Archiv für Dezember, 2013

Lord Curtain (Wilhelm Vorwerg) wird erschossen in seinem Zimmer aufgefunden, außerdem eine Nachricht des mysteriösen „Hexers“ (René Deltgen), der der Polizei vor Jahren entkommen konnte. Doch der Hexer kann es nicht gewesen sein, weilt er doch in Australien. Als ihm zu Ohren kommt, dass er in einem Mordfall gesucht wird, reist er mit seinem Butler Archibald Finch (Eddi Arent) und seiner Gattin Cora (Margot Trooger) nach London, um den Verbrecher seinerseits zu stellen. Das gefällt Inspector Wesby (Heinz Drache) überhaupt nicht, zumal es jemand auf die gesamte Familie der Curtains abgesehen zu haben scheint …

Alfred Vohrer knüpft mit NEUES VOM HEXER an den überaus erfolgreichen Vorgänger nahtlos an: Sein Sequel zeichnet sich durch eine humorvolle, selbstironische Haltung zum 1965 bereits zum Klischee geronnenen Wallace-Stil aus, bietet eine verdrehte Murder Mystery im mondänen britischen Sujet mit zahlreichen Verdächtigen, Opfern und den gewohnten Beigaben: Drache gibt den gewitzten, trockenen Wesby, Arent den stets etwas pikierten Butler, Kinski scheint die Verachtung für den Trivialstoff als Benzin für seine Darbietung als dubioser Hausdiener (mit Dreitagebart) zu nutzen, Siegfried Schürenberg ist wieder als onkeliger Scotland-Yard-Chef Sir John mit von der Partie und Barbara Rütting ist das erotische, aber keinesfalls hilflose Beiwerk.

Der Hexer bietet mit seinen Verwandlungskünsten einige Gelegenheit, die üblichen Verwirrtaktiken der Wallace-Filme durch den Einsatz von Maskerade auf die absurde Spitze zu treiben, eine Szene in einem Stall (?), in dem mehrere Zirkus- oder Zootiere gehalten werden, stellt wohl den Gipfel wilder Einfälle der bisherigen Serie dar: Der hilflose einarmige Junge, der mit den Tigern zusammen eingesperrt wird, bezähmt die Wildkatzen und reitet schließlich sogar auf einer! Das Ganze wird nicht etwa mit Tricks realisiert, die Interaktion zwischem dem Jungen und den Raubtieren ist echt – und wird von Vohrer im vollen Wissen um das Spektakel festgehalten. Ansonsten ist NEUES VOM HEXER angenehm unaufgeregt und damit ganz das Gegenteil des selbstbewussten Vorgängers. Ich habe eine Weile gebraucht, um herauszufinden, warum mir dieses Sequel ausgezeichnet gefiel, während ich DER HEXER zwar nicht schlecht, aber doch etwas anstrengend und langweilig in seiner Großmannssucht fand: Es ist die Abwesenheit Fuchsbergers, die diesen Film zum Gewinner macht. Versuchte man den attraktiven Schauspieler in DER HEXER noch als deutsche Antwort auf James Bond zu etablieren, schielte man mit diversen Modernisierungsversuchen auf das Publikum der Superagentenfilme und verlor darüber etwas die eigene Linie, konzentriert sich Vohrer mit der Fortsetzung wieder ganz auf das, was die Wallace-Reihe erst zum Erfolg machte: diesen etwas angestaubten, behäbigen Charme, der dem entspricht, was der Deutsche wohl als „typisch britisch“ empfindet, das Zusammenspiel liebgewonnener und bekannter Charaktere und ein paar makabre Einlagen.

