only god forgives (nicolas winding refn, dänemark/frankreich/thailand/usa/schweden 2013)

Veröffentlicht: November 25, 2013 in Film
Schlagwörter:, , , , ,

Nicolas Winding Refn hat sich in den letzten Jahren vom cineastischen Geheimtipp, der nur wenigen ein Begriff war, zum Kritikerdarling und In-Regisseur entwickelt, dessen Filme mit Spannung erwartet werden und den schwierigen Spagat zwischen Programmkino- und Multiplex-Publikum schaffen. Sein DRIVE avancierte – auch dank seines Soundtracks – zum stilprägenden Kultfilm, sein Hauptdarsteller vom eher unscheinbaren Schönling zum plötzlich gefragten Charakterdarsteller. Mit dem zunehmenden Erfolg des Dänen wurde aber – fast zwangsläufig – auch die Kritik an seinem typischen Stil lauter: der bekannte Style-over-Substance-Vorwurf, dem sich vor einigen Jahren auch schon Wes Anderson gegenübersah, hier noch verbunden mit einer ideologischen Kritik an den mitunter von heftigen Gewaltausbrüchen und einer nicht immer ganz durchschaubaren Männlichkeitsinszenierung durchzogenen Filmen. ONLY GOD FORGIVES, der direkte Nachfolger von DRIVE, ist vielleicht Refns wichtigster Film, gilt es doch sich vor einem gewachsenen Publikum zu beweisen, seine neue „Massentauglichkeit“ zu belegen und die Kritiker, die einen ungerechtfertigten Hype unterstellten, Lügen zu strafen. Dummerweise muss dies nun mir Refns vielleicht schwächstem Film gelingen, zumindest aber mit einem, der seinen Kritikern reichlich Öl ins Feuer gießt.

In Bangkok unterhält Julian (Ryan Gosling) gemeinsam mit seinem Bruder Billy (Tom Burke) eine Kickbox-Schule, die gleichzeitig als Front für ihre Drogengeschäfte dient. Als Billy eine Minderjährige vergewaltigt und umbringt, zieht er den Zorn des Polizisten Chang (Vithaya Pansringarm) auf sich, der dem Vater des Mädchens die Möglichkeit gibt, ihren Mörder zu töten. Nachdem Crystal (Kristin Scott-Thomas), die herrische Mutter Julians, in Bangkok eingetroffen ist, um ihren Sohn zu beerdigen, beauftragt sie Julian, sich mit der Rache für den Tod Billys bei ihr zu beweisen. Es beginnt ein Krieg der Killer …

Die wesentlichen Stilelemente des Vorgängers findet man auch in ONLY GOD FORGIVES in gesteigerter Form wieder: Für die gesamten Dialoge des Films benötigt man wahrscheinlich kaum mehr als zwei großzügig bedruckte DIN-A4-Seiten, die Figuren bewegen sich wie in Zeitlupe oder auch wie in Trance durch die symmetrisch komponierten und expressiv ausgeleuchteten Bilder (wenn sie sich überhaupt bewegen), der hypnotisch-dräuende Score von Cliff Martinez verleiht allem eine extrem albtraumhafte Qualität, die durch die elliptische, von Vorahnungen, Rückblenden und Gedankenbildern geprägte Erzählstruktur noch unterstützt wird. Man fühlt sich teilweise in ein modernes Theaterstück versetzt: Begünstigt wird dieser Eindruck durch den bühnenhaften Bildaufbau, der das Geschehen vor dem Zuschauer wie in einem Guckkasten entfaltet, und das wenig subtile, vielmehr breit ausgestellte Spiel der Akteure mit ihren archetypischen, nur flüchtig skizzierten Rollen. Sympathiefiguren gibt es eigentlich gar nicht mehr: Alle Protagonisten sind Psychopathen, psychisch zerrüttet, unfähig ihrem Leben einen Sinn zu geben. Julian sitzt über weite Strecken des Films wort- und reglos in einem Stripclub, wo er ein Mädchen dafür bezahlt, vor ihm zu masturbieren. Die Demütigungen und Beleidigungen seiner Mutter lässt er ohne Widerspruch über sich ergehen, im Kampf gegen Chang agiert er erst mit äußerster Badass-Coolness, nur um von diesem dann hoffnungslos verdroschen zu werden. Und der Cop, ein ausdruckloser Racheengel geht mit unerbittlicher Härte gegen das Verbrechen vor, nur um anschließend vor seinen Männern Karaokeschlager zu intonieren. Von Anfang an bewegt sich ONLY GOD FORGIVES auf sein unausweichliches, vorhersehbares Ende zu: Nur Gott vergibt, für keinen der Charaktere gibt es irgendeine Hoffnung auf dieser Welt und das in grellen Neonfarben flackernde Bangkok ist die Hölle auf Erden, die alles vertilgt.

