die bande des schreckens (harald reinl, deutschland 1960)

Veröffentlicht: Dezember 9, 2013 in Film
Schlagwörter:, , , , , , ,

Als der berüchtigte Gangster Clay Shelton (Otto Colin) in einer Bank gestellt wird und einen Polizisten erschießt, wird er zum Tode verurteilt. Alle, die an Verhaftung und Bestrafung beteiligt waren, belegt er mit einem Fluch: „Die Galgenhand“, so sagt er,  werde kommen und sie alle umbringen. Der für die Verhaftung verantwortliche Chefinspektor „Wetter“ Long (Joachim Fuchsberger) kann über so viel Melodramatik nur lachen und hält seinem Spitznamen entsprechend dagegen. Doch wenig später, als Staatsanwalt, Richter und Henker ums Leben kommen und an den jeweiligen Tatorten der vermeintlich Tote Shelton gesehen wird, scheint sich der Fluch zu bewahrheiten. Bei der Öffnung des Sarges kommt statt eines Leichnams jedoch nur ein Haufen Backsteine zum Vorschein. Konnte Shelton sich der Hinrichtung entziehen oder vollstreckt jemand in seinem Namen die Todesurteile?

Rückkehrer Harald Reinl inszeniert den dritten Rialto-Wallace (zwischenzeitlich hatte die Produktionsgesellschaft Kurt-Ulrich-Film mit DER RÄCHER nachgezogen) gegenüber Jürgen Rolands DER ROTE KREIS wieder mit stärkerer Schlagseite in Richtung Pulp und Exploitation (und bringt mit Karin Dor gleich seine Ehefrau mit). Für diese Kurskorrektur stehen oberflächlich schon „Actionheld“ Joachim Fuchsberger, der anders als sein Pendant Klausjürgen Wussow deutlich mehr Körpereinsatz zeigt, und der Verzicht auf einen für die Kombinationsarbeit zuständigen alten Polizeihasen. Dabei sind sich DIE BANDE DES SCHRECKENS und DER ROTE KREIS auf Handlungsebene sehr ähnlich: Beide bieten ein großes Figureninventar auf und lassen einen Charakter nach dem anderen über die Klinge springen, während das Gesetz händeringend versucht, Licht ins mörderische Dunkel zu bringen. Hier wie da verliert der Zuschauer schnell den Überblick. So richtig viel fällt mir zu Reinls Film nicht ein: Er ist etwas temporeicher als Rolands DER ROTE KREIS, hat mit der eindrucksvollen Figur Sheltons und seinen Aufritten als Gespenst mehr Fleisch und vor allem schöne Gothic-Horror-Atmosphäre zu bieten, ist mir aber insgesamt etwas zu unvariabel gestaltet: Long klappert gemeinsam mit der schönen Nora Sanders (Karin Dor) die Bedrohten ab, erkundigt sich nach ihrem Befinden und bemerkt, dass der ein oder andere von ihnen selbst nicht gerade unverdächtig anmutet. (So hält sich Mr. Crayley (Dieter Eppler) einen Geparden und übt sich im Umgang mit Wurfdolchen, die er gar nicht schnell genug verstecken kann, als sich die Polizei ankündigt.) Während die Leichen fallen wie die Fliegen und der Kreis der Opfer kleiner und kleiner wird, stapeln sich auf der anderen Seite die Verdächtigen und erfordern Longs ganzen Scharfsinn – und des Zuschauers Verständnis dafür, dass nicht jede Drehbuchwendung wirklich nachvollziehbar ist. Durchaus schönes Entertainment mit dem gewohnten Rialto-Wallace-Charme, guten Darstellern und herrlichen Dialogen, aber direkt nach DER ROTE KREIS aufgrund der erwähnten Ähnlichkeit innerhalb der Reihe meines Erachtens auch etwas ungünstig positioniert. Dem Erfolg tat das keinen Abbruch, im Gegenteil: DIE BANDE DES SCHRECKENS übertraf die Zuschauerzahlen des Vorgängers wie auch des Konkurrenzproduktes und knüpfte nahtlos an den Erfolg von DER FROSCH MIT DER MASKE an.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:
Personal: Eddi Arent, Fritz Rasp, Ulrich Beiger und Ernst Fritz Fürbringer (3.), Joachim Fuchsberger, Karl-Georg Saebisch, Dieter Eppler, Karl-Heinz Peters, Alf Marholm und Günter Hauer (2.), Karin Dor, Elisabeth Flickenschildt und Otto Colin (1.). Regie: Harald Reinl (2.), Drehbuch: J. Joachim Bartsch und Wolfgang Schnitzler, Musik: Heinz Funk (1.), Kamera: Albert Benitz, Schnitt: Margot Jahn (3.). Produktion: Preben Philipsen (3.) und Helmut Beck (2.).
Schauplatz: London, Landhäuser und -schlösschen, Scotland Yard etc. Gedreht wurde erstmals ausschließlich in Deutschland, vor allem in Hamburg und Schleswig-Holstein.
Titel: Der Titel bezeichnet die hinter der „Galgenhand“ stehende Verbrecherorganisation.
Protagonisten: Chefinspektor Long übernimmt die Ermittlungen allein, sein einziger Vertrauter ist Sir Archibald, der wieder von Ernst Fritz Fürbringer gespielt wird. Eddie Arents obligatorischer Comic-Relief-Part ist diesmal ein nervenschwacher Tatortfotograf, der regelmäßig in Ohnmacht fällt, wenn er Leichen sieht, und viel lieber Tiere fotografieren würde. Karin Dor spielt das Love Interest für Inspektor Long und spaziert mit ihm zum Schluss Hand in Hand in eine vielleicht glückliche Zukunft.
Schurke: Zunächst Clay Shelton, später dann seine Söhne, die als „Bande des Schreckens“ sein Werk fortführen, sowie seine Gattin, die als sein „Geist“ auftritt und für Verwirrung und Angst sorgt.
Gewalt: Zahlreiche Erschießungen, Messer- und Giftmorde, Tod durch Seilschlinge, Autounfall, eine einstürzende Treppe und Abstürzen, eine Hinrichtung.
Selbstreflexion: Long stellt sich einmal als „Blacky“ vor, Eddie Arents Fotograf beklagt sich darüber, dass die Menschen keine Tierfotos mehr, sondern nur noch Gewalt sehen wollten.

Einen interessanten Spiegel-Artikel, der anlässlich der neuen Wallace-Welle und des gleichzeitigen Erfolgs von DIE BANDE DES SCHRECKENS und DER RÄCHER erschien, kann man hier lesen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s