider auch keine Lösung seiner Sinnkrise. Ob mit der nymphomanen Gespielin seines alten Schulfreunds Frank, der Bekanntschaft aus einem Tanzlokal oder einer Prostituierten: Peters Problem bleibt bestehen, so sehr sich die Partnerinnen auch abmühen. Letzten Endes ist es die freundliche Blumenverkäuferin, bei der er am nächsten Tag stets die Rosen für seine nächtlichen Freundinnen zu kaufen pflegt, die ihm den ersehnten Höhepunkt beschert – und er ihr, denn wie er erfährt, hatte sie am selben Problem wie er gelitten. Es war kein körperlicher Mangel, der der sexuellen Erfüllung im Weg stand, sondern ein emotionaler: die Liebe hat gefehlt. Enz bestätigt mit DIE LIEBESVÖGEL (der Titel spielt auf eine Vogelart an, die vollkommen monogam lebt) den Verdacht, dass er ein hoffnungsloser Romantiker ist, der die Welt allerdings durch die beschlagene Brille des Realisten sieht. Wenn Peter seinen Sexpartnerinnen den Rosenstrauß überreichen will, wird er durch die Wohnungstür mit der schnöden Realität konfrontiert: Franks Perle ist schon wieder am Bumsen, die andere streitet sich lauthals mit ihrem Ehemann. Es bestätigt sich wieder, was sich auch in den zuvor besprochenen Filmen von Enz gezeigt hat: Die Menschen sind alle unglücklich, aber manchen gelingt es besser als anderen, die Augen davor zu verschließen.

Die Rauminszenierung ist bei allen Enz-Filmen, die ich bisher gesehen habe, die halbe Miete. In DIE LIEBESVÖGEL wird sie besonders wichtig. Enz baut in nahezu jede Sexszene visuelle Irritationsmomente ein, die so sehr vom Kern des Geschehens ablenken, dass man sich über Peters Misserfolge kaum wundern mag. Deplatzierte Gegenstände liegen herum, scheußliche Kabelkonstruktionen zerstören jede erotische Atmosphäre, der Aufriss aus der mit schwarzem Holz vertäfelten, trüb ausgeleuchteten Tanzkneipe zeigt nach einer Körperdrehung plötzlich üble Brandnarben an Hals und Arm: Perfektion ist in Enz‘ Welt eine Wahnvorstellung des Menschen, Romantik ein frommer Wunsch. Aber man muss an ihr festhalten, wenn man sein Glück finden will. Peter kommt die Erkenntnis beim Blick in seinen Rosenstrauß („Peter, Peter, bist du denn blind?“, fragt der Voice-over-Kommentator gütig): Da sieht er die brave Blumenverkäuferin, mit der er am Schluss in ein wohlgeordnetes Familienleben eintritt. Das finale Glück sieht aus wie ein Setzkasten, das Lächeln wie mit Zuckerguss festgeleimt, aber die Orgasmen, sie sind wenigstens echt.

Insider bezeichnen DIE LIEBESVÖGEL auch als Enz' "Türklinken- und Steckdosen-Film".

Insider bezeichnen DIE LIEBESVÖGEL auch als Enz‘ „Türklinken- und Steckdosen-Film“.

Vornehm geht die Welt zugrunde

Vornehm geht die Welt zugrunde

Der Mann von Welt weiß: Nur mit Uhr in der Minibar gelingt der Sieben-Minuten-Cognac perfekt.

Der Mann von Welt weiß: Nur mit Porzellanuhr in der Minibar gelingt der Sieben-Minuten-Cognac perfekt.

Steckdosen und Türklinken 2

Steckdosen und Türklinken 2

"Wir spielen Serve & Volley, Baby, okay?"

„Wir spielen Serve & Volley, Baby, okay?“

Im Tanzlokal "Zum schweigenden Grab" legen Peter und seine Eroberung eine flotte Sohle aufs Parkett

Im Tanzlokal „Zum schweigenden Grab“ legen Peter und seine Eroberung eine flotte Sohle aufs Parkett.

Menschliche Couchgarnitur

Menschliche Couch-Garnitur. Menstruationsblutrote Accessoires buhlen um Aufmerksamkeit.

Kabel

Die meisten aller tödlichen Unfälle passieren im Haushalt. 5 % davon gehen auf schlecht verlegte Kabel zurück.

Romantik am Morgen

Ordnung ist die halbe Miete.

Puff

Die Verbindung von nacktem Fleisch und traditionellem deutschem Kunsthandwerk ruft bei sensiblen Zeitgenossen das so genannte „Enz-Syndrom“ hervor.

Puff 2

Ein Schnurrbart ist ein Schnurrbart ist ein Schnurrbart.

Rosen

Enz lässt Blumen sprechen und erfindet Bollywood.

Date 2

Love is in the air.

Date Sex

Zwischen Couchtisch und Wand ist immer noch Platz für eine kleine Nummer.

Jon Bon Jovi ließ sich von diesem Enz-Film zu seinem Hit "Bed of Roses" inspirieren.

Jon Bon Jovi ließ sich von diesem Enz-Film zu seinem Hit „Bed of Roses“ inspirieren.

Familiengra ... äh ...glück.

Familiengra … äh …glück. Rechts im Bild: das Phallussymbol des Monats.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.