Formal ist ONLY GOD FORGIVES ein reiches Erlebnis, das die Sinne verführt und eine einzigartige Stimmung entwirft. Der ganze Film wirkt wie die auf 90 Minuten gestreckte Hammerszene aus DRIVE mit ihrem hochstiliserten Bildaufbau, dem frappierenden Kontrast zwischen dem Was und dem Wie, dem Aufeinanderprallen inneren Tumults und äußerster Ruhe der Darstellung. Das fasziniert auch hier wieder, lädt dazu ein, an der Oberfläche der Bilder zu Kratzen, zu begreifen, was sich hinter ihnen verbirgt. So wie man in DRIVE eben wissen wollte, welcher Mensch hinter der ruhigen Fassade des Drivers steckte. Genau hier fangen jedoch die Probleme mit ONLY GOD FORGIVES an, der erschreckend wenig zu erzählen weiß. Das bedeutungsschwere Schweigen wirkt hier eben nicht mehr geheimnisvoll und einladend, nicht wie der Schutzmechanismus eines Verwundeten, der sich vor Fragen abschotten will, weil die Antworten zu grausam sind. Es ist einfach nur Schweigen. Goslings Julian ist kein charismatischer Außenseiter, dessen Wortkargheit mehr sagt als ausufernde Erklärungen, sondern einfach nur ein Feigling, ein Drückeberger. Er spricht nicht, weil er nichts zu sagen hat. Und irgendwie trifft das auch auf seinen Regisseur zu, der bei der kunstvollen Gestaltung seines Films, beim Kreieren dieser unnachahmlichen Atmosphäre irgendwann vergessen hat, was er eigentlich erzählen wollte. Ein Rachefilm muss gewiss keine großen dichterischen Volten schlagen, aber er sollte doch irgendwie über einen moralischen Standpunkt verfügen, ganz gleich, wie der nun genau aussieht. Ich weiß einfach nicht, was Refn mir mit ONLY GOD FORGIVES erzählen will. Alles, was ich aus dem Film herausziehe, finde ich erschreckend banal. Und das beeinträchtigt dann eben auch die Begeisterung für die formale Gestaltung, weil sie eben in keinerlei Verhältnis zum kargen Inhalt steht.

Ich hatte fast schon erwartet, dass mich ONLY GOD FORGIVES enttäuschen würde und konnte mich gestern noch nicht einmal wirklich darüber ärgern. Vieles, was mir bei der Betrachtung rätselhaft erschien, habe ich auch eben erst verstanden, nachdem ich Verns Review gelesen habe. Vielleicht wäre es am besten, ein abschließendes Urteil auf eine Zweitsichtung zu vertagen. Auch wenn ich befürchte, dass sich an meiner grundsätzlichen Haltung zum Film nichts Wesentliches ändern wird, lässt mich der Film noch nicht ganz los. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nur sagen, dass ONLY GOD FORGIVES sicherlich sehenswert, aber leider auch sehr unbefriedigend ist. Und dass Refn doch nicht unfehlbar ist, was man ja durchaus auch als beruhigend empfinden kann.

Advertisements
Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Stimmt, der Film ist schwach. Trotzdem finde ich Winding-Refn selbst im Scheitern noch
    spannender als den mittlerweile zum geistlosen Crowdpleaser verkommenen Tarantino.
    Gegen dessen Fanboy Fellatio, wirkt Refn´s Risikobereitschaft geradezu beruhigend.
    Trotzdem sollte sich der gute Mann beim nächsten Mal wieder etwas mehr reinhängen.

    • Oliver sagt:

      Den Crowdpleaser-Kommentar zu Tarantino kann ich schon deshalb nicht bestätigen, weil mich sowohl DEATH PROOF wie auch INGLOURIOUS BASTERDS bei Erstsichtung total abgetörnt und genervt haben (DJANGO UNCHAINED habe ich immer noch nicht gesehen). Man kann QTs Filme wahrscheinlich aus den unterschiedlichsten Gründen ablehnen und kritisieren, aber ich finde nicht, dass er es dem Publikum leicht machen oder sich ihm andienen würde. Seine Filme sind doch kontinuierlich komplexer und schwieriger geworden. Wenn es ihm ums Crowdpleasing ginge, würde er seine Figuren noch heute in ausufernder Selbstverliebtheit über Big Macs und „Like a Virgin“ schwadronieren lassen – und damit wahrscheinlich sogar (mehr) Erfolg haben. Dass er ein anderes Kino macht – vielleicht ein massentauglicheres – als Refn würde ich nicht bestreiten wollen. Aber mir drängen sich eigentlich nur wenige Parallelen zwischen beiden auf, weiß also nicht so recht, was der Abwärtsvergleich für die Refn-Betrachtung bringen soll.