Es sind dann auch die kleinen, liebe- und wirkungsvollen Details, mehr als große konzeptionelle Würfe und Neuerungen, die NEUES VOM HEXER zu einem der besten Wallace-Filme machen: Allein die Dialoge und das Zusammenspiel von Drache, Arent, Schürenberg und Kinski sind das Eintrittsgeld wert, so subtil, spritzig und echt, dass man den Kriminalfall, der da irgendwo auch noch gelöst werden muss, beinahe vergisst. Und Brigitte Horney, die dem Ringelpiez der vier Würde und Contenance entgegenhält, erweist sich als kongeniale Ergänzung. Ich möchte hier aber noch einmal eine Lanze für Siegfried Schürenberg brechen, der sich im Laufe der Jahre von der sympathischen Randfigur zum unverzichtbaren Bestandteil der Reihe gemausert hat. Sein Sir John ist ein so wunderbarer Charakter voller kleiner lebendiger Details, dass sofort die Sonne aufgeht, sobald er die Szenerie betritt. In ihm verbindet sich auf kongeniale Weise all das, was die Wallace-Filme insgesamt so liebenswert macht. Da ist auf der einen Seite diese britische Haltung; stets würde- und weihevoll sowie hochzivilisiert wird da unter der Wahrung der gesellschaftlichen Etikette noch jeder bloße Gedanke an ein lasterhaftes Treiben rundheraus für unmöglich erklärt, die moralische Überlegenheit des Vernunftmenschen voll vornehmer Zurückhaltung gefeiert, während gleichzeitig das Triebhafte, Unkontrollierte als kleiner Fehlerteufel unter der Fassade lauert. So wird auch der distinuierte, „britische“ Tonfall Sir Johns immer wieder von kurzen Ausreißern in den Jargon deutscher Eckkneipen durchbrochen, wenn nach dem verführerischen Augenaufschlag einer Schönen das Menschliche, Allzumenschliche aus ihm hervorbricht. Dann blitzt es in den Augen des sonst so um Seriosität und Ernsthaftigkeit bemühten Mannes schalkhaft auf, bis das Über-Ich wieder einsetzt, zur Mäßigung mahnt, und Sir John den beinahe erfolgten Sündenfall mit einem erleichterten Seufzen quittiert. Es ist wahrlich ein Vollzeitjob, das Empire zu verteidigen.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (18. Wallace-Film), Klaus Kinski (11.), Siegfried Schürenberg (8.), Heinz Drache (5.) Wilhelm Vorwerg (4.), Margot Trooger, Kurt Waitzmann, Albert Bessler (3.), Barbara Rütting, Karl John, Heinz Spitzner, René Deltgen, Michael Chevalier (2.), Brigitte Horney, Hubert von Meyerinck (1.). Regie: Alfred Vohrer (7.), Will Tremper (1.) Drehbuch: Herbert Reinecker (2.), Musik: Peter Thomas (11.), Kamera: Karl Löb (8.), Schnitt: Jutta Hering (4.), Produktion: Horst Wendlandt (16.), Fritz Klotsch (2.).
Schauplatz: London, das Haus von Lord Curtain, diverse Apartements. Berlin, Pfaueninsel.
Titel: Benennt den Film als Sequel, bezieht sich auf die Rückkehr der Titelfigur.
Protagonisten: Inspector James W. Wesby.
Schurke: Ein Mann, der die Familie von Lord Curtain auslöschen will.
Gewalt: Diverse Erschießungen.
Selbstreflexion: Begrüßung zu Beginn, der Titelheld liest den Roman „Neues vom Hexer“, Heinz Drache wendet sich am Schluss ans Publikum und kündigt den nächsten Wallace für das kommende Jahr an, Alfred Vohrer absolviert einen Cameo, Arents Dialogzeile „Jezt hält der sich auch schon für James Bond“ ist wahrscheinlich eine Anspielung auf Joachim Fuchbergers Rolle in DER HEXER.
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Dem Verbrecher Graham (Gary Raymond) wird zur Flucht aus dem Gefängnis verholfen. Dahinter steckt der Geschäftsmann Trayne (Albert Lieven), der mithilfe von Graham in den Tower einzubrechen gedenkt, um dort die Kronjuwelen zu stehlen. Wie es der Zufall so will, sieht Graham einem der Wächter des Towers, dem braven Dick (Gary Raymond), außerdem Geliebter von Traynes Sekretärin Hope (Catherine Schell), nämlich zum Verwechseln ähnlich. Bevor das Unternehmen starten kann, muss Graham seinen Doppelgänger jedoch erst studieren, wobei ihn Traynes Partnerin Dinah (Margot Trooger) begleitet. Die beiden verlieben sich und planen, sich die Beute selbst unter den Nagel zu reißen …

Film Nr. 21 der Wallace-Reihe von Rialto ist eine deutsch-britische Koproduktion, komplett in England von Hammer-Regisseur Freddie Francis (unmittelbar nach seinem THE EVIL OF FRANKENSTEIN) inszeniert und von dessen Studiokollegen Jimmy Sangster geschrieben. Ob die Koproduktion in erster Linie zustande kam, um den Tower als Drehort zu sichern, oder ob sie möglicherweise einen Expansionsversuch darstellte, kann ich auf die Schnelle leider nicht beantworten. Fakt ist, dass DAS VERRÄTERTOR nicht an den Riesenerfolg von DER HEXER anknüpfen konnte und heute ein eher vergessener Vertreter der in Deutschland immer noch überaus beliebten Reihe ist. Verständlicherweise: Aus dem doch weitestgehend homogenen Korpus von Filmen fällt Francis‘ Beitrag denkbar weit heraus und viele der Charakteristika, die der Zuschauer von einem Wallace-Film erwartete, suchte er hier vergebens. Auch wenn der Tower ein überaus stimmungsvolles (und ja auch recht spektakuläres) Setting darstellte, dürften viele den sanften Grusel- und Mysteryeinschlag vermisst haben, der die Filme von Anfang an auszeichnete. Zwar gab es auch zuvor schon reine Krimis und Gangsterfilme innerhalb der Reihe, doch warteten diese stets mit einer Ermittlerfigur und einem unbekannten Täter auf, den es zu enttarnen galt. DAS VERRÄTERTOR verwirft diesen Whodunit-Ansatz ganz, stellt die Schurken ins Zentrum des Geschehens und erzählt keine Murder Mystery, sondern eine lupenreine Einbruchsgeschichte, für die die Ermittlungsarbeit der Polizei nur eine untergeordnete Rolle spielt. Den Löwenanteil der Detektivarbeit übernimmt Eddi Arent in gewohnt komischer Manier als Tourist: Als deutlichstes Zugeständnis an den deutschen Zuschauer ist er in diesem Film reichlich deplatziert, seine Szenen wollen einfach nicht zum weitestgehend ernsten Rest passen. Außer ihm wirken vom bekannten Wallace-Ensemble nur Kinski – ständig auf seinen Fingern herumkauend und einmal zu komischem Effekt einem ausgestopften Pferdekopf im Maul herumfummelnd – sowie Margot Trooger mit, Albert Lieven absolviert nach DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN seinen zweiten Auftritt innerhalb der Reihe. Die Besetzung ist – nicht aus diesem Grund zwar, aber dennoch – das Hauptmanko des Films: Es fehlt ihm ein klares Zentrum, ein Protagonist, den man durch den Film begleitet, der als emotionale Projektionsfläche fungiert. Die logischen Kandidaten für diesen Part sind natürlich der in Gefahr schwebende Dick und seine nichts Böses ahnende Freundin oder aber sein Widerpart, der Verbrecher Graham, der in die fremde Haut schlüpfen soll und hinter dem mit Dinah ebenfalls eine attraktive Frau steht. Doch beide können die Protagonistenrolle nicht wirklich füllen: Dick bleibt eine Randfigur, über weite Strecken nur schemenhaft entwickelt und als Wachschnösel geradezu unsympathisch, Graham müsste erst eine Wandlung zum Guten nehmen, einen Konflikt durchlaufen und bewältigen, um für den Zuschauer als positive Identifikationsfigur zu funktionieren. Das ist nicht der Fall, im Gegenteil: Er erweist sich im weiteren Verlauf der Geschichte als abgebrühter Halunke, der seinen Part nicht nur mit äußerster Effizienz übernimmt, sondern sich sogar als noch abgezockter als seine professionellen Partner erweist. Dieser Mangel führt zuschauerseitig zu einer gewissen Distanz, die der Film nicht auflösen kann. Der emotionale Impact, der mit der Bedrohung für Dick und seine Hope verbunden ist, kommt einfach nicht zum Tragen.

