aus dem tagebuch einer 17jährigen (jürgen enz, deutschland 1979)

Veröffentlicht: Dezember 6, 2013 in Film
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Das Problem, vor das mich dieser Enz-Film stellt: Meine bisherige Interpretation seines Werks ist danach nur noch bedingt haltbar. AUS DEM TAGEBUCH EINER 17JÄHRIGEN ist eindeutig in unserer Welt – genauer gesagt im Hamburg der späten Siebzigerjahre – angesiedelt, inszeniert von einem Mann, der in dieser unserer Welt zu Hause ist, die Sorgen, Ängste, Wünsche und Träume seiner Protagonisten teilt oder zumindest kennt und versteht. Man hat nicht mehr den Eindruck, ein Außerirdischer habe das Treiben auf der Erde durch ein Teleskop betrachtet und versucht, sich einen Reim auf das sich ihm darbietende Schauspiel zu machen. Das Gefühl der Fremdartigkeit, das Enz mit seiner Art erzeugte, selbst banalste Vorgänge wie sehr spezielle Handlungen von größter Tragweite darzustellen, ist wie weggeblasen. Statt das Altbekannte wie etwas Fremdes, Neues zu betrachten, akzentuiert Enz in diesem Film die Alltäglichkeit des Alltäglichen. Man fühlt sich zu Hause in seinem Film. Und zum ersten Mal kann man sich die Figuren, die ihn bevölkern, auch abseits des von ihm geschaffenen Filmraums vorstellen: Sie erschöpfen sich nicht in ihrer erzählerischen Funktion, der Film stellt nur einen Ausschnitt ihres gelebten Lebens dar. Dann aber fügt sich AUS DEM TAGEBUCH EINER 17JÄHRIGEN (im Film selbst wird der Titel als YOUNG LOVE, HOT LOVE – TAGEBUCH EINER 17JÄHRIGEN angegeben) auch wieder sehr gut ein in Enz‘ bisheriges Oeuvre (sofern es mir schon bekannt ist): Sex ist ebenso aufregend wie ernüchternd, das ganze menschliche Dasein von einer graubraunen Tristesse, die aber niemandem wirklich auffallen will, die Räume, in denen Grenzen und Möglichkeiten der körperlichen Entfaltung erprobt werden, beengend und hässlich, die Liebe, der man nachjagt, eine erstrebenswerte Utopie, deren Erfüllung weniger entscheidend ist als die Tatsache, sie immer im Auge zu behalten. Am Ende hat die 17-jährige Elke zwar ihre erste große Liebe verloren, aber sie erkennt diesen Verlust als Bestandteil eines Lebens an, das notwendigerweise aus Höhe- und Tiefpunkten besteht. Mehr noch: Gerade in diesem Wechsel, in der Gewissheit, dass auf die Trauer unweigerlich die umso größere Freude folgt, zeigt sich die ganze Schönheit der Existenz. „Ich lebe!“ ruft sie zum Abschluss, der Überschwang nur von leisem Zweifel durchzogen, und der Film zeigt plötzlich nicht mehr nur die Gefühlswallungen einer Heranwachsenden, sondern er feiert das ganze Spektrum der Möglichkeiten, die sich im Leben bieten, als Wert an sich.

AUS DEM TAGEBUCH EINER 17JÄHRIGEN erzählt in sportlichen 72 Minuten (eine Hardcore-Fassung dürfte entsprechend länger gewesen sein) vom sexuellen Erwachen Elkes und deckt dabei immerhin zwei Jahre ihres Lebens ab, beginnend mit dem Tag, an dem sie zum ersten Mal masturbiert, bis zur Trennung von ihrer „ersten großen Liebe“ im Alter von 17. Der Moment des Abschieds markiert die Klammer des Films: Es ist der Moment, in dem Elke – deren durchgehender Voice-over-Kommentar identisch ist mit ihren Tagebucheinträgen – sich über das Wesen des Lebens und ihrer eigenen Identität gewahr wird, in dem sie aufhört „Kind“ zu sein. Sie ist am Ende einer Reise angekommen, die sie noch einmal Revue passieren lässt, und steht kurz vor Beginn einer neuen. Es ist eine gängige narrative Klammer, die Enz hier setzt: AUS DEM TAGEBUCH EINER 17JÄHRIGEN ist prototypisches Coming-of-Age-Kino in der pornografischen Variante. Was eine entscheidende Differenzierung ist, denn die Erfordernisses des Pornofilms wirken sich sehr deutlich auf die Narration seines Filmes aus. In kurzen Abständen folgen die Sexszenen, die nur wenig glamourös und schon gar nicht romantisch, dafür aber auf eine erschreckend realistische Art und Weise enttäuschend sind – vor allem in der „soften“ Version, die Protagonisten wie Zuschauern erigierte Schwänze, feuchte Muschis und natürlich auch Cumshots erspart. Da geraten nur auf den ersten Blick harmlose Alibi-Parties zu obszönen Leck-, Fummel- und Bumsorgien inklusive Gruppenzwang, wird der Anblick der auf grünem Sofa vor laufendem Fernseher sich abrackernden Eltern zur Masturbationsvorlage genommen, der klapprige Freund Lothar im Treppenhaus abgewichst und die Jungfräulichkeit auf dem in Ehren ergrauten Perserteppich verloren. Die Jugend verläuft völlig monothematisch und autistisch, wenn nicht selbst Hand angelegt, gevögelt oder der entsprechende Wunsch eines anderen abgelehnt wird, wird übers Masturbieren und Vögeln nachgedacht. Zwei Jahre vergehen wie im Flug, ebenso erlebnisreich wie ereignisarm. Das Streben nach körperlich-spiritueller Transzendenz wird durch diese zwanghafte Konzentration, die Enge des Enz’schen Filmraumes und die trostlosen Settings fulminant unterwandert: Hier verspürt man die Gemeinsamkeit zu seinem Frühwerk mit den geradezu besinnunglos der nächsten Muschi hinterherhechelnden Bayern. Mit dem Unterschied, dass Elke fähig zur Reflexion ist. Dass die hier gezeigte pubertäre Tristesse nur ein vorübergehender Zustand ist, suggeriert Enz mit seinem schon fast triumphalen Schlussmonolog, aber eben auch mit den Andeutungen auf das Leben außerhalb seines Films. Einmal erwähnt Elke einen langen Krankenhausaufenthalt, der im Film überhaupt nicht behandelt wird, erkundigt sich ein Freund nach ihrem Befinden. Das ist ein seltsamer Moment, weil er die thematische Eindimensionalität des Films aufbricht, erahnen lässt, dass es noch größere Sorgen als das Liebesleben gibt, in der Auslassung aber eben auch Elkes streng nach ihren Bedürfnissen ausgerichtete Wahrnehmung repräsentiert: Die Gesundheit – und in letzter Konsequenz das Sterben – spielen für sie noch eine untergeordnete Rolle, vorerst sind andere Dinge wichtig, die dem Betrachter gering scheinen, Elke aber alles sind.