      Außerdem „hasse“ ich OGF ja auch nicht, er ist nicht das Böse und mir definitiv lieber als manch unentschuldbarer Schrott, aber das ist eben nicht der Maßstab, an dem ich Refn messe. Gemessen an dem, was er bisher gemacht hat, ist OGF – zumindest vorerst, bis ich meine Meinung evtl. geändert habe – ein Knallbonbon, das wenig enthält außer flirrendes Konfetti. Das Konfetti sieht hübsch aus, wie es da beinahe schwerelos bunt glitzernd zu Boden sinkt, aber man sieht sich schnell daran satt.

      • Ghijath Naddaf sagt:

        Dann solltest du dir vielleicht mal Django Unchained anschauen.
        Eine amerikanische Kritikerin, deren Namen ich leider vergessen habe meinte wörtlich:
        Sie „hasst den Film mit der Intensität von tausend Sonnen“.
        Schade, darauf hätte ich gerne das Copyright.
        Tarantino dreht seit Jahren eine politisch korrekte, öde Rache Fantasie nach der anderen.
        Wie man tasächlich IB höher bewerten kann als Pulp Fiction oder Reservoir Dogs, ist mir ein
        Rätsel.
        Tatsache ist das Tarantinos arroganter Kommentar zu Drive und vor allem seine unsäglich
        blöden Äusserrungen zu John Ford diesen Typ für mich unerträglich gemacht haben.
        Und seit „Django Unchained“ bricht meine Abneigung einfach immer mal wieder, ohne besonderen Grund durch.
        Und was „Only God forgives“ angeht, da bin ich mit dir einer Meinung.

        P.S.
        Du findest tatsächlich Tarantinos Filme sind „komplexer“ geworden ?

      • Oliver sagt:

        Ja. Ich fand, dass IB nach JACKIE BROWN sein reifester Film war, einer, bei dem es meiner Meinung nach nicht mehr nur um vordergründig „coole“ Ideen ging. Ich fand den Film ausgesprochen menschlich und warmherzig – ziemlich bemerkenswert dafür, dass er laut weitgehend einhelliger Meinung in einem reinen Zitate-Universum spielt. Politisch korrekt finde ich seine Filme auch nicht; von den Leuten, die ich mit diesem Stempel versehen würde, trennen Tarantino Welten.

        Er ist bestimmt nicht mein Lieblingsregisseur und eine zeitlang (nach DEATH PROOF, dem ich irgendwann mal eine zweite Chance geben werde) habe ich ihn inbrünstigs gehasst. Aber das, was du Refn zubilligst, würde ich auch über ihn sagen und als seinen „Mindestwert“ ins Rennen werfen: Man kann sich über seine Filme wunderbar streiten.

        Seine persönlichen Lautäußerungen interessieren mich übrigens genauso wenig wie die anderer Regisseure, sowas blende ich in der Regel komplett aus.

  2. Monnezza sagt:

    Die Erstsichtung liess mich mit dem exakt selben Gefühl zurück wie du es beschreibst. Der Gedanke liess mich nicht los, dass mehr hinter der Oberfläche stecken muss. Der Film gewinnt tatsächlich bei wiederholter Sichtung. Sehr hilfreich bei der Aufschlüsselung waren mir die Beobachtungen von Chris Stuckmann: http://www.youtube.com/watch?v=nOPZURubLyU

    Übrigens an dieser Stelle einmal meinen Dank und Respekt, lieber Oliver, sowohl für die Auswahl der von dir rezensierten Filme als auch für die meist ausgesprochen gelungenen Texte und tieferen Einsichten zu so manchem Werk. Du hast dich zu meinem Lieblingsrezensenten geschrieben und ich hoffe auf zahlreiche weitere Besprechungen.

    • Oliver sagt:

      Sollte ich OGF noch einmal schaue und zu einem anderen Ergebnis kommen, werde ich das hier selbstverständlich entsprechend festhalten.

      Danke auch für die netten Worte. Wie ich dieser Tage an anderer Stelle schon sagte: Ich habe nicht vor, meine Blogtätigkeit oder das Filmegucken zu beenden. 🙂

  3. zorafeldman sagt:

    nach Verns review will ich den film wieder ein bisschen mehr mögen…
    mir hat einfach dieser somatische effekt gefehlt, den die Refn filme sonst auf mich hatten – Fear X war für mich in der hinsicht auch nicht so stark, aber wenn ich daran denke, wie Valhalla Rising mich so durch meinen bauch und mein herz am rückgrat gepackt hat, hat OGF schlicht nicht so viel wucht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.