world war z (marc forster, usa/malta 2013)

Veröffentlicht: November 19, 2013 in Film
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Als WORLD WAR Z diesen Sommer in die Kinos kam, da konnte man überall noch einmal von der bewegten Produktionsgeschichte des Films lesen, die alle Elemente legendärer Hollywood-Desaster beinhaltete: Neben den üblichen größeren und kleineren Pannen waren Rewrites des Drehbuchs von neu hinzugezogenen und dann erneut ausgetauschten Autoren ebenso nötig wie daraus folgende Re-Shoots, die wiederum die Streichung oder Kürzung der Rollen namhafter Schauspieler zur Folge hatten. Das alles schlug sich in einem überzogenen Budget, einem arg improvisierten Ende und dem Fahrenlassen aller Hoffnung in das Potenzial des einstmals so ambitionierten Projekts nieder. Die Horrormeldungen und Pannenberichte wurde nicht ohne jene gewisse Häme ausgebreitet, die man erwarten darf, wenn die sonst fehlerlos laufende Maschine einmal versagt. Doch WORLD WAR Z reihte sich eben nicht ein in die Reihe der Totgeburten, die niemals ihr Publikum fanden, von vornherein zum Scheitern verurteilt waren, sondern avancierte aller offenkundiger Mängel zum Trotz zum Box-Office-Hit, sodass nun doch wieder ein Sequel im Raum steht. Wie die Menschheit am Schluss des Films, bekommt auch WORLD WAR Z eine neue Chance. Und ich finde, die hat er sich redlich verdient. Zwar merkt man dem Film die massiven Probleme an, endet WORLD WAR Z nach zwei beeindruckenden, bildgewaltigen Dritteln, die einen höchst lebendigen Eindruck von einer möglichen Zombie-Apokalypse vermitteln, auf einer irgendwie unpassenden, unbefriedigenden, minimalistisch-improvisierten Note – weil nämlich alles Geld schon verbraten war –, doch wahrt er auch dabei sein Gesicht.