Ich hatte schon zu den bisherigen Filmen von Enz – WO DER WILDBACH DURCH DAS HÖSCHEN RAUSCHT, GAUDI IN DER LEDERHOSE, NACKT UND KESS AM KÖNIGSSEE, DIE LIEBESVÖGEL und DAS LIEBESTOLLE INTERNAT – geschrieben, dass sie von meinem Blickwinkel aus betrachtet Sex-Utopien zeichnen, auch wenn sie vordergründig bizarr, schmuddelig und trist anmuten. Ich sehe darin keinen Widerspruch, im Gegenteil: Sex ist gerade deshalb so wichtig, weil er uns die Umstände, unter denen wir unser Leben fristen, erträglich macht. AUS DEM TAGEBUCH EINER 17JÄHRIGEN tut das auch: Für die graue Hässlichkeit ihrer Heimatstadt, die grotesken Wandtapeten in allen erdenklichen Braun- und Grüntönen und das scheußliche Kunsthandwerk im Wohnzimmer der Eltern hat sie keinen Blick, weil sie an nichts anderes als das sehnsuchtsvolle Glühen zwischen ihren Schenkeln denken kann. Es ist so mächtig, dass selbst der langweilige 38-jährige Pfeifenraucher Holger ihr als strahlender Prinz auf weißem Ross erscheint. Aber während die weiter oben genannten Titel wie karikaturesk überhöhte Allegorien wirkten (mit Ausnahme vielleicht von DIE LIEBESVÖGEL), da fühlt man bei diesem echte Verwandtschaft. Das selbstvergessene Gefasel Elkes mag für erwachsene Ohren fürchterlich dumm klingen, aber es scheint mir den Kern pubertären Denkens sehr genau zu treffen. Ebenso diese sportliche Haltung zum Sex, die ihre Freunde bei den gemeinsamen Parties zeigen. Wer da „Nein“ sagt, ist schlicht ein Spielverderber. Ich hätte es noch vor kurzem nicht für möglich gehalten, aber AUS DEM TAGEBUCH EINER 17JÄHRIGEN scheint mir ein durchaus frauenverständiger Film: Die Jungs sind gleichermaßen hilflos wie aggressiv-dominant – es ist kein Wunder, dass Elke auf den reifen Holger anspringt. Und wie unglaublich poetisch sind diese wiederholten Zufallsbegegnungen zwischen ihr und dem Blinden, der sie als die Enz’sche Variante Shakespeare’scher Clownfiguren durch den Film begleitet? Das ist wahre Romantik: Noch im totalen Nichts das Schöne und die Hoffnung zu finden. Enz, Architekt der Träume. Was für ein Film.

Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.

Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.

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Mit der Palme hatten sich Elkes Eltern einen Hauch Südsee-Atmosphäre in die Mietswohnung holen wollen.

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Deutsches Frühstück. Man beachte die Fußballschlagzeile, in der das heute von den Titelseiten völlig verbannte Präteritum zum Einsatz kommt.

Nichts schreit so sehr "Date" wie Bilder alter Völkerschlachten, Norwegerpullis und nicht abgelegte Mäntel.

Nichts schreit so sehr „Date“ wie preußische Reiterbilder, Norwegerpullis und nicht abgelegte Mäntel.

Deutscher Fernsehabend mit "Einer wird gewinnen".

Deutscher Fernsehabend mit „Einer wird gewinnen“.

The Incredible Holger.

The Incredible Holger vor incredible Tapete.

Ihre Sammlung antiker Zinnteller und naiver Porträts historischer Prostituierter war Elkes Mutter ganzer Stolz.

Ihre Sammlung antiker Zinnteller und Ölgemälde berühmter Hollywood-Stars war Elkes Mutter ganzer Stolz, der Blumenstrauß daneben ein Geschenk des Gatten zum 20. Hochzeitstag.

Rendezvous oder Seance?

Rendezvous oder Seance?

An den Landungsbrücken raus.

An den Landungsbrücken raus.

Auf dem Schafsfell entjungfert.

Vorsicht auf der A2 von Hannover in Richtung Dortmund. Zwischen Oelde und Beckum befinden sich Plastikteile auf der Fahrbahn.

 

 

Kommentare
  1. […] Nach einem kurzen Abstecher in die seltsame Welt des Jüren Enz mit „Aus dem Tagebuch einer 17jährigen“, widmet sich Oliver Nöding auf Remember It For Later ganz der Edgar-Wallace-Reihe, beginnend […]

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