die toten augen von london (alfred vohrer, deutschland 1961)

Veröffentlicht: Dezember 11, 2013 in Film
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Von Filmen wie diesem, Alfred Vohrers Wallace-Debüt DIE TOTEN AUGEN VON LONDON, kann ich gar nicht genug bekommen. Das liegt wohl auch daran, dass es nur sehr wenigen Filmemachern gelungen ist, diese pulpig-grell-krachige Aufbereitung ursprünglich subtil angelegten Gothic Horrors hinzubekommen, die man aus Groschenheftchen und Horrorcomics kennt (und die ich vor allem mit den Europa-Gruselhörspielen aus den Achtzigern assoziiere). Gleich von Beginn an zieht Vohrer alle visuellen Register: Der Nebel wabert übers nächtliche Kopfsteinpflaster, das Wasser der Themse plätschert trüb dahin und aus dem Schatten schält sich der kahlgeschorene Quadratschädel eines Blinden, dessen milchige Pupillen ins Leere starren wie die Scheinwerfer eines fahrerlosen Autos. Mit seinen beiden narbenübersäten, gorillaartig behaarten Armen erwürgt er einen Passanten, das Gesicht zu einem hirnrissigen Grinsen verzerrt, und wirft ihn in das schwarze Gewässer. Heinz Funks dissonanter Score bürstet einem die Nackenhaare auf Hab-Acht-Stellung und rote Blutflecken besudeln das Schwarzweiß, bevor der Titel eingeblendet wird. Die Weichen sind gestellt: Vohrer schmeißt alle Whodunit-Betulichkeit, die die Vorgänger noch so gemütlich machte, gnadenlos über Bord und dreht alle Regler konsequent auf 10. Sein London ist nicht mehr der Ort der distinguierten Gentlemen und der raffinierten Gangster, keine schillernde Geschäftsmetropole, sondern in den Zeiten von Jack the Ripper stehengeblieben, voller dunkler Gassen, schattiger Winkel und verfallener Gemäuer, in denen das Unsagbare vorgeht. Man nehme nur die Szene, in der der blinde Jack (Ady Berber) und sein ebenfalls blindes Helferlein zu den Klängen von Beethovens Fünfter, die aus dem Blindenheim herunterschallt, in ihrem Kellergewölbe die Vorbereitungen zum fachmännischen Versenken einer Leiche vornehmen: Da werden Hebel umgelegt und Ventile gedreht, ein archaisch anmuternder Mechanismus in Gang gesetzt und schließlich mit roher Gewalt eine Kippe bedient, die den leblosen Körper in die Tiefe befördert. Nicht nur fühlt man sich hier an die urigen Keller-Laboratorien aus den alten Universal-Frankensteins erinnert, diese Bilder suggerieren auch ein schicksalhaftes Wirken im Untergrund, das die Vorgänge auf der Oberfläche wesentlich steuert und beeinflusst. In Vohrers Film ist es nur logisch, dass eine Bande Blinder London terrorisiert: Eine Stadt dieser Größenordnung ist ein durch und durch chaotisches Gebilde, der Glaube an eine „Ordnung“, den Scotland Yard und seine Beamten  aufrechterhalten wollen, naive Spinnerei. Da ist sie wieder, die Paranoia: Doch hier ist sie schon in das Stadium fiebrigen Wahns übergegangen, dem dann als letzte Eskalationsstufe nur noch der akute Herzanfall folgt.

Die Handlung: Scotland Yard steht ratlos vor einer Mordserie. Regelmäßig in Nebelnächten ertrinken ältere, bebrillte Herren in der Themse. Weil Inspektor Larry Holt (Joachim Fuchsberger) bei einem Toten einen Zettel in Blindenschrift findet, erinnert er sich an das einstige Treiben einer Bande namens „die toten Augen von London“ und holt sich die Krankenschwester Nora Ward (Karin Baal) zur Hilfe, die  einst in einem Blindenheim arbeitete. Weil Holt vermutet, dass es eine Verbindung des Mörders zum Blindenheim von Reverend Dearborn (Dieter Borsche) gibt und sich Hinweise erhofft, schleust er Nora als Hilfskraft dort ein. Unterdessen führen ihn seine eigenen Ermittlungen zum Versicherungsmann Judd (Wolfgang Lukschy): Der sieht sich nicht nur einem beunruhigenden Ansturm von erpresserischem Gesindel gegenüber, sondern auch dem Massensterben seiner Klienten …