Leena fragte mich nach der Sichtung, ob man sagen könne, dass WORLD WAR Z der erste echte Mainstream-Zombiefilm sei: Es spricht tatsächlich einiges dafür, das so zu sehen, auch wenn der Begriff „Mainstream“ den Kern nicht ganz trifft. Auch Filme wie der einst immens einflussreiche, vielleicht die Initialzündung für den „neuen“ Zombiefilm bedeutende 28 DAYS LATER – heute fast schon wieder vergessen –, Romeros Comeback mit LAND OF THE DEAD, der erste RESIDENT EVIL-Film oder Snyders DAWN OF THE DEAD-Remake, um nur ein paar zu nennen, waren für ein großes Publikum gedreht und erhielten einen breiten Kinostart. Aber diese Werke blieben dennoch fest in ihrem Genre verwurzelt, richteten sich im weitesten Sinne an Horrorfreunde. WORLD WAR Z ist sehr viel näher dran am effektreichen, breit angelegten Katastrophenfilm, bietet mit Brad Pitt einen Hauptdarsteller mit Massenappeal und verzichtet auf die für den Zombiefilm typischen Splattereffekte, um sich keine 18er-Freigabe (respektive ihr US-Äquivalent) einzuhandeln. Ihm deshalb Weichspülerei vorzuwerfen, halte ich dennoch für falsch: Marc Forster inszeniert den Ausbruch der Apokalypse mit einiger Durchschlagskraft, was die Zombieangriffe an blutigen Details vermissen lassen, machen sie durch tollwütige Brachialität wieder wett. Und zum wirklich allerersten Mal wird die ganze Tragweite einer solchen Seuche bildlich angemessen dargestellt: Hier sind es nicht mehr länger ein paar angemalte Statisten, die durchs Bild wanken, sondern rasende Tausendschaften, die mit der sprichwörtlichen Urgewalt einer Flutwelle über die Opfer hineinbrechen. Um diese Zombiearmeen und ihre Massenbewegungen einzufangen, wird im Verlaufe des Films immer häufiger die Vogelperspektive eingenommen. Das markiert eine wesentliche inhaltliche Veränderung gegenüber bisherigen Vertretern des Subgenres; eine, die den Film zur Zielscheibe der Ideologiekritik macht. Vor allem Romero, auf den das gesamte moderne Zombiefilm-Genre zurückgeht, etablierte ja die Froschperspektive, die zu seiner Sympathieverteilung passte. Der wahre Protagonist seiner Filme, das machte allerspätestens LAND OF THE DEAD deutlich, war der entmündigte, entrechtete Zombie, das Opfer einer rücksichtslosen, entmenschlichten kapitalistischen Konsumgesellschaft. Der Zombieaufstand, das war eben auch der Aufstand derer, die in dem herrschenden System unter die Räder gekommen waren, und richtete sich immer stärker gegen die Mächtigen, Begüterten, Privilegierten. Er war nicht nur nicht aufzuhalten: Sein Sieg war hochgradig erwünscht. Mit WORLD WAR Z wird das zumindest auf den ersten Blick auf den Kopf gestellt. Mit Pitts Gerry Lane, einem ehemaligen UN-Inspektor, wird eben einer jener Privilegierten zum Protagonisten gemacht, dessen einstiger Rang ihm und seiner Familie dann auch einen Platz in Sicherheit vor der Seuche auf einem Militärschiff einträgt (hier erinnert Forsters Film etwas an Emmerichs 2012 mit seiner modernen Arche Noah). Das Chaos, das in das Leben einbricht, es binnen Sekundenbruchteilen in seinen Grundfesten erschüttert, besucht Lane in der zweiten Hälfte des Films wie ein Tourist: Der Überlebenskampf auf den Straßen betrifft ihn nicht mehr unmittelbar. Statt kratzend und beißend um das eigene Überleben und das seiner Familie zu kämpfen, muss er nun ein Mittel suchen, die Zombies zu bekämpfen. WORLD WAR Z nimmt den Blick des Staatsapparats ein, der um Wiederherstellung bemüht ist. Der Zombie, er ist kein Symbol mehr für das Aufbegehren der Unterdrückten, sondern nur noch die gesichtslose Gefahr, die möglichst draußen zu bleiben hat. Im Falle der langen Israel-Sequenz ganz wortwörtlich: Da hat sich ein ganzes Land hinter einer riesigen Mauer verschanzt, vor dessen Tore die Menschen nun um Einlass betteln.

Aber WORLD WAR Z ist dabei kein gewissenloser oder gar unmenschlicher Film. Lane reflektiert das moralische Dilemma, in das ihn seine Position versetzt. Aber wie sollte er sich anders entscheiden können, als dafür, seine Familie zu retten? Das erste Drittel des Films – der mitreißend inszenierte Ausbruch der Seuche auf den Straßen Philadelphias, der erbitterte Kampf ums Überleben, den Gerry, seine Frau und Töchter zu kämpfen haben – vermittelt durchaus Empathie für die Opfer, allein der Film interessiert sich im Weiteren nicht mehr wirklich dafür, geht stattdessen einen anderen Weg. WORLD WAR Z erinnert eher an die Katastrophenfilme der Siebzigerjahre, das Schreckensszenario ist nur die Ausgangsbasis für eine Geschichte über die Tapferkeit des Einzelnen, die Widerstandsfähigkeit der Menschheit, ihren Überlebensgeist und ihre Moral. Das ist möglicherweise weniger interessant, garantiert weniger herausfordernd und mutet in unserer Zeit mehr als nur ein wenig reaktionär an, ist aber durchaus legitim. Es zeigt, wie sehr der Zombiefilm tatsächlich zum allgemeinen Kulturgut geworden ist, dass er auch diese Verdrehung der ursprünglichen Ausgangslage ermöglicht. Dumm ist, dass Forster nicht mehr dazu kommt, seine Geschichte zu Ende zu erzählen, und den großen Triumph auf das Sequel verschieben muss. Strukturell mutet der Film jetzt wie eine Reise in die Vergangenheit des Zombiefilms an: Er beginnt mit Hollywood’scher Megalomanie und Effekt-Overkill, der finanzstarken Adaption von Romeros Ideen, und endet einerseits dann doch wieder in der Klaustrophobie eines NIGHT OF THE LIVING DEAD, mit der das Genre vor über 40 Jahren seine Geburt erlebte, in der dystopischen Warteschleife von Boyles 28 DAYS LATER und lustigerweise auch im Exploitation-Käse eines RESIDENT EVIL mit seinen klinischen, vom Zombies infizierten Laborgängen (und Moritz Bleibtreu statt Heike Makatsch). Dass diese Zusammenziehung des Fokus vom Großen zum Kleinen, vom Lauten zum Leisen durchaus richtig und wirksam sein kann, hat man in diesem Sommer im Videospiel „The Last of Us“ gesehen (an das WORLD WAR Z mehr als einmal erinnert), aber hier riecht sie dann eben doch nach Scheitern, auch wenn Forster seine Haltung bewahrt. Hat sich am Ende vielleicht doch die aufrührerische Kraft des Zombies gegen das Kapital durchgesetzt?