Dass DAS VERRÄTERTOR dennoch ein recht schöner Wallace-Film geworden ist, liegt zu einem nicht unerheblichen Teil gerade daran, dass er sich vom Rest der Serie so weit abhebt. Er stellt zu einem Zeitpunkt, an dem die Reihe zu stagnieren scheint, eine willkommene „Erfrischung“ und einen ernsteren Alternativentwurf zum sonst dominanten schabernackigen Ton der Wallace-Filme dar. Bei Francis stehen weder irgendwelche lustigen Mätzchen noch einzelne „Stars“ im Mittelpunkt, er ist ganz allein seiner Story verpflichtet, die er dann auch mit einiger Spannung umsetzt. Die Abwesenheit Fuchsbergers oder Draches  begünstigt es gerade, eine unvoreingenommene Perspektive auf das Geschehen einzunehmen, sich von dem Film überraschen zu lassen, anstatt ihm von vornherein mit einer festgefahrenen Erwartungshaltung zu begegnen. Wenn man die Reaktionen auf den Film so liest, scheint das aber trotzdem nur den wenigsten gelungen zu sein. Die Rialto zog dann auch ihre Lehren aus dem Scheitern von DAS VERRÄTERTOR: Bis kurz vor Ende der Reihe, als man sich – ebenfalls mit nur noch mittelmäßigem kommerziellen Erfolg – nach Italien wandte, blieb DAS VERRÄTERTOR die letzte Koproduktion der Reihe und auch der letzte extreme Ausreißer aus einem immer noch zugkräftigen Konzept. Die nächste größere Modernisierung erfolgte erst zwei Jahre später, als mit DER BUCKLIGE VON SOHO der erste Farbfilm der Reihe entstand.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (17. Wallace-Film), Klaus Kinski (10.),  Albert Lieven, Margot Trooger  (2.). Regie: Freddie Francis (1.), Drehbuch: Jimmy Sangster (1.), Musik: Peter Thomas (10.), Kamera: Denys N. Coop (1.), Ray Hearne (1.), Schnitt: Oswald Hafenrichter (1.), Produktion: Horst Wendlandt (15.), Ted Lloyd (1.).
Schauplatz: Der Tower of London, Scotland Yard, diverse Wohnungen, ein Schiff.
Titel: Bezieht sich auf das Tor, das die Hauptfigur – ein vermeintlicher Verräter, tatsächlich ein Doppelgänger – bewacht und durch das der Einbruch erfolgen soll.
Protagonisten: Der Tower-Wächter Dick und seine Freundin Hope sowie sein Doppelgänger, der Kriminelle Graham.
Schurke: Der Geschäftsmann Trayne und seine Vasallen.
Gewalt: Diverse Erschießungen, am Schluss fliegt ein Schiff mit den Schurken an Bord in die Luft.
Selbstreflexion: Eddi Arent spricht am Ende des Films von einem Happy End.

Auf die Einladung des Millionärs und Erfinders Real (Rudolf Forster) reist die junge Kathleen Kent nach England. Im Winter seines Lebens hat den reichen Mann das schlechte Gewissen zur Vernunft gebracht. Er möchte der jungen Frau die Millionen zurückzahlen, die der ehemalige Casinobesitzer ihrem Vater einst durch gezielte Manipulation abgenommen, ihn so in den Ruin und schließlich den Tod getrieben hatte. Damit sind seine einstigen Mitstreiter um den gerissenen Connor (Ernst Fritz Fürbringer) aber gar nicht einverstanden und entführen Kathleen. Als größtes Problem erweist sich der Safe, den Real durch eine Vielzahl von Schutmechanismen gesichert hat, die jeden Eindringling das Leben kosten. Und wer ist eigentlich dieser Jimmy Flynn (Harald Leipnitz), der sich zwischen die Konfliktparteien schiebt?