Vohrer hat sichtlich Spaß an seiner Geisterbahn-Version des deutschen Expressionismus. Die Kamera muss sich nicht länger damit begnügen, das Geschehen gleichsam als neutraler Betrachter einzufangen, sondern mischt stattdessen kräftig mit: Einmal schaut sie sogar aus dem Mund eines Mannes heraus, der gerade eine Munddusche erhält, und bei einem Dialog zwischen Klaus Kinskis Edgar Strauss und einem Gauner namens „Flimmer-Fred“ (Harry Wüstenhagen) nutzt sie die Spiegelgläser von Kinskis Sonnenbrille ausgesprochen geschickt und effektvoll. Weitere Beispiele ließen sich aufzählen, aber dann fehlte mir möglicherweise der Platz, um noch einmal auf die oben schon angesprochene Szene mit Beethovens Fünfter einzugehen. Wenn die versammelten Blinden da in ihren erbarmungswürdigen Lumpenkleidern an einem langen Holztisch ihr frugales Mahl zu sich nehmen, ihre leeren Blicke ob des Auftritts einer fremden, neuen Person hilflos suchend umherschweifen lassen, ist das für sich genommen schon ein starkes Bild. Aber in DIE TOTEN AUGEN VON LONDON muss eben immer noch einer draufgesetzt werden, weshalb der ebenfalls blinde Reverend als nächstes Beethovens Sinfonie anwirft. Wie Nora Walker sich sichtlich unwohl fühlend neben dem ergriffen lauschenden Reverend auf einer bescheidenen Bank sitzt, die uralten, kalten Mauern des Blindenheims um sie herum, die in ihr allabendliches Ritual versunkenen Blinden an ihrem Tisch, und Beethovens Klänge alles erdrückend über der bizarren Szenerie, da greift die eiskalte Beklemmung auch auf den Betrachter über. Die Ausflüge in die Büros von Scotland Yard und eines dubiosen Versicherungsmannes, dessen Klienten nach Abschluss einer Lebensversicherung auf dubiose Weise ums Leben kommen, dienen zur Erholung ob solcher düsterer Szenen und gewährleisten, dass die Kluft zu den vorangegangenen Wallace-Filmen nicht allzu groß klafft. Das Herz dieses Films schlägt aber ganz woanders: Nicht bei der Polizei und ihren braven Ermittlern, sondern da, wo die von der Welt Vergessenen ihr Dasein fristen, in den kalten Londoner Nebelnächten, im Rinnstein, am schlammigen Ufer der Themse, in den Kellern, die seit Jahrzehnten niemand mehr betreten hat, bei den Krüppeln, den kleinen Ganoven, den Vagabunden und Bettlern, die in ihren Verstecken verschwinden, sobald der Tag anbricht, aber die Stadt fest in den Händen haben, wenn der Mond bleich vom Nachthimmel herableuchtet wie die glotzenden Augen des blinden Jack …

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddi Arent (5.), Joachim Fuchsberger (3.), Harry Wüstenhagen (2.), Karin Baal, Klaus Kinski, Dieter Borsche, Anneli Sauli, Ady Berber, Rudolf Fenner, Hans Paetsch, Manfred Greve, Günther Jerschke, Kurt A. Jung, Joseph Offenbach, Gertrud Prey, Werner Reinisch und Joachim Wolff (1.). Regie: Alfred Vohrer (1.), Drehbuch: Egon Eis (als Trygve Larsen) (3.), Musik: Heinz Funk (3.), Kamera: Karl Löb (1.), Schnitt: Ira Oberberg, Produktion: Horst Wendlandt (2.).
Schauplatz: London, Scotland Yard, düstere Straßen am Themseufer, ein Blindenheim, ein Casino, Keller und Mietswohnungen. Gedreht wurde in Hamburg.
Titel: „Die toten Augen von London“ bezeichnet zum einen die Bande blinder Verbrecher, die London unsicher macht, zum anderen deren Haupttäter, den blinden Jack Farrell, dessen blindes Starren der Film in den Vordergrund rückt. Außerdem der erste Film der Reihe, der im Titel Bezug auf die britische Metropole nimmt.
Protagonisten: Die Scotland-Yard-Beamten  Larry Holt und Sunny Harvey sowie die schöne Nora Ward, die wegen ihrer beruflichen Erfahrung mit Blinden zur Hilfe hinzugezogen wird – und auch anderweitig in die Mordserie involviert ist.
Schurke: Der blinde Jack und seine Bandesowie als Drahtzieher im Hintergrund der Leiter des Blindenheims Reverend Paul Dearborn und der Versicherungsmann Stephen Judd.
Gewalt: Hauptsächlich Strangulationen, aber auch Erschießungen sowie ein Absturz und eine versuchte, aber rechtzeitig vereitelte Verbrennung.
Selbstreflexion: Regisseur Alfred Vohrer tritt als Polizist auf.
Kommentare
  1. Sebastian sagt:

    Sehr schöne Beiträge! Freue mich schon auf die hoffentlich baldige Besprechung meines Lieblings-Wallace-Films (den allerdings nur wenige toll finden).

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