Egal, wie man diese Frage beantworten mag: WORLD WAR Z ist über weite Strecken effektives Spannungskino, das vor allem zu Beginn neue Maßstäbe in der Inszenierung des Chaos setzt. Besonders stark ist der Moment, in dem Lane in einem zur Plünderung freigegebenen Supermarkt in Notwehr einen menschlichen Angreifer erschießt und angesichts des heraneilenden Polizisten sofort die Arme hebt. Doch der Polizist ist gar nicht an ihm, sondern wie Lane nur noch an seinem eigenen Überleben interessiert: Er peilt nicht den Protagonisten an, sondern das Regal neben ihm, in dem der Proviant liegt, den er benötigt. Seine Uniform ist schon jetzt ein leeres Symbol. Die Verwunderung aufseiten des Zuschauers ist genauso groß wie die von Lane: Ganz plötzlich wird klar, was es bedeutet, wenn die Zivilisation zusammenbricht. Wenn Lane und seine Familie erst einmal in Sicherheit sind, beginnt auch der Film uninteressanter zu werden. Die Spurensuche nach dem Ausgangspunkt der Seuche ist eher uninteressant, erinnert an Adventures mit nur minimalen Entfaltungsmöglichkeiten. Spannend wird es immer, wenn Lane mit dem sich in Sekundenschnelle ausbreitenden Virus und den aggressiven Zombiehorden zu tun bekommt, die sich auch schon einmal wie Kamikazeflieger von Häuserdächern stürzen, in blinder Gier nach ihren Opfern. Hier offenbart WORLD WAR Z auch für künftige Teile noch einiges Potenzial für spannende Unterhaltung. Den Mangel an Tiefgang verzeihe ich da gern.

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Kommentare
  1. Faniel Dranz sagt:

    Schön das du LAST OF US erwähnt hast. Der wohl grandioseste spielbare Film dieses Jahres. Die Giraffenszene hat mir ja wirklich ein Tränchen ins Auge gedrückt. Seufz…

  2. Nils sagt:

    Interessanterweise hatte ich das Gefühl, dass der neu gedrehte Schlussakt dem Film richtig gut getan hat, auch wenn ich mit meiner Meinung, wenn ich mir das allgemeine Echo, anscheinend relativ allein auf weiter Flur stehe. Auf die (meines Erachtens) relativ ähnlichen Zombieattacken in Philadelphia, Israel usw. eine weitere Zombieattacke folgen zu lassen, hätte auch die Gefahr beinhaltet, dass der Film relativ gleichförmig, vielleicht sogar eintönig wird, während ich die (spannend inszenierte) Passage im Forschungszentrum als Abwechslung empfand. Natürlich müsste man das Material der ursprünglichen Finalschlacht sehen, um das wirklich beurteilen zu können. Jemand erzählte mir neulich von einem Interview, in dem Lindelof sogar erzählte, dass er den Schlussakt eigentlich von Anfang an so geschrieben hätte, wäre er von Anfang an an dem Film beteiligt gewesen, quasi entgegen der üblichen Showdownkonvention.