Gottliebs zweiter Wallace-Film für die Rialto ist nach Vohrers selbstreferenziellem, humorigem DER HEXER, mit dem man über den Kanal und zur erfolgreichen James-Bond-Reihe schielte, ist sehr bodenständiger geraten. Bis auf einen kleinen Gag zu Beginn werden sämtliche Anstrengungen, die „vierte Wand“ zu durchbrechen, unterlassen, den Zuschauern wieder ein fintenreiches Krimistück voller zwielichtiger Gestalten und makabrer Morde vorgesetzt. DIE GRUFT MIT DEM RÄTSELSCHLOSS kann zwar zu keiner Sekunde an die Glanzleistungen der Serie heranreichen, wurde von Gottlieb im Autopilot äquivalent zum Malen nach Zahlen  inszeniert und leistet sich eine einzige – allerdings wirkungsvolle – neue Idee, kommt aber immerhin einigermaßen temporeich über die Runden. Die erzählerischen Schwächen, die Gottliebs DER SCHWARZE ABT zum bis dato schwächsten Film der Reihe gemacht hatten, sind hier behoben worden: Das Hin und Her zwischen Connor und Real, mit dem dubiosen Flynn und der schönen Kathleen in der Mitte ist angenehm flott, die titelgebende Gruft trägt zur Freude begeisterungsfähiger Junggebliebener auch nicht unerheblich bei, das Finale knüpft an die von Reinl mit ZIMMER 13 eingeführten Härten an und weiß auch mit seinem schönen Mühlensetting zu begeistern. Der Clou ist aber eindeutig die schon erwähnte Gruft, mit ihrer doppelt und dreifach gesicherten Eingangspforte und einem Mechanismus, der auch die ohne Hoffnung auf Befreiung Eingesperrten mit unablässigem Getröte und Flackerlicht in den Wahnsinn oder den Selbstmord treibt. Konsequenz in Vollendung. Insgesamt ein runherum akzeptabler Wallace aus dem breiten Mittelfeld der Serie.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (15. Wallace-Film), Klaus Kinski (9.), Siegfried Schürenberg (6.), Ernst Fritz Fürbringer (5.), Harry Wüstenhagen (4.), Werner Peters, Kurd Pieritz (3.), Arthur Binder, Kurt Jaggberg, Heinrich Gies, Arthur Schilsky (2.), Harald Leipnitz, Ilse Steppat, Kurt Waitzmann, Gerhard Hartig (1.). Regie: Franz Josef Gottlieb (2.), Drehbuch: Franz Josef Gottlieb (2.), Robert A. Stemmle (2.), Musik: Peter Thomas (8.), Kamera: Richard Angst (3.), Schnitt: Jutta Hering (2.), Produktion: Horst Wendlandt (13.).
Schauplatz: Das Haus Reals, eine alte Windmühle und die Victoria Station. Gedreht wurde in Berlin und London.
Titel: Bezieht sich auf das zentrale Mysterium des Films.
Protagonisten: Jimmy Flynn, ein Mann ungeklärter Herkunft, das weibliche Opfer Kathleen Kent und der ermittelnde Inspektor Angel (Harry Meyen).
Schurke: Die Bande um den schurkischen Connor, Kinski als stummer Killer im Dienste eines unbekannten Auftraggebers …
Gewalt: Tod durch Erschießung, Messerstiche, Selbstmord. Zwei Charaktere werden vom Räderwerk einer Kornmühle zermamlt, eine fällt dem Rätselschloss zum Opfer, wird gleichzeitig vergiftet, elektrisiert und zu Tode gestürzt.
Selbstreflexion: Voice-over-Begrüßung zu Beginn. Einen Mann, der im Kino eingeschlafen zu sein scheint (er ist tot), kommentiert eine Kinobesucherin mit den Worten: „Schau mal den an, der schläft sogar bei einem Krimi ein. Aber gut, es war ja auch kein Wallace.“
EDIT: DIE GRUFT MIT DEM RÄTSELSCHLOSS erschien vor DER HEXER. Mir ist die Reihenfolge der Beiträge an dieser Stelle etwas durcheinander geraten.

Die Sekretärin Gwenda Milton wird ermordet, weil sie dem Treiben ihres Chefs Maurice Messer (Jochen Brockmann) auf die Schliche gekommen ist: Zusammen mit Reverend Hopkins (Carl Lange) unterhält er einen Frauenhändlerring. Wenig erfreut ist Messer, als er von Scotland-Yard-Inspektor Higgins (Joachim Fuchsberger) erfährt, dass es sich bei der Toten um die Schwester des sogenannten „Hexers“ handelt, der einst auf eigenen Faust in der Londoner Unterwelt aufräumte und dem die Flucht gelang, bevor er geschnappt werden konnte. Als Cora Ann Milton (Margot Trooger), die Gattin des Hexers, in London eintrifft, verdichten sich die Zeichen, dass der Hexer den Mord an seiner Schwester rächen will. Weil nur der bereits pensionierte Inspektor Warren (Siegfried Lowitz) den Vigilanten je zu Gesicht bekam, wird er reaktiviert, um Higgins zu helfen. Ein erster Verdächtiger ist der Australier Wesby (Heinz Drache), der sich als Krimischriftsteller auf Recherchetour ausgibt …

Mit DER HEXER, nominell vielleicht der bekannteste Wallace-Titel, scheint die Reihe auf dem Höhepunkt ihrer kommerziellen Kraft angelangt (ein Jahr später sollte DER UNHEIMLICH MÖNCH noch einmal ähnlich hohe Zuschauerzahlen vorweisen, doch davon abgesehen geht es ab diesem Zeitpunkt stetig  bergab). Er trägt dann auch alle Zeichen des selbstbewusst inszenierten Spektakels, des Aushängeschilds einer Reihe, die zu diesem Zeitpunkt über eine voll etablierte Form und Ästhetik verfügt, die zu einer Marke geworden ist, mit der die Menschen ein ganz bestimmtes Versprechen verbinden. Voller kleiner Gimmicks und selbstreflexiver Scherze, kann DER HEXER es zu keiner Sekunde verleugnen, sich seiner diesbezüglichen „Verantwortung“ vollkommen bewusst zu sein. Was sich in DAS INDISCHE TUCH noch auf einen in seiner Wirkung zwar gewaltigen, aber gemessen an der Gesamtspielzeit nur kleinen Scherz am Ende beschränkte, das zieht sich hier durch den ganzen Film. Die Plottwists, falschen Fährten und ornamentalen Details, die die Serie bisher auszeichneten, mögen selbstzweckhaft gewesen sein, aber es waren vor allem erzählerische Elemente. In DER HEXER wird alles zur Form: Als sei er mithilfe einer Checklist und dem Bedürfnis komponiert, auf alles noch eins draufzusetzen. Denn es reicht nicht mehr, die Erwartungen zu erfüllen, sie wollen übertroffen werden. Vohrer sieht den Weg dahin in einem „Mehr ist Mehr“: Das wird schon klar, wenn die bisherigen Stars der Reihe (Fuchsberger, Drache, Lowitz) zum ersten Mal im Verbund auftreten – quasi als die Expendables des Wallace-Films – und geht einher mit einer wahren Anhäufung von Verdächtigen. Wenn der Film kurz vor der Auflösung, einem ziemlich frechen Cliffhanger auf dem Weg zum Sequel, von einer Schrifteinblendung unterbrochen wird, die in bester William-Castle-Manier fragt, ob der Zuschauer die Identität des Hexers schon erraten habe, kann er dies angesichts der unübersichtlichen Fakten- und Verdachtslage mit der größten Sicherheit tun. Die perfekt geschmierte Entertainment-Maschine ist in den vorangegangenen 90 Minuten schließlich auf Hochtpuren gelaufen. Die Anlage von DER HEXER als großes Kinoereignis spiegelt sich auch darin wider, dass man eifrig bei den erfolgreichen James-Bond-Filmen notiert hat, die wahrscheinlich das damalige Nonplusultra in Sachen serieller Spitzenunterhaltung darstellen: Da kommt ein kleiner Indoor-Hafen samt Mini-U-Boot zum Einsatz, der auch jedem Bond-Schurken gut zu Gesicht gestanden hätte, darf sich Inspektor Higgins mehrfach dekorativ mit seiner attraktiven Gespielin Elise (Sophie Hardy) verlustieren, während Sir John die kaum weniger zauberhafte Sekretärin Jean (Anneli Sauli) zur Seite gestellt wird, die den jungen Inspektor anhimmelt wie anderswo Ms. Monepenny ihren 007.

Vohrer ist wahrscheinlich der richtige Mann für die mit DER HEXER überdeutlich vernehmbaren neuen Ansprüche, inszeniert den Film mit dem ihm eigenen Witz und Drive, steckt die Kamera auch schon einmal in ein Telefon, um von unten durch die Wählscheibe filmen und so mit ungewöhnlichen Perspektiven überraschen zu können. Aber die „Unschuld“, mit der die Wallace-Filme bis zu diesem Zeitpunkt aufwarteten, ist weitestgehend dahin: Dem zahlenden Kunden wird nicht länger einfach ein sauberer Unterhaltungsfim serviert, er wird geradezu hofiert und immer wieder direkt angesprochen. Natürlich waren auch die vorangegangenen Serienbeiträge „Produkte“, aber DER HEXER macht aus seinem kaufmännischen Interesse gar keinen Hehl mehr. Wo der Zynismus in dieser Form Einzug hält, da ist für ihn an anderer Stelle kein Platz mehr: Es lässt sich nur spekulieren, aber ein Frauenhändlerring wäre in früheren Filmen sicherlich für die ein oder andere Geschmacklosigkeit ausgeschlachtet worden, hier wird er einmal erwähnt und dann beinahe verschämt umgangen. Schade, denn ein bisschen gothischer Pomp, den in Verliese gesperrte, verzweifelte Frauen gleich säckeweise mit sich bringen, hätte dem Film bestimmt nicht geschadet. Die aufgeregte Suche nach dem Hexer, die fast schon unfreiwillig komische Häufung von konstruierten Verdachtsmomenten – unterhaltsam zwar, aber auch irgendwie leer –, kann diesen Mangel nur bedingt aufwiegen. So bleibt der Eindruck eines zwar beschwingten, kompetent gemachten Crowd Pleasers, dem aber die Seele fehlt.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (16. Wallace-Film), Joachim Fuchsberger (9.), Siegfried Schürenberg (7.), Heinz Drache (4.), Siegfrid Lowitz, Joachim Wolff (3.) Kurt Waitzmann, Carl Lange, Jochen Brockmann, Anneli Sauli, Wilhelm Vorwerg (2.), Sophie Hardy, Margot Trooger, Karl John, Hilde Sessak, René Deltgen, Tilo von Berlepsch (1.). Regie: Alfred Vohrer (6.), Drehbuch: Herbert Reinecker (1.), Harald G. Petersson (5.), Musik: Peter Thomas (9.), Kamera: Karl Löb (7.), Schnitt: Jutta Hering (3.), Produktion: Horst Wendlandt (14.), Fritz Klotsch (1.).
Schauplatz: London. Gedreht wurde in Berlin (Zitadelle Spandau, Hotel Esplanade) und London.
Titel: Der Deckname eines gesuchten Londoner Vigilanten.
Protagonisten: Inspektor Higgins, Inspektor Warren und der Krimischriftsteller Wesby.
Schurke: Ein Ring von Frauenhändlern und der Selbstjustiz übende „Hexer“.
Gewalt: Eine Strangulation, Tod durch Erschießen, Erstechen und Aufspießen, Autounfall, Dynamit.
Selbstreflexion: Der Film eröffnet mit der obligatorischen Bergüßung, die Titelmusik wird von Stimmen begleitet, die „der Hexer“ zischen, oder auch vom Tarzanschrei unterbrochen. Inspektor Higgins erwähnt einmal, dass sein Vorname „Bryan Edgar“ lautet (so hieß Edgar Wallace‘ Sohn), es gibt einen Seitenhieb auf das Fernsehen und kurz vor der Auflösung wird der Film kurz durch eine Schrifteinblendung unterbrochen, die fragt: „Wissen Sie schon, wer der Hexer ist?“

Der Politiker Sir Marney (Walter Rilla) erhält Besuch von dem Zugräuber Joe Legge (Richard Häussler): Den Mann, der ihm vor 20 Jahren bereits einmal geholfen hatte, erpresst er, ihn bei seinem neuesten Coup erneut zu unterstützen. Sollte er sich weigern, drohe seine Tochter Denise (Karin Dor) Böses. Marney schaltet den Detektiv Johnny Gray (Joachim Fuchsberger) ein, um die Tochter zu beschützen und herauszufinden, was Legge plant. Die Spuren führen zur Highlow-Bar von Igle (Hans Clarin), wo nicht nur Legge mit seinen Männern ein und aus geht, sondern auch ein unbekannter Rasiermessermörder plötzlich zuschlägt …

Reinls vierter (und vorletzter) Beitrag zur Wallace-Reihe mutet wie eine nostalgische Rückbesinnung auf die Anfänge der Erfolgsserie an: ZIMMER 13 erzählt eine sehr weltliche Gangstergeschichte, die weitestgehend ohne schaurige Beigaben auskommt. Die Geschichte um den Rasiermessermörder hat mit dem restlichen Fall eigentlich nur am Rande zu tun, drängt sich aber bald ins Zentrum des Films. Reinl bricht die betuliche Krimiatmosphäre durch einige erstaunlich heftige Gewaltszenen auf, die in der Reihe bislang beispiellos sind: einmal spritzt eine Prä-Splatter-Blutfontäne durch den Raum, ein armer Tropf wird von den Ganoven brutal zusammengeschlagen, seine Schreie dringen dabei sekundenlang aus dem Off. Im Finale leisten sich die Polizei und Legges Bande ein Feuergefecht mit hohem Aderlass, und einen – trotz Vorankündigung – erstaunlich effektiven Schockeffekt beschert Reinl dem Zuschauer zum Schluss, wenn das Serienmaskottchen Eddi Arent mit einer Maschinenpistole erschossen wird. Natürlich hatte dieser sich mit einer kugelsicheren Weste geschützt, dennoch sitzt der Schock, fühlt man sich für Sekundebruchteile aus seiner gemütlich-bequemen Rezeptionshaltung aufgeschreckt. Man merkt schon: ZIMMER 13 ist einer der bleihaltigeren Filme der Reihe, wirkt neben den gimmicklastigen Wallace-Filmen stärker aufs Wesentliche reduziert, aber auch ein bisschen altmodisch mit seinem Duell der beiden Gentleman-Veteranen Rilla und Häussler und dem Zugraub. Eine Ausnahme bilden die ersten leichten Anleihen bei der ungefähr zur gleichen Zeit Furore machenden Bond-Reihe: Schon die erste Szene mit Fuchsberger zeigt den Leading Man mit einer schönen Blonden im Bett, auch im Folgenden wird er immer mehr als weltmännischer Charmeur präsentiert. Was hier noch zaghaft ist, schlägt schon im folgenden Film, Vohrers DER HEXER, voll durch: Dann wird Scotland-Yard-Chef Sir John (Siegfried Schürenberg) eine an Miss Monepenny erinnernde Sekretärin erhalten, Fuchsberger noch mehr als Playboy inszeniert werden und Eddi Arent den Westentaschen-Q geben. In ZIMMER 13 ist es, wie gesagt, noch nicht so weit. Selbstreflexive Späße sind hier nahezu undenkbar. Der nominell nicht so bekannte Beitrag Reinls gehört zu einem im öffentlichen Bewusstsein eher unterrepräsentierten Nebenstrang der Wallace-Filme: geradlinige Krimis ohne Schnickschnack, mit Gangstern, Hinterzimmern und Maschinenpistolen statt Gespenstern, Giftschlangen und Spukschlössern. Keine Granate, aber eine schöne Abwechslung vor dem nächsten Vohrer.

Personal: Eddie Arent (14. Wallace-Film), Joachim Fuchsberger (8.), Siegfried Schürenberg (5.), Karin Dor (4.), Richard Häussler (3.), Walter Rilla, Hans Clarin, Eberhard Junkersdorf, Kurd Pieritz (2.), Bruno W. Pantel, Erik Radolf, Arthur Binder (1.). Regie: Harald Reinl (4.), Drehbuch: Will Tremper (1.), Musik: Peter Thomas (7.), Kamera: Ernst W. Kalinke (2.), Schnitt: Jutta Hering (1.), Produktion: Horst Wendlandt (12.), Erwin Gitt (2.).
Schauplatz: Gedreht wurde in Dänemark und im Studio in Berlin-Spandau.
Titel: Bezieht sich auf ein Hotelzimmer in der Highlow-Bar, wo Joe Legge und seine Kumpane in einer Geheimkammer ihren Raub planen.
Protagonisten: Der Privatdetektiv Johnny Gray.
Schurke: Die Bande um den Zugräuber Joe Legge sowie der mysteriöse Rasiermessermörder.
Gewalt: Drei Rasiermessermorde, diverse Erschießungen.
Selbstreflexion: Die bekannte Begrüßung durch Edgar Wallace zu Beginn erfolgt über die Lautsprecher der Paddington Station.

ankündigung: 12. hofbauer-kongress

Veröffentlicht: Dezember 26, 2013 in Film
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Es ist wieder soweit: Vom 02. bis zum 06. Januar lädt das Hofbauer-Kommando zu seiner neuesten konspirativen Kinositzung, bei der dem vergessenen, begrabenen, totgeschwiegenen und dem Untergang geweihten Film gehuldigt wird. Obskures, Kurioses, Beschwingtes, Beschämendes, Skandalöses, Versautes und Einschmeichelndes wird gereicht, aus aller Herren Länder, aber überwiegend aus den Bereichen Sex, Erotik, Melodram und Lustspiel. Suggestiv-appetitanregende Anmach-Texte, im unnachahmlichen HK-Jargon „Aufrisse“ genannt – wobei sich die Frage, wer hier wen aufreißt, gar nicht erst stellt –, finden Interessierte hier, Lesen allerdings auf eigene Gefahr, denn so man nicht teilnehmen kann, wird man danach ein nagendes Gefühl der Lust verspüren, ein sehnsüchtiges Brennen, und das Knurren seines cineastisch unterernährten Magens hören. Trost kann ich den Verzichtern und Asketen zumindest insofern anbieten, als ich als Anwesender gelobe, jeden Film mit einem eigenen Text zu dokumentieren, um so meinen Teil dazu beizutragen, dass der Ruf dieser deutschlandweit wahrscheinlich spannendsten Kino-Veranstaltung noch in die entlegensten Ecken der Republik dringt. Be there or be square, read it or beat it! Oder so.

PS Und außerdem trifft man beim Hofbauer-Kongress natürlich ausnahmslos wunderbare Menschen! 🙂

Bildschirmfoto 2013-12-26 um 14.01.10Der Eindruck aus den ersten vier Episoden wird im weiteren Verlauf der Serie deutlich verfeinert und ausdifferenziert: DERRICK lässt zwar nach wie vor biografische Details seines Titelhelden weitestgehend vermissen – in der Folge MADEIRA betrachtet er das Foto einer Frau, die sich dann jedoch nicht als seine Gattin, sondern ein Mordopfer erweist, in der Episode PFANDHAUS ertappen wir ihn mit einer Geliebten, die sich von ihm chronisch vernachlässigt fühlt –, entwickelt jedoch in der Jagd auf die Verbrecher einen geradezu unerbittlichen, aber dennoch unterkühlten Furor. Es bereitet ihm Freude, diese feigen, mittelmäßigen Durchschnittsmenschen in die Ecke zu drängen, sie noch ein Weilchen zappeln zu lassen, bevor er sie endgültig festnagelt. Sein Haifischlächeln, das sich in sein Gesicht schleicht, wenn sich diese rückgratlosen Würmer vor ihm winden, vor Angst zittern und sich in haarsträubende Widersprüche verstricken, gleichzeitig eine trotzige Fassade der Selbstsicherheit aufrechterhalten, lässt keinen Zweifel daran, wer am Ende als Sieger hervorgehen wird. Es ist seine Mission, den Tätern die Maske vom Gesicht zu reißen, ihre Jämmerlichkeit zu entblößen und den rechtstaatlichen Frieden wiederherzustellen. Doch der Job fordert seinen Tribut: „Es ist meine Aufgabe, den Menschen alles zuzutrauen. Und es widert mich an.“, sagt er einmal, in der Episode PFANDHAUS. Inhaltlich werden die Folgen etwas variabler, drehen sich nicht mehr nur um Frauenmorde. Dennoch ist auffällig, dass die Morde stets aus einer Position der Macht heraus erfolgen, so etwa in NUR AUFREGUNGEN FÜR ROHN, in der ein junger Mann seinen alten Nachbarn erwürgt. Und mehr und mehr schleicht sich der Sleaze in die tiefenpsychologisch aufgearbeiteten Einblicke in die deutsche Mörderseele: ZEICHEN DER GEWALT ist die deutsche Appropriation italienischer Poliziottesco inklusive Stripclub-Ausflügen, der erotisch aufgeladene Tanz, den der gerissene Forster (Klaus Maria Brandauer) mit der jüngeren Geliebten seines Erpressungsopfers vor dessen Augen zu deutscher Schwermutsdico aufs Parkett legt, entblößt gewissermaßen den Unterleib der deutschen Mittelklasse.

Einige inhaltliche Elemente tauchen wiederholt auf: So erinnert Derricks Coup, den vollkommen panischen Hoffmann in HOFFMANNS HÖLLENFAHRT noch einmal mit den Umständen seinr Tat und dem Opfer zu konfrontieren, sehr an die Episode JOHANNA, in der er die Zwillingsschwester der Toten dazu brachte, deren Kleidung zu tragen und ihrem Mörder gegenüberzutreten. In dieser Strategie entbirgt sich Derricks Funktion als alttestamentarischer Racheengel am deutlichsten: Es geht nicht nur darum, Mörder festzusetzen und die Gesellschaft zu schützen, sondern stets auch darum, die Täter mit ihrer Schuld zu konfrontieren, ihre Verleugungen zu durchbrechen, ihr schlechtes Gewissen bloßzulegen. DERRICK ist eine 290-teilige Mahnfabel: Nicht nur lohnt sich Verbrechen materiell nicht, ist nicht an ein Davonkommen zu denken, weil ein Derrick die Schuld riechen kann wie ein Drogenhund, sie ist für den Durchschnittsbürger auch psycholgisch nicht zu ertragen. Die Essenz dieser frühen DERRICK-Folgen: Der Deutsche ist viel zu jämmerlich und durchschnittlich, um mit einem Mord durchzukommen. Das Geschmeiß auf der Straße mag sich für intelligent, gerissen und abgezockt halten, doch die Realität sieht ganz anders aus. Und Derrick weiß das. Weswegen es ihn schier krank macht, dass diese armseligen Gestalten es immer wieder versuchen, anstatt sich in ihr deutsches Dasein zu fügen.

TOD AM BAHNGLEIS erinnert mit seinen Einblicken in die Psyche eines Frauenmörders – es wird sogar ein Psychologe hinzugezogen – etwas an Derricks Debüt in WALDWEG. In MADEIRA spielen Derrick und sein Partner nur eine Nebenrolle, die Folge fungiert in erster Linie als Showcase für Curd Jürgens, dessen Bubach wie Raskolnikow in Dostojewskis „Schuld und Sühne“ ein beinahe wissenschaftliches Interesse bei seinen Morden an den Tag legt. ZEICHEN DER GEWALT und EIN KOFFER AUS SALZBURG weichen am stärksten vom Rest ab: Hier sind es keine einfachen Bürger, die in einem Moment der Schwäche zu Mördern werden, sondern Unterweltler, deren Gewissenlosigkeit schon eingeschliffen ist. Beide Folgen erinnern mit ihren Besprechungen im Polizeirevier, verschiedenen Beamten und Einsätzen an klassische Police Procedurals. PADDENBERG deutet etwas an, was eher subliminal in jeder Folge mitschwingt: Dass sich viele Deutsche im Krieg die Hände schmutzig gemacht haben, auch wenn sie nicht mit den Nazis unter einer Decke steckten.

Episode 005: Tod am Bahngleis (Alfred Weidenmann, Deutschland 1975)Die Münchener Polizei sieht sich den Taten eines Frauenmörders gegenüber: Alle Opfer nahmen offensichtlich den letzten Zug aus München, wurden beim Aussteigen vom Killer abgefangen, erwürgt und dann an den Gleisen abgelegt. Beim Täter handelt es sich um den Gleisarbeiter Hugo Hase (Peter Kuiper): Von seinen Kollegen (u. a. Arthur Brauss, Ulli Kinalzik, Günter Strack und Rinaldo Talamonti) wird er wegen seiner unbeholfenen Art verlacht, nachts „rächt“ er sich an den Frauen, zu denen er einfach keinen Zugang herstellen kann …
Wertung: ***/*****

Episode 006: Nur Aufregungen für Rohn (Wolfgang Becker, Deutschland 1975)
Der mittellose Student Harald Rohn (Thomas Fritsch) hat sich einen Coup ausgedacht, wie er an Geld kommen kann: Er überfällt seinen Nachbarn, den alten Herrn Seibach (Helmut Käutner), der als Geldbote für einen Supermarkt arbeitet. Dummerweise verliert er etwas am Tatort, was das Opfer auf seine Spur bringt. Als Seibach Rohn in dessen Wohnung konfrontiert und auffordert, sich zu stellen, sieht der junge Mann keine andere Möglichkeit, als Seibach umzubringen. Derrick und Klein sind von Beginn an überzeugt, dass er der Mörder ist, denn der Student hat viel zu viele Fehler gemacht. Aber es fehlt der entscheidende Beweis …
Wertung: ****/*****

Episode 007: Madeira (Theodor Grädler, Deutschland 1975)
Eine ältere Dame verschwindet spurlos, nachdem sie ihren Mietvertrag gekündigt und alle Konten aufgelöst hat, um mit einem Herrn nach Madeira auszuwandern. Bei dem Mann handelt es sich um Paul Bubach (Curd Jürgens), der Ausschau nach alleinstehenden Frauen hält, ihnen eine neues Leben auf der Atlantik-Insel schmackhaft macht und sie dann umbringt, wenn sie ihm ihre Ersparisse anvertraut haben.
Wertung: ***/*****

Episode 008: Zeichen der Gewalt (Theodor Grädler, Deutschland 1975)
Von einem anonymen Anrufer wird der Anwalt Rieger (Joachim Bißmeier) dazu aufgefordert, seinem wegen Totschlags inhaftierten Mandanten Günter Hausmann (Raimund Harmstorf) eine Schusswaffe ins Gefängnis zu bringen, man habe seine Gattin Herta (Gaby Dohm) in der Gewalt. Der Anwalt tut, wie ihm befohlen wurde, Hausmann bricht wenig später aus und erschießt dabei einen Polizeibeamten. Der Anwalt ist untröstlich und bringt sich selbst um, derweil Derrick und Klein herauszufinden versuchen, wo sich Hausmann aufhalten könnte. Die Spur führt zu seinem Nachtclub „Crazy“, wo seine Gattin Irina (Sybil Danning) die Hauptattraktion ist …
Wertung: ****/*****

Episode 009: Paddenberg (Franz Peter Wirth, Deutschland 1975)
Der sein Geld als Schrankbemaler in einem Kaufhaus arbeitende Kleinkünstler Hofer (Heinz Bennent) trifft durch Zufall Goldinger (Peter Pasetti) wieder, einen ca. 20 Jahre älteren Mann, zu dem er während der gemeinsamen Zeit im Kriegsgefangenenlager eine von Bewunderung geprägte Freundschaft entwickelt hatte. Er erfährt, dass Goldinger heute auf den Namen Paddenberg hört und erfolgreicher Geschäftsmann ist. Der Erkannte reagiert distanziert auf das Wiedersehen: Er hat ein entschiedenes Interesse daran, dass seine wahre Identität verborgen bleibt und bringt den harmlosen Hofer daher kaltblütig um. Von Derrick und Klein mit der Tatsache des Todes ihres Ehemanns konfrontiert, wittert Irene Hofer (Anaid Iplicjian) ihre Chance. Sie weiß, wer der Mörder ist und will diese Tatsache zu ihren Gunsten nutzen …
Wertung: ***/*****

Episode 010: Hoffmanns Höllenfahrt (Theodor Grädler, Deutschland 1975)
Auf der Heimfahrt begegnet der Handwerker Hoffmann (Klaus Löwitsch) der jungen, attraktiven Nachbarstochter Anneliese (Ingrid Steeger), die leicht über den Durst getrunken hat. Das Mädchen, dass er von Kindesbeinen an kennt, ist etwas anhänglich, Hoffmann weiß sich nicht zu beherrschen. Als sie ihm droht, alles ihrem Vater zu sagen, bringt er sie um und versteckt die Leiche auf einem Schrottplatz. Doch er ist nicht der Charakter, der einen Mord geschickt vertuschen kann: Von der ersten Sekunde an verstrickt er sich vor seiner Familie (u. a. Judy Winter und Pierre Franckh) in Widersprüche und verliert angesichts der Befragung durch Derrick und Klein jede Contenance …
Wertung: ****/*****

Episode 011: Pfandhaus (Dietrich Haugk, Deutschland 1975)
Gustl Karruska (Max Mairich) ist zwar ein erfolgreicher und wohlhabender Geschäftsmann, aber dennoch voller Minderwertigkeitskomplexe. Diese werden noch bestärkt, als er erfährt, dass seine gut 30 Jahre jüngere Geliebte Ursula (Doris Kunstmann) ein Verhältnis mit dem vorbestraften Forster (Klaus Maria Brandauer) hat. Zu allem entschlossen besucht er dessen Wohnung, um ihn zu erschießen. Doch seine Kugeln treffen nur dessen Freund. Anstatt zur Polizei zu gehen, wittert Forster die Gelegenheit, sich eine Scheibe vom Kuchen Karruskas abzuschneiden. Er schweigt gegenüber Derrick und Klein, nistet sich in Karruskas Haus ein und beginnt den Mann offen zu demütigen …
Wertung: ****/*****

Episode 012: Ein Koffer aus Salzburg (Alfred Weidenmann, Deutschland 1975)
Eine Putzfrau wird beim nächtlichen Reinigen eines Zuges aus Salzburg von einem Mann (Ralf Schermuly) überrascht und erschossen. Offensichtlich hatte sie ihn dabei erwischt, wie er einen Koffer aus dem Zug entwendete. Der Mann kann entkommen, die Ermittlungen führen Derrick und Klein auf die Spur einer Schmugglerbande …
Wertung: **/*****