der grüne bogenschütze (jürgen roland, deutschland 1961)

Veröffentlicht: Dezember 10, 2013 in Film
Schlagwörter:, , , , , , ,

Valerie Howett (Karin Dor) zieht gemeinsam mit ihrem Patenonkel (Hans Epskamp) in ein direkt an das gewaltige Grundstück des amerikanischen Geschäftsmannes Bellamy (Gert Fröbe) grenzendes Haus. Sie hofft nebenan ihre verschwundene Mutter Elaine (Hela Gruel) zu finden: Die war vor Jahren mit Bellamy liiert, bevor sie schließlich dessen inzwischen verstorbenen Bruder heiratete. Zur gleichen Zeit wird die Gegend um Bellamys Schloss vom „grünen Bogenschützen“ unsicher gemacht, einer historischen Figur, die zu mörderischem Leben erwacht ist und deren Pfeilen diverse Menschen zum Opfer fallen. In der ganzen Angelegenheit ermittelt Inspektor James Lamotte Featherstone (Klausjürgen Wussow) …

Ich habe DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE in meiner Kindheit zum letzten Mal gesehen und war  damals – ich kann mich nicht mehr wirklich daran erinnern – besonders angetan von der ein wenig an einen Superhelden erinnernden Figur des Bogenschützen. Doch es ist vor allem das Respekt abnötigende Spiel und die bloße körperliche Präsenz Gert Fröbes, die die gewohnt leichte Krimi- und Mystery-Kost gehörig aufwerten: Wenn der cholerische Menschenschinder in einem Monolog Einblick in seine verletzte Psyche gibt, erhält der triviale Stoff plötzlich eine vorher ungeahnte Tiefe. Da fällt es dann auch gar nicht so sehr ins Gewicht, dass der Gewaltanteil gegenüber den vorigen Filmen erheblich reduziert wurde und Eddi Arent als clownesker Reporter gleich mehrfach die „vierte Wand“, die Grenze zwischen Film und Zuschauer, durchbricht, und das Geschehen auf der Leinwand so explizit als Fiktion enttarnt. Man mag von dieser Strategie halten, was man will, ich finde, dass sie in diesem Rahmen eigentlich ganz gut funktioniert: Mehr als in einer wie auch immer gearteten Realität waren die Wallace-Filme von Anfang an in einem fiktiven Paralleluniversum, einer Hyperrealität angesiedelt, die sich aus (filmischen) Klischees, ästhetischen Manierismen und Symbolen zusammensetzt. Das gezeigte England stellte kein „Abbild“ des realen historisch-geografischen Ortes dar, sondern war stets eine deutsche England-Projektion, der Ort, an dem die Gothic-Horror- und Mystery-Fantasien der Autoren in den Augen der Zuschauer „Wahrheit“ werden konnten.

Gothic Horror ist dann auch ein gutes Stichwort: Zwar findet sich für das Wirken des geisterhaften Bogenschützen wie immer eine ganz weltlich-rationale Erklärung, dennoch ist DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE mit seinen Jahrzehnte in die Vergangenheit reichenden Motivationen und der Konzentration auf die schicksalhafte Verbindung zweier Familien dichter dran am Grusel klassischer Prägung als die vorangegangenen Krimis, deren fantastischen Elemente stets nur Blendwerk waren, zu dem Zweck gezündet, Zuschauer wie Protagonisten auf eine falsche Fährte zu locken. So gerät der Kriminalbeamte Featherstone dann auch zur Nebenfigur, während die schöne Valerie mit ihrem sehr persönlichen Anliegen in den Mittelpunkt des Zuschauerinteresses rückt. Vielleicht wäre DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE noch überzeugender, wenn er sich ganz auf sie konzentrierte, noch tiefer in die Geschichte einer dysfunktionalen Beziehung eintauchte, Fröbes Bellamy noch schärfer konturierte, die Ambivalenz seines Charakters noch stärker herausarbeitete. Aber dann wäre er natürlich kein Edgar-Wallace-Film mehr. Und ein solcher ist er in Reinkultur, mit seinen falschen Fährten, zahlreichen Verdächtigen, finsteren Gestalten, undurchsichtigen Motivationen und dem mit allen Wassern gewaschenen Ermittler, der eigentlich von Anfang an weiß, wie der Hase läuft, und lediglich aus dem Grund nicht eingreift, um uns den Spaß nicht zu verderben. Das, was ich mit der EW-Reihe assoziiere, verkörpert DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE bis zur Perfektion.

Umso erstaunter bin ich jetzt, wo ich weiß, dass Rolands zweiter und letzter vollwertiger Beitrag zur Reihe keineswegs zu den erfolgreichsten gehörte – ein weiterer Beweis, dass man von der Eigenwahrnehmung nie auf die Allgemeinheit schließen sollte: Die Zuschauerzahlen fielen nach dem durchschlagenden Kassenerfolg von DIE BANDE DES SCHRECKENS um fast 50 % und noch hinter das Niveau von DER ROTE KREIS zurück, dem zu diesem frühen Zeitpunkt am schwächsten besuchten Wallace-Film. Mit 1,7 Millionen zahlenden Zuschauern (laut Wikipedia) belegt DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE einen Platz im tristen Mittelfeld der Rialto-Wallace-Filme, wird lediglich von einigen späteren Werken des Zyklus in der Zuschauergunst noch unterboten. Um den Grund dafür herauszufinden, müsste man wohl tief in die Mentalitätsforschung des Jahres 1961 einsteigen, denn am Film kann es meiner Meinung nach nicht liegen. DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE bietet herrlich knarziges Entertainment, bringt nach den beiden eher gleichförmigen Vorgängern frischen Wind in die Reihe und rangiert in meiner Gunst bis hierhin gleich hinter DER FROSCH MIT DER MASKE.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddi Arent (4.), Karl-Heinz Peters (3.), Karin Dor und Klausjürgen Wussow (2.), Harry Wüstenhagen, Stanislav Ledinek, Hans Epskamp, Hela Gruel, Sigrid von Richthofen und Charles Palent (1.). Regie: Jürgen Roland (2.), Drehbuch: Wolfgang Schnitzler und Wolfgang Menge, Musik: Heinz Funk (2.), Kamera: Heinz Hölscher, Schnitt: Herbert Taschner (1.). Produktion: Horst Wendlandt (1.).
Schauplatz: London, Landhäuser und -schlösschen, ein großes Frachtschiff und die zwielichtige „Shanghai Bar“. Gedreht wurde erneut in Hamburg und am Schloss Ahrensburg
Titel: Der Titel bezeichnet den maskierten Unbekannten, der als Rächer durch den Film schleicht. Zum zweiten Mal nach DER ROTE KREIS kommt ein Farbbegriff vor.
Protagonisten: Inspektor James Lamotte Featherstone sowie Love Interest und Damsel in Distress Valerie Howett, geborene Bellamy. Eddie Arent ist als Journalist zu sehen.
Schurke: Der amerikanische Misanthrop und Geschäftsmann Abel Bellamy. Der grüne Bogenschütze ist zwar ein mörderischer Vigilant, aber nicht der eigentliche Bösewicht des Films.
Gewalt: Gegenüber den Vorgängern etwas abgemildert: Es gibt aber diverse Tode durch Pfeil und Bogen.
Selbstreflexion: Geht ganz auf das Konto von Eddie Arent: Er beginnt den Film, indem er sich direkt an den Zuschauer wendet und ihn begrüßt. Wenig später sagt er angesichts eines Tatortes, er kenne das alles aus der Serie STAHLNETZ und freut sich, dass das ja nun wohl doch ein spannender Film werden würde. Am Ende kommentiert er eine Explosion mit der Vermutung, da werde wohl ein „neuer Wallace“ gedreht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.