    • Oliver sagt:

      Ich gebe dir durchaus Recht, die Sequenz war ja auch für sich genommen recht hübsch und stimmig. Den Film in der Einkehr nach Innen, der Hinwendung zum Individuum enden zu lassen, ist grundsätzlich eine schöne und richtige Idee, die hier aber nicht voll ausgeschöpft wird. Daran merkt man m. E., dass sie eher improvisiert war: Letztlich ist das schon sowas wie ein konventioneller Showdown, nur dass der sich in deutlich kleinerem Rahmen abspielt.

      Als echten Letdown habe ich den Epilog danach empfunden. Der wirkte einfach so hinten drangeklatscht, weil der Film irgendwie zu Ende geführt werden musste, es aber eben kein echtes Ende gab. Es erinnerte mich lustigerweise fatal an die kompromittierten Enden von 28 DAYS LATER oder auch I AM LEGEND.

  3. Chrisch sagt:

    „Den Film in der Einkehr nach Innen, der Hinwendung zum Individuum enden zu lassen, ist grundsätzlich eine schöne und richtige Idee…“

    Ich weiß nicht, ob man als Filmkritiker nicht oftmals dazu neigt, mehr in Filme hineinzuinterpretieren als dort schlußendlich wirklich zu finden ist.
    Der Großteil dessen, was in Hollywood abgeliefert wird, sind Auftragsarbeiten. Für die gibt es zwei Macharten. Entweder man schreibt nach Handbuch und versucht die Massen so gut wie möglich zu erwischen (wird meistens bei Blockbustern gemacht) oder aber man schreibt nach Gefühl.

    „Darauf habe ich gerade bock. Das würde ich selber gerne sehen.“

    Dabei kommen einem nicht unbedingt derartig tiefgründige Gedanken in den Kopf wie „jetzt möchte ich das Individuum zurück ins Zentrum rücken.“ Die Wahrheit ist meistens: „Wir haben Nachdrehs. Wie kriegen wir das möglichst billig gebacken? Richtig. Wir machen einfach eine lange Szene in einem Forschungszentrum. Das spart Setkosten, lässt sich schnell organisieren und wir brauchen das Effekteteam nicht mehr allzu stark beanspruchen.“

    Das ist meine Auffassung bzgl. der Arbeitsweise ;D

    • Oliver sagt:

      Was die Macher möglicherweise gedacht oder geplant haben oder nicht, spielt für die Betrachtung keinerlei Rolle. Der Films ist wie er ist und als solcher entfaltet er eine Wirkung beim Betrachter – oder nicht. Ob diese so „beabsichtigt“ war oder eher Nebenprodukt ist, ist völlig zweitrangig. Nicht nur, weil darüber nachzudenken, was gewollt war, reine Spekulation ist, sondern weil jede Form von Kunst eine Eigendynamik entwickelt, die über das, was „geplant“ war, hinausgeht.

      Dass WWZ ganz anders geplant war, weiß ich auch. Auch, dass das Ende aus Kostengründen entstand. Dennoch erzielt dieses nun vorliegende Ende einen Effekt beim Betrachter. Es ist eben nicht nur reine Ökonomie, wenn ein Film, in dem es um nichts weniger als das Ende der Menschheit geht, als Kammerspiel endet. Das hat nicht mit „hineininterpretieren“ zu tun (ein Vorwurf übrigens, den ich langsam nicht mehr hören kann, weil er jeglicher intellektueller Grundlage entbehrt: Filmsehen, Bücherlesen, Musikhören ist immer Interpretation und Interpretieren immer ein „Hineinlegen“ von Bedeutung), sondern damit, dass ich beschreibe, wie der Film auf mich gewirkt hat.

      Wenn man Filme nur so sehen würde, wie du das beschreibst, wäre der nächste konsequente Schritt zu sagen: „Diese Zombieapokalypse ist nicht echt, das sind nur Schauspieler, die so tun als ob, und Computerffekte, die jenseits der Leinwand keinerlei Materialität haben. Warum sollte ich da also mitfiebern, mich fürchten oder lachen.“ Es wäre das Ende jeglicher Fiktion, ob filmischer oder literarischer Art.

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