cat people (paul schrader, usa 1982)

Veröffentlicht: Dezember 1, 2013 in Film
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Irena Gallier (Nastassja Kinski) trifft ihren Bruder Paul (Malcolm McDowell) in New Orleans wieder, nachdem die beiden als Waisen voneinander getrennt aufwuchsen. Aber irgendetwas stimmt nicht mit Paul: Eines nachts verschwindet er, ohne eine Spur zu hinterlassen. Zeitgleich macht ein ausgerissener Panther die Straßen der Stadt unsicher. Oliver Yates (John Heard), ein Angestellter des örtlichen Zoos, wird hinzugezogen, um das Tier einzufangen. Wenig später lernt er Irena kennen und verliebt sich in die mysteriöse, sinnliche junge Frau. Doch die hat ein gefährliches Geheimnis, von dem sie selbst noch nichts weiß: Sie gehört einer uralten Rasse von Katzenmenschen an, die sich nur durch Inzucht vermehren können …

1942 produzierte Val Lewton gemeinsam mit Regisseur Jacques Tourneur den Film CAT PEOPLE für die RKO: Ein – auch für die Geldgeber – auf den ersten Blick preiswert heruntergekurbelter Horrorfilm, der ein konkretes Kundenbedürfnis befriedigen sollte, auf den zweiten jedoch eine abgründige Allegorie auf Sexualität und Triebhaftigkeit, die den Rahmen eines Genrefilms weit überschritt. Weil der Hays Code damals genau regelte, was gezeigt werden durfte und was nicht, es undenkbar war, die Sexualität einer Frau offen zu verhandeln, waren Lewton und Tourneur gezwungen, ihre eigentliche Geschichte durch eine andeutungsreiche, von sprechenden Schattenspielen geprägte Bildsprache zu erzählen, die den Film auch heute noch zu einem Fest macht. Schrader hatte es 1982 bei seinem Remake deutlich leichter: Er musste nicht mehr lang um den heißen Brei herumreden, sondern konnte seine Geschichte gleich als schwül-ätherische Kreuzung aus Horror- und Sexfilm inszenierten. Und mithilfe seines Kameramanns John Bailey und Komponist Giorgio Moroder gelang es ihm außerdem den später typischen audiovisuellen Stil des noch jungen Jahrzehnts zu definieren und perfektionieren.

Schon die Title-Sequenz, in der ein surreales, beinahe biblisch anmutendes Wüstenszenario die Welt der Katzenmenschen zu David Bowies geheimnisvollem Titelsong ins Bild rückt, gibt die weitere Marschroute vor: Die Gefühlsregungen Irenas spiegeln sich in sinnlichen Bild- und Tonkompositionen wider, der ganze Film entzieht sich dem festen Zugriff, verflüchtigt sich wie Regen bei großer Hitze, auch wenn er in seinen Splatterszenen noch so materiell wird. Schraders CAT PEOPLE lässt sich dann auch nicht mehr ganz so lückenlos „übersetzen“ wie Tourneurs Original: Mit der hervorgekehrten und ins Bild gesetzten Katzenmenschen-Mythologie entfernt sich Schrader denkbar weit von unserer irdischen Realität und strebt insgesamt einen eher emotionalen, subliminalen Impact an, als eine psychologisch fundierte Abhandlung. Sexualität und deviante Praktiken – hier: Inzest – erlangen in Schraders Film eine beunruhigende Tragweite, weil sie eine Macht auf den Menschen ausüben, der er letztlich hilflos ausgeliefert ist. So sehr sich Irena auch gegen den Fluch stellen will, der sie belastet, es ist ihr nicht möglich: Vor ihrem Erbe gibt es kein Entrinnen, nur der Freitod kann sie erlösen. Das Ende ist dann auch ein echter Runterzieher, auch wenn Schrader nicht ganz konkret wird: Aber es scheint so, als habe Oliver seiner Geliebten den Wunsch, mit „Ihresgleichen“ zusammen leben zu können, verweigert und sie stattdessen in seinem Zoo eingesperrt. Die wilde Sexualität muss gebändigt werden, anders kann der Mensch mit ihr nicht umgehen.

In der letzten halben Stunde gerät CAT PEOPLE ein wenig in Schwierigkeiten, weil da irgendwie noch ein Plot abgewickelt werden muss, der Schrader zuvor eigentlich kaum interessiert hat. Aber wirklich negativ ins Gewicht fällt das nicht. Dafür ist der ganze Film einfach zu betörend und seltsam. In meinem Lieblingsmoment taucht plötzlich nach einem überraschenden Schnitt eine Frau im Bild auf, die man zuvor nicht wahrgenommen hat. Sie muss die ganze Zeit dagewesen sein, aber der Bildausschnitt hat sie nicht gezeigt. Plötzlich ist sie da und der Effekt ist ebenso faszinierend wie unangenehm. Später adaptiert Schrader die berühmte Busszene aus Tourneurs Film für den wahrscheinlich größten Schock des ganzen Fims. Auf der aktuellen Bluray-Veröffentlichung erstrahlt der Film in seiner ganzen morbid-schwülen Pracht, kann man sich den dampfenden, wabernden Bilderfluten ganz und gar hin- und ergeben und dieses seltsame, beispiellose Masterpiece irgendwo zwischen Mainstreamhorror, Designererotik und Kunstfilm endlich in seiner ganzen Schönheit genießen